Sie ließ Seris Halsband los und warf ihm einen frustrierten Blick zu, doch dann sah sie hinüber zum Tor, raffte ihre Röcke und stapfte durch den Schnee zu ihm herüber, wobei sie etwas von gefrorenem Wasser murmelte.
»Sei auf alles vorbereitet«, riet er ihr und legte ihr einen Arm um die Schultern. Er redete sich dabei ein, sie müßten sich so eng aneinanderdrücken, um hindurchzupassen. Nicht, weil es ein so schönes Gefühl war. »Ich weiß nicht, was uns erwartet, aber sei vorbereitet.« Sie nickte, und er befahclass="underline" »Spring!«
Gemeinsam sprangen sie ins Graue hinein. Rand ließ das Gewebe los, mit dem er die Seanchan gefesselt hatte, damit er sich bis zum Platzen mit Saidin anfüllen konnte...
... und landeten stolpernd in seinem Schlafzimmer in Eianrod. Die Lampen flackerten, und draußen vor den Fenstern herrschte tiefe Dunkelheit.
Asmodean saß mit übergeschlagenen Beinen neben der Tür an der Wand. Er hatte keine Verbindung zur Wahren Quelle, aber Rand schleuderte ihm trotzdem eine Abschirmung entgegen, damit er auf keinen Fall Saidin erreichen konnte. Er wirbelte herum, den Arm immer noch um Aviendha gelegt, und sah, daß das Tor verschwunden war. Nein, nicht ganz! Er sah immer noch sein Gewebe und das andere, das wahrscheinlich von Asmodean stammte, aber es schien einfach nichts mehr dort zu sein. Ohne Verzögerung zerschnitt er sein Gewebe, und mit einemmal erschien das Tor wieder und verengte sich rasch. Er sah die Seanchan, sah Lady Morsa, die zusammengesackt im Sattel hing, und Jalindin, die Befehle schrie. Ein Speer mit grünen und weißen Troddeln flog im letzten Moment noch durch die Öffnung, bevor sie ganz verschwunden war. Instinktiv lenkte Rand einen Strang aus Luft, um den plötzlich im Flug zitternden und nur noch zwei Fuß langen Speer abzufangen. Der Schaft war so glatt abgeschnitten, wie es ein guter Handwerker nicht besser hätte tun können. Er schauderte und war heilfroh, daß er nicht versucht hatte, die graue Barriere zu entfernen — was es auch gewesen sein mochte —, bevor sie hindurchsprangen.
»Gut, daß keine der Sul'dam rechtzeitig wieder frei war«, sagte er und nahm den abgeschnittenen Speer in die Hand, »sonst hätte man uns Schlimmeres als den hier hinterhergeschickt.« Er beobachtete Asmodean aus den Augenwinkeln, doch der saß einfach nur da und wirkte etwas kränklich. Er konnte ja auch nicht wissen, ob ihm Rand vielleicht mit diesem Speer nun endgültig den Mund stopfen wolle. Aviendhas Schnauben war noch betonter als sonst. »Glaubst du, ich hätte sie losgelassen?« fragte sie hitzig. Sie schob seinen Arm energisch weg, aber ihr Zorn galt wohl trotzdem nicht ihm. Oder jedenfalls nicht seinem Arm. »Ich habe ihre Abschirmungen so fest abgebunden, wie ich konnte. Sie sind deine Feinde, Rand al'Thor. Selbst diejenigen, die du Damane genannt hast, sind wie treue Hunde, die lieber Euch getötet hätten, als sich befreien zu lassen. Du mußt mit deinen Feinden härter umgehen, nicht so sanftmütig.«
Sie hatte recht, dachte er sich und wog den Speer in der Hand. Er hatte Feinde zurückgelassen, denen er sich eines Tages wieder gegenübersehen konnte. Er mußte härter werden. Sonst würde er zu Staub zermalmt, bevor er noch den Shayol Ghul erreichte.
Unvermittelt begann sie, ihren Rock glattzustreichen, und sie sagte in harmlosem Plauderton: »Mir ist aufgefallen, daß du diese Morsa mit ihrem Milchgesicht gar nicht vor ihrem Schicksal bewahrt hast. Den Blicken nach, die du ihr zugeworfen hast, dachte ich, du hättest ein Auge auf diese großen Augen und den runden Busen geworfen.«
Rand blickte sie verblüfft an. Sein Erstaunen floß wie klebriger Honig über die Leere, die ihn umgab. Sie sprach so, als sage sie lediglich, daß die Suppe fertig sei. Er fragte sich, wie er wohl Morsas Busen hätte bewundern können, bei diesem dicken, pelzbesetzten Umhang. »Ich hätte sie mitbringen sollen«, sagte er. »Um sie über die Seanchan zu befragen. Ich fürchte, die werden mir noch Unannehmlichkeiten bereiten.«
Das verdächtige Glitzern in ihren Augen verschwand wieder. Sie öffnete den Mund, hielt aber inne, als er die Hand hob, und warf einen Blick zu Asmodean hinüber. Er sah beinahe all die Fragen bezüglich der Seanchan, die sich hinter ihrer Stirn auftürmten. Wie er sie kannte, würde sie nicht aufhören, ihn auszuquetschen, bis sie Dinge ausgegraben hatte, an die er selbst sich nicht mehr erinnerte. Was nicht übel wäre. Dazu aber ein andermal. Erst einmal mußte er Asmodean ein paar Antworten entlocken. Sie hatte recht. Er mußte hart werden.
»Das war schlau von dir«, sagte sie, »diese Öffnung zu verbergen, die ich machte. Falls ein Gai'schain hereinkam, hätte es sonst geschehen können, daß tausend Speerschwestern auf der Suche nach dir hindurchmarschiert wären.«
Asmodean räusperte sich. »Eine der Gai'schain kam tatsächlich hierher. Irgend jemand namens Sulin hatte ihr aufgetragen, nachzusehen, ob Ihr auch wirklich etwas eßt, mein Lord Drache, und um sie davon abzuhalten, mit ihrem Tablett hereinzuspazieren und Eure Abwesenheit zu bemerken, habe ich mir die Freiheit genommen, ihr zu sagen, daß Ihr und die junge Frau nicht gestört werden wolltet.« Ein leichtes Zucken seiner Augenlider weckte Rands Aufmerksamkeit.
»Was?«
»Ach, sie hat es so seltsam aufgenommen. Sie hat schallend gelacht und ist weggerannt. Ein paar Minuten später tauchten bestimmt zwanzig Far Dareis Mai unter dem Fenster auf, schrien herum und schlugen mit den Speeren eine gute Stunde lang oder noch länger auf ihre Schilde. Ich muß schon sagen, mein Lord Drache, einige der Anregungen, die sie heraufschrien, haben selbst mich noch überrascht.«
Rand spürte, wie seine Wangen brannten. Es war auf der anderen Seite dieser verdammten Welt geschehen, und trotzdem hatten die Töchter Wind davon bekommen! Doch Aviendha kniff nur die Augen zusammen.
»Hatte sie die gleichen Haare und Augen wie ich?« Sie wartete gar nicht auf Asmodeans Nicken. »Das muß meine Erstschwester Niella gewesen sein.« Sie las Rand die unausgesprochene Frage vom Gesicht ab und beantwortete sie, bevor er etwas sagen konnte. »Niella ist Weberin, keine Tochter des Speers. Sie wurde vor einem halben Jahr von Töchtern der Chareen während eines Überfalls auf die Sularafestung gefangengenommen. Sie hat immer versucht, mir auszureden, den Speer zu nehmen, und sie wollte schon immer, daß ich heirate. Ich werde sie zu den Chareen zurückschicken, und zwar mit einem Striemen auf dem Hinterteil für jedes Weitersagen!«
Rand packte sie am Arm, als sie aus dem Zimmer stolzieren wollte. »Ich will noch mit Natael sprechen. Ich schätze, es ist nicht mehr sehr viel Zeit bis Sonnenaufgang... «
»Vielleicht zwei Stunden«, warf Natael ein. »... also wird sowieso nicht mehr viel Schlaf bleiben. Wenn du dich trotzdem hinlegen möchtest, hättest du dann etwas dagegen, dein Bett für den Rest der Nacht woanders zu richten? Du brauchst ohnehin neue Decken.«
Sie nickte knapp und machte sich von ihm los. Dann knallte sie die Tür hinter sich zu. Sicher war sie doch nicht zornig, weil er sie aus seinem Schlafzimmer geworfen hatte? Wie könnte sie denn? Sie hatte doch gesagt, es werde nichts mehr zwischen ihnen geschehen. Jedenfalls war er froh, daß er nicht in Niellas Haut steckte.
Er wog den arg verkürzten Speer in der Hand und wandte sich schließlich Asmodean zu.
»Ein seltsames Szepter, mein Lord Drache.«
»Es muß eben dafür herhalten.« Um ihn daran zu erinnern, daß es die Seanchan immer noch gab. Diesmal wünschte er sich, er könne seine Stimme noch kälter klingen lassen als das Nichts, und mit Hilfe von Saidin gelang ihm das auch. Er mußte hart sein. »Bevor ich mich entschließe, Euch damit wie ein Lamm aufzuspießen, beantwortet mir noch eine Frage: Wieso habt Ihr mir nie etwas von diesem Kniff erzählt, etwas unsichtbar zu machen? Wenn ich nicht in der Lage gewesen wäre, die Stränge selbst zu sehen, hätte ich überhaupt nicht gewußt, daß dieses Tor noch vorhanden war.«