»Ich... habe Cerandin über die Damane und Sul'dam ausgefragt. Ich bin sicher, sie weiß mehr, als sie zugibt.« Sie schwieg, um Elayne eine Gelegenheit zu geben, Zweifel daran anzumelden, daß sie wirklich gefragt habe und nicht gefordert, um zu sagen, die Seanchan-Frau habe ihnen bereits alles gesagt, was sie wußte, und daß sie nie viel Kontakt mit Damane und Sul'dam gehabt habe. Doch Elayne hielt den Mund, und Nynaeve wurde bewußt, daß sie selbst lediglich hoffte, durch einen kleinen Streit den Augenblick der Wahrheit hinauszuzögern. »Sie regte sich wohl ziemlich auf, weil sie angeblich nicht mehr wußte, und so habe ich sie geschüttelt. Du hast sie wirklich viel zu gut behandelt. Sie hat mir den Zeigefinger unter die Nase gehalten, um mich zu mahnen!« Immer noch beobachtete Elayne sie schweigend und zuckte kaum mit einer Wimper ihrer kühlen blauen Augen. Nynaeve hatte Mühe, nicht verlegen zur Seite zu blicken, als sie fortfuhr: »Sie... hat mich irgendwie über ihre Schulter geworfen. Ich bin aufgestanden und habe sie geohrfeigt, und dann hat sie mich mit der Faust niedergeschlagen. Daher habe ich das blaue Auge.« Sie konnte genausogut nun auch den Rest erzählen, denn Elayne würde alles früh genug erfahren. Besser, sie erfuhr es von ihr. Und doch hätte sie sich lieber die Zunge abgebissen. »Das habe ich natürlich nicht hinnehmen können. Wir haben noch ein wenig gerauft.« Was sie betraf, hatte sie nicht viel ausgerichtet, obwohl sie nicht aufgegeben hatte. Das Bitterste an der ganzen Sache war die Tatsache, daß Cerandin nur aufgehört hatte, sie herumzuwirbeln und auf ganz hinterhältige Art zu Fall zu bringen, weil es so leicht gewesen war, als mißhandle sie ein Kind. Nynaeve hatte nicht mehr Chancen gegen sie gehabt wie eben ein Kind. Wenn wenigstens niemand zugesehen hätte, dann hätte sie ein bißchen die Macht benützt... Wütend genug war sie allemal gewesen. Wenn nur niemand zugesehen hätte, Punkt. Ihr wäre lieber gewesen, Cerandin hätte sie mit den Fäusten bearbeitet, bis sie blutete. »Dann hat ihr Latelle einen Stock gegeben. Du weißt ja, daß sich diese Frau an mir rächen will.« Sie mußte sicher nicht mehr erwähnen, daß Cerandin sie über die Deichsel eines Wagens gelegt hatte. So hatte niemand sie mehr verprügelt, seit sie Neysa Ayellin einen Krug Wasser an den Kopf geworfen hatte, als sie gerade sechzehn war. »Jedenfalls hat Petra die Auseinandersetzung beendet.« Und gerade noch rechtzeitig. Der riesenhafte Mann hatte sie beide am Nacken gepackt wie die Kätzchen. »Cerandin hat sich entschuldigt, und das war's auch schon.« Sicher, Petra hatte dafür gesorgt, daß sich die Seanchanfrau bei ihr entschuldigte, aber Nynaeve hatte sich ebenfalls entschuldigen müssen. Er hatte sich geweigert, seinen leichten, aber doch eisenharten Griff in ihrem Nacken zu lockern, wenn sie seinem Wunsch nicht nachkäme. Sie hatte ihn wohl geschlagen, mit der Faust in den Magen, so hart sie nur konnte, doch er hatte nicht mit der Wimper gezuckt. In ihrer Hand hatte sie nun ein Gefühl, als schwelle auch die langsam an. »Es war wirklich nichts Schlimmes. Ich schätze, Latelle wird eine eigene Version überall herumerzählen. Das ist die Frau, die ich mal kräftig durchschütteln sollte. Ich habe bei ihr bei weitem nicht hart genug zugeschlagen.«
Sie fühlte sich besser, nun, da sie die Wahrheit gebeichtet hatte, doch Elayne machte ein so zweifelndes Gesicht, daß sie lieber das Thema wechseln wollte. »Was hast du da versteckt?« Sie faßte hinüber und zog die Decke ein Stück weg. Das silbrige Glitzern des A'dam, den sie von Cerandin bekommen hatten, wurde sichtbar. »Wieso beim Licht willst du das Ding anschauen? Und wenn, warum versteckst du es dann? Es ist ein schmutziges Ding und ich verstehe nicht, wie du es überhaupt berühren kannst, aber, wenn du das willst, ist es doch deine Angelegenheit.«
»Rede doch nicht so gekünstelt daher«, erwiderte Elayne. Langsam breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, und sie wurde vor Aufregung ganz rot. »Ich glaube, ich könnte selbst einen machen.«
»Einen machen? Du meinst, einen anfertigen?« Nynaeve senkte die Stimme in der Hoffnung, niemand werde herbeilaufen, um nachzusehen, wer hier wen umbrachte, aber sanfter sprach sie deshalb nicht: »Licht, warum denn? Leg doch lieber erst mal eine Jauchegrube an. Oder einen Misthaufen. Die sind wenigstens für etwas gut.«
»Ich meine auch nicht unbedingt einen A'dam.« Elayne saß hoch aufgerichtet da, das Kinn in ihrer typischen kühlen Haltung. Sie klang beleidigt und sprach mit eisiger Beherrschung: »Aber es ist ein Ter'Angreal, und ich habe herausgefunden, wie er funktioniert. Ich weiß, daß du mindestens einmal auch Unterricht im Zusammenschluß mehrerer Aes Sedai hattest. Der A'dam verbindet die beiden Frauen miteinander, und deshalb muß die Sul'dam ebenfalls eine Frau sein, die mit der Macht umgehen kann.« Sie runzelte leicht die Stirn. »Es ist allerdings eine eigenartige Verbindung. Anders. Es ist kein echter Zusammenschluß von zweien oder mehreren, wo eine die Führung übernimmt, denn hier hat nur eine einzige die volle Kontrolle über die andere. Ich glaube, das ist der Grund, warum eine Damane nichts tun kann, was ihre Sul'dam nicht will. Ich glaube auch nicht, daß die Leine überhaupt benötigt wird. Halsband und Armreif funktionieren genauso ohne sie und auch auf genau dieselbe Weise.«
»Genauso funktionieren«, wiederholte Nynaeve trocken. »Du hast dich aber ziemlich eingehend damit beschäftigt für jemanden, der nicht die Absicht hat, einen anzufertigen.« Diese Frau hatte noch nicht einmal genug Anstand, zu erröten. »Wozu könntest du ihn gebrauchen? Ich kann nicht behaupten, es sei nicht angebracht, wenn du Elaida einen um den Hals legen würdest, aber deshalb ist das Ding nicht weniger widerl...«
»Verstehst du denn nicht?« unterbrach sie Elayne, und ihr blasiertes Gehabe war wie weggeblasen. Statt dessen beherrschten jetzt Erregung und Eifer ihre Miene. Sie beugte sich vor, legte eine Hand auf Nynaeves Knie und ihre Augen glänzten, so sehr war sie von ihrer Entdeckung gefangen. »Es ist ein Ter'Angreal, Nynaeve. Und ich glaube, einen anfertigen zu können.« Sie sprach jedes Wort langsam und überdeutlich aus, doch dann mußte sie lachen und sprudelte heraus: »Wenn ich so einen machen kann, dann kann ich auch andere anfertigen. Vielleicht kann ich sogar Angreal und Sa'Angreal herstellen. Das hat in der Burg seit Tausenden von Jahren niemand mehr geschafft!« Sie richtete sich wieder auf und schauderte sichtlich. Dann legte sie nachdenklich die Finger an ihre Lippen. »Ich hatte überhaupt nie daran gedacht, selbst etwas anzufertigen.
Jedenfalls nichts Nützliches. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal einem Schreiner bei der Arbeit zugesehen habe, der einige Stühle für den Palast anfertigte. Sie waren nicht einmal vergoldet oder irgendwie kunstvoll geschnitzt, da sie nur für den Speisesaal der Diener vorgesehen waren, aber ich konnte den Stolz auf seine Arbeit von seinen Augen ablesen. Stolz darauf, was er selbst angefertigt hatte, auf eine gute Arbeit. Das würde ich gern selbst empfinden, glaube ich. Oh, besäßen wir nur einen Bruchteil des Wissens der Verlorenen! All diese Kenntnisse aus dem Zeitalter der Legenden in ihren Köpfen, und sie benützen es doch nur, um dem Schatten zu dienen! Was könnten wir alles damit anfangen! Denk mal, was wir alles herstellen könnten!« Sie atmete tief durch und ließ die Hände in den Schoß fallen. Der Ausbruch hatte ihre Begeisterung nur wenig gedämpft. »Na ja, sei es, wie es sei, ich wette, ich könnte sogar herausfinden, wie die Weißbrücke gebaut wurde. Gebäude, wie aus gesponnenem Glas, aber härter als Stahl. Und Cuendillar, und...«