»Langsam, langsam«, sagte Nynaeve. »Weißbrücke ist mindestens fünf- oder sechshundert Meilen von hier entfernt, und falls du daran denken solltest, mit Hilfe der Macht auch noch an dem Siegel herumzumachen, dann laß es sein. Wer weiß, was dann geschehen könnte? Es bleibt in der Tasche im Herd, bis wir einen sicheren Aufbewahrungsort dafür finden.«
Elaynes Eifer kam ihr seltsam vor. Nynaeve hätte wohl auch selbst gern ein wenig von dem Wissen der Verlorenen gehabt, sicher, aber wenn sie einen Stuhl haben wollte, bezahlte sie einen Schreiner dafür. Sie hatte nie den Wunsch verspürt, etwas herzustellen, außer vielleicht Tinkturen und Salben. Als sie zwölf war, hatte ihre Mutter es aufgegeben, ihr das Nähen beibringen zu wollen, nachdem sich zeigte, daß es ihr völlig gleichgültig war, ob sie eine gerade Naht nähte oder eine krumme. Zwingen konnte man sie nie. Und was das Kochen anbetraf... Sie hielt sich durchaus für eine gute Köchin, aber wie auch immer: sie wußte, welche Dinge für sie Vorrang hatten. Die Heilkunst war wichtig. Jedermann konnte eine Brücke bauen. Nun, dann laß ihn eben — das war ihre Haltung dazu.
»Deinetwegen und wegen dieses A'dams habe ich ganz vergessen, dir etwas zu berichten«, fuhr sie fort. »Juilin hat Galad auf der anderen Seite des Flusses gesehen.«
»Blut und Asche«, fluchte Elayne, und als Nynaeve die Augenbrauen hob, fügte sie ganz energisch hinzu: »Ich werde mir keinen Vortrag über meine sprachlichen Angewohnheiten anhören, Nynaeve. Was machen wir?«
»Wie ich die Sache sehe, können wir einerseits auf dieser Seite des Flusses bleiben. Dann werden uns die Weißmäntel kontrollieren, weil sie sich fragen werden, wieso wir die Menagerie verlassen haben. Oder wir gehen hinüber und hoffen, daß der Prophet dort keinen Aufruhr auslöst und Galad uns nicht verraten wird, na ja, oder wir versuchen, ein Ruderboot zu kaufen, und fliehen flußabwärts. Keine tolle Auswahl. Und Luca wird seine hundert Mark fordern. In Gold.« Sie bemühte sich, gute Miene dazu zu machen, doch das schmerzte immer noch. »Du hast sie ihm versprochen, und ich glaube, es wäre nicht anständig, sich davonzuschleichen, ohne ihn zu bezahlen.« Trotzdem hätte sie das ohne Zögern getan, wenn sie gewußt hätte, wohin sie gehen sollten.
»Das wäre allerdings nicht anständig«, sagte Elayne, und es klang einigermaßen empört. »Aber um Galad müssen wir uns keine Gedanken machen, wenigstens, solange wir uns bei der Menagerie aufhalten. Galad wird sie ganz bestimmt nicht besuchen. Er glaubt, Tiere in Käfige zu sperren sei grausam. Allerdings hat er nichts dagegen, sie zu jagen und zu essen — nur einsperren findet er nicht recht.«
Nynaeve schüttelte den Kopf. In Wahrheit suchte Elayne nur nach einer Ausrede, um ihre Abreise zu verzögern, und sei es nur für einen Tag. Doch sie hatten ja sowieso keine Möglichkeit dazu. Dieses Weib wollte tatsächlich vor allen Leuten, und nicht nur vor den anderen Artisten, auf dem Seil ihre Kunststücke vollbringen. Und sie selbst mußte höchstwahrscheinlich zulassen, daß Thom wieder mit Messern nach ihr warf. Aber ich werde dieses verdammte Kleid nicht tragen!
»Das erste Schiff am Landesteg, das groß genug ist, um noch vier Leute mitzunehmen«, sagte sie. »Das werden wir mieten. Der Flußhandel kann doch nicht ganz und gar zum Erliegen gekommen sein.«
»Es wäre hilfreich, zu wissen, wohin wir damit fahren.« Der Tonfall der anderen war verdächtig sanft. »Weißt du, wir könnten ja einfach nach Tear fahren. Wir müssen nicht unbedingt diese Suche fortsetzen, nur weil du...« Sie ließ die Worte verklingen, aber Nynaeve wußte recht gut, was sie hatte sagen wollen. Nur weil sie so stur sei. Nur weil sie sich darüber aufregte, daß sie sich nicht an einen einfachen Namen erinnern konnte, wollte sie die Erinnerung jetzt zwingen und dorthin gelangen, und wenn sie sich dabei umbrachte. Aber das stimmte doch alles gar nicht. Sie wollte diese Aes Sedai finden, die vielleicht Rand unterstützen würden, und sie zu ihm führen, statt wie ein bedauernswerter Flüchtling hinter den Mauern Tears Schutz zu suchen.
»Ich werde mich noch daran erinnern«, sagte sie mit beherrschter Stimme. Es hörte mit ›bar‹ auf. Oder vielleicht mit ›dar‹? ›Lar‹? »Ich werde darauf kommen, bevor du es müde wirst, dich auf dem Hochseil zur Schau zu stellen.« Ich werde dieses Kleid nicht tragen!
34
Ein silberner Pfeil
Elayne war an diesem Abend mit Kochen an der Reihe, und das bedeutete in jedem Fall ein besonderes Mahl, obwohl sie ja nur auf Hockern um das kleine Feuer saßen. Im sie umgebenden Wald zirpten die Grillen, und von Zeit zu Zeit erklang der dünne, traurige Ruf eines Nachtvogels in der immer tiefer werdenden Dunkelheit. Die Suppe servierte sie kalt und eingedickt, und obenauf hatte sie zerhackten Schnittlauch gestreut. Das Licht wußte, woher sie den Schnittlauch oder auch die winzigen Perlzwiebeln hatte, die den Erbsen hinzugefügt waren. Das Rindfleisch war in so dünne Scheiben geschnitten, daß man fast hindurch sehen konnte, und dann hatte sie es um eine Füllung gewickelt, die aus Karotten, Brechbohnen, Schnittlauch und Ziegenkäse bestand. Sogar ein Nachtisch in Form eines kleinen Honigkuchens stand bereit.
Es schmeckte alles vorzüglich, obwohl Elayne sich darüber aufregte, nichts schmecke genauso, wie es eigentlich solle, als glaube sie, sie könne hier arbeiten wie die Chefköchin im Königlichen Palast in Caemlyn. Nynaeve war auch ziemlich sicher, daß das Mädchen nicht bloß auf Komplimente aus war. Elayne wehrte Komplimente immer ab und sagte jedem ins Gesicht, was daran nicht stimmte. Thom und Juilin knurrten ein bißchen, weil sie so wenig Fleisch hatten, doch Nynaeve bemerkte recht gut, daß sie jede Kleinigkeit aßen und enttäuscht dreinblickten, als schließlich auch die letzte Erbse verputzt war. Wenn sie kochte, aßen sie aus irgendeinem Grund immer bei einem der anderen Wagen. Und wenn einer von ihnen das Essen zubereitete, gab es jedesmal Eintopf oder Bohnen mit Fleisch und soviel Peperoni, daß die Zunge beinahe Blasen bekam.
Natürlich aßen sie nicht allein. Dafür hatte Luca gesorgt, der seinen eigenen Hocker mitgebracht und gleich neben ihren gestellt hatte. Den roten Umhang hatte er elegant ausgebreitet, und die langen Beine streckte er so aus, daß man über den umgeschlagenen Stiefelschäften noch seine strammen Waden sah. Er war fast jeden Abend hier. Seltsamerweise ließ er nur die Abende aus, an denen sie kochte.
Es war schon interessant, daß er ein Auge auf sie geworfen hatte, obwohl eine so hübsche Frau wie Elayne anwesend war, aber er hatte wohl seine Gründe. Er saß viel zu nahe bei ihr. Heute abend hatte sie ihren Stuhl dreimal ein Stück weggerückt, und jedesmal hatte er seinen nachgerückt, ohne ein Wort zu verlieren und scheinbar, ohne es überhaupt zu bemerken. Er verglich sie einmal mit den verschiedensten Blumen, wobei die Blumen jeweils schlecht wegkamen, ignorierte ihr blaues Auge, das wohl auch ein Blinder bemerkt hätte; dann schwärmte er wieder davon, wie schön sie in jenem roten Kleid aussehen werde, und ließ noch ein paar Komplimente über ihren Mut einfließen. Zweimal entschlüpfte ihm der Vorschlag, gemeinsam einen Mondscheinspaziergang zu unternehmen, so geschickt verschlüsselt allerdings, daß sie nicht ganz sicher war, ob er es wirklich so gemeint hatte, bis sie genauer darüber nachdachte.
»Dieses Kleid wird dem Mut, den Ihr vor allen entfaltet, einen perfekten Rahmen geben«, murmelte er ihr ins Ohr, »wenn auch lange nicht so perfekt, wie Ihr euch selbst haltet, denn die nachtblühenden Daralilien würden vor Neid weinen, sähen sie Euch am mondbeschienenen Wasser einherschreiten, genau wie ich weinte und wie ein Barde den Ruhm Eurer Schönheit unter dem Mond besingen würde.«
Sie blinzelte kurz und überlegte erst einmal. Luca legte ihr Wimpernzucken falsch aus, aber ungewollt traf sie ihn mit dem Ellbogen in die Rippen, bevor er damit beginnen konnte, an ihrem Ohr zu knabbern; zumindest schien er das vorgehabt zu haben. Nun hustete er allerdings und behauptete, er habe ein Kuchenkrümel in den falschen Hals bekommen. Der Mann sah tatsächlich sehr gut aus — Hör auf damit! — und hatte wirklich stramme Waden — Was soll denn das — seine Beine anstarren? —, aber er mußte sie für eine Puppe mit Stroh im Kopf halten. Und das alles nur, um seine verdammte Vorstellung zu retten.