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Ganz undeutlich hörte sie noch, wie Elayne sagte: »Denk daran, sie noch einmal auszufragen.«

Dann überwältigte sie der Schlaf.

Sie stand draußen in der Nacht neben dem Wagen. Der Mond schwebte hoch droben am Himmel, und die schnell vorbeiziehenden Wolken warfen bleiche Schatten über das Lager. Grillen zirpten, und die Nachtvögel riefen klagend nach ihr. Die Augen der Löwen die sie aus ihren Käfigen heraus beobachteten, glimmten. Die weißen Gesichter der Bären waren nicht zu sehen; die schlafenden Tiere waren bloße dunkle Klumpen hinter den Gitterstäben. An der langen Pfahlreihe waren keine Pferde mehr angebunden. Clarines Hunde lagen nicht wie gewohnt angeleint unter ihrem und Petras Wagen, und der Fleck, an dem in der wachenden Welt der S'redit gestanden hatte, war leer. Sie hatte bereits gelernt, daß hier nur wilde Geschöpfe ein Spiegelbild warfen, aber was die Seanchanfrau auch behaupten mochte: es fiel schwer, sich vorzustellen, daß diese riesigen grauen Tiere schon so lange gezähmt waren und nun nicht mehr die Bezeichnung ›wilde Tiere‹ verdienten.

Mit einemmal wurde ihr klar, daß sie das bewußte Kleid trug. Flammend rot, um die Hüften unanständig eng anliegend und mit einem rechteckigen Ausschnitt, der so tief war, daß sie fürchten mußte, ihr Busen könnte herausrutschen. Sie konnte sich keine andere Frau, bestenfalls Berelain, vorstellen, die so etwas anziehen würde. Für Lan würde sie es vielleicht wagen. Aber nur, wenn sie beide allein miteinander wären. Sie hatte tatsächlich an Lan gedacht, als sie einschlummerte. Gewiß — oder?

Auf keinen Fall hatte sie vor, sich von Birgitte in diesem Ding erwischen zu lassen. Die Frau behauptete, Soldatin zu sein, und je mehr Zeit Nynaeve mit ihr verbrachte, desto deutlicher wurde ihr gemacht, daß vieles an ihrer Haltung und an ihren Bemerkungen genauso schlimm war wie bei einem Mann. Schlimmer noch. Sie war eine Kombination von Berelain und einem Wirtshausschläger. Die anzüglichen Bemerkungen kamen nicht ständig, doch immer dann, wenn Nynaeve nicht daran dachte und unbewußt etwas wie dieses Kleid hier trug. So änderte sie es ab, trug statt dessen ein festes, gutes, dunkles Wollkleid, wie es an den Zwei Flüssen getragen wurde, dazu einen einfachen Schal, den sie gar nicht benötigte, hatte das Haar wieder zu einem anständigen Zopf geflochten und öffnete den Mund, um nach Birgitte zu rufen.

»Warum hast du dich umgezogen?« fragte die Frau. Sie trat aus den Schatten heraus und lehnte sich auf ihren silbernen Bogen. Ihr kunstvoll geflochtener goldener Zopf hing ihr über die Schulter nach vorn, und der Mondschein ließ Bogen und Pfeile schimmern. »Ich erinnere mich, wie ich einmal ein Kleid getragen habe, das ein Zwilling deines Kleids von eben gewesen sein könnte. Ich trug es nur, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, damit sich Gaidal unbemerkt vorbeischleichen konnte. Den Wachsoldaten wären beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen. Es hat Spaß gemacht. Besonders, als ich es dann später zum Tanz mit ihm trug. Er haßt das Tanzen grundsätzlich, aber er war derart erpicht darauf, jeden anderen Mann auf Abstand zu mir zu halten, daß er jeden Tanz mit mir tanzte.« Birgitte lachte herzlich. »Ich habe ihm in dieser Nacht beim Kreiselspiel fünfzig Goldstücke abgewonnen, denn er starrte mir immer in den Ausschnitt, anstatt auf seine Steine. Die Männer sind schon eigenartig. Als hätte er mich nicht schon oft na... «

»So sind sie eben«, warf Nynaeve mit spröder Stimme ein und schlang sich den Schal fest um die Schultern.

Bevor sie ihre Frage stellen konnte, sagte Birgitte: »Ich habe sie gefunden«, und jeder Gedanke an die Frage entschwand.

»Wo? Hat sie dich bemerkt? Kannst du mich zu ihr bringen? Ohne daß sie mich sieht?« In ihrem Magen spürte sie das flaue Gefühl von Angst. Was würde wohl Valan Luca nun von ihrem Mut halten, sähe er sie so? Doch sie war ganz sicher, daß aus dieser Angst sofort Zorn würde, wenn sie Moghedien sah. »Wenn du mich in ihre Nähe bringst...« Sie sprach nicht weiter, da Birgitte ihre Hand mahnend erhoben hatte.

»Ich kann nicht glauben, daß sie mich bemerkt hat, sonst wäre ich bestimmt jetzt nicht hier.« Nun war sie sehr ernst. Nynaeve war es auch viel lieber, wenn sie diese Seite ihres Soldatinnendaseins herauskehrte. »Ich kann dich einen Augenblick lang in ihre Nähe führen, wenn du willst, aber sie ist nicht allein. Zumindest... Du wirst ja sehen. Du mußt dich ganz still verhalten und nichts gegen Moghedien unternehmen. Es sind andere Verlorene bei ihr. Vielleicht könntest du sie vernichten, aber gleich fünf von ihnen...?«

Das flaue Gefühl in Nynaeves Magen breitete sich in ihren Oberkörper aus. Und in ihre Knie. Fünf. Sie sollte Birgitte fragen, was sie gehört hatte, und es dabei belassen. Dann könnte sie in ihr Bett zurückkehren und... Aber Birgitte blickte sie an. Sie zog ihren Mut keineswegs in Zweifel, sondern sah sie einfach nur an. Bereit, das für sie zu tun, falls sie das wollte. »Ich werde still sein. Und ich werde nicht einmal daran denken, die Macht zu benützen.« Nicht, wenn sie gleich fünf Verlorenen auf einmal gegenüberstand. Im Augenblick hätte sie auch nicht einmal einen Funken erzeugen können. Sie versteifte ihre Knie, damit sie nicht zu sehr zitterten. »Sobald du bereit bist.«

Birgitte hob ihren Bogen und legte eine Hand auf Nynaeves Arm...

... und Nynaeve stockte der Atem. Sie standen auf gar nichts, waren von unendlicher Schwärze umgeben, wo man weder oben noch unten unterscheiden konnte, und jeder Sturz, gleich, in welche Richtung, würde ewig währen. Mit schwimmendem Kopf zwang sie sich, in die Richtung zu blicken, in die Birgitte deutete.

Unter ihnen stand Moghedien gleichermaßen auf der Dunkelheit. Sie war beinahe genauso schwarz gekleidet wie ihre Umgebung, stand leicht vorgebeugt und lauschte konzentriert. Und wiederum weiter unter ihr standen vier riesige Stühle mit hohen Lehnen, jeder davon anders, auf einer gleißend weiß gefliesten Bodenfläche, die in der Schwärze schwebte. Seltsamerweise war Nynaeve in der Lage, genauso gut zu hören, was jene auf diesen Stühlen sprachen, als befinde sie sich mitten unter ihnen.

»... noch nie feige gewesen«, sagte gerade eine mollige, hübsche Frau mit Sonnenhaaren, »also warum dann jetzt?« Sie war scheinbar mit nichts anderem als silbriggrauem Nebel und glitzernden Edelsteinen angetan und saß auf einem Stuhl aus Elfenbein, der so geschickt geschnitzt war, daß er aussah, als bestünde er aus den Körpern von nackten Akrobaten. Vier geschnitzte Männer hielten die Sitzfläche, und ihre Arme ruhten auf den Rücken kniender Frauen. Zwei Männer und zwei Frauen hielten ein weißes Seidenkissen hinter ihrem Kopf, während darüber weitere Stellungen eingenommen hatten, die Nynaeve bei menschlichen Körpern beinahe für unmöglich hielt. Sie errötete, als ihr klar wurde, daß diese mehr als nur akrobatische Übungen vollführten.

Ein kräftig gebauter Mann mittlerer Größe mit einer bläulichen Narbe im Gesicht und einem kantig geschnittenen blonden Bart beugte sich ärgerlich vor. Sein Stuhl bestand aus schwerem Holz, in das Kolonnen gerüsteter Krieger und Pferde geschnitzt waren. Ganz oben an der Lehne hielt eine Faust im Kampfhandschuh einen Blitz fest. Sein roter Mantel ersetzte voll und ganz die übliche Vergoldung des Stuhls, denn über die Schultern und die Ärmel herab zogen sich goldene Stickereien. »Niemand darf mich als feige bezeichnen«, sagte er mit harter Stimme. »Aber wenn wir so weitermachen wie bisher, wird er mir geradewegs an die Kehle springen.«

»So war es von Anfang an geplant«, sagte die melodiöse Stimme einer anderen Frau. Nynaeve konnte die Sprecherin nicht sehen, denn sie war hinter der hoch aufragenden Lehne eines Stuhls verborgen, der ganz aus schneeweißem Stein und Silber zu bestehen schien.

Der zweite Mann war groß und sah mit seinem dunklen Teint gut aus. An den Schläfen hatte er weiße Strähnen. Er spielte mit einem kunstvoll geschmiedeten goldenen Pokal, wobei er sich auf seinem Thron zurücklehnte. Als etwas anderes konnte man dieses mit Juwelen übersäte Ding nicht bezeichnen. Wohl zeigte sich nur hier und da eine Andeutung von Gold, aber Nynaeve bezweifelte nicht, daß unter all diesen glitzernden Rubinen und Smaragden und Mondperlen massives Gold lag. Abgesehen von der Größe wirkte es massiv und schwer. »Er wird sich auf dich konzentrieren«, sagte der große Mann mit tiefer Stimme. »Falls notwendig, wird jemand sterben, der ihm nahesteht, und das offensichtlich auf deinen Befehl hin. Er wird kommen, um dich zu stellen. Und während er sich auf dich allein konzentriert, werden wir drei ihn uns mit gekoppelten Kräften vornehmen. Was hat sich geändert, daß es notwendig wäre, den Plan abzuändern?«