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»Ihr seid so leicht durchschaubar«, murmelte Moghedien. »Glaubt mir, ich bin bereits zornig genug auf Euch. Doch ich glaube nicht, daß ich Euch als Schemel benützen werde.« Ihr Lächeln jagte Nynaeve einen Schauer über den Rücken. »Ich denke, ich werde Euch in ein Pferd verwandeln. Das ist hier durchaus möglich. Ein Pferd, eine Maus, einen Frosch...« Sie unterbrach sich und lauschte. »... eine Grille. Und dann werdet Ihr jedesmal, wenn Ihr nach Tel'aran'rhiod kommt, ein Pferd sein, bis ich das wieder ändere. Oder bis jemand anders mit den notwendigen Kenntnissen das besorgt.« Wieder schwieg sie einen Moment und blickte sie mit einer Miene an, die beinahe schon Sympathie ausdrückte. »Nein, ich will in Euch keine falschen Hoffnungen wecken. Es gibt jetzt nur noch neun von uns, die solche Bindungen fertigbringen, und Ihr wollt vermutlich genausowenig von den anderen beherrscht werden wie von mir. Ihr werdet jedesmal zu einem Pferd werden, wenn ich Euch hierher mitbringe. Ihr bekommt sogar einen eigenen Sattel und Zaumzeug. Ich werde auch Eure Mähne extra schön flechten.« Nynaeves Zopf wurde ihr von unsichtbaren Händen fast aus der Kopfhaut gerissen. »Natürlich werdet Ihr auch in diesem Zustand wissen, wer Ihr seid. Ich glaube, ich werde diese Ausritte genießen — im Gegensatz zu Euch.« Moghedien atmete tief durch, und ihr Kleid färbte sich dunkel und glänzte schwach im trüben Mondschein. Nynaeve mochte sich täuschen, aber sie hielt das für die Farbe frischen Blutes. »Andererseits, falls Ihr ungehorsam seid, werde ich Euch vielleicht doch Semirhage übergeben. Dort seid Ihr bestimmt gut aufgehoben, und ich kann meine ganze Aufmerksamkeit wichtigeren Dingen zuwenden. Befindet sich das kleine blonde Flittchen bei Euch in der Menagerie?«

Das dicke Etwas verschwand aus Nynaeves Mund. »Ich bin allein, Ihr dummes...« Schmerzen. Als habe man sie von den Schultern bis zu den Waden herab verprügelt, und zwar mit einem einzigen Schlag. Sie heulte schrill auf. Noch einmal. Sie versuchte, die Zähne zusammenzubeißen, und doch schmerzte ihr eigener Schrei in ihren Ohren. Sie schämte sich der Tränen, die ihr über die Wangen rollten, konnte aber das Schluchzen nicht zurückhalten, während sie ohne Hoffnung auf den nächsten Schlag wartete.

»Ist sie bei Euch?« fragte Moghedien geduldig. »Verschwendet Eure Zeit nicht damit, mich provozieren zu wollen, daß ich Euch töte. Das werde ich nicht tun. Ihr werdet viele Jahre in meinen Diensten erleben. Eure bemitleidenswert geringen Fähigkeiten werden vielleicht zu etwas gut sein, wenn ich sie ausbilde. Wenn ich Euch ausbilde. Aber ich kann Euch auch dazu bringen, das, was Ihr gerade gespürt habt, für eine Liebkosung zu halten. Beantwortet jetzt meine Frage.«

Nynaeve brachte es mit Mühe fertig, wieder genug Luft zu schöpfen, um ihr zu antworten. »Nein«, weinte sie drauflos. »Sie ist mit einem Mann verschwunden, nachdem wir Tanchico verlassen hatten. Er war alt genug, um ihr Großvater zu sein, aber er hatte Geld. Wir hatten gehört, was sich in der Burg abgespielt hatte« — sicherlich hatte Moghedien davon erfahren —, »und sie fürchtete sich davor, dorthin zurückzukehren.«

Die andere lachte. »Eine wunderbare Geschichte. Ich begreife beinahe, was Semirhage daran findet, Widerstand zu brechen. Oh, Ihr werdet mich noch prächtig unterhalten, Nynaeve al'Meara! Aber zuerst werdet Ihr mir dieses Mädchen Elayne herbringen. Ihr werdet sie abschirmen und sie dazu bringen, daß sie sich mir zu Füßen wirft. Wißt Ihr auch, warum? Weil manche Dinge in Tel'aran'rhiod noch stärker wirken als in der wachenden Welt. Deshalb werdet Ihr auch jedesmal eine glänzend weiße Stute sein, wenn ich Euch herbringe. Und es sind nicht nur Verletzungen, die man von hier aus mitnimmt, wenn man erwacht! Auch einen unwiderstehlichen Drang nimmt man mit. Ich will, daß ihr ein paar Augenblicke lang nachdenkt, bevor Ihr selbst daran zu glauben beginnt, was Ihr mir erzählt habt. Ich vermute, das Mädchen ist Eure Freundin. Aber Ihr werdet sie mir zuführen, wie ein Haustierchen... « Moghedien schrie laut auf, als urplötzlich ein silberner Pfeil unter ihrer rechten Brust aus ihrem Oberkörper ragte.

Nynaeve plumpste zu Boden wie ein Kartoffelsack. Der Sturz raubte ihr die Luft, als habe ein Hammerschlag ihren Unterleib getroffen. Sie rang nach Atem und versuchte mit aller Macht, ihre Muskeln zu Bewegungen anzutreiben und sich durch die Schmerzen hindurch zu Saidar zu kämpfen.

Birgitte taumelte und zog mühsam einen weiteren Pfeil aus dem Köcher. »Geht, Nynaeve!« Selbst dieser Ruf klang mühevoll und erzwungen. »Flieht!« Birgittes Kopf wankte, und sie hob unsicher den silbernen Bogen.

Das Glühen um Moghedien intensivierte sich, bis sie von blendendem Sonnenschein umgeben schien.

Die Nacht schlug über Birgitte zusammen wie eine Meereswoge und hüllte sie in Schwärze. Als sie vorübergezogen war, fiel der Bogen auf leere Kleidungsstücke herab. Nur Bogen und Pfeile verblieben dort und schimmerten im Mondschein.

Moghedien sank keuchend auf die Knie nieder und umklammerte mit beiden Händen den Pfeilschaft in ihrer Brust, während das Glühen verflog und ganz erstarb. Dann verschwand sie, und der silberne Pfeil fiel zu Boden, wo sie sich gerade noch befunden hatte. Die Spitze war dunkel von Blut verfärbt.

Nach einem Zeitraum, der ihr wie eine Ewigkeit erschien, brachte Nynaeve es fertig, sich auf Hände und Knie hochzustemmen. Weinend kroch sie hinüber zu Birgittes Bogen. Diesmal kamen ihr die Tränen nicht der Schmerzen wegen. Sie kniete da, nackt, was ihr vollkommen gleichgültig war, und drückte den Bogen an sich. »Es tut mir leid«, schluchzte sie. »O Birgitte, vergib mir. Birgitte!«

Sie hörte keine Antwort, außer dem klagenden Schrei eines Nachtvogels.

Liandrin sprang auf, als die Tür zu Moghediens Schlafzimmer aufging und gegen die Wand krachte und die Auserwählte in das Wohnzimmer taumelte. Ihr Seidenhemd war von Blut getränkt. Chesmal und Temaile eilten an ihre Seite, und jede nahm einen Arm, um die Frau zu stützen. Nur Liandrin blieb an ihrem Stuhl stehen. Die anderen waren ausgegangen. Vielleicht befanden sie sich sogar außerhalb Amadors. Liandrin wußte es nicht. Moghedien sagte ihnen nur, was die jeweilige Zuhörerin ihrer Meinung nach wissen mußte, und sie bestrafte sie für Fragen, die ihr unbequem waren.

»Was ist geschehen?« Temaile schnappte fast nach Luft.

Moghediens kurzer Blick hätte sie eigentlich an Ort und Stelle verschmoren lassen sollen. »Ihr habt ein gewisses Talent zum Heilen«, sagte die Auserwählte schwerfällig zu Chesmal. Blut rann ihr über die Lippen und tropfte immer stärker aus ihren Mundwinkeln. »Wendet es an. Jetzt, Närrin!«

Die dunkelhaarige Ghealdanerin zögerte nicht länger und legte die Hände um Moghediens Kopf. Liandrin lachte spöttisch in sich hinein, als das Glühen um Chesmal aufflammte. Auf deren hübschem Gesicht stand Sorge, und Temailes feine, fuchsartige Züge waren von purer Angst und Entsetzen verzerrt. So treu waren die beiden. Solch ergebene Schoßhündchen. Moghedien wurde auf die Zehenspitzen hochgerissen, der Kopf in den Nacken geworfen, die Augen weit aufgerissen. Sie bebte, und der Atem floh aus ihrem geöffneten Mund, als habe man sie in Eiswasser gestoßen.

Nach wenigen Augenblicken war alles vorüber. Das Glühen um Chesmal verflog, und Moghediens Füße standen wieder fest auf dem blaugrün gemusterten Teppich. Hätte Temaile sie nicht gestützt, wäre sie womöglich zu Boden gesunken. Nur ein Teil der Kraft, die zum Heilen notwendig war, stammte von der Macht; den Rest trug die Person bei, die geheilt wurde. Die Wunde, die diese Blutungen hervorgerufen hatte, war jetzt verheilt, aber Moghedien war so schwach, als habe sie wochenlang krank im Bett gelegen. Sie zog den feinen gold- und elfenbeinfarbenen Schal von Temailes Gürtel und wischte sich den Mund ab, während die Frau ihr half, sich der Schlafzimmertür zuzuwenden. Schwach, und nun wandte sie ihr noch den Rücken zu.