Liandrin schlug zu, so hart sie nur konnte. Was diese Frau ihr bereits alles angetan hatte, verlieh ihr zusätzliche Kräfte.
Doch schon im gleichen Augenblick schien Saidar Moghedien wie eine Flutwelle zu durchdringen. Liandrins Schlag wurde abgefangen, als sie von der Quelle abgeschnitten wurde. Stränge aus Luft hoben sie auf und schleuderten sie so hart gegen die getäfelte Wand, daß ihre Zähne knirschten. Mit ausgebreiteten Armen und Beinen hing sie hilflos dort.
Chesmal und Temaile tauschten einen verwirrten Blick, als verstünden sie überhaupt nicht, was geschehen war. Sie stützten Moghedien weiter, die nun vor Liandrin stand und sich immer noch seelenruhig mit Temailes Schal den Mund abwischte. So schnell war alles gegangen. Moghedien lenkte ein kleines Rinnsal der Macht, und das Blut auf ihrem Hemd färbte sich schwarz, bröckelte ab und fiel auf den Teppich.
»Ihr... Ihr versteht nicht, Große Herrin«, stammelte Liandrin verzweifelt. »Ich wollte nur helfen, damit Ihr gut schlaft.« Ausnahmsweise einmal war ihr völlig gleichgültig, daß ihr Dialekt wieder durchbrach. »Ich wollte doch nur... « Sie brach ab und würgte nur noch, als ein Strang aus Luft ihre Zunge packte und sie ihr aus dem Mund zog. Ihre braunen Augen quollen heraus. Noch ein wenig mehr Druck, und...
»Soll ich sie herausreißen?« Moghedien musterte ihr Gesicht, sprach aber mehr zu sich selbst. »Ich denke nicht. Wie schade für Euch, daß diese al'Meara-Frau mich schon wie Semirhage reagieren läßt. Ansonsten würde ich Euch wahrscheinlich nur töten.« Plötzlich nabelte sie die Abschirmung ab. Der Knoten wurde immer komplizierter, bis Liandrin sich in den Windungen und Schleifen verlor.
Und er wuchs immer noch. »So«, sagte Moghedien schließlich in zufriedenem Ton. »Ihr werdet sehr lange suchen müssen, bis Ihr jemanden findet, der das wieder entwirrt. Allerdings werdet Ihr kaum eine Gelegenheit zum Suchen bekommen.«
Liandrin suchte in Chesmals und Temailes Gesicht nach einer Spur von Sympathie und Mitgefühl — irgend etwas Tröstliches nur —, aber Chesmals Augen blickten kalt und streng, während die von Temaile glänzten. Sie berührte ihre Lippen mit der Zungenspitze und lächelte. Es war kein freundliches Lächeln.
»Ihr habt geglaubt, Ihr hättet etwas in bezug auf zwanghaftes Handeln, auf inneren Drang gelernt«, fuhr Moghedien fort. »Ich werde Euch aber noch ein bißchen mehr beibringen.« Einen Augenblick lang zitterte Liandrin am ganzen Körper. Der Anblick der Frau nahm ihr ganzes Gesichtsfeld in Anspruch, und ihre Stimme füllte ihr ganzes Gehör. »Lebe.« Der Augenblick war vorüber und Liandrin standen Schweißtropfen auf der Stirn, als die Auserwählte sie anlächelte. »Der seelische Zwang hat viele Einschränkungen, aber ein Befehl, das zu tun, was jemand im tiefsten Innersten selbst will, hält ein Leben lang vor. Ihr werdet leben, so sehr Ihr euch auch anstrengt, Euch das Leben zu nehmen. Und ihr werdet immer daran denken. Ihr werdet viele Nächte lang weinend im Bett liegen und Euch den Tod herbeiwünschen.«
Der Strang, der Liandrins Zunge hielt, verschwand, und sie nahm sich kaum die Zeit, zu schlucken. »Bitte, große Herrin, ich schwöre, daß ich nicht...« In ihrem Kopf dröhnte es, und sie sah silbrigschwarze Flecken vor den Augen tanzen, als Moghedien sie kräftig ohrfeigte.
»Es ist manchmal verlockend... etwas... körperlich zu tun«, schnaufte die Frau. »Bettelt Ihr um mehr?«
»Bitte, Große Herrin...« Die zweite Ohrfeige ließ ihr Haar fliegen.
»Mehr?«
»Bitte...« Die dritte renkte ihr beinahe den Kiefer aus. Ihre Wange brannte.
»Wenn Ihr bei Euren Ausreden nicht mehr Phantasie entwickelt, höre ich nicht mehr hin. Statt dessen werdet Ihr zuhören. Ich glaube, was ich für Euch geplant habe, würde selbst Semirhage entzücken.« Moghediens Lächeln wirkte beinahe so düster wie das Temailes. »Ihr werdet leben und keineswegs einer Dämpfung unterzogen. Ihr werdet wissen, daß Ihr durchaus die Macht wieder lenken könntet, würdet Ihr nur jemanden finden, der Eure Abschirmung entknoten kann. Und das ist nur der Anfang. Evon wird über ein neues Küchenmädchen froh sein, und ich bin sicher, diese Frau Arene wird mit Euch lange Gespräche über ihren Mann führen wollen. Ja, sie werden Eure Gesellschaft so sehr genießen, daß ich daran zweifle, daß Ihr in den nächsten Jahren dieses Haus wieder einmal von außen sehen werdet. Lange Jahre, in denen Ihr euch wünscht, Ihr hättet mir treu gedient.«
Liandrin schüttelte den Kopf und bemühte sich, die Worte ›nein‹ und ›bitte‹ herauszubringen. Doch sie weinte zu sehr, um sie aussprechen zu können.
Moghedien wandte den Kopf, um Temaile anzusehen, und sagte: »Bereitet sie darauf vor. Und sagt ihnen, sie sollten sie auf keinen Fall töten oder verstümmeln. Ich möchte, daß sie immer glaubt, entkommen zu können. Selbst diese verlorene Hoffnung wird helfen, sie am Leben zu halten, damit sie leiden kann.« Sie wandte sich auf Chesmals Arm gestützt ab, und die Stränge, die Liandrin an der Wand festhielten, verschwanden.
Ihre Beine knickten ein wie Strohhalme, und sie brach auf dem Teppich zusammen. Nur die Abschirmung blieb. Sie hämmerte umsonst darauf ein, während sie Moghedien hinterherkroch und versuchte, den Saum ihres Nachthemds zu fassen, wobei sie verzweifelt schluchzte: »Bitte, Große Herrin.«
»Sie reisen mit einer Menagerie«, sagte Moghedien zu Chesmal. »Eure ganze Suche, und dann mußte ich sie doch selbst aufspüren. Eine Menagerie zu finden sollte nicht allzu schwierig sein.«
»Ich werde Euch treu dienen«, weinte Liandrin. Die Angst lähmte ihre Glieder; sie konnte nicht schnell genug kriechen, um Moghedien einzuholen. Sie sahen sich noch nicht einmal nach ihr um, wie sie da ihnen nach über den Teppich krabbelte. »Bindet mich, Große Herrin. Tut alles. Ich werde eine treue Hündin sein!«
»Es ziehen eine ganze Menge Menagerien nach Norden«, sagte Chesmal, die mit Eifer den Mißerfolg übertünchen wollte, der sich in ihrer Stimme niederschlug. »Nach Ghealdan, Große Herrin.«
»Dann muß ich nach Ghealdan gehen«, sagte Moghedien. »Ihr werdet uns schnelle Pferde besorgen und...« Die sich schließende Schlafzimmertür verschluckte den Rest ihrer Worte.
»Ich werde eine treue Hündin sein«, schluchzte Liandrin, die wie ein Häufchen Elend auf dem Teppich lag. Sie hob den Kopf und blinzelte sich die Tränen aus den Augen. So sah sie, wie Temaile sie beobachtete, sich die Arme rieb und lächelte. »Wir könnten sie überwältigen, Temaile. Wir drei gemeinsam könnten...«
»Wir drei?« Temaile lachte. »Ihr könntet noch nicht einmal den fetten Evon überwältigen.« Ihre Augen zogen sich zusammen, als sie die Abschirmung um Liandrin abtastete. »Sie hätte Euch genausogut einer Dämpfung unterziehen können.«
»Bitte, hört doch zu.« Liandrin schluckte schwer und bemühte sich, wieder deutlicher zu sprechen, doch ihre Stimme klang immer noch belegt, wenn auch äußerst eindringlich, als sie verzweifelt heraussprudelte: »Wir haben über die Uneinigkeit gesprochen, die zwischen den Auserwählten herrschen muß. Wenn sich Moghedien so versteckt, dann tut sie es vor den anderen Auserwählten. Sollten wir sie fangen und ihnen übergeben, dann stellt Euch einmal die Paläste vor, die wir dafür haben könnten! Man würde uns vielleicht über Könige und Königinnen erheben. Wir könnten sogar selbst zu Auserwählten werden!«
Einen Augenblick lang — einen gesegneten, wundervollen Moment lang — zögerte die Frau mit dem Kindergesicht. Dann schüttelte sie den Kopf. »Du hast noch nie gewußt, wie hoch du deinen Blick erheben kannst. ›Wer nach der Sonne greift, verbrennt sich die Finger.‹ Nein, ich glaube, ich werde mir die Finger nicht daran verbrennen, daß ich zu hoch hinaus will. Ich werde besser tun, was mir auf getragen wurde und dich auf Evon vorbereiten.« Plötzlich lächelte sie und zeigte weiße Zähne, die sie noch fuchsartiger wirken ließen. »Wie überrascht er sein wird, wenn du zu ihm kriechst und ihm die Füße küßt.«