»Verdammt soll sie sein!« grollte Nynaeve, die wild entschlossen Stränge der Macht lenkte. »Für immer soll sie verdammt sein, weil sie das getan hat!« Elayne erkannte die Stränge, die zur Heilung notwendig waren, aber weiter reichten ihre Kenntnisse nicht. »Ich werde sie aufspüren, Birgitte«, murmelte Nynaeve wieder. Stränge aus dem Element Geist dominierten das Gewebe, aber auch Wasser und Luft waren darin verwoben und sogar etwas Erde und Feuer. Es wirkte genauso kompliziert, als wolle man mit jeder Hand auf ein anderes Kleid Muster sticken, und das gleichzeitig auch noch mit den Füßen. Und mit verbundenen Augen. »Sie wird dafür bezahlen.« Das Glühen um Nynaeve wurde immer stärker, bis es die Lampen überstrahlte und Elayne nur noch mit zusammengekniffenen Augen sehen konnte. »Ich schwöre es! Beim Licht und meiner Hoffnung auf Erlösung und Wiedergeburt, ich werde sie dafür bezahlen lassen!« Der Zorn in ihrer Stimme änderte sich und wurde womöglich noch größer. »Es funktioniert nicht. Es ist nichts an ihr, was ich heilen könnte. Es geht ihr so gut, wie es nur sein kann. Und doch stirbt sie. O Licht, ich spüre, wie mir ihr Leben entgleitet. Verdammt sei Moghedien! Seng sie! Und mich gleich mit!« Sie gab aber noch nicht auf. Das Gewebe blieb bestehen. Kompliziert verwundene Stränge flossen in Birgitte ein. Und die Frau lag da, der goldene Zopf hing an der Seite des Betts herunter, und ihre Brust hob und senkte sich immer langsamer.
»Ich kann etwas tun, das vielleicht helfen wird«, sagte Elayne bedächtig. Man müßte dafür eigentlich eine Genehmigung einholen, aber das war auch nicht immer so gewesen. Einst war es durchaus auch ohne Genehmigung geschehen. Es gab keinen Grund, warum es bei einer Frau nicht anwendbar sein sollte. Sie hatte allerdings noch nie davon gehört, daß es bei einer Frau angewandt worden sei; nur immer bei Männern.
»Koppelung?« Nynaeve wandte den Blick nicht von der Frau auf dem Bett und ließ in ihren Bemühungen mit der Macht nicht nach. »Ja. Du wirst es tun müssen, denn ich weiß nicht, wie, aber ich muß die Führung übernehmen. Ich weiß nicht einmal zur Hälfte, was ich eigentlich in diesem Augenblick überhaupt mache, aber wenigstens weiß ich, daß ich es schaffen kann. Du könntest nicht einmal eine Prellung heilen.«
Elayne verzog den Mund, ließ die Bemerkung aber unbeantwortet. »Nein, keine Koppelung.« Die Menge an Saidar, die Nynaeve in sich aufgesogen hatte, war erstaunlich. Wenn sie damit Birgitte nicht retten konnte, würde das, was Elayne noch hinzufügen könnte, auch nicht mehr bringen. Gemeinsam wären sie wohl stärker, als eine einfache Addition ihrer Kräfte ergäbe, aber sie wußte nicht einmal genau, ob sie dazu schon in der Lage sei. Sie hatte sich nur einmal verkoppelt, und das hatte eine Aes Sedai getan, mehr, um ihr zu zeigen, was das für ein Gefühl war, als einen Zweck zu erfüllen. »Hör auf damit, Nynaeve. Du hast ja selbst gesagt, daß es nicht funktioniert. Hör auf und laß mich einen Versuch machen. Wenn es damit auch nicht geht, kannst du ja...« Was konnte sie dann? Wenn die Heilung geschah, dann war alles gut, wenn nicht... Es hatte gar keinen Zweck, es noch einmal zu versuchen, wenn sie schon beim ersten Mal keinen Erfolg gehabt hatte.
»Was willst du ausprobieren?« fauchte Nynaeve beleidigt, aber sie rutschte doch ungeschickt rückwärts und ließ Elayne ans Bett treten. Das Heilgewebe löste sich auf, nicht aber ihre glühende Aura.
Statt ihr zu antworten, legte Elayne eine Hand auf Birgittes Stirn. Bei dem, was sie vorhatte, war die körperliche Berührung genauso notwendig wie bei einer Heilung, und beide Male, als sie in der Burg zugesehen hatte, hatten die betreffenden Aes Sedai die Stirn des jeweiligen Mannes berührt. Die Stränge aus Geist, die sie nun verwob, waren äußerst kompliziert, wenn auch nicht in dem Maße wie Nynaeves Heilgewebe vor einer Minute. Sie verstand kaum selbst, was sie da tat, und von manchem überhaupt nichts, aber sie hatte sehr genau aufgepaßt —damals, aus ihrem Versteck heraus —, welche Muster das Gewebe bilden mußte. Aufgepaßt hatte sie, weil sie einfach romantische Vorstellungen gehabt hatte, weil sie Geschichten erfunden hatte über Liebe und Tapferkeit und Glück, wo die Wirklichkeit, die sie erlebte, nur trüb und enttäuschend schien. Nach ein paar Augenblicken war sie fertig, setzte sich auf das andere Bett und ließ Saidar los.
Nynaeve runzelte die Stirn und beugte sich wieder über Birgitte. Die Gesichtsfarbe der bewußtlosen Frau wirkte vielleicht ein wenig besser, und ihr Atem kam ein bißchen kräftiger. »Was hast du gemacht, Elayne?« Nynaeve nahm den Blick nicht von Birgitte, aber das sie umgebende Glühen verblaßte langsam. »Es war jedenfalls keine Heilung. Ich glaube, ich könnte es jetzt nachmachen, aber mit Heilen hatte es nichts zu tun.«
»Wird sie überleben?« fragte Elayne mit schwacher Stimme. Es gab keine sichtbare Verbindung zwischen ihr und Birgitte, keine Stränge der Macht, aber sie fühlte die Schwäche der Frau. Eine schreckliche Schwäche, die sie deutlich spürte. Und sie würde fühlen, wenn Birgitte starb, im gleichen Augenblick noch, und sei sie auch Hunderte von Meilen entfernt.
»Ich weiß nicht. Ihr Leben entflieht nicht mehr, aber ich weiß es nicht.« Die Erschöpfung machte Nynaeves Stimme weicher als gewohnt, und es lag auch viel Schmerz in ihrem Tonfall, als teile sie Birgittes Wunden, seien es auch nur innere. Sie sog scharf die Luft zwischen halb geöffneten Lippen ein, erhob sich, entfaltete eine rotgestreifte Decke und breitete sie über die liegende Frau. »Was hast du mit ihr gemacht?«
Elayne schwieg, bis Nynaeve zu ihr herüberkam und sich schwerfällig neben ihr auf das Bett sinken ließ. »Eine Bindung«, sagte sie schließlich. »Ich... habe sie an mich gebunden. Als Behüterin. Es war kein Eid notwendig.« Der ungläubige Blick der anderen Frau ließ sie schnell fortfahren: »Heilen hatte keinen Zweck. Ich mußte doch etwas tun. Du weißt doch, welche Gaben ein Behüter durch die Bindung an seine Aes Sedai erhält. Zum einen Kraft und Energie. Er kann weitermachen, wo andere Männer zusammenbrechen und sterben; er kann Wunden überleben, die jeden anderen töten würden. Etwas anderes ist mir nicht eingefallen.«
Nynaeve atmete tief durch. »Nun, es scheint ja besser zu funktionieren als das, was ich versuchte. Ein weiblicher Behüter. Ich frage mich, was Lan davon halten wird. Aber es gibt eigentlich nichts, was dagegen spräche. Und wenn überhaupt eine Frau, dann sie.« Sie zog die Beine ächzend hoch und setzte sich darauf. Ihr Blick kehrte zu Birgitte zurück. »Du mußt das natürlich geheimhalten. Wenn jemand erfährt, daß eine Aufgenommene eine Behüterin an sich gebunden hat, gleich unter welchen Umständen...«
Elayne schauderte. »Ich weiß«, sagte sie schlicht und doch leidenschaftlich. Es war wohl kein Verstoß, der ihr eine Dämpfung einbringen würde, aber vermutlich würde jede Aes Sedai sie so in die Mangel nehmen, daß sie sich die Dämpfung herbeiwünschte. »Nynaeve, was ist in der Welt der Träume geschehen?«
Eine Weile lang glaubte sie, die andere werde wieder mit Weinen anfangen, denn sie bewegte die Lippen und ihr Kinn zitterte. Als sie aber zu sprechen begann, klang ihre Stimme wie Eisen, und auf ihrem Gesicht stand ein Gemisch aus Zorn und zu vielen vergossenen Tränen. Sie erzählte ihre Geschichte ganz nüchtern, sogar knapp, bis sie zu Moghediens Auftauchen im Lager der Truppe kam. Danach berichtete sie über jede noch so schmerzliche Einzelheit.
»Ich müßte eigentlich von Kopf bis Fuß Striemen tragen«, sagte sie schließlich in bitterem Tonfall, wobei sie einen glatten, unversehrten Arm berührte. Unversehrt oder nicht, jedenfalls zuckte sie zusammen. »Ich verstehe nicht, wieso nichts zu sehen ist. Ich spüre die Striemen, und ich verdiene sie auch für meinen dummen, törichten Stolz. Dafür, daß ich mich fürchtete, zu tun, was ich hätte tun sollen. Ich verdiente, in der Räucherkammer aufgehängt zu werden wie eine Speckseite. Wenn es Gerechtigkeit gäbe, würde ich immer noch dort baumeln und Birgitte läge nicht auf diesem Bett und wir müßten uns nicht fragen, ob sie überlebt oder nicht. Wenn ich nur mehr wüßte. Hätte ich nur fünf Minuten lang Moghediens Wissen, dann könnte ich sie heilen. Da bin ich ganz sicher.«