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»Wenn du noch immer hängen würdest«, sagte Elayne auf ihre praktische Art, »würdest du in kurzer Zeit aufwachen und mich abschirmen. Ich zweifle nicht daran, daß Moghedien dafür gesorgt hätte, dich zornig genug zu machen, um die Macht benützen zu können. Denk daran, sie kennt uns alle nur zu gut. Und ich bezweifle auch nicht, daß ich keinen Verdacht geschöpft hätte, bis es zu spät gewesen wäre. Ich halte nicht viel davon, hilflos zu Moghedien geschleppt zu werden, und du vermutlich auch nicht.« Die andere konnte ihr nicht in die Augen sehen. »Es muß eine Art von Koppelung gewesen sein, Nynaeve, wie durch einen A'dam. So hat sie dich Schmerzen empfinden lassen, ohne dich tatsächlich zu verletzen.« Nynaeve saß da und starrte wütend und gleichzeitig schmollend vor sich hin. »Nynaeve, Birgitte ist am Leben. Du hast alles für sie getan, was du konntest, und so das Licht es will, wird sie leben. Moghedien hat ihr das angetan und nicht du. Ein Soldat, der die Verantwortung dafür übernimmt, daß seine Kameraden in der Schlacht fallen, ist ein Narr. Du und ich, wir sind Soldaten in einer Schlacht, aber du bist keine Närrin. Also hör auf, dich wie eine zu benehmen!«

Daraufhin blickte Nynaeve sie wieder an. Einen Moment nur sah sie ihre finstere Miene, und dann wandte sie ihr Gesicht ganz ab. »Du verstehst das nicht.« Sie senkte die Stimme, bis sie beinahe flüsterte: »Sie... war... eine der Helden und Heldinnen, die an das Rad der Zeit gebunden wurden, dazu bestimmt, immer wiedergeboren zu werden, zur Legende zu werden. Diesmal wurde sie nicht geboren, Elayne. Sie wurde einfach aus Tel'aran'rhiod herausgerissen. Ist sie immer noch an das Rad gebunden? Oder wurde sie auch aus dieser Bindung gerissen? Von dem weggerissen, was ihr eigener Mut ihr eingebracht hatte, nur, weil ich so stolz war, so männerstur dumm, daß ich sie losschickte, um Moghedien zu suchen?«

Elayne hatte gehofft, daß Nynaeve nicht so schnell auf diese Fragen stoßen werde, sondern erst, wenn sie ein wenig Zeit zur Erholung gehabt hätte. »Weißt du, wie schlimm Moghedien verletzt wurde? Vielleicht ist sie tot?«

»Ich hoffe nicht.« Die andere Frau fauchte das fast. »Ich will sie dafür bezahlen lassen...« Sie atmete tief durch, aber statt aufzuleben, sackte sie noch mehr in sich zusammen. »Ich würde nicht auf ihren Tod zählen. Birgittes Pfeil hat ihr Herz verfehlt. Ein Wunder, daß sie getroffen hat, so, wie sie herumtaumelte. Ich hätte nicht einmal aufstehen können, wäre ich so weit so hart weggeschleudert worden wie Birgitte. Ich konnte nicht einmal selbst aufstehen, nach dem was mir Moghedien angetan hatte. Nein, sie ist am Leben, und wir sollten damit rechnen, daß sie ihre Wunde mit Hilfe der Macht heilen läßt und morgen früh hinter uns her ist.«

»Sie würde dann immer noch Zeit benötigen, um sich zu erholen, Nynaeve. Das weißt du doch. Kann sie eigentlich wissen, wo wir uns befinden? Deinen Worten nach hatte sie nicht genug Zeit, um mehr herauszubekommen als eben, daß wir uns in einer Menagerie befinden.«

»Und was ist, wenn sie doch mehr gesehen hat?« Nynaeve rieb sich die Schläfen, als habe sie Schwierigkeiten, zu denken. »Was ist, wenn sie genau weiß, wo wir sind? Sie könnte uns Schattenfreunde auf den Hals hetzen. Oder Schattenfreunde in Samara benachrichtigen.«

»Luca ist wütend, weil bereits elf Menagerien um die Stadt herum lagern und drei weitere darauf warten, die Brücke überqueren zu dürfen. Nynaeve, sie wird Tage brauchen, um nach einer solchen Wunde wieder zu Kräften zu kommen, selbst wenn sie eine Schwarze Schwester findet, die sie heilt, oder auch eine der anderen Verlorenen. Und dann weitere Tage, um fünfzehn Menagerien abzusuchen. Falls sich nicht noch mehr auf der Straße hinter uns befinden oder aus Altara heraufkommen. Wenn sie selbst uns sucht oder auch Schattenfreunde ausschickt, ganz gleich, sind wir auf jeden Fall gewarnt und haben tagelang Zeit, ein Boot oder Schiff zu finden, das uns flußabwärts bringt.« Sie legte eine kurze Denkpause ein. »Hast du noch irgend etwas in deinem Kräuterbeutel, um Haare zu färben? Ich möchte wetten, daß du in Tel'aran'rhiod dein Haar zum Zopf geflochten trugst. Meines hat dort immer seine wirkliche Farbe. Wenn du deines lose trägst, so wie jetzt, und in einer anderen Farbe, dann werden wir viel schwerer zu finden sein.«

»Überall Weißmäntel«, seufzte Nynaeve. »Galad. Der Prophet. Keine Schiffe. Es ist, als habe sich alles gegen uns verschworen und arbeite Moghedien in die Hände. Ich bin so müde, Elayne. Ich bin es müde, Angst haben zu müssen, wer hinter der nächsten Ecke auf uns wartet. Ich bin der Furcht vor Moghedien müde. Ich scheine einfach nicht richtig überlegen zu können, was wir als nächstes tun sollten. Mein Haar? Nichts, um ihm irgendeine Farbe zu geben, die ich tragen kann.«

»Du brauchst Schlaf«, sagte Elayne energisch. »Ohne den Ring. Gib ihn mir.« Die andere zögerte, doch Elayne wartete einfach mit ausgestreckter Hand, bis Nynaeve den gefleckten Steinring aus ihrem Hemd fischte und von der Lederschnur abnahm. Elayne stopfte ihn einfach in die Tasche und fuhr fort: »Jetzt leg dich hier hin, und ich wache bei Birgitte.«

Nynaeve sah die auf dem Bett ausgestreckte Frau einen Augenblick lang an und schüttelte dann den Kopf. »Ich kann nicht schlafen... muß allein sein. Herumlaufen.« Sie stand so steif auf, als habe man sie wirklich verprügelt, nahm ihren dunklen Umhang vom Haken und legte ihn sich über dem Nachthemd um. An der Tür blieb sie noch einmal stehen. »Wenn sie mich töten will«, sagte sie trübsinnig, »weiß ich nicht, wie ich sie daran hindern könnte.« Sie ging barfuß und mit trauriger Miene in die Nacht hinaus.

Elayne zögerte, ungewiß, welche der beiden Frauen sie nötiger habe. Dann setzte sie sich wieder hin. Nichts, was sie ihr sagen konnte, machte die Dinge besser für Nynaeve, aber sie glaubte an deren Widerstandkraft. Wenn sie genug Zeit hatte, das alles im Kopf zu verarbeiten, würde sie sehen, daß Moghedien die Schuld trug und nicht sie. Sie mußte es nur einsehen.

36

Ein neuer Name

Lange Zeit saß Elayne da und wachte über Birgittes Schlaf. Jedenfalls schien sie zu schlafen. Einmal rührte sie sich und murmelte verzweifelt: »Warte auf mich, Gaidal. Warte. Ich komme, Gaidal. Warte auf...« Die Worte verklangen wieder, und ihre Atemzüge wurden ruhiger. Waren sie nun kräftiger? Die Frau sah immer noch todkrank aus. Besser als vorher, aber blaß und verhärmt.

Nach etwa einer Stunde kehrte Nynaeve mit schmutzigen Füßen zurück. Auf ihren Wangen glitzerten frische Tränen. »Ich konnte nicht wegbleiben«, sagte sie und hängte ihren Umhang an den Haken zurück. »Schlafe du jetzt. Ich wache bei ihr. Ich muß bei ihr wachen.«

Elayne erhob sich langsam und strich ihren Rock glatt. Vielleicht würde es Nynaeve bei der Bewältigung ihrer Schuldgefühle helfen, wenn sie eine Weile über Birgittes Schlaf wachte. »Ich kann eigentlich auch noch nicht schlafen.« Sie war erschöpft, aber nicht mehr schläfrig. »Ich denke, ich werde auch einen Spaziergang machen.« Nynaeve nickte lediglich, als sie Elaynes Platz auf dem Bett einnahm. Die staubigen Füße ließ sie an der Seite herunterbaumeln und ihr Blick war auf Birgitte gerichtet.

Zu Elaynes Überraschung schliefen auch Thom und Juilin noch nicht. Sie hatten ein kleines Feuer neben dem Wagen entzündet und saßen sich daran mit übergeschlagenen Beinen gegenüber, wobei beide ihre langstieligen Pfeifen rauchten. Thom hatte sein Hemd in die Hose gesteckt, während Juilin seinen Mantel übergezogen hatte, aber ohne Hemd. Die Manschetten hatte er zurückgeschlagen. Sie sah sich erst in der Nacht um und setzte sich dann zu ihnen. Niemand rührte sich im Lager. Alles war dunkel, bis auf ihr Feuer und den Lampenschein, der hinter ihren Wagenfenstern sichtbar war.