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Keiner der Männer sagte etwas, während sie ihren Rock unter sich zurechtrückte. Dann sah Juilin Thom an, der nickte, und der Diebfänger hob etwas vom Boden auf und reichte es ihr. »Das habe ich an der Stelle gefunden, wo sie lag«, sagte der Mann mit dem dunklen Teint. »Als sei er ihr aus der Hand gefallen.«

Elayne nahm den silbernen Pfeil bedächtig entgegen. Selbst die Federn schienen aus Silber zu bestehen.

»Sehr typisch«, sagte Thom im Tonfall einer gepflegten Konversation, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen. »Und wenn man den Zopf dazunimmt... Aus irgendeinem Grund wird der Zopf in jeder Legende erwähnt. Obwohl ich schon ein paar kennengelernt habe, die ihre wiedergeborene Persönlichkeit unter anderem Namen gewesen sein könnten, und die ihn nicht trugen. Andere wiederum, die auch in Frage kamen, haben ihn getragen.«

»Mir sind Legenden völlig egal«, warf Juilin ein. Er klang so wenig erregt wie Thom. Aber es mußte schon eine Menge passieren, daß sich diese beiden aufregten. »Ist sie es? Es wäre auch so schon schlimm genug, wenn eine Frau so mir nichts, dir nichts nackt aus dem Blauen erscheint, aber... Wo habt ihr uns da wieder hereingeritten, Ihr und N... Nana?« Er war besorgt. Juilin beging keine Fehler und er verplapperte sich nie. Thom schmauchte lediglich seine Pfeife und wartete ab.

Elayne drehte den Pfeil in ihren Händen hin und her und tat so, als untersuche sie ihn genauer. »Sie ist eine Freundin«, sagte sie schließlich. Bis — falls überhaupt —Birgitte sie davon entband, mußte sie ihr Versprechen halten. »Sie ist keine Aes Sedai, aber sie hat uns geholfen.« Sie blickten sie erwartungsvoll an. »Warum habt Ihr den nicht Nynaeve gegeben?«

Wieder tauschten die beiden einen bedeutungsvollen Blick. Besonders in Gegenwart von Frauen schienen sich Männer vor allem durch Blicke zu verständigen, vielleicht ganze Unterhaltungen hineinzupacken. Jedenfalls sagte dieser Blick genug darüber aus, was sie von ihrer Geheimnistuerei hielten. Wo sie doch ziemlich sicher wußten, wen sie sich da eingefangen hatten. Doch sie hatte ihr Wort gegeben.

»Sie schien ein wenig durcheinander«, sagte Juilin und saugte betont an seiner Pfeife. Thom dagegen nahm die seine aus dem Mund und blies die weißen Schnurrbartenden aus dem Gesicht.

»Durcheinander? Die Frau kam im Hemd herausspaziert und wirkte verloren. Als ich sie fragte, ob ich ihr helfen könne, hat sie mir keineswegs den Kopf abgebissen. Statt dessen hat sie sich an meiner Schulter ausgeweint!« Er zupfte an seinem Leinenhemd und murmelte etwas von Feuchtigkeit. »Elayne, sie hat sich für jedes böse Wort entschuldigt, das sie mir je gesagt hat, und das war so ziemlich jedes zweite Wort, das aus ihrem Mund kam! Sagte, man sollte sie eigentlich verprügeln, oder vielleicht hat auch jemand sie verprügelt; die halbe Zeit über redete sie recht zusammenhangloses Zeug. Sie sagte, sie sei ein Feigling und eine sture Närrin. Ich weiß nicht, was mit ihr los ist, aber sie ist bestimmt nicht sie selbst.«

»Ich kannte einst eine Frau, die sich auch so benommen hat«, sagte Juilin und spähte ins Feuer. »Sie erwachte und fand einen Einbrecher in ihrem Schlafzimmer vor. Sie hat den Mann glatt durchs Herz erdolcht. Aber als sie die Lampe entzündete, sah sie, daß es ihr eigener Mann war. Sein Fischerboot war früher als erwartet in den Hafen zurückgekehrt. Sie ist einen halben Monat lang genau wie Nynaeve jetzt herumgelaufen.« Er verzog seinen Mund leicht. »Dann hat sie sich aufgehängt.«

»Ich hasse es, Euch diese Bürde aufzuerlegen, Kind«, fügte Thom sanft hinzu, »doch wenn ihr jemand helfen kann, dann seid Ihr die einzige unter uns, die das fertig bringt. Ich weiß, wie man einen Mann aus seinen Depressionen holen kann. Gib ihm kurz mal einen Tritt, oder mach ihn betrunken und suche ihm eine Pr...« Er räusperte sich laut, versuchte, es als Husten zu kaschieren, und strich sich über den Schnurrbart. Das einzig Schlechte an der Tatsache, daß er sie jetzt als Tochter betrachtete, war, daß er sie manchmal wie eine Zwölfjährige behandelte. »Jedenfalls ist es eben so: Ich weiß einfach nicht, wo ich bei ihr ansetzen soll. Und Juilin mag wohl gewillt sein, sie auf seinen Knien zu schaukeln, aber ich bezweifle, daß sie ihm dafür danken würde.«

»Da würde ich lieber einen Barrakuda auf den Knien schaukeln«, knurrte der Diebfänger, aber es klang nicht ganz so böse wie noch einen Tag zuvor. Er war genauso besorgt wie Thom, nur gab er es nicht so bereitwillig zu.

»Ich werde tun, was ich kann«, versicherte sie ihnen und drehte den Pfeil noch einmal herum. Sie waren gute Männer, und es gefiel ihr gar nicht, sie zu belügen oder Dinge vor ihnen zu verbergen. Jedenfalls nicht, wenn es nicht absolut notwendig war. Nynaeve behauptete, man müsse die Männer zu ihrem eigenen Besten führen, aber man konnte dabei auch zu weit gehen. Es war nicht recht, Männer in eine Gefahr hineinzuführen, über die sie überhaupt nichts wußten.

Also sagte sie ihnen alles. Über Tel'aran'rhiod, daß sich die Verlorenen wieder in Freiheit befanden, und über Moghedien. Natürlich nicht wirklich alles. Ein paar der Vorkommnisse in Tanchico waren einfach zu peinlich gewesen, als daß sie daran erinnert werden wollte. Sie hielt ihr Versprechen bezüglich Birgittes Identität, und es war auf keinen Fall notwendig, ihnen die Einzelheiten darüber mitzuteilen, was Moghedien mit Nynaeve angestellt hatte. Das brachte ein paar Probleme mit sich, als sie ihnen die Ereignisse dieser Nacht beschreiben wollte, aber sie umging das elegant. Sie berichtete ihnen auf jeden Fall alles, was sie ihrer Meinung nach wissen mußten, um sich zum erstenmal bewußt zu werden, welchen Gefahren sie sich gegenüber sahen.

Nicht nur die Schwarzen Ajah, und schon als sie davon erfuhren, hatten sie schwer zu schlucken gehabt, nein, auch noch die Verlorenen, und eine davon war offensichtlich hinter ihr und Nynaeve her. Darüber hinaus machte sie ihnen auch gleich klar, daß sie beide genauso Moghedien jagten und daß jeder in ihrer Nähe in Gefahr war, zwischen Jäger und Beute gefangen zu werden, gleich, wie herum man es auch sah.

»Jetzt, da Ihr Bescheid wißt«, beendete sie ihren Bericht, »habt Ihr die Wahl, ob Ihr bleiben oder gehen wollt.«

Dabei beließ sie es, und sie mied auch sorgfältig jeden Blick in Thoms Richtung. Sie hoffte beinahe verzweifelt, daß er bleiben werde, aber sie wollte ihn nicht glauben lassen, sie bitte ihn darum, nicht einmal durch einen Blick.

»Ich habe Euch noch nicht einmal die Hälfte von dem beigebracht, was Ihr wissen müßt, um eine genauso gute Königin zu werden wie Eure Mutter«, sagte er und bemühte sich, barsch zu klingen. Doch den Eindruck verdarb er sofort wieder, als er ihr mit einem knorrigen Finger eine Strähne schwarzgefärbten Haars von der Wange wischte. »Mich werdet Ihr nicht so leicht los, Kind. Ich werde dafür sorgen, daß Ihr eine Meisterin im Daes Dae'mar werdet, und wenn ich Euch solange in den Ohren liegen muß, bis Ihr taub seid. Ich habe Euch ja noch nicht einmal beigebracht, wie man mit einem Messer umgeht. Eurer Mutter habe ich es beizubringen versucht, doch sie sagte immer, sie könne einem Mann befehlen, ein Messer zu benützen, wenn sie eines benötigte. Töricht, es so zu betrachten.«

Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuß auf eine lederne Wange. Er blinzelte, zog die buschigen Augenbrauen hoch, lächelte dann und schob sich wieder die Pfeife in den Mund.

»Mich dürft Ihr auch küssen«, sagte Juilin trocken. »Rand al'Thor wird mich an die Fische verfüttern, wenn ich Euch ihm nicht im gleichen Zustand zurückbringe, in dem er Euch zuletzt sah.«

Elayne hob das Kinn. »Ich will nicht, daß Ihr Rand al'Thors wegen bleibt, Juilin.« Sie zurückbringen? Tatsächlich? »Ihr bleibt nur dann, wenn Ihr selbst es wünscht. Und ich entbinde Euch dann auch keineswegs —oder Euch, Thom!« — denn er hatte beim Kommentar des Diebfängers gegrinst — »von Eurem Versprechen, zu tun, was wir Euch sagen.« Thoms überraschter Blick war eine äußerst zufriedenstellende Reaktion. Sie wandte sich wieder Juilin zu. »Ihr werdet entweder mir und natürlich Nynaeve folgen, im vollen Bewußtsein der Feinde, denen wir gegenüberstehen, oder Ihr packt Eure Habseligkeiten und reitet auf Schmoller weg, wohin Ihr wollt. Ich werde ihn Euch lassen.«