Elayne richtete sich soweit auf, daß sie neben dem Bett der Frau kniete. »Du wirst ihn finden, Birgitte.« Sie sprach leise. Nynaeve schien nach wie vor tief zu schlafen. Ihr leises, schnarrendes Schnarchen war nicht zu überhören. Aber sie benötigte auch dringend Ruhe. Es durfte jetzt nicht gleich wieder alles auf sie einstürmen. »Irgendwie findest du ihn. Und er wird dich lieben. Ich weiß das.«
»Glaubst du, das sei das Wichtigste daran? Ich kann es schon ertragen, wenn er mich nicht liebt.« Ihre tränenglitzernden Augen straften ihre Worte Lügen. »Er wird mich brauchen, Elayne, und ich werde nicht dasein. Er zeigt immer mehr Mut, als gut für ihn ist. Ich muß ihn bremsen und zur Vorsicht mahnen. Noch schlimmer: Er wird herumwandern, mich suchen, ohne zu wissen, wonach er eigentlich sucht und warum er sich so unausgefüllt und unvollständig fühlt. Wir sind immer zusammen, Elayne. Zwei Hälften eines Ganzen.« Die Tränen quollen nun doch heraus und rannen ihr über das Gesicht. »Moghedien sagte, sie werde dafür sorgen, daß ich für immer weine, und sie...« Mit einemmal verzog sich ihre Miene, und sie schluchzte so bitterlich, daß ihr ganzer Körper durchgeschüttelt wurde.
Elayne nahm sie in die Arme und murmelte ihr tröstende Worte zu, von denen sie wußte, daß sie nutzlos waren. Wie würde sie sich fühlen, wenn man ihr Rand wegnähme? Der bloße Gedanke daran reichte, um fast noch ihren Kopf an den Birgittes zu legen und mitzuweinen.
Sie wußte nicht, wie lange Birgitte gebraucht hatte, um sich auszuweinen, aber schließlich schob sie Elayne weg und legte sich auf dem Bett zurück. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Das habe ich noch nie gemacht, seit ich ein kleines Kind war. Nie!« Sie verdrehte den Kopf und runzelte die Stirn, als sie Nynaeve auf dem anderen Bett schlafen sah. »Hat Moghedien sie schlimm verwundet? Ich habe noch nie gesehen, wie jemand derart zusammengeschnürt wurde, seit Tourag Mareesh nahm.« Elayne machte wohl eine verwirrte Miene, denn sie fügte hinzu: »Das war in einem anderen Zeitalter. Ist sie verletzt?«
»Nicht schlimm. Eher ihr Stolz. Was du getan hast, hat ihr die Flucht ermöglicht, aber nur, nachdem...« Elayne brachte es nicht fertig, weiterzusprechen. Zu viele Wunden lagen einfach noch offen. »Sie gibt sich die Schuld. Sie glaubt... alles... sei ihre Schuld, weil sie dich um Hilfe gebeten hat.«
»Hätte sie mich nicht um Hilfe gebeten, würde ihr Moghedien jetzt beibringen, wie man sie am besten anbettelt. Sie ist genauso unvorsichtig wie Gaidal.« Birgittes trockene Bemerkung klang widersinnig, wenn man ihre feuchten Wangen sah. »Sie hat mich ja nicht an den Haaren in das alles hineingezogen. Wenn sie sich für die Folgen verantwortlich fühlt, dann wäre sie auch verantwortlich für mein Handeln.« Nun klang sie beinahe erzürnt. »Ich bin eine freie Frau, und ich weiß selbst, was ich tue. Sie hat nicht für mich entschieden.«
»Ich muß schon sagen, du nimmst das besser auf, als... ich es tun würde.« Sie brachte nicht heraus: ›besser als Nynaeve‹. Das stimmte wohl, aber die andere Version war auch zutreffend.
»Ich sage immer, wenn du schon an den Galgen mußt, reiß noch einen Witz für die Menge, gib dem Henker eine Münze und laß dich mit einem Lächeln auf den Lippen fallen.« Birgittes Lächeln war allerdings eher grimmig. »Moghedien hat den Braten gerochen, aber mein Hals ist noch ganz. Vielleicht werde ich sie noch überraschen, bevor alles vorbei ist.« Aus dem Lächeln wurde ein Stirnrunzeln, als sie Elayne musterte. »Ich kann... dich spüren. Ich glaube, ich könnte die Augen schließen und auf dich zeigen, auch wenn du eine Meile weit entfernt wärst.«
Elayne atmete tief durch. »Ich habe dich als Behüterin an mich gebunden«, sagte sie dann hastig. »Du lagst im Sterben, heilen mit Hilfe der Macht half nicht, und...« Die Frau sah sie an. Die Stirn hatte sie nicht mehr gerunzelt, doch ihre Augen blickten unangenehm scharf. »Es gab keine andere Wahl, Birgitte. Sonst wärst du gestorben.«
»Eine Behüterin«, sagte Birgitte ganz langsam. »Ich glaube, mich an eine Geschichte von einem weiblichen Behüter zu erinnern, aber das war in einem Leben vor so langer Zeit, daß ich die Einzelheiten vergessen habe.«
Es war Zeit, noch einmal tief Luft zu holen, und diesmal mußte sie die Worte aus sich herauszwingen: »Es gibt noch etwas, das du wissen solltest. Du wirst früher oder später daraufkommen, und ich habe beschlossen, wenn es nicht unbedingt sein muß, nichts vor Menschen zu verbergen, die ein Recht darauf haben, etwas Bestimmtes zu erfahren.« Ein dritter tiefer Atemzug. »Ich bin keine Aes Sedai. Ich bin nur eine Aufgenommene.«
Einen langen Augenblick über blickte die Frau mit dem goldenen Zopf zu ihr auf und dann schüttelte sie bedächtig den Kopf. »Eine Aufgenommene. Ich weiß von einer Aufgenommenen während der Trolloc-Kriege, die einen Burschen an sich gebunden hat. Baraschelle hätte am nächsten Tag ihre Prüfung zur Aes Sedai ablegen sollen und hätte ganz sicher die Stola erhalten, aber sie fürchtete, eine andere Frau, die ebenfalls die Prüfung ablegen sollte, würde ihn vor ihr nehmen. Während der Trolloc-Kriege erhob man die Frauen notwendigerweise so schnell wie möglich.«
»Was geschah dann?« Elayne konnte sich die Frage nicht verkneifen. Baraschelle? Der Name kam ihr bekannt vor.
Birgitte erfaßte den Rand der Decke über ihrem Busen mit beiden Händen, verschob den Kopf auf dem Kissen und machte eine spöttischmitfühlende Miene. »Es versteht sich von selbst, daß man ihr nicht gestattete, die Prüfung abzulegen, als es herauskam. Selbst die Notwendigkeit konnte einen solch groben Verstoß nicht aufwiegen. Sie ließen sie die Bindung an den armen Burschen auflösen und an eine andere weiterreichen, und um ihr Geduld beizubringen, hat man sie neben die Küchenmägde und Spießmädchen in die Küche gesteckt. Wie ich hörte, mußte sie drei Jahre lang dort bleiben, und als sie schließlich die Stola erhielt, hat die Amyrlin selbst ihr einen Behüter ausgewählt, einen ledergesichtigen, sturen Mann namens Anselan. Ich habe sie ein paar Jahre später kennengelernt, und ich konnte nicht feststellen, wer von den beiden die Befehle erteilte. Ich glaube, Baraschelle war das auch nicht ganz klar.«
»Nicht gerade angenehm«, murmelte Elayne. Drei Jahre in der... Halt! Baraschelle und Anselan? Das konnte doch wohl nicht das gleiche Paar sein, denn in der Legende wurde nichts davon erwähnt, daß Baraschelle eine Aes Sedai gewesen war. Doch andererseits hatte sie bereits zwei verschiedene Versionen gelesen, und Thom hatte eine dritte erzählt, und in allen hatte Baraschelle irgendeine langwierige und schwierige Aufgabe zu erledigen, um Anselans Liebe zu gewinnen. Zweitausend Jahre konnten eine Menge am Inhalt einer Legende ändern.
»Nicht gerade angenehm«, stimmte Birgitte ihr zu, und mit einemmal wirkten ihre Augen in dem blassen Gesicht viel zu groß und unschuldig. »Ich denke, da du ja willst, daß ich dein schreckliches Geheimnis wahre, wirst du mich nicht so schinden wie einige Aes Sedai ihre Behüter. Es wäre nicht gerade angenehm, wenn du mich dazu brächtest, dein Geheimnis auszuplaudern, nur, um dir zu entkommen.«
Instinktiv ruckte Elaynes Kinn nach oben. »Das klingt aber sehr nach einer Drohung. Ich mag Drohungen nicht, weder von dir noch von anderen. Wenn du glaubst...«
Die Liegende packte sie am Arm und unterbrach sie. Ihr Griff war bereits deutlich kräftiger. Ihre Miene sagte eindeutig, daß es ihr leid tat. »Bitte. So habe ich es nicht gemeint. Gaidal behauptet, ich hätte einen Sinn für Humor wie ein Stein, den man in einen Schojakreis wirft.« Bei der Erwähnung von Gaidals Namen zog ein Schatten über ihr Gesicht, war aber sofort wieder verflogen. »Du hast mein Leben gerettet, Tochter-Erbin von Andor. Ich werde dein Geheimnis wahren und dir als Behüterin dienen. Und als deine Freundin, wenn du das annimmst.«
»Ich werde stolz darauf sein, dich zur Freundin zu haben.« Ein Schojakreis? Sie würde ein andermal danach fragen. Birgitte war vielleicht nun kräftiger, brauchte aber Ruhe und keine Fragen. »Und als Behüterin.« Es schien, sie müsse tatsächlich die Grünen Ajah erwählen, denn von allem anderen abgesehen bot das die einzige Möglichkeit, Rand ebenfalls als Behüter an sich zu binden. Den Traum hatte sie noch ganz deutlich in Erinnerung, und sie hatte vor, ihn auf die eine oder andere Art von der Notwendigkeit dieser Bindung zu überzeugen. »Vielleicht könntest du dich bemühen, deinen Humor etwas... zurückzuhalten?«