Das mit Logain war nicht so wichtig, obwohl er ja in Ghealdan einen Krieg ausgelöst hatte, als er behauptete, der Wiedergeborene Drache zu sein. Es hatte in den letzten Jahren mehrere falsche Drachen gegeben. Allerdings beherrschte er die Macht. Das war eine unbestreitbare Tatsache — bis ihn die Aes Sedai der Dämpfung unterzogen. Nun ja, er war wirklich nicht der erste Mann, den man gefangen und dem man seine Kräfte genommen hatte, damit er nie wieder die Macht lenken konnte. Man sagte, daß solche Männer, ob sie nun falsche Drachen waren oder nur arme Narren, die den Roten Ajah in die Hände gefallen waren, fast niemals mehr lange lebten. Es hieß, sie wollten danach einfach nicht mehr leben.
Mit Siuan Sanche war das etwas ganz anderes. Er hatte sie vor fast drei Jahren einmal kennengelernt. Eine Frau, die absoluten Gehorsam verlangte und keinem Rechenschaft ablegte. So zäh wie ein alter Stiefel, mit einer Zunge wie einer Feile und einer Laune wie die eines Bären mit einem eiternden Zahn. Er hätte eigentlich von ihr erwartet, daß sie jeden Emporkömmling mit bloßen Händen in der Luft zerriß, bevor sie sich übertölpeln ließ. Daß eine Frau der Dämpfung unterzogen wurde, war viel seltener als bei Männern. Und bei einer Amyrlin erst recht. In dreitausend Jahren war das nur zwei Amyrlins widerfahren, soweit die Burg es zugab, wenn es natürlich auch möglich war, daß sie dabei einiges verschwiegen hatten. Die Burg beherrschte es, unerwünschte Dinge zu verschweigen. Doch eine Exekution, nachdem man sie bereits der Dämpfung unterzogen hatte, schien etwas übertrieben. Es hieß ja schließlich, daß Frauen die Dämpfung genauso selten lange überlebten wie Männer.
Das alles stank zum Himmel. Jeder wußte, daß die Burg mächtige Partner hatte, daß ihre Fäden bis hin zu Thronen verliefen und sie mächtige Lords und Ladies als Marionetten benutzten. Wenn eine neue Amyrlin auf diese Weise an die Macht gekommen war, würde bestimmt bald irgend jemand ausprobieren, ob die Aes Sedai immer noch so genau hinsahen wie bisher. Und sobald dieser Kerl in Tear allen Widerstand niedergeknüppelt hatte — nicht, daß sich viel Widerstand regen würde, wenn er wirklich den Stein in der Hand hatte —, würde er losschlagen, entweder gegen Illian oder gegen Cairhien. Die Frage war nur, wie schnell er ins Feld ziehen konnte. Würden zuerst die Heere gegen ihn stehen, oder war er schneller? Er mußte der echte Wiedergeborene Drache sein, aber die Häuser konnten sich so oder so entscheiden, und die Völker ebenfalls. Und wenn dann auch noch kleine Streitigkeiten überall ausbrachen, weil die Burg...
»Alter Narr«, knurrte er. Als er sah, daß Barim zusammenzuckte, fügte er hinzu: »Nicht Ihr. Ein anderer alter Narr.« Nichts von alledem ging ihn noch etwas an. Außer natürlich, daß er zu entscheiden hatte, wem sich das Haus Bryne anschloß, wenn es an der Zeit war. Nicht, daß dies irgend jemanden kümmern würde. Lediglich wollten sie wissen, ob sie ihn angreifen sollten oder nicht. Bryne war noch nie ein sehr mächtiges oder großes Adelshaus gewesen.
»Eh, Lord Gareth?« Barim blickte hinüber zu den Männern, die mit ihren Pferden auf Bryne warteten. »Glaubt Ihr, daß Ihr mich gebrauchen könnt, mein Lord?«
Er fragte nicht einmal, warum und wohin es gehe. Er war nicht der einzige, den das Landleben langweilte. »Seht, daß Ihr uns einholt, wenn Ihr eure Ausrüstung beieinander habt. Wir werden uns zunächst auf der Straße nach Vier Könige in Richtung Süden bewegen.« Barim salutierte und schoß los. Das Pferd zerrte er am Zügel hinter sich her.
Bryne kletterte in den Sattel und deutete wortlos nach vorn. Die Männer schlossen sich ihm in einer Doppelreihe an, als er die Eichenallee hinunterritt. Er wollte Antworten erhalten. Und wenn er diese Mara beim Genick packen und durchschütteln mußte, um Antworten zu erhalten.
Hochlady Alteima entspannte sich, als sich das Tor zum Königlichen Palast von Andor öffnete und ihre Kutsche hineinrollte. Sie war nicht sicher gewesen, ob sie eingelassen würde. Es hatte schon lange genug gedauert, einen Brief hineinzubringen, und noch länger, eine Antwort zu erhalten. Ihre Dienerin, ein mageres Mädchen, das sie hier in Caemlyn aufgelesen hatte, machte große Augen und hüpfte beinahe auf dem gegenüberliegenden Sitz vor Aufregung auf und ab, weil sie nun in den Palast hineinkamen.
Alteima klappte ihren Spitzenfächer auf und bemühte sich, ein wenig kühlenden Luftstrom zu erzeugen. Es war noch nicht einmal Mittagszeit, und die Hitze würde noch erheblich schlimmer werden. Und sie hatte Andor immer für ein kühles Land gehalten! Schnell ging sie im Geist noch einmal durch, was sie alles vorbringen wollte. Sie war eine hübsche Frau, und das wußte sie auch ganz genau, mit großen, braunen Augen, die andere glauben machten, sie sei ein unschuldiges, sogar harmloses Wesen. Sie war keines von beiden, aber es paßte ihr sehr wohl, wenn andere das von ihr glaubten. Besonders hier und heute. Diese Kutsche hatte sie beinahe ihr letztes Gold gekostet, das sie auf ihrer Flucht aus Tear mitnehmen konnte. Wenn sie wieder hochkommen wollte, benötigte sie zuerst einmal mächtige Freunde, und in Andor gab es niemand mit mehr Macht als die Frau, die sie nun besuchen durfte.
Die Kutsche blieb in der Nähe eines Brunnens in einem von Säulen umringten Innenhof stehen und ein Diener in roter und weißer Livree eilte heran und öffnete die Tür. Alteima würdigte den Diener und den Hof kaum eines Blickes. Sie war ganz auf das vor ihr liegende Zusammentreffen konzentriert. Schwarzes Haar fiel unter einer Haube aus Zuchtperlen bis zur Mitte ihres Rückens herab, und die feinen Fältchen an ihrem hochgeschlossenen, wassergrünen Seidenkleid wurden ebenfalls durch Perlenreihen hervorgehoben. Sie hatte Morgase einmal kurz kennengelernt, und zwar anläßlich eines Staatsbesuchs vor fünf Jahren. Morgase war eine Frau, die Macht ausstrahlte, dabei reserviert und würdevoll war, wie es sich für eine Königin geziemte, und von schicklichem Benehmen, was die andoranische Auffassung betraf. In anderen Worten: altjüngferlich. Die Gerüchte in der Stadt, sie habe einen Liebhaber, wie es schien, einen recht unbeliebten Mann, paßten natürlich nicht zu diesem Bild. Aber Alteimas Erinnerungen nach sollte das hochgeschlossene, altmodische Kleid Morgase eigentlich gefallen.
Sobald Alteimas Schuhe sicher auf den Pflastersteinen ruhten, sprang auch die Dienerin, Cara, herunter und begann sich an ihrem Kleid zu schaffen zu machen. Allerdings verlor Alteima schnell die Geduld, klappte ihren Fächer zu und ließ ihn auf den Unterarm des Mädchens klatschen. Der Innenhof war nicht der richtige Ort für so etwas. Cara — was für ein törichter Name — zuckte zurück und hielt sich den Arm mit dem Blick eines verwundeten Rehs und Tränen in den Augen.
Alteima preßte irritiert die Lippen aufeinander. Das Mädchen konnte noch nicht einmal einen milden Tadel vertragen. Sie hatte sich getäuscht: Es hatte mit diesem Mädchen keinen Zweck. Sie war zu offensichtlich unausgebildet. Doch eine Lady mußte ihre Zofe haben, besonders, wenn sie sich von der Masse der Flüchtlinge in Andor abheben wollte. Sie hatte Männer und Frauen in den Überresten zweifellos adliger Kleidung aus Cairhien im glühenden Sonnenschein schuften oder sogar betteln sehen. Sie glaubte, den einen oder anderen erkannt zu haben. Vielleicht sollte sie jemanden aus diesen Kreisen in Dienst nehmen. Wer kannte die Pflichten der Zofe einer Lady besser als eine Lady selbst? Wenn sie schon so tief gesunken waren, mit ihren eigenen Händen zu arbeiten, sollten sie eigentlich eine solche Chance beim Schopf ergreifen. Es könnte sich als amüsant erweisen, eine frühere ›Freundin‹ zur Dienerin zu haben. Heute aber war es dafür zu spät. Und eine unausgebildete Zofe, ein Mädchen aus dem Ort noch dazu, sagte etwas zu deutlich aus, daß Alteima an der Grenze ihrer Mittel angelangt war, nur einen Schritt von den Bettlern entfernt.
Sie bemühte sich, besorgt und sanft dreinzuschauen. »Habe ich dir weh getan, Cara?« fragte sie in süßlichem Tonfall. »Bleib nur hier in der Kutsche und pflege deinen Arm. Ich bin sicher, jemand wird dir kühles Wasser zu trinken bringen.« Die hirnlose Dankbarkeit auf der Miene des Mädchens war überwältigend.