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»Ich werde mich bemühen.« Birgitte sagte das so, als müsse sie versuchen, einen Berg anzuheben. »Aber wenn ich schon deine Behüterin bin, selbst im geheimen, werde ich dich schützen müssen. Du kannst ja kaum noch die Augen offenhalten. Es ist höchste Zeit, daß du schläfst.« Elaynes Kinn ruckte genauso schnell nach oben wie ihre Augenbrauen, aber Birgitte ließ ihr keine Gelegenheit zum Sprechen. »Unter anderem ist es die Aufgabe eines Behüters, es seiner — ihrer — Aes Sedai zu sagen, wenn sie sich selbst zu rücksichtslos vorantreibt. Und auch zur Vorsicht zu mahnen, wenn sie geradewegs in den Krater des Verderbens marschieren will. Und sie am Leben zu halten, damit sie tun kann, was sie vollbringen muß. Ich werde all das für dich tun. Fürchte nie eine Gefahr in deinem Rücken, wenn ich bei dir bin, Elayne.«

Nun gut, sie brauchte wohl wirklich Schlaf, aber Birgitte noch mehr. Elayne dämmte den Lampenschein ein wenig und sorgte dafür, daß die Frau sich bequemer hinlegte und einschlief, allerdings erst, nachdem sie vor Birgittes Augen ein Kopfkissen und Decken zwischen den Betten auf den Boden gelegt hatte, um sich dort hinzulegen. Es hatte auch noch ein klein wenig Streit darum gegeben, wer auf dem Boden schlafen sollte, aber Birgitte war noch so schwach, daß Elayne keine große Mühe gehabt hatte, sie dazu zu bewegen, im Bett zu bleiben. Nun, nicht allzu viel Mühe jedenfalls. Wenigstens wurde Nynaeves leises Schnarchen nicht unterbrochen.

Sie schlief allerdings nicht gleich ein, was immer sie Birgitte versprochen hatte. Die Frau konnte ja ihre Nase nicht außerhalb des Wagens zeigen, solange sie nichts zum Anziehen hatte, und sie war größer als Elayne und Nynaeve. So setzte sich Elayne zwischen die Betten und begann, den Saum an ihrem dunkelgrauen Reitkleid herauszulassen. Am Morgen würde kaum noch Zeit bleiben, mehr als eine schnelle Anprobe zu versuchen und den neuen Saum abzunähen. Doch der Schlaf überwältigte sie, als sie noch nicht einmal die Hälfte des Saums herausgetrennt hatte.

Wieder träumte sie davon, Rand als Behüter an sich zu binden, und zwar mehr als einmal. Manchmal kniete er freiwillig vor ihr nieder, und manchmal mußte sie es auf die gleiche Weise tun wie bei Birgitte und schlich sich sogar in sein Schlafzimmer, während er schlief. Nun gehörte auch Birgitte zu den anderen Frauen in ihren Träumen. Dagegen hatte Elayne nicht zuviel einzuwenden. Nicht bei ihr oder Min oder Egwene oder Aviendha oder Nynaeve, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, was Lan bei letzterer dazu sagen würde. Bei den anderen aber... Sie hatte im Traum gerade Birgitte, die den farbverändernden Umhang eines Behüters trug, befohlen, Berelain und Elaida für drei Jahre in die Küche zu verfrachten, als die beiden Frauen plötzlich auf sie einzuschlagen begannen. Sie erwachte, und stellte fest, daß Nynaeve über sie hinweggestiegen war, um zu Birgitte zu gelangen und nachzusehen, wie es ihr gehe. Hinter den kleinen Fenstern zeigte sich das typische Grau vor Beginn der Morgendämmerung.

Birgitte erwachte und behauptete gleich, sie sei wieder so kräftig wie immer und außerdem mörderisch hungrig. Elayne wußte nicht, ob Nynaeve ihren Anfall von Selbstvorwürfen mittlerweile überwunden hatte. Sie rang nicht mehr die Hände und sprach auch nicht weiter darüber, aber während Elayne sich Gesicht und Hände wusch und dabei Birgitte ihren Aufenthalt bei der Menagerie erklärte und warum sie noch eine Weile dabeibleiben mußten, schälte und entsteinte Nynaeve schnell ein paar rote Birnen und gelbe Apfel, schnitt Käsescheiben ab und reichte Birgitte alles auf einem Teller. Dazu bekam sie etwas verdünnten, mit Honig gesüßten und gewürzten Wein. Sie hätte die Frau auch noch gefüttert, wenn Birgitte dies zugelassen hätte. Dann färbte Nynaeve Birgittes Haar, bis es so schwarz war wie das Elaynes, die mittlerweile auch ihres nachgefärbt hatte. Anschließend opferte Nynaeve noch ihre besten Strümpfe und ein Unterhemd und wirkte enttäuscht, als ein Paar von Elaynes Schuhen Birgitte besser paßten als ihre. Sobald Birgittes Haar mit einem Handtuch getrocknet und der Zopf wieder geflochten war, half sie ihr in das graue Seidenkleid hinein. An Hüften und Busen mußte es noch etwas erweitert werden, doch das mußte warten. Sie wollte sogar selbst den Saum nachnähen, doch Elaynes ungläubiger Blick veranlaßte sie, sich schnell zu ihrer eigenen Morgentoilette zurückzuziehen. Als sie sich das Gesicht wusch, knurrte sie vor sich hin, daß sie genauso gut nähen könne wie jede andere. Wenn sie denn wollte.

Als sie schließlich nach draußen gingen, spähte die Sonne bereits mit ihrem oberen Rand über die Bäume im Osten. In diesem Moment zumindest war es noch ein schöner Tag. Keine Wolke stand am Himmel, und am Mittag würde es wieder heiß und knochentrocken sein. Thom und Juilin spannten das Gespann vor den Wagen, und im ganzen Lager herrschte lebhaftes Treiben und Aufbruchstimmung. Schmoller war bereits gesattelt, und Elayne nahm sich vor, heute selbst zu reiten, bevor einer der Männer den Sattel in Besitz nehmen würde. Aber selbst, wenn ihr Thom oder Juilin zuvorkämen, wäre sie nicht zu sehr enttäuscht. Dazu war sie zu aufgeregt. Heute nachmittag würde sie zum erstenmal vor Publikum auf dem Hochseil arbeiten. Das Kostüm, das ihr Luca gezeigt hatte, machte sie wohl etwas nervös, doch sie jammerte deswegen nicht wie Nynaeve.

Luca selbst schritt schnell durch das Lager. Der rote Umhang flatterte hinter ihm her. Er hetzte die Leute herum und schrie völlig überflüssige Befehle. »Latelle, paß auf diese verdammten Bären auf! Ich will, daß sie auf den Beinen sind und brummen, wenn wir durch Samara fahren! Clarine, paß diesmal besser auf die Hunde auf! Wenn wieder einer von ihnen hinter einer Katze herjagt... Brugh, du und deine Brüder werden Eure Kunststücke nur vor meinem Wagen zeigen, ja? Nur davor. Das soll ein prunkvoller Wagenzug werden und keine Hetzjagd, um festzustellen, welcher von Euch am schnellsten Überschläge rückwärts vorführen kann! Cerandin, halte diese Keilerpferde zurück. Ich will, daß die Leute vor Staunen nach Luft schnappen und nicht vor Angst davonlaufen!«

Er blieb an ihrem Wagen stehen und blickte Nynaeve und Elayne finster an. Auch Birgitte warf er einen düsteren Blick zu. »Wie großzügig von Euch, Euch zu entschließen, doch mit uns zu kommen, Frau Nana, meine Lady Morelin. Ich hatte geglaubt, Ihr wolltet bis zum Mittag schlafen.« Er nickte in Richtung Birgitte. »Habt Ihr ein wenig mit jemanden von der anderen Seite des Flusses getratscht, ja? Also, jetzt haben wir keine Zeit mehr für Besucher. Ich will bis zum Mittag aufgebaut haben und die erste Vorführung beginnen.«

Nynaeve wurde von seinem Redeschwall zuerst überrollt, aber bereits beim Ende seines zweiten Satzes blickte sie ihm erzürnt in die Augen. Wie entschuldigend sie sich auch Birgitte gegenüber verhielt, hinderte sie offensichtlich nichts daran, an anderen ihre schlechte Laune auszulassen. »Wir sind genauso schnell wie alle anderen fertig, und das wißt Ihr recht gut, Valan Luca. Außerdem spielen ein oder zwei Stunden sowieso keine Rolle. Auf der anderen Seite des Flusses sind so viele Menschen versammelt, daß schon mehr zu Eurer Vorführung kommen, als Ihr euch je erträumt habt, wenn nur jeder hundertste dort erscheint. Wenn wir uns entschließen, in aller Ruhe zu frühstücken, werdet Ihr gefälligst Däumchen drehen und abwarten. Ihr werdet niemals bekommen, was Ihr wollt, wenn Ihr uns zurücklaßt.«

Das war wohl der deutlichste Hinweis auf die versprochenen hundert Goldmark, den sie bisher hatte fallenlassen, aber ausnahmsweise einmal zeigte er keine Wirkung. »So viele Menschen? So viele Menschen, ha! Die Menschen müssen angelockt werden, Frau! Chin Akima befindet sich bereits seit drei Tagen an diesem Ort, und er hat einen Burschen, der mit Schwertern und Äxten jongliert! Und neun Akrobaten! Neun! Und irgendeine Frau, von der ich noch nie gehört habe, hat zwei weibliche Akrobaten, die Sachen am Schlappseil vollführen, daß den Chavanas die Augen herausfallen werden! Ihr glaubt gar nicht, welche Mengen die anziehen. Sillia Cerano hat Männer, die ihre Gesichter wie Hofnarren geschminkt haben, die sich gegenseitig mit Wasser bespritzen und sich mit aufgeblasenen Rinderblasen über die Köpfe hauen, und die Leute zahlen noch mal extra einen Silberpfennig, um das zu sehen!« Mit einemmal zogen sich seine Augen zusammen und seine Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf Birgitte. »Wärt Ihr gewillt, Euch das Gesicht zu schminken? Sillia hat unter ihren Narren keine einzige Frau. Ein paar der Pferdeknechte würden durchaus mitmachen. Es tut nicht weh, wenn man mit einer aufgeblasenen Rinderblase geschlagen wird, und ich zahle Euch... « Er schwieg und kalkulierte offensichtlich, denn es fiel ihm genauso schwer wie Nynaeve, sich von Geld zu trennen. Birgitte sprach in sein Schweigen hinein: »Ich bin kein Hofnarr und werde auch keinen spielen. Ich bin Bogenschützin.«