Luca ließ Juilin an der Strickleiter stehen und stellte sich an seinen Platz zwischen Nynaeve und dem Mann mit der Skalplocke. »Ich hatte mir gedacht, daß ihnen das gefällt.« Es klang unwahrscheinlich selbstzufrieden, und er machte noch kleine Verbeugungen zur Menschenmenge hin, als sei er derjenige auf dem Hochseil gewesen.
Sie sah ihn mit säuerlicher Miene an, hatte aber keine Zeit, den beißenden Kommentar loszuwerden, der ihr auf der Zunge lag, denn Elayne kam durch die Menge gehüpft, stellte sich neben Juilin, breitete die Arme aus und beugte ein Knie zu den Zuschauern hin.
Nynaeve verzog den Mund und rückte gereizt ihren Schal zurecht. Was sie auch von dem roten Kleid hielt, in dem sie sich mit einemmal wiedergefunden hatte, ohne richtig zu wissen, wie sie hineingekommen war, jedenfalls konnte man Elaynes Kostüm als noch gewagter bezeichnen. Die Tochter-Erbin von Andor stand ganz in Schneeweiß da. Auf ihrer kurzen Weste und der eng anliegenden Hose waren reichlich glitzernde Pailetten aufgestickt. Nynaeve hatte nicht glauben können, daß Elayne tatsächlich mit dieser Kleidung in der Öffentlichkeit auftreten werde, aber sie hatte sich derart mit ihrer eigenen Aufmachung beschäftigt, daß sie ganz vergessen hatte, Elayne die Meinung zu sagen. Weste und Hose ließen sie an Min denken. Es hatte ihr nie gefallen, wenn Min Jungenkleidung anzog, aber diese Farbe nun und der Zierrat ließen Elaynes Kleidung noch — schamloser erscheinen.
Juilin hielt die Strickleiter fest, damit Elayne hinaufklettern konnte, obwohl das gar nicht notwendig gewesen wäre. Sie kletterte ebenso gelenkig hoch wie er es getan hätte. Er verschwand in der Menge, sobald sie oben angekommen war. Dort posierte sie wieder und strahlte über den donnernden Applaus wie über die Bewunderung ihrer Untertanen. Als sie auf das Seil hinaustrat, das nun irgendwie noch dünner erschien als bei Juilin, stockte Nynaeve der Atem, und sie dachte überhaupt nicht mehr an Elaynes Kleidung oder gar ihre eigene.
Elayne ging mit weit ausgebreiteten Armen auf das Seil hinaus, und sie benützte keineswegs die Macht, um auf einem sicheren Pfad aus dem Element Luft laufen zu können. Langsam schritt sie weiter, setzte graziös einen Fuß vor den anderen und wirkte vollkommen sicher, obwohl sie nur auf dem dünnen Seil stand. Die Macht anzuwenden wäre viel zu gefährlich gewesen, falls Moghedien eine Ahnung hatte, wo sie sich aufhielten. Die Verlorene oder die Schwarzen Schwestern konnten sich durchaus bereits in Samara aufhalten, und sie würden das Gewebe der Macht sofort fühlen. Und falls sie tatsächlich noch nicht in Samara waren, könnte es doch bald geschehen. Auf der gegenüberliegenden Plattform blieb Elayne stehen und bekam erheblich mehr Beifall als Juilin zuvor, was Nynaeve überhaupt nicht verstehen konnte. Dann ging sie zurück. Als sie fast am anderen Ende angekommen war, drehte sie eine elegante Pirouette, ging den halben Weg zurück und wiederholte die Pirouette dort. Diesmal wankte sie ein wenig, fing sich aber sofort wieder. Nynaeve hatte das Gefühl, von einer kräftigen Hand an der Kehle gepackt zu werden. Mit langsamen, gleichmäßigen Schritten ging Elayne anschließend zu der Plattform zurück und posierte erneut unter tosendem Beifall.
Nynaeve schluckte ihre Angst hinunter und atmete auf, wenn auch ziemlich unsicher. Sie wußte, es war noch nicht vorüber.
Elayne erhob die Hände über ihren Kopf, und mit einemmal schlug sie ein Rad nach dem anderen auf dem Seil. Ihre schwarzen Locken flogen und die Pailetten an den in Weiß gehüllten Beinen blitzten im Sonnenschein. Nynaeve schrie auf und packte Luca am Arm, als das Mädchen die andere Plattform erreichte, bei der Landung ins Stolpern kam und sich gerade noch vor der Kante abfing.
»Was ist los?« knurrte er leise in das Aufstöhnen der Menge hinein. »Ihr habt doch zugesehen, wie sie das seit Sienda jeden Abend geübt hat. Und in einer Menge anderer Orte zuvor auch, sollte man denken.«
»Sicher«, erwiderte sie mit weichen Knien. Ihr Blick war auf Elayne fixiert, und so bemerkte sie kaum, wie er ihr einen Arm um die Schultern legte. Es war ihr nicht genügend bewußt, um etwas dagegen zu unternehmen. Sie hatte versucht, das Mädchen zu überreden, einen verstauchten Knöchel vorzutäuschen, aber Elayne bestand darauf, daß sie nach all der Übung mit Hilfe der Macht diese jetzt wirklich nicht mehr benötigte. Vielleicht traf das auf Juilin zu, offensichtlich sogar, aber Elayne war noch nie nachts über die Dächer einer Stadt geklettert.
Die Räder, die sie auf dem Rückweg schlug, klappten perfekt. Diesmal kam sie auch ganz sicher auf. Doch Nynaeve konnte den Blick nicht von ihr wenden und hielt sich an Lucas Ärmel fest. Nach der, wie es nun schien, unvermeidlichen Pause, um den Applaus entgegenzunehmen, ging Elayne wieder auf das Seil hinaus, drehte weitere Pirouetten, hob elegant ein Bein und senkte es ganz schnell, hob und senkte weiter, daß es schien, das Bein sei die ganze Zeit über gestreckt, und dann bückte sie sich und stemmte sich ganz langsam zu einem Handstand hoch —gestreckt wie ein Dolch, und die Zehenspitzen zeigten zum Himmel. Aus dem Handstand heraus folgte ein Überschlag rückwärts, nach dem die Menge stöhnte und sie von einer Seite zur anderen schwankte. Sie gewann das Gleichgewicht jedoch mit Mühe wieder. Thom Merrilin hatte ihr das und den Handstand beigebracht.
Aus dem Augenwinkel sah Nynaeve Thom, der zwei Plätze entfernt von ihr stand, die Augen auf Elayne gerichtet und nervös auf den Zehenspitzen balancierend. Er wirkte stolz wie ein Pfau. Andererseits schien er bereit, nach vorn zu stürzen und sie aufzufangen, sollte sie fallen. Und falls sie wirklich abstürzte, wäre das zum Teil ja auch seine Schuld. Er hätte ihr niemals solche Sachen beibringen dürfen!
Ein letztes Mal schlug Elayne ihre Räder mit im Sonnenschein blitzenden weißbekleideten Beinen, und noch schneller als zuvor. Diese Passage war Nynaeve gegenüber nie erwähnt worden! Fast wäre sie auf Luca losgegangen, hätte der nicht ärgerlich gemurmelt, daß es eine gute Methode sei, sich den Hals zu brechen, wenn man nur des Beifalls wegen etwas Unvorbereitetes hinzufügt. Eine letzte Pause, die elegante, beifallheischende Pose, und endlich kletterte Elayne herab.
Lärmend schloß sich die Menge um sie. Luca und vier mit Knüppeln bewaffnete Pferdeknechte tauchten plötzlich bei ihr auf, doch Thom war noch schneller da, obwohl er doch hinkte.
Nynaeve hüpfte hoch, so gut sie konnte, und schaffte gerade noch, Elayne über die Köpfe der Menge hinweg zu erspähen. Das Mädchen schien überhaupt keine Angst zu haben oder von den vielen winkenden Händen abgestoßen zu sein, die die Zuschauer zwischen ihren Wächtern durchstreckten, um sie einmal zu berühren. Mit hoch erhobenem Kopf und von der Anstrengung gerötetem Gesicht strahlte sie doch eine kühle und königliche Eleganz und Würde aus, während sie weggeführt wurde. Wie sie das bei der Kleidung fertigbrachte, konnte sich Nynaeve einfach nicht vorstellen.
»Ein Gesicht wie eine verdammte Königin«, murmelte der einäugige Mann in sich hinein. Er war nicht mit den anderen zu ihr hin gerannt, sondern hatte den Menschenstrom lediglich vorbeigelassen. In seinem grobgewebten, einfachen Mantel aus dunkelgrauer Wolle wirkte der Mann so standfest, daß er gewiß nicht fürchten mußte, umgestoßen und niedergetrampelt zu werden. Er sah aus, als könne er mit diesem Schwert umgehen. »Seng mich doch wie einen feigen Bauern, aber sie ist verdammt noch mal tapfer genug, um eine verfluchte Königin zu sein.«
Nynaeve blickte ihm mit offenem Mund nach, als er durch die Menge wegschritt, und das lag nicht an seiner Ausdrucksweise. Jedenfalls nur zum Teil. Jetzt erinnerte sie sich daran, wo sie ihn kennengelernt hatte, einen einäugigen Mann mit Skalplocke, der keine zwei Sätze herausbrachte, ohne dabei die ekelhaftesten Flüche auszustoßen.
So vergaß sie Elayne, die nun gewiß in Sicherheit war, und begann, sich hinter ihm durch die Menge zu schieben.