Am Stadttor drängten sich die Menschen wieder etwas dichter. Unter den breiten grauen Türmen strömten Männer und Frauen hinein und hinaus, zu Fuß und beritten, in jeder Art von Kleidung, von Lumpen bis hin zu Seidenmänteln und —kleidern. Die Torflügel selbst, dick und eisenbeschlagen, standen offen und wurden von einem Dutzend Pikeuren in Schuppenpanzern und runden Stahlkappen mit breiten, flachen Rändern bewacht. Und diese Wächter widmeten ihre Aufmerksamkeit vor allem der etwa halb so starken Gruppe von Weißmänteln, die in der Nähe herumlungerte, und achteten nicht so sehr auf die anderen. Es waren diese Männer in schneeweißen Mänteln und glänzend polierter Rüstung, die in Wirklichkeit den Strom der Menschen beobachteten.
»Machen die Weißmäntel viele Schwierigkeiten?« fragte sie leise.
Uno spitzte die Lippen, als wolle er ausspucken, und blickte sie an. Das ließ er aber doch bleiben. »Wo machen sie das, verdammt noch mal, nicht? Da war eine Frau bei einer dieser Wandertruppen, die Zaubertricks vorführte, einfache Kunststücke, nichts weiter. Vor vier Tagen hat ein verdammter Mob dieser feigen Schafsköpfe die ganze Menagerie auseinandergenommen.« Das hatte Valan Luca aber nicht erwähnt! »Friede! Was sie wollten, war die Frau. Behaupteten, sie sei« — er sah finster den vorbeihastenden Menschen nach und senkte die Stimme — »eine Aes Sedai. Und gehöre zu den Schattenfreunden. Sie haben ihr das verdammte Genick gebrochen, bevor sie noch zum Galgen geschafft wurde, wie man mir erzählte, aber dann haben sie die Leiche trotzdem noch aufgehängt. Masema hat die Bandenführer enthaupten lassen, aber es waren die Weißmäntel, die den verfluchten Mob aufgehetzt hatten.« Sein Gesichtsausdruck entsprach dem des aufgemalten Auges auf seiner Augenklappe. »Man hat viel zu viele Leute verflucht noch mal aufgehängt oder enthauptet, wenn Ihr mich fragt. Der verdammte Masema ist genauso schlimm wie die verfluchten Weißmäntel, wenn es darum geht, unter jedem Stein einen Schattenfreund zu suchen.«
»In jedem zweiten Satz«, murmelte sie mahnend, und der Mann errötete tatsächlich!
»Weiß nicht, was ich davon halten soll«, meinte er mürrisch. »Kann Euch nicht dort hineinbringen. Es ist zur Hälfte ein Fest und zur Hälfte blutige Auseinandersetzungen. Bei jedem dritten Schritt stößt man auf einen Taschendieb, und nach Einbruch der Dunkelheit ist keine Frau mehr auf der Straße sicher.« Letzteres schien ihn mehr aufzuregen als alles andere. In Schienar war eine Frau in jedem Falle und zu jeder Zeit sicher, außer natürlich bei einem Überfall der Trollocs und Myrddraal, und jeder Mann würde sich für eine Frau in Stücke reißen lassen. »Nicht sicher. Ich bringe Euch zurück. Wenn ich eine Möglichkeit finde, komme ich zu Euch hinaus.«
Damit war die Sache für sie gelaufen. Sie riß ihren Arm los, bevor er ihn fester packen konnte, und ging mit schnelleren Schritten auf das Tor zu. »Kommt mit, Uno, und trödelt nicht. Wenn Ihr trödelt, lasse ich Euch zurück.« Er holte sie ein und knurrte etwas von der Sturheit der Frauen. Sobald ihr klar wurde, daß er sich über dieses Thema ausließ und offensichtlich ihre Einschränkung in bezug auf das Fluchen bei Selbstgesprächen nicht zu beachten gedachte, hörte sie einfach nicht mehr hin.
39
Begegnungen in Samara
Die Weißmäntel am Tor beachteten Uno und Nynaeve genausowenig wie die anderen im stetigen Strom der Menschen und warfen ihnen lediglich einen mißtrauischen Blick zu, forschend und schnell. Mehr war bei so vielen Menschen einfach nicht möglich, und wahrscheinlich hielten es die Stadtwachen genauso. Natürlich gab es auch keinen Grund für erhöhte Aufmerksamkeit — höchstens in ihren Gedanken. Ihr Großer Schlangenring und Lans schwerer Goldring ruhten in ihrer Gürteltasche, denn der tiefe Ausschnitt des Kleids ließ nicht zu, sie an der üblichen Lederschnur zu tragen. Doch irgendwie erwartete sie fast, Kinder des Lichts könnten eine in der Burg ausgebildete Frau instinktiv erkennen. Ihre Erleichterung war riesengroß, als diese eisigen, gefühllosen Blicke weiterwanderten.
Auch die Soldaten schenkten den beiden keine weitere Aufmerksamkeit — sobald sie ihren Schal wieder hochgezogen hatte. Unos finstere Miene hatte vielleicht auch geholfen, ihre Blicke wieder zu den Weißmänteln abzulenken, aber dieser Kerl hatte überhaupt kein Recht dazu, so finster dreinzublicken. Das war allein ihre Sache.
So zog sie den langen grauen Wollschal noch einmal richtig zurecht und verknotete die Enden an ihrer Hüfte. Trotzdem betonte der Schal ihren Busen mehr, als ihr lieb war, und ein wenig Brustansatz war auch so noch zu sehen, doch war das gegenüber vorher schon ein großer Fortschritt. Wenigstens mußte sie sich jetzt keine Gedanken mehr darüber machen, daß der Schal wieder verrutschen könnte. Wenn das Ding nur nicht so heiß wäre. Es wurde höchste Zeit für einen Wetterumschwung. Schließlich befanden sie sich ja nicht allzu weit südlich der Zwei Flüsse.
Zur Abwechslung wartete Uno geduldig auf sie. Sie hatte ihre Zweifel daran, daß er es aus schlichter Höflichkeit tat, denn irgendwie schien sein Gesicht zu geduldig, aber schließlich schritten sie nebeneinander nach Samara hinein. Ins Chaos.
Der Lärm lag wie ein dichter Vorhang über allem, so daß sie kein einzelnes Geräusch heraushören konnte. Menschen verstopften die grobgepflasterten Straßen. Sie drängten sich fast Schulter an Schulter, von den ziegelgedeckten Tavernen zu den Ställen mit ihren Strohdächern, von lärmerfüllten Schenken mit einfachen gemalten Schildern wie ›Der blaue Stier‹ oder ›Die tanzende Gans‹ bis zu Läden, auf deren Schildern nicht einmal Namen standen, sondern nur hier ein Messer und eine Schere abgebildet waren, dort ein Ballen Tuch, die Feinwaage eines Goldschmieds oder das Rasiermesser eines Barbiers, ein Topf oder eine Lampe oder ein Stiefel. Nynaeve sah hellhäutige Gesichter wie bei den Menschen aus Andor, aber auch dunkelhäutige wie die der Meerleute, saubere oder schmutzige, Mäntel mit hohen Krägen und schmalen oder ganz ohne, unauffällige Farben und bunte, einfache Kleidung und bestickte, schäbig oder neu, und Moderichtungen, die ihr höchstens zur Hälfte bekannt waren. Ein Bursche mit einem dunklen, geteilten Vollbart hatte auf der Brust seines einfachen blauen Mantels silberne Ketten befestigt, zwei hatten das Haar zu Zöpfen geflochten — Männer mit einem schwarzen Zopf auf jeder Seite, der ihnen über das Ohr bis auf die Schultern herunterhing, und dazu hatten sie winzige Messingglöckchen auf die roten Mantelärmel und auf die umgeschlagenen Stulpen ihrer schenkelhohen Stiefel genäht. Aus welchem Land sie auch kommen mochten, diese beiden waren gewiß keine Narren. Ihre dunklen Augen waren hart und selbstsicher wie die Unos, und auf dem Rücken trugen sie gekrümmte Schwerter. Ein Mann mit bloßem Oberkörper, auf dem er eine leuchtend gelbe Schärpe trug, mit einer Haut von einem tieferen Braun als dem von lange abgelagertem Holz und komplizierten Tätowierungen auf beiden Händen, mußte wohl dem Meervolk angehören, obwohl er weder Ohrringe noch einen Nasenring trug.
Auch die Frauen unterschieden sich auf vielfältigste Weise, Haare von rabenschwarz bis zu einem so blassen Blond, daß es fast schon weiß war, zu Zöpfen geflochten oder mit einem Band zusammengerafft oder frei hängend, kurzgeschnitten, schulterlang, hüftlang, Kleider aus abgewetzter Wolle oder säuberlich geplättetem Leinen oder aus schimmernder Seide, Halskrausen, die mit ihren Spitzenbesätzen das Kinn streiften, oder Stickereien, oder Ausschnitte, die genauso tief waren wie ihrer. Sie sah sogar eine Domanifrau mit kupferfarbenem Teint, die ein beinahe durchsichtiges rotes, langes Abendkleid trug, das fast nichts verbarg! Sie fragte sich, wie sicher diese Frau nach Einbruch der Dunkelheit wohl noch sei. Oder selbst jetzt im hellen Tageslicht.