Die livrierten Männer, offensichtlich gut ausgebildet, standen da und blickten ins Leere. Trotzdem würde sich die Kunde von Alteimas Freundlichkeit verbreiten, falls sie etwas von Dienern verstand.
Ein hochgewachsener junger Mann im roten Wams mit weißem Kragen und auf Hochglanz poliertem Harnisch, der Uniform der Königlichen Garde, erschien vor ihr und verbeugte sich mit einer Hand am Schwertgriff. »Ich bin Gardeleutnant Tallanvor, Hochlady. Wenn Ihr mich begleiten würdet, bringe ich Euch zu Königin Morgase.« Er bot ihr seinen Arm. Sie ergriff ihn, obwohl sie sich ansonsten seiner kaum bewußt war. Sie war nicht an Soldaten unterhalb der Ränge eines Generals und eines Lords interessiert.
Während er sie durch breite Korridore führte, auf denen geschäftiges Treiben herrschte — die livrierten Männer und Frauen gaben sich selbstverständlich alle Mühe, sie nicht zu behindern oder aufzuhalten —, betrachtete sie heimlich die schönen Wandbehänge, die mit Elfenbein eingelegten Truhen und Kommoden, die Schalen und Vasen mit Goldoder Silberauflage oder das feine Porzellan aus der Fertigung des Meervolks. Der Königliche Palast protzte nicht mit Reichtümern wie der Stein von Tear, aber Andor war immer noch ein reiches Land, vielleicht sogar genauso reich wie Tear. Ein älterer Lord würde ihr vollkommen ausreichen, der sich von einer immer noch jungen Frau um den Finger wickeln ließ. Vielleicht sollte er schon etwas schwächlich und senil sein, aber mit großen Gütern ausgestattet. Das wäre ein guter Beginn, während sie herausfand, wo genau die Fäden der Macht in Andor verliefen. Die paar Worte, die sie vor einigen Jahren mit Morgase gewechselt hatte, taugten nicht viel als Einführung, aber sie hatte das, was eine mächtige Königin wollte und brauchte: Informationen.
Schließlich ließ Tallanvor sie vor sich in ein großes Empfangszimmer treten. Die hochgewölbte Decke war mit Vogel-, Wolken- und Himmelsmotiven bemalt. Kunstvoll geschnitzte und vergoldete Stühle standen vor einem glänzend weißen Marmorkamin. Ein Teil von Alteimas Verstand registrierte amüsiert, daß der breite rotweiße Teppich aus Tear stammte. Der junge Mann fiel auf ein Knie nieder. »Meine Königin«, sagte er mit plötzlich rauher Stimme, »wie Ihr befohlen habt, bringe ich Euch die Hochlady Alteima aus Tear.«
Morgase schickte ihn mit einem Wink fort. »Ihr seid willkommen, Alteima. Es ist schön, Euch wiederzusehen. Nehmt Platz und wir können plaudern.«
Alteima brachte einen Knicks zustande und murmelte ihren Dank, bevor sie auf einem der Stühle Platz nahm. Der Neid stieg in ihr auf. Sie hatte Morgase als schöne Frau in Erinnerung, doch die goldhaarige Wirklichkeit zeigte ihr, wie blaß diese Erinnerung war. Morgase war eine Rose in voller Blüte, in der Lage, jede andere Blume in den Schatten zu stellen. Alteima hatte Verständnis für den jungen Soldaten, als er auf dem Weg zur Tür gestolpert war. Davon abgesehen war sie froh, daß er sich nicht mehr hier befand und sie beide zusammen sehen und vergleichen konnte.
Aber es hatte sich auch einiges verändert. Eine Menge sogar. Morgase, von der Gnade des Lichts Königin von Andor, Verteidigerin des Reichs, Beschützerin des Volks, Hochsitz des Hauses Trakand, so reserviert und würdevoll und schicklich, trug eine Robe aus schimmernder weißer Seide, die genug Busen zeigte, um jede Serviererin im Mauleviertel zu schockieren. An Hüfte und Schenkeln lag sie so eng an, daß sie auch einem Flittchen aus Tarabon angestanden hätte. Die Gerüchte entsprachen eindeutig der Wahrheit. Und daß sie sich so stark verändert hatte, zeigte auch ganz klar eines: Sie wollte diesem Gaebril gefallen und nicht etwa ihn dazu bringen, ihr zu gefallen. Von Morgase ging noch immer dieses Gefühl von Macht aus, und ihre Präsenz schien den Raum auszufüllen, aber das Kleid verwandelte beides in etwas Niederes.
Alteima war nun doppelt froh, daß sie ein hochgeschlossenes Kleid angezogen hatte. Eine Frau, die sich derart unter dem Einfluß eines Mannes befand, konnte bei der geringsten Provokation vor blinder Eifersucht zuschlagen. Manchmal auch ohne jede Provokation. Falls sie Gaebril kennenlernte, würde sie ihm mit soviel Gleichgültigkeit gegenübertreten, wie es die Höflichkeit gerade noch zuließ. Selbst der geringste Verdacht, selbst der bloße Gedanke, daß sie Morgases Liebhaber wegnehmen wolle, könnte ihr einen Strick um den Hals einbringen anstatt eines alten Tattergreises als Ehemann. Sie hätte es selbst nicht anders gemacht.
Eine Frau in Rot und Weiß brachte Wein, einen ausgezeichneten Murandiner, und goß ihn in Kristallbecher, in die der sich aufbäumende Löwe von Andor eingraviert war. Als Morgase einen Becher in die Hand nahm, bemerkte Alteima ihren Ring in der Form einer goldenen Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlang. Der Große Schlangenring wurde von einigen Frauen getragen, die in der Weißen Burg ausgebildet worden waren, so wie Morgase, auch ohne den Rang einer Aes Sedai, und dann sowieso von allen Aes Sedai. Tausend Jahre alt war die Tradition, die spätere Königin von Andor in der Burg ausbilden zu lassen. Aber überall gingen nun die Gerüchte über den Bruch zwischen Morgase und Tar Valon um. Die Anti-Aes-Sedai-Ausbrüche auf den Straßen hätte Morgase leicht unterdrücken können, wenn sie es wünschte. Warum trug sie den Ring immer noch? Alteima würde sich sehr gut überlegen, was sie sagte, bis sie die Antwort kannte.
Die livrierte Dienerin zog sich an das gegenüberliegende Ende des Raums zurück, außer Hörweite, doch nahe genug, um zu sehen, wann sie die Becher nachfüllen mußte.
Morgase nippte an ihrem und sagte: »Es ist lange her, daß wir uns kennenlernten. Geht es Eurem Mann gut? Ist er auch hier in Caemlyn?«
Schnell änderte Alteima ihre Pläne. Ihr war nicht klargewesen, daß Morgase von ihrem Ehemann wußte, aber sie war ja immer geistig beweglich gewesen. »Tedosian ging es gut, als ich ihn zuletzt sah.« Das Licht gebe, daß er bald das Zeitliche segnen möge. Aber nun mußte sie weitermachen, was nun einmal angefangen war. »Er hatte einige Zweifel daran, ob er diesem Rand al'Thor dienen solle, und das war ein gefährlicher Abgrund, an dessen Kante er da stand. Licht, selbst Lords sind dort aufgehängt worden wie gewöhnliche Kriminelle.«
»Rand al'Thor«, sagte Morgase nachdenklich. »Ich habe ihn einmal getroffen. Er wirkte nicht wie einer, der sich zum Wiedergeborenen Drachen ausrufen lassen würde. Ein verängstigter Schafhirte, der sich bemühte, die Angst nicht zu zeigen. Wenn ich so zurückdenke, möchte ich beinahe sagen, daß er nach einem... Ausweg suchte.« Ihre blauen Augen blickten nach innen. »Elaida hat mich vor ihm gewarnt.« Sie schien gar nicht zu bemerken, daß sie das Letztere laut ausgesprochen hatte.
»Elaida war damals Eure Ratgeberin?« fragte Alteima vorsichtig. Sie wußte es ja, und das ließ die Gerüchte über den Bruch zwischen beiden noch unwahrscheinlicher klingen. Sie mußte einfach wissen, was daran war. »Habt Ihr sie durch eine andere ersetzt, jetzt, da sie die Amyrlin ist?«
Morgases Blick klärte sich wieder. »Habe ich nicht!« Im nächsten Moment wurde ihre Stimme jedoch wieder sanfter. »Meine Tochter Elayne ist zur Ausbildung in der Burg. Sie ist bereits zur Aufgenommenen erhoben worden.«
Alteima wedelte mit ihrem Fächer und hoffte, daß sich auf ihrer Stirn kein Schweiß zeigte. Falls Morgase sich über die eigenen Gefühle der Burg gegenüber nicht im klaren war, konnte sie selbst im Grunde überhaupt nichts sagen, ohne sich in Gefahr zu bringen. Mit ihrem Plan stand sie gefährlich nah am Rande eines Abgrunds.
Dann rettete Morgase sie und den Plan. »Ihr sagt, Euer Mann sei geteilter Meinung in bezug auf Rand al'Thor gewesen? Und wie steht es mit Euch?«
Sie hätte fast vor Erleichterung aufgeseufzt. Morgase mochte sich ja diesem Gaebril gegenüber wie ein verliebtes Bauernmädchen benehmen, aber sie behielt doch wohl klaren Kopf, was ihre Machtansprüche und die möglichen Gefahren für ihren Herrschaftsbereich betraf. »Ich habe ihn natürlich im Stein genau beobachtet.« Das sollte eigentlich den Keim pflanzen, falls es noch notwendig war. »Er kann die Macht lenken, und einen Mann, der das beherrscht, muß man in jedem Fall fürchten. Aber er ist der Wiedergeborene Drache. Daran gibt es keinen Zweifel. Der Stein fiel, und Callandor ruhte in seiner Hand, als das geschah. Die Prophezeiungen... Ich fürchte, ich muß die Entscheidung darüber, was man in bezug auf den Wiedergeborenen Drachen unternehmen muß, weiseren überlassen, als ich es bin. Ich weiß nur, daß ich Angst davor habe, dort zu bleiben, wo er regiert. Selbst eine Hochlady von Tear kann nicht den Mut der Königin von Andor aufbringen.«