Masema wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und war plötzlich ganz kalt. »Ihr tragt zuviel Gold. Laßt Euch nicht von irdischen Besitztümern verführen. Gold ist Unrat. Der Lord Drache ist alles.«
Sofort begann sie damit, die Ringe von ihren Fingern zu ziehen, und bevor noch der zweite weg war, eilte auch schon der magere Bursche von draußen an ihre Seite, zog einen Beutel aus seiner Manteltasche, öffnete ihn und hielt ihn ihr hin, damit sie die Ringe hineinfallen ließ. Auch die Halskette und der Armreif folgten.
Nynaeve sah Uno an und zog eine Augenbraue hoch.
»Jeder Pfennig geht an die Armen«, sagte er ihr mit so leiser Stimme, daß sie kaum etwas verstehen konnte, »oder an jemand Bedürftigen. Wenn nicht irgendeine Händlerin ihm ihr Haus zur Verfügung gestellt hätte, dann säße er in einem verdammten Stall oder in einer dieser verfluchten Hütten außerhalb der Stadt.«
»Selbst sein Essen ist ein Geschenk«, sagte Ragan genauso leise. »Sie haben ihm ursprünglich Speisen gebracht, die auch einem König gemundet hätten, doch dann fanden sie heraus, daß er alles wegschenkte bis auf ein wenig Brot, Suppe oder Eintopf. Er trinkt auch kaum noch Wein.«
Nynaeve schüttelte den Kopf. Nun, das war natürlich schon ein Weg, um Geld für die Armen zu bekommen. Man mußte es einfach denen rauben, die nicht arm waren. Natürlich war dann irgendwann einmal jeder arm, aber für eine Weile konnte es schon gutgehen. Sie fragte sich, ob Uno und Ragan wirklich über alles Bescheid wußten. Leute, die behaupteten, für andere Geld zu sammeln, steckten gewöhnlich eine hübsche Menge davon in die eigene Tasche; oder sie genossen viel zu sehr die Macht, die ihnen dieses Geld über andere verlieh, denen sie es geben oder enthalten konnten, wie sie wollten. Ihr gefiel ein Mann besser, der auch nur einen Kupferpfennig aus der eigenen Tasche gab, als einer, der eine Goldkrone hergab, die er wiederum einem anderen abgenommen hatte. Und von diesen Narren hielt sie überhaupt nichts, die ihre Höfe und Läden aufgegeben hatten, um diesem... diesem Propheten zu folgen, ohne eine Ahnung zu haben, woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen würden.
Drinnen im Zimmer knickste die Frau noch einmal und noch tiefer als vorher vor Masema, breitete ihren Rock weit aus und beugte das Haupt. »Bis man mir wieder die Ehre erweist, die Worte und den Ratschlag des Propheten zu empfangen. Der Name des Lord Drachen möge vom Licht gesegnet sein.«
Masema winkte sie geistesabwesend weg und hatte sie wohl schon halb vergessen. Er hatte die Gruppe im Flur entdeckt und blickte ihnen mit soviel Freude entgegen, wie sein saures Gesicht nur ausdrücken konnte. Viel war es nicht. Die Frau rauschte hinaus und schien Nynaeve und die beiden Männer gar nicht zu bemerken. Nynaeve schnaubte, als der magere Bursche im roten Mantel ängstlich winkte, sie sollten eintreten. Für jemanden, der gerade seinen ganzen Schmuck auf Verlangen hergegeben hatte, gab sich die Frau noch immer reichlich hoheitsvoll.
Der Magere huschte an seinen Platz neben der Tür zurück, als die anderen drei Männer sich nach dem Brauch der Grenzlande die Hände schüttelten, wobei sie sich am Unterarm faßten.
»Der Friede sei deinem Schwert gnädig«, sagte Uno, und Ragan tat es ihm nach.
»Der Friede sei dem Lord Drachen gnädig«, war die Antwort, »und sein Licht erleuchte uns alle.« Nynaeve stockte der Atem. Es gab keinen Zweifel daran, was er damit sagen wollte: Der Lord Drache sei die Quelle des Lichts. Und er besaß die Frechheit, vor anderen von Blasphemie zu sprechen! »Habt ihr endlich zum Licht gefunden?«
»Wir wandeln im Licht«, sagte Ragan vorsichtig. »Wie immer.« Uno schwieg und machte eine nichtssagende Miene.
Geduld und Erschöpfung spielten in seltsamem Einklang über Masemas Züge. »Es gibt keinen anderen Weg zum Licht als durch den Lord Drachen. Ihr werdet den Weg und die Wahrheit am Ende auch erkennen, denn ihr habt den Lord Drachen gesehen, und nur jene, deren Seelen vom Schatten verschlungen werden, können sehen und dennoch nicht zum Glauben finden. Ihr gehört nicht zu ihnen. Ihr werdet den Glauben finden.«
Trotz Hitze und trotz des Wollschals bekam Nynaeve eine Gänsehaut auf den Armen. Vollkommene Überzeugung lag in der Stimme des Mannes, und aus der Nähe bemerkte sie nun auch ein Glimmen in seinen beinahe schwarzen Augen, das schon dem Wahnsinn sehr nahe zu kommen schien. Sein Blick glitt über sie hinweg, und sie mußte ihre Beinmuskulatur anspannen, damit ihre Knie nicht zitterten. Gegen ihn wirkte der wildeste Weißmantel, den sie je gesehen hatte, noch lieb und friedlich. Diese Burschen in der Gasse waren nur ein schwacher Abklatsch ihres Meisters.
»Ihr da, Frau. Seid Ihr bereit, das Licht des Lord Drachen zu empfangen und dafür Sünde und Fleischeslust zu lassen?«
»Ich wandle im Licht, so gut ich kann.« Sie ärgerte sich selbst darüber, daß sie genauso vorsichtig antwortete wie Ragan. Sünde? Was glaubte er denn, wer er sei?
»Euch ist die Fleischeslust zu wichtig.« Masemas Blick war vernichtend, als er über ihr rotes Kleid und den eng um sie gewickelten Schal glitt.
»Und was soll das wieder heißen?« Uno riß überrascht die Augen auf, und Ragan gab mit den Handflächen nach unten beruhigende Signale, aber sie war nun nicht mehr aufzuhalten. »Glaubt Ihr etwa, Ihr hättet ein Recht dazu, mir vorzuschreiben, wie ich mich anziehen soll?« Bevor ihr selbst bewußt wurde, was sie tat, hatte sie schon den Schal aufgeknotet und über ihre Ellbogen heruntergleiten lassen. Es war ja nun wirklich viel zu heiß. »Kein Mann hat ein Recht dazu, weder gegenüber mir noch einer anderen Frau! Und wenn es mir paßte, nackt herumzulaufen, ginge das Euch nichts an!«
Masema betrachtete einen Moment lang ihren Busen, wobei allerdings keine Spur von Bewunderung in seinem Blick aus tiefliegenden Augen lag, sondern nur ätzende Verachtung, und dann blickte er ihr direkt ins Gesicht. Unos echtes Auge und das aufgemalte paßten perfekt zusammen, so finster blickten beide drein, und Ragan zog den Kopf ein. Wahrscheinlich führte er dabei lautlose Selbstgespräche.
Nynaeve schluckte betreten. Es war ja wohl nichts damit gewesen, ihre Zunge zu hüten. Vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben bereute sie, gedankenlos drauflosgesprochen zu haben. Wenn dieser Mann befehlen konnte, daß anderen die Hände abgeschlagen oder sie gar aufgehängt wurden, und das nach einer lächerlichen Verhandlung, die diesen Namen nicht verdiente, dann war er vermutlich zu allem fähig. Sie glaubte, genug Zorn aufgestaut zu haben, um die Macht benützen zu können.
Aber falls sie das tat... Falls sich Moghedien oder Schwarze Schwestern in Samara aufhielten... Aber wenn ich es nicht tue und er...? Am liebsten hätte sie nun den Schal wieder ganz um sich geschlungen, bis hoch ans Kinn, doch nicht, während er sie so anstarrte. Etwas in ihrem Hinterkopf flehte sie an, sich nicht wie ein kompletter Wollkopf zu benehmen, denn nur Männer stellten ihren Stolz über den gesunden Menschenverstand. Dennoch hielt sie trotzig seinem Blick stand, auch wenn sie sich mit Mühe davon abhalten mußte, nochmals betreten zu schlucken.
Er schürzte die Lippen. »Solche Kleider trägt man, um Männer zu verführen, und sonst aus keinem anderen Grund.« Sie verstand nicht, wie seine Stimme gleichzeitig so inbrünstig und doch eisig klingen konnte. »Gedanken an Fleischeslust lenken den Verstand vom Lord Drachen und dem Licht ab. Ich habe schon daran gedacht, Kleider zu verbieten, die die Blicke und den Verstand von Männern ablenken. Frauen, die ihre Zeit damit verschwenden, Männer zu verführen, und Männer, die Frauen verführen möchten, müßten gezüchtigt werden, bis sie wissen, daß man die wirkliche Freude nur in tiefen Gedanken an den Lord Drachen und das Licht finden kann.« Er blickte sie nicht mehr richtig an. Dieser düstere, brennende Blick ging durch sie hindurch und verlor sich irgendwo in der Ferne. »Tavernen und andere Häuser, wo man starke Getränke verkauft, und überhaupt alle Orte, die den Verstand der Menschen von der wahren Verehrung ablenken, müssen geschlossen und niedergebrannt werden. In meinen Tagen der Sünde habe ich solche Orte besucht, aber das bereue ich nun von ganzem Herzen, so wie alle ihre Übertretungen bereuen sollten. Es gibt nur den Lord Drachen und das Licht! Alles andere ist eine Illusion und ein Köder des Schattens!«