»Das ist Nynaeve al'Meara«, sagte Uno schnell, als Masema Luft holen mußte. »Aus Emondsfeld an den Zwei Flüssen, wo auch der Lord Drache herkommt.« Masema wandte langsam den Kopf und blickte den Einäugigen an. Sie nutzte die Gelegenheit, um sich den Schal wieder richtig umzulegen und zu verknoten. »Sie war mit dem Lord Drachen in Fal Dara und in Falme. Der Lord Drache hat sie in Falme gerettet. Der Lord Drache betrachtet sie fast als Mutter.«
Zu einem anderen Zeitpunkt hätte er daraufhin von ihr einiges zu hören und vielleicht sogar eins aufs Ohr bekommen. Rand hatte sie nicht gerettet, oder jedenfalls nicht direkt, und sie war nur ein paar Jahre älter als er. Als Mutter, ja? Masema wandte sich ihr wieder zu. Das fanatische Glimmen in seinen Augen von vorhin war nichts gegen das, was sie jetzt darin ablas. Sie glühten beinahe.
»Nynaeve. Ja.« Nun sprach er schneller. »Ja! Ich erinnere mich an Euren Namen und Euer Gesicht. Gesegnet seid Ihr unter den Frauen, Nynaeve al'Meara, mehr als jede andere Frau außer der segensreichen Mutter des Lord Drachen selbst, denn Ihr habt den Lord Drachen aufwachsen sehen. Ihr habt Euch um den Lord Drachen gekümmert, als er noch ein Kind war.« Er ergriff ihre Arme, und seine harten Finger verursachten ihr Schmerzen, doch schien er das gar nicht zu bemerken. »Ihr werdet den Volksmengen von der Kindheit des Lord Drachen berichten, von den ersten Weisheiten, die er von sich gab, von den Wundern, die ihn begleiteten. Das Licht hat Euch hergeschickt, um dem Lord Drachen zu dienen.«
Sie wußte nicht, was sie darauf sagen sollte. Es hatte in Rands Umgebung niemals irgendwelche Wunder gegeben, jedenfalls nicht solche, die sie wahrgenommen hätte. Sie hatte in Tear einiges gehört, aber das, was ein Ta'veren verursachte, konnte man wohl kaum als Wunder bezeichnen. Nicht wirklich. Selbst das, was in Falme geschehen war, konnte man durchaus rational erklären. So einigermaßen. Und was seine frühen Weisheiten betraf, so war die erste, die sie von ihm vernommen hatte, daß er niemals mehr einen Stein nach jemandem werfen werde. Das hatte er nach einer kräftigen Tracht Prügel versprochen. Sie glaubte, sich seither an keine anderen Weisheiten mehr aus seinem Munde erinnern zu können. Und außerdem: Hätte auch Rand von der Wiege an mit Weisheiten um sich geworfen, hätten sich bei Nacht Kometen und bei Tag andere Erscheinungen am Himmel gezeigt, sie wäre trotzdem nicht in der Nähe dieses Wahnsinnigen hier geblieben.
»Ich muß flußabwärts reisen«, sagte sie zurückhaltend. »Um mich ihm anzuschließen. Dem Lord Drachen.« Den Namen brachte sie kaum über die Lippen, nachdem sie sich geschworen hatte, ihn nicht zu verwenden, aber bei dem Propheten konnte man Rand niemals einfach mit ›er‹ bezeichnen. Ich bemühe mich halt nur, vernünftig zu sein. Das ist alles. ›Ein Mann ist eine Eiche, die Frau eine Weide‹ sagte man. Die Eiche kämpfte gegen den Wind an und wurde gebrochen, während sich die Weide beugte, wenn es notwendig war, und überlebte. Das mußte ja nicht heißen, daß ihr das Beugen besonderen Spaß machte. »Er... der Lord Drache... ist in Tear. Der Lord Drache hat mich dorthin bestellt.«
»Tear.« Masema nahm die Hände von ihr und sie rieb sich unwillkürlich die Arme. Sie mußte das gar nicht versteckt tun, denn wieder blickte er durch sie hindurch in die Ferne. »Ja, das habe ich auch gehört.« Er sprach offensichtlich auch zu jemandem, der entweder weit entfernt oder in ihm selbst war. »Wenn Amadicia genauso zum Lord Drachen übergegangen ist wie Ghealdan, werde ich das Volk nach Tear führen, um sich dort in den Strahlen des Lord Drachen zu sonnen. Ich werde Jünger aussenden, die das Wort des Lord Drachen in Tarabon und Arad Doman verbreiten, in Saldaea und Kandor und den Grenzlanden, auch in Andor, und ich werde das Volk anführen, um zu Füßen des Lord Drachen zu knien.«
»Ein weiser Plan... äh... o Prophet des Lord Drachen.« Ein törichter Plan, soweit sie das beurteilen konnte. Das hieß aber nicht, daß es nicht klappen könnte. Törichte Pläne gingen aus irgendeinem Grund öfters auf, wenn Männer sie entworfen hatten. Rand würde es vielleicht sogar gefallen, wenn all diese Leute vor ihm knieten, falls er auch nur halb so arrogant geworden war, wie Egwene behauptete. »Aber wir... ich kann nicht warten. Ich bin herbeigerufen worden, und wenn uns der Lord Drache ruft, müssen wir einfachen Sterblichen gehorchen.« Eines Tages würde die Gelegenheit kommen, Rand für die Notwendigkeit, solche Worte in den Mund zu nehmen, eins überzuziehen! »Ich muß ein Schiff finden, das flußabwärts fährt.«
Masema sah sie so lange an, daß sie nervös wurde. Schweiß rann ihr den Rücken und zwischen den Brüsten hinunter, und das lag nur teilweise an der Hitze. Dieser Blick hätte selbst Moghedien zum Schwitzen gebracht.
Schließlich nickte er, und der feurige religiöse Eifer verflog und ließ nur seine übliche finstere Miene zurück. »Ja«, seufzte er. »Wenn Ihr gerufen wurdet, müßt Ihr gehen. Geht mit dem Licht und unter dem Licht. Kleidet Euch würdiger, denn diejenigen, die dem Lord Drachen nahestehen, müssen tugendhafter als alle anderen sein, und meditiert über den Lord Drachen und sein Licht.«
»Ein Flußschiff?« beharrte Nynaeve. »Ihr müßt es doch erfahren, wenn ein Schiff nach Samara kommt oder in einem der Dörfer am Fluß anlegt. Wenn Ihr mir nur einfach sagt, wo ich eines finden kann, dann würde das meine Reise sehr... beschleunigen.« Sie hatte zuerst sagen wollen: ›erleichtern‹, doch sie glaubte nicht, daß dies für Masema eine Rolle spielen würde. »Ich beschäftige mich nicht mit solchen Dingen«, sagte er gereizt. »Aber Ihr habt recht. Wenn der Lord Drache befiehlt, müßt Ihr auf dem Fuße folgen. Ich werde fragen. Falls man ein Schiff findet, wird irgend jemand mir das über kurz oder lang mitteilen.« Sein Blick schweifte zu den beiden Männern hinüber. »Ihr müßt bis dahin dafür sorgen, daß sie in Sicherheit ist. Falls sie darauf besteht, sich derart anzuziehen, wird sie Männer mit schmutzigen Gedanken verführen. Sie muß beschützt werden wie ein entlaufenes Kind, bis sie sich wieder beim Lord Drachen befindet.«
Nynaeve biß sich auf die Zunge. Eine Weide und keine Eiche, wenn es notwendig war, sich zu beugen. Sie brachte es fertig, ihren Ärger hinter einem Lächeln zu verbergen, das alle Dankbarkeit ausdrücken sollte, die sich dieser närrische Mann wünschen konnte. Allerdings war er ein gefährlicher Narr. Daran würde sie sich erinnern müssen.
Uno und Ragan verabschiedeten sich schnell, wobei sie sich alle wieder am Unterarm packten, und zogen sie hinaus, jeder an einem Arm, als hielten sie es aus irgendeinem Grund für notwendig, sie schleunigst von Masema wegzubringen. Der schien sie alle bereits vergessen zu haben, bevor sie noch an der Tür waren. Er runzelte schon wieder die Stirn, als er den drahtigen kleinen Mann erblickte, der mit einem derben Kerl in einem Bauernmantel wartete. Der Mann zerknüllte seine Kappe in den dicken Händen, und auf seinem breiten Gesicht stand Ehrfurcht geschrieben.
Sie sagte kein Wort, als sie wieder durch die Küche zurückgingen, wo die grauhaarige Frau mit der Zunge an ihren Zähnen entlangfuhr und dabei die Suppe rührte, als hätte sie sich in der Zwischenzeit überhaupt nicht bewegt. Nynaeve hielt noch immer den Mund, als die Männer sich ihre Waffen zurückholten, und auch dann noch, bis sie aus der Gasse heraus waren und auf etwas standen, das man allmählich als Straße bezeichnen konnte. Nun aber fuhr sie die beiden an, wobei sie ihnen abwechselnd drohend den Finger unter die Nase hielt. »Wie könnt Ihr es wagen, mich derart hinauszuzerren!« Leute, die gerade vorbeikamen, grinsten — Männer verständnisvoll und Frauen beifällig —, obwohl ja niemand eine Ahnung haben konnte, warum sie so auf sie einbrüllte. »Noch fünf Minuten, und ich hätte ihn soweit gehabt, daß er noch heute ein Schiff aufgetrieben hätte! Wenn Ihr mich jemals wieder anfaßt...« Uno schnaubte so laut, daß sie überrascht innehielt.