»Das«, verkündete Uno, »war Alliandre, Gesegnete des Lichts, Königin des verdammten Ghealdan. Und ein Dutzend weitere Titel, wie Ihr Südländer sie so gern sammelt.«
Nynaeve stieß mit dem großen Zeh gegen einen hervorstehenden Pflasterstein und wäre fast gestürzt. »Also auf diese Art setzt er sich durch«, rief sie und schüttelte ihre helfenden Hände ab. »Wenn schon die Königin dumm genug ist, auf ihn zu hören, dann ist es kein Wunder, daß er tun und lassen kann, was er will.«
»Sie ist alles andere als dumm«, sagte Uno in scharfem Ton. Er warf ihr einen finsteren Blick zu, bevor er sich wieder der Beobachtung der Straße zuwandte. »Eine weise Frau. Wenn Ihr euch verdammt noch mal auf einem wilden Pferd wiederfindet, dann haltet Ihr euch verflucht fest und laßt es laufen, wie es will, falls Ihr noch ein bißchen Verstand im Kopf habt. Ihr haltet sie für dumm, weil Masema ihre Ringe weggenommen hat? Sie ist verdammt schlau genug, um zu wissen, daß er mehr verlangen würde, wenn sie bei ihren Besuchen keinen Schmuck mehr trüge. Beim erstenmal hat er sie besucht, wenn es auch seither umgekehrt lief, und er hat ihr die Ringe einfach von den verfluchten Fingern gezogen. Sie hatte Perlenketten im Haar, und er hat sie zerrissen, als er sie herausgezogen hat. Alle ihre Hofdamen haben auf den Knien gelegen und die blutigen Dinger vom Boden aufgelesen. Alliandre hat sogar selbst welche gesammelt.«
»Das klingt aber in meinen Ohren keineswegs so weise«, beharrte sie tapfer. »Es hört sich nach Feigheit an.« Und wem zitterten die Knie, weil er sie scharf anblickte? fragte eine Stimme in ihrem Kopf. Wer schwitzte wie blöd? Nun, wenigstens hatte sie sich nicht von ihm unterkriegen lassen. Gewiß nicht. Sich wie eine Weide zu biegen ist doch nicht das Gleiche, als sich wie eine Maus zu verkriechen, oder? »Ist sie nun die Königin oder nicht?«
Die beiden Männer tauschten wieder einen dieser irritierenden Blicke, und Ragan sagte ruhig: »Ihr versteht das nicht, Nynaeve. Alliandre ist die vierte, die auf dem vom Licht Gesegneten Thron sitzt, seit wir nach Ghealdan kamen, und das war noch nicht einmal vor einem halben Jahr. Johanin trug die Krone, als Masema begann, die Massen an sich zu ziehen, aber er glaubte, Masema sei ein harmloser Verrückter und unternahm nichts, sogar noch, als die Massen seiner Anhänger ständig anwuchsen und seine Adligen von ihm verlangten, er solle dem Spuk ein Ende bereiten. Johanin starb bei einem Jagdunfall...«
»Jagdunfall!« warf Uno höhnisch ein. Ein Händler mit Bauchladen, der zufällig in seine Richtung blickte, ließ vor Schreck seine sämtlichen Nadeln und Fadenrollen fallen. »Es sei denn, er konnte kein verdammtes Ende eines Jagdspießes vom anderen unterscheiden. Verfluchte Südländer und ihr verfluchtes Spiel der Häuser!«
»Und Ellizelle war seine Nachfolgerin«, nahm Ragan den Faden wieder auf. »Sie ließ die Volksmengen vom Heer auseinandertreiben, bis es schließlich zum offenen Kampf kam und das Heer davongejagt wurde.«
»Verdammt schäbige Nachahmung von echten Soldaten«, knurrte Uno. Sie würde noch einmal mit ihm seiner Ausdrucksweise wegen ein Wörtchen reden müssen.
Ragan nickte zustimmend, fuhr aber mit dem fort, was er erzählen wollte: »Man behauptet, Ellizelle habe daraufhin Gift geschluckt, aber wie sie auch gestorben sein mag, sie wurde jedenfalls durch Teresia ersetzt, die sich nach ihrer Krönung genau zehn Tage halten konnte, bis sie die Gelegenheit ergriff, zweitausend Soldaten auf zehntausend Leute zu hetzen, die sich außerhalb von Jehannah versammelt hatten, um Masema zu hören. Nachdem ihre Soldaten in die Flucht geschlagen wurden, dankte sie ab und heiratete einen reichen Kaufmann.« Nynaeve starrte ihn ungläubig an, und Uno schnaubte. Der jüngere Mann beharrte jedoch darauf: »So sagt man jedenfalls. Natürlich bedeutet in diesem Land eine Ehe mit einem Nichtadligen, daß man für immer auf jeden Anspruch auf den Thron verzichtet. Was auch Beron Goraed davon halten mag, eine hübsche junge Frau von königlichem Geblüt zu haben, so haben ihn doch wohl ein paar Dutzend Dienstmannen Alliandras aus dem Bett gezerrt und zum Jheda-Palast geschleppt, um in aller Frühe die Hochzeit zu vollziehen. Teresia reiste ab, um auf den Landgütern ihres frischgebackenen Ehemannes zu wohnen, während Alliandre gekrönt wurde — alles noch vor Sonnenaufgang. Die neue Königin bestellte Masema in den Palast und teilte ihm mit, daß er nicht mehr behelligt werde. Innerhalb von zwei Wochen drehte sich die Lage, und sie wurde zu ihm zitiert. Ich weiß nicht, ob sie wirklich das glaubt, was er predigt, aber ich weiß, daß sie sich auf den Thron eines Landes am Rande des Bürgerkriegs setzte, mit den Weißmänteln dazu auf dem Sprung, einzumarschieren, und sie hat dem auf die einzige Art Einhalt geboten, die ihr blieb. Das ist eine weise Königin, und ein Mann könnte stolz darauf sein, ihr zu dienen, obwohl sie eine Südländerin ist.«
Nynaeve öffnete den Mund und vergaß, was sie hatte sagen wollen, als Uno ganz nebenbei erwähnte: »Irgendein verdammter Weißmantel verfolgt uns. Seht Euch nicht um, Frau. Ihr solltet es wirklich besser wissen.«
Ihr Hals versteifte sich, weil sie sich solche Mühe geben mußte, geradeaus zu blicken. Ein Schauder lief ihr den Rücken herunter. »Biegt an der nächsten Ecke ab, Uno.«
»Das bringt uns von den Hauptstraßen und dem verdammten Stadttor weg. Wir können ihn verflucht noch mal in der Menge abhängen.«
»Biegt ab!« Sie holte langsam Luft und bemühte sich, mit weniger schriller Stimme zu sprechen: »Ich muß ihn sehen.«
Uno blickte so wild drein, daß ihnen die Leute auf zehn Schritt im voraus aus dem Weg gingen, aber sie bogen in die nächste enge Straße ab. Als sie um die Ecke kamen, drehte sie unauffällig ein wenig den Kopf, bevor die Mauerkante einer kleinen Taverne ihr den Blick zurück verwehrte. Der schneeweiße Umhang mit dem strahlenden Sonnenaufgang hob sich deutlich von der Kleidung der übrigen Passanten ab. Dieses schöne Gesicht, von dem sie sicher gewesen war, daß es zu dieser Uniform gehörte, war unverkennbar. Kein anderer Weißmantel außer Galad hätte einen Grund gehabt, sie zu verfolgen, und niemand wäre auf die Idee gekommen, ausgerechnet Uno und Ragan hinterherzulaufen.
40
Das Rad webt
Sobald das Gebäude Galad verbarg, blickte Nynaeve schnell geradeaus und beobachtete die vor ihnen liegende Straße. Wut stieg in ihr auf, sowohl auf sie selbst wie auf Galadedrid Damodred. Du hirnloser Wollkopf! Sie befanden sich in einer engen Gasse wie so viele hier, mit runden Steinen gepflastert, rechts und links graue Ladengebäude und Wohnhäuser und Tavernen, von einer langsam dünner werdenden nachmittäglichen Menschenmenge belebt. Wenn du nicht in die Stadt gekommen wärst, hätte er dich nie entdeckt! Jedenfalls waren es nicht mehr genug Menschen, daß man sich dazwischen hätte verbergen können. Du mußtest ja unbedingt den Propheten sehen! Du mußtest unbedingt glauben, der Prophet würde dich wegzaubern, bevor Moghedien dich findet! Wann wirst du endlich lernen, dich auf niemanden zu verlassen als auf dich selbst? Einen Augenblick später hatte sie sich entschlossen. Wenn Galad um diese Ecke kam und sie nicht sah, würde er anfangen, in den Läden und vielleicht auch in den Tavernen zu suchen.
»Hier herüber.« Sie raffte ihre Röcke und huschte in die nächste Gasse, wo sie sich mit dem Rücken gegen die Mauer drückte. Niemand beachtete sie weiter, so unauffällig wie sie sich verhielt, und es interessierte sie nicht, was man über die Zustände in Samara sagte. Uno und Ragan standen neben ihr, bevor sie noch die Mauer berührte, und sie drängten sie noch ein Stück weiter in die staubige, ungepflasterte Gasse hinein, an einem alten, gesprungenen Eimer und einem Regenwasserbottich vorbei, der so ausgetrocknet war, daß er beinahe nach innen zusammenfiel. Wenigstens machten sie, was sie wollte. Auf gewisse Weise. Mit angespannten Muskeln und den Händen an den langen Griffen der Schwerter auf ihren Rücken waren sie bereit, sie zu beschützen, ob sie das nun wünschte oder nicht. Laß sie, du Närrin! Glaubst du etwa, du könntest dich selbst beschützen?