Manchmal.
»Ich hätte es von ihnen auch kaum angenommen, Nynaeve.« Galads Tonfall, noch trockener als der ihre, ließ wieder Zorn in ihr aufsteigen, doch als er fortfuhr, klang es eher verärgert als überheblich. Und besorgt. Das allerdings verstärkte ihren Zorn zusätzlich. Er verursachte bei ihr beinahe Herzklopfen, und er besaß die Stirn, sich auch noch Sorgen zu machen! »Ich weiß nicht, worin Ihr und Elayne hier wieder verwickelt seid, und es ist mir auch gleich, solange ich Euch heraushelfen kann, bevor man Euch etwas antut. Der Handel auf dem Fluß ist fast erlegen, aber innerhalb der nächsten Tage sollte doch einmal ein passendes Schiff hier anlegen. Laßt mich wissen, wo ich Euch finden kann, und ich werde Euch eine Passage nach irgendeinem Ort in Altara buchen. Von dort aus könnt Ihr dann nach Caemlyn weiterziehen.«
Unwillkürlich blieb ihr der Mund offen stehen. »Ihr meint damit, daß Ihr uns ein Schiff suchen werdet?«
»Das ist alles, was ich jetzt noch tun kann.« Es klang entschuldigend und er schüttelte dabei den Kopf, als sei er mit sich selbst uneins. »Ich kann Euch nicht selbst in Sicherheit bringen, denn ich muß hier meine Pflicht erfüllen.«
»Wir wollen Euch keineswegs von Euren Pflichten abhalten«, sagte sie, vielleicht ein wenig zu atemlos. Wenn er sie mißverstehen wollte, dann nur zu. Das, was sie sich am meisten von ihm wünschte, war lediglich, in Ruhe gelassen zu werden.
Er schien es für notwendig zu halten, sich zu verteidigen. »Es ist wohl kaum sicher, wenn ich Euch allein wegschicke, aber ein Schiff bringt Euch fort, bevor hier die ganze Grenzregion explodiert. Und das wird sie früher oder später. Es genügt bereits ein Funke, und der Prophet wird mit Sicherheit zuschlagen, selbst wenn kein anderer mithält. Ihr müßt dafür sorgen, daß Ihr schnell nach Caemlyn kommt, Ihr und Elayne. Alles, was ich verlange, ist Euer Versprechen, dorthin zu reisen. Die Burg ist nicht der richtige Ort für Euch beide. Oder für...« Er schloß schnell den Mund, doch er hätte genausogut fortfahren und den Namen Egwenes nennen können.
Es konnte nicht falsch sein, wenn auch Galad nach einem Schiff Ausschau hielt. Falls Masema durchaus vergessen konnte, ob er vorhatte, die Tavernen zu schließen oder nicht, war es auch möglich, daß er vergaß, jemanden auf die Suche nach einem Flußschiff zu schicken. Besonders, wenn ein solcher Anfall von Vergeßlichkeit im passenden Augenblick dafür sorgte, daß sie hierbleiben und ihm für seine eigenen Zwecke dienlich sein müßten. Es war bestimmt nicht falsch — falls sie Galad trauen konnte. Falls nicht, mußte sie einfach hoffen, er sei im Umgang mit dem Schwert doch nicht so gut, wie er sich das selbst einbildete. Ein düsterer Gedanke, aber er entsprach noch nicht einmal dem, was geschehen könnte und würde, sollte er sich als nicht vertrauenswürdig erweisen.
»Ich bin, was ich bin, Galad, und für Elayne gilt das gleiche.« Sich bei Masema um die Wahrheit herumzudrücken hatte einen schlechten Geschmack in ihrem Mund hinterlassen. Auf die Art der Weißen Burg drumherumreden war das einzige, was sie jetzt noch fertigbrachte. »Und Ihr seid, was Ihr jetzt eben seid.« Sie zog die Augenbrauen bedeutungsvoll hoch und deutete auf seinen weißen Umhang. »Diese Leute hassen die Burg, und sie hassen Frauen, die mit der Macht arbeiten können. Jetzt, da Ihr zu ihnen gehört, könnte es doch sein, daß innerhalb einer Stunde fünfzig von Euch hinter mir her sind und versuchen werden, mir einen Pfeil in den Rücken zu verpassen, falls sie mich nicht in eine Zelle schleppen können, oder? Mich und genauso auch Elayne.«
Galad zuckte irritiert mit dem Kopf. Oder vielleicht war er auch beleidigt? »Wie oft muß ich Euch das sagen? Ich würde niemals meiner Schwester Schaden zufügen lassen! Oder Euch.«
Es ärgerte sie unheimlich, sich darüber klar zu sein, daß sie sich über die Pause zwischen Elaynes Namen und ihrem eigenen geärgert hatte. Na und? Hatte er eben erst hinterher an sie gedacht. Sie war doch kein dummes Bauernmädel, das den Verstand verlor, weil ein Mann einen Blick hatte, der gleichzeitig schmelzend und unwahrscheinlich durchdringend war. »Wenn Ihr meint«, sagte sie, und sein Kopf ruckte wieder hoch.
»Sagt mir, wo Ihr Quartier bezogen habt, und ich bringe Euch die Kunde oder lasse sie überbringen, sobald ich ein geeignetes Schiff gefunden habe.«
Falls Elayne recht hatte, konnte er genausowenig lügen wie eine Aes Sedai, die ihre Drei Eide abgelegt hatte, und doch zögerte sie noch. Ein Fehler in dieser Angelegenheit könnte auch ihr letzter sein. Sie hatte wohl das Recht darauf, ihre eigenen Risiken einzugehen, aber hier war eben auch Elayne beteiligt. Und Thom und Juilin ebenfalls, denn sie war für die beiden verantwortlich, was sie selbst davon auch halten mochten. Doch sie war nun hier und mußte allein entscheiden. Genau besehen, war das wohl auch das Beste.
»Licht, Frau, was wollt Ihr denn noch von mir?« grollte Galad und hob die Hände ein Stück, als wolle er sie an den Schultern packen. Wie ein Blitz aus hellem Stahl war Unos Klinge zwischen ihnen, doch Elaynes Bruder schob sie einfach beiseite wie einen Zweig, der ihm im Weg war, und er beachtete sie nicht weiter. »Ich will Euch nicht schaden, weder jetzt noch jemals, das schwöre ich im Namen meiner Mutter. Ihr sagt, daß Ihr seid, was Ihr eben seid? Ich weiß, was Ihr seid. Und was Ihr nicht seid. Vielleicht zur Hälfte war der Grund, warum ich das trage«, er berührte einen Saum seines schneeweißen Umhangs, »weil Euch die Burg ausgesandt hat — Euch und Elayne und Egwene — das Licht mag wissen, warum, obwohl Ihr seid, was Ihr seid. Das war, als schicke man einen Jungen in eine Schlacht, der gerade erst gelernt hat, ein Schwert zu halten, und ich werde es ihnen niemals verzeihen. Ihr beide habt immer noch Zeit, Euch davon abzuwenden; Ihr müßt dieses Schwert nicht tragen. Die Burg ist zu gefährlich für Euch oder meine Schwester, besonders jetzt. Die halbe Welt ist mittlerweile zu gefährlich für Euch! Laßt mich helfen, Euch in Sicherheit zu bringen.« Die Anspannung wich aus seiner Stimme, doch sie klang nun rauher: »Ich bitte Euch, Nynaeve. Falls Elayne etwas zustoßen sollte... Ich wünschte so halb, Egwene sei bei Euch, damit ich... « Er fuhr sich mit einer Hand durch das Haar und blickte nach rechts und nach links, wohl im Bemühen, etwas zu entdecken, womit er sie überzeugen könne. Uno und Ragan hielten die Schwerter erhoben und bereit, sie ihm in den Leib zu stoßen, doch er schien sie gar nicht zu bemerken. »Im Namen des Lichts, Nynaeve, bitte erlaubt mir, zu tun, was mir möglich ist.«
Es war nur eine Kleinigkeit, die den Ausschlag für ihre Entscheidung gab. Sie befanden sich in Ghealdan. Amadicia war das einzige Land, in dem es offiziell als Verbrechen galt, wenn eine Frau die Macht benutzen konnte, und sie waren auf der anderen Seite des Flusses. Damit verblieb lediglich Galads Eid auf die Kinder des Lichts, der ihn zwingen könnte, gegen seine Pflicht Elayne gegenüber zu verstoßen. Sie glaubte, die Verwandtschaft werde sich in dieser Auseinandersetzung als stärker erweisen. Außerdem sah er wirklich einfach zu blendend aus, um ihn von Uno und Ragan töten zu lassen. Das hatte aber natürlich nichts mit ihrer Entscheidung zu tun. Selbstverständlich nicht.
»Wir sind bei Valan Lucas Truppe«, sagte sie schließlich.
Er blinzelte zunächst und runzelte die Stirn. »Valan Luca...? Meint Ihr damit etwa eine der Menagerien?« Ungläubigkeit und Abscheu schwangen in seiner Stimme mit. »Was im Namen des Lichts tut Ihr in solcher Gesellschaft? Die Leute, die solche Truppen führen, sind nicht besser als... Es macht nichts. Falls Ihr Geld benötigt, kann ich Euch welches geben. Genug, damit Ihr in eine anständige Schenke ziehen könnt.«
An seinen Worten zeigte sich die sichere Überzeugung, daß sie tun werde, was er wünschte. Nicht etwa: »Kann ich Euch mit ein paar Kronen aushelfen?« oder »Darf ich Euch ein Zimmer suchen?« Er glaubte, sie sollten in einer Schenke untergebracht werden, also würden sie in eine Schenke ziehen. Der Mann hatte sie vielleicht gut genug beobachtet, um vorauszusehen, daß sie sich in eine Gasse schleichen werde, aber wie es schien, kannte er sie überhaupt nicht. Außerdem gab es ja Gründe, bei Luca zu bleiben.