»Glaubt Ihr etwa, daß es in Samara noch ein Zimmer oder einen Heuboden gibt, der noch nicht besetzt wäre?« fragte sie ein wenig schnippischer, als sie vorgehabt hatte.
»Ich bin sicher, daß ich... «
Sie unterbrach ihn. »Der letzte Ort, an dem man nach uns suchen würde, ist eine der Menagerien.« Der letzte Ort zumindest, an dem alle außer Moghedien nach ihnen suchen würden. »Ihr seid doch auch der Meinung, daß wir uns soweit wie möglich verborgen halten sollen? Falls Ihr wirklich ein Zimmer finden solltet, ist es ziemlich wahrscheinlich, daß jemand anders hinausgewiesen würde. Ein Kind des Lichts, das ein Zimmer für zwei Frauen besorgt? Das würde den Tratsch geradezu herausfordern und die Blicke anziehen wie ein Abfallhaufen die Fliegen.«
Es gefiel ihm nicht. Er verzog das Gesicht und blickte Uno und Ragan so finster an, als sei es ihre Schuld. Immerhin hatte er genug Verstand, um es einzusehen. »Es ist kein angemessener Ort für eine von Euch, aber möglicherweise seid Ihr dort sicherer als irgendwo in der Stadt. Da Ihr wenigstens einverstanden wart, nach Caemlyn zu reisen, werde ich nichts mehr zu diesem Thema sagen.«
Sie machte eine nichtssagende Miene und ließ ihn denken, was er wollte. Wenn er glaubte, sie habe etwas versprochen, was sie keineswegs versprochen hatte, war das seine Angelegenheit. Aber sie mußte ihn soweit wie möglich von der Menagerie fernhalten. Der Anblick seiner Schwester in dieser pailettenbestickten weißen Hose würde einen Aufschrei hervorrufen, der jeden Ausbruch Masemas in den Schatten stellte. »Denkt aber daran, daß Ihr euch von der Menagerie fernhaltet. Jedenfalls, bis Ihr ein Schiff gefunden habt. Dann kommt bei Anbruch der Nacht zu den Wohnwagen der Truppe und fragt nach Nana.« Das gefiel ihm, wenn möglich, noch weniger, doch sie kam ihm energisch zuvor: »Ich habe kein einziges der Kinder des Lichts in den Vorstellungen gesehen. Wenn Ihr eine besucht, was glaubt Ihr, werden die Leute denken? Sie werden sich doch fragen, aus welchem Grund Ihr kommt!«
Sein Lächeln war immer noch berückend, doch zeigte er ein bißchen zu viele Zähne dabei. »Wie es scheint, habt Ihr auf alles eine Antwort. Habt Ihr wenigstens nichts dagegen, wenn ich Euch dorthin zurückbegleite?«
»Ich habe allerdings etwas dagegen! Es wird auch so schon genügend Gerüchte geben — denn hundert Leute müssen uns hier beobachtet haben, wie wir uns unterhielten...« Sie konnte die Straße nicht sehen, da sie von den drei Männern verdeckt wurde, aber sie zweifelte nicht daran, daß die Passanten immer noch neugierig in die Gasse hineinblickten. Dazu hielten Uno und Ragan nach wie vor die blanken Schwerter in den Händen. »... aber wenn Ihr mich zurückbegleitet, werden uns zehnmal so viele sehen!«
Sein schmerzhaft verzogenes Gesicht drückte sowohl Bedauern als auch Heiterkeit aus. »Auf alles eine Antwort«, knurrte er leise, »aber Ihr habt ja recht.« Ganz klar, daß er sich wünschte, es sei anders. »Hört mich, Schienarer«, sagte er und wandte sich ihnen zu. Seine Stimme klang plötzlich stählern. »Ich bin Galadedrid Damodred, und diese Frau steht unter meinem Schutz. Was ihre Begleiterin betrifft, wäre es für mich das kleinste Opfer, zu sterben, um sie vor Schaden zu bewahren. Falls Ihr gestattet, daß einer von ihnen auch nur das Geringste zugefügt wird, werde ich Euch suchen und töten.« Er beachtete die plötzliche gefährliche Ausdruckslosigkeit ihrer Mienen genausowenig wie ihre Schwerter und wandte sich zu ihr um. »Ich schätze, Ihr werdet mir auch jetzt nicht sagen, wo sich Egwene befindet?«
»Alles, was Ihr wissen müßt, ist, daß sie sich fern von hier befindet.« Sie faltete die Arme unter den Brüsten und spürte, wie ihr Herz hinter den Rippen stark klopfte. Machte sie vielleicht einen gefährlichen Fehler, nur eines hübschen Gesichts wegen? »Und sicherer, als irgend etwas sie machen könnte, was Ihr unternehmt.«
Er sah aus, als schenke er ihr keinen Glauben, ging aber nicht weiter darauf ein. »Mit etwas Glück finde ich innerhalb von ein oder zwei Tagen ein Schiff für Euch. Bis dahin bleibt immer bei der... Truppe dieses... Valan Luca. Benehmt Euch nicht auffällig und vermeidet jedes Aufsehen. Soweit das möglich ist bei dieser Haarfarbe. Und richtet Elayne aus, sie solle das nächste Mal nicht wieder vor mir davonlaufen. Das Licht war Euch gnädig, daß ich Euch noch unbeschadet vorgefunden habe, und es wird doppelt so gnädig sein müssen, um jeden Schaden von Euch abzuhalten, wenn Ihr versucht, auf eigene Faust durch Ghealdan zu ziehen. Die blasphemischen Schurken des Propheten sind überall, haben keinen Respekt vor dem Gesetz und vor anderen Menschen, und dabei habe ich noch gar keine Briganten mitgezählt, die ihren Vorteil aus diesem Durcheinander ziehen. Samara selbst ist ein Wespennest, aber wenn Ihr euch ganz still verhaltet und meine halsstarrige Schwester dazu bringt, daß sie dasselbe tut, dann finde ich einen Weg, Euch herauszuholen, bevor Ihr gestochen werdet.«
Es kostete sie Mühe, den Mund zu halten. Er übernahm das, was sie ihm gesagt hatte, und machte es zur Bedingung! Als nächstes würde der Mann vermutlich wollen, daß man Elayne und sie in Wolle einpackte und auf ein Regalbrett stellte. Wäre es nicht das Beste, wenn jemand das unternähme? fragte eine kleine Stimme in ihrem Inneren. Hast du nicht schon genug Unheil angerichtet, weil du unbedingt deinen Weg gehen mußtest? Sie sagte der Stimme energisch, sie solle ruhig sein. Die hörte nicht auf sie und begann statt dessen, alle möglichen Katastrophen und Beinahe-Katastrophen aufzuzählen, die auf ihre Sturheit zurückzuführen waren.
Er nahm ihr Schweigen offensichtlich für Zustimmung, wandte sich von ihr ab — und hielt inne. Ragan und Uno hatten ihm den Weg zur Straße versperrt. Sie sahen mit dieser trügerischen Gelassenheit im Blick zu ihr herüber, die sich so oft bei Männern zeigte, wenn sie kurz davor standen, gewalttätig zu werden. Die Luft schien zu knistern, bis sie ihnen mit einer schnellen Bewegung bedeutete, den Weg freizugeben. Die Schienarer senkten daraufhin ihre Klingen und traten zur Seite. Auch Galad nahm die Hand vom Heft seines Schwertes, schob sich an ihnen vorbei und verschwand in der Menge, ohne noch einmal zurückzublicken.
Nynaeve warf Uno und Ragan jeweils noch einen strafenden Blick zu, bevor sie dann in entgegengesetzter Richtung davonstolzierte. Nun hatte sie alles einmal richtig gut geplant, und dann hätten die beiden fast alles ruiniert. Männer schienen doch immer zu glauben, man könne alles mit Gewalt lösen. Hätte sie einen kräftigen Stock zur Hand, dann hätte sie damit am liebsten alle drei so lange verprügelt, bis sie Einsicht zeigten. Gewalt, pah!
Die Schienarer schienen jetzt aber wirklich einzusehen, daß sie ein Recht darauf hatte, ihnen böse zu sein, denn sie hatten die Schwerter wieder in die Scheiden auf ihren Rücken gesteckt und folgten ihr, ohne ein Wort zu sagen. Sie äußerten nicht einmal etwas, als sie zum zweitenmal falsch in eine Straße abbog und daraufhin zurückgehen mußte. Es war auch besser für sie, gerade in diesem Moment den Mund zu halten. Sie hatte endgültig genug davon, zu allem und jedem schweigen zu müssen. Zuerst Masema und dann Galad. Alles, was sie sich wünschte, war eine hauchdünne Ausrede, um endlich jemandem die Meinung sagen zu können. Besonders regte sie die kleine Stimme in ihrem Hinterkopf auf, die sie wohl soweit wie möglich verdrängt hatte, die aber einfach nicht aufgeben wollte.
Als sie sich schließlich wieder im geringen Verkehr auf der Lehmstraße außerhalb Samaras befanden, konnte sie den Einfluß des Stimmchens einfach nicht mehr leugnen. Sie machte sich Gedanken über Rands Arroganz, aber ihre eigene hatte sie selbst und andere so nahe an eine Katastrophe geführt, daß sie lieber nicht darüber nachdenken wollte. Im Falle Birgittes war sicherlich die Grenze überschritten, obwohl sie doch wenigstens lebte. Das Beste für Nynaeve wäre, sich mit niemandem mehr auseinanderzusetzen, auch nicht mit den Schwarzen Ajah und Moghedien, bevor nicht irgend jemand Kompetentes entschied, was weiter zu geschehen habe. Widerstand machte sich in ihr breit, aber den knüppelte sie jetzt mit der gleichen Härte nieder wie sonst den Thoms oder Juilins.