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Sie würde nach Salidar gehen und die ganze Sache den Blauen übergeben. So sollte es geschehen. Sie hatte entschieden.

»Habt Ihr etwas gegessen, was Ihr nicht vertragt?« fragte Ragan sie unschuldig. »Ihr habt den Mund verzogen, als hättet Ihr eine Handvoll Vogelbeeren gekaut.«

Sie warf ihm einen Blick zu, der ihn augenblicklich den Mund zuklappen ließ, und marschierte weiter. Die beiden Schienarer folgten Seite an Seite.

Was sollte sie nur mit ihnen anfangen? Natürlich gab es keinen Zweifel daran, daß sie sich die beiden auf irgendeine Weise zunutze machen würde. Allein schon ihre äußere Erscheinung war zu wirkungsvoll, um darauf zu verzichten. Außerdem würden zwei weitere Augenpaare —nun, drei Augen, um genauer zu sein; sie mußte sich nur an den Anblick von Unos Augenklappe gewöhnen, auch wenn es ihr schwerfiel — weitere Augen würden also nützlich sein, um möglicherweise noch eher ein Schiff zu entdecken. Alles in Ordnung, falls Masema oder Galad schneller wären, aber sie wollte die beiden möglichst nicht mehr als unbedingt notwendig über ihre Aktivitäten wissen lassen. Man konnte nie wissen, was der eine oder der andere unternehmen würde.

»Folgt Ihr mir nun, weil Euch Masema sagte, Ihr solltet auf mich aufpassen«, verlangte sie zu wissen, »oder weil Galad dasselbe von Euch forderte?«

»Welchen verdammten Unterschied macht das schon?« knurrte Uno. »Wenn Euch der Lord Drache gerufen hat, dann müßt Ihr verflucht...« Er brach ab und runzelte die Stirn, als sie mahnend den Zeigefinger hob. Ragan betrachtete den Finger, als sei er eine Waffe.

»Werdet Ihr Elayne und mir helfen, Rand zu finden?«

»Wir haben nichts Besseres zu tun«, sagte Ragan trocken. »Wie die Lage ist, werden wir Schienar erst wiedersehen, wenn wir grau und zahnlos sind. Wir können genausogut mit Euch nach Tear reiten, oder wo er sich eben aufhält.«

Daran hatte sie noch gar nicht gedacht, aber es war sinnvoll. Zwei weitere Männer, die Thom und Juilin bei der Erledigung ihrer Aufgaben helfen und sich beim Wachestehen mit ihnen abwechseln konnten. Es war überflüssig, sie wissen zu lassen, wie lange das dauern und wie viele Unterbrechungen und Umwege es unterwegs geben werde. Es konnte sogar sein, daß die Blauen in Salidar niemand von ihnen weiterziehen lassen würden. Denn sobald sie die Aes Sedai fanden, waren sie lediglich wieder Aufgenommene. Hör auf, daran zu denken! Du tust es einfach und dann wirst du ja sehen!

Die Menschenmenge, die vor Lucas aufdringlichem Schild wartete, schien ihr keineswegs kleiner als zuvor. Ein stetiger Strom von Menschen schob sich über die Wiesen zum Eingang hin, während sich ein zweiter aus dem Tor unter erstauntem Gemurmel über die erlebten Wunder nach draußen ergoß. Von Zeit zu Zeit kam eines der ›Keilerpferde‹ in Sicht, wenn es sich hinter der Segeltuchmauer auf die Hinterbeine stellte, und von denen, die draußen auf Einlaß warteten, waren laute ›Oooohs‹ und ›Aaaahs‹ zu hören. Cerandin wickelte wieder ihr volles Programm ab. Trotzdem achtete die Seanchanfrau sorgfältig darauf, daß ihre S'redit genügend Ruhepausen bekamen. Da war sie unbeugsam, was Luca auch vorhaben mochte. Männer taten schon, was man ihnen sagte, wenn man überhaupt keinen Zweifel daran ließ, daß nichts anderes in Frage kam. Für gewöhnlich jedenfalls.

Bevor sie das niedergetrampelte, braune Gras erreichte, blieb Nynaeve stehen und drehte sich zu den beiden Schienarern um. Sie bemühte sich wohl, ruhig dreinzublicken, aber die beiden sahen sie trotzdem entsprechend mißtrauisch an. Im Falle Unos war ihr das durchaus unangenehm, denn er zog auf eine Weise an seiner Augenklappe herum, daß ihr fast schlecht wurde. Die Menschen, die sich zum Eingang schoben oder von dort herausschlenderten, beachteten sie nicht.

»Dann eben nicht Masema oder Galad zuliebe«, sagte sie energisch. »Wenn Ihr mich weiterhin begleiten wollt, werdet Ihr tun, was ich sage. Sonst könnt Ihr Eurer eigenen Wege gehen, denn dann will ich nichts mit Euch zu tun haben.«

Natürlich mußten sie erst wieder Blicke tauschen, bevor sie nickend ihr Einverständnis kundtaten. »Wenn es verdammt noch mal so sein muß«, grollte Uno, »dann also gut. Wenn Ihr keinen habt, der verflucht auf Euch aufpaßt, werdet Ihr niemals überleben und den Lord Drachen erreichen. Irgendein Schaf von Bauer wird Euch zum Frühstück verspeisen, Eurer spitzen Zunge wegen.« Ragan warf ihm einen verdeckten Blick zu, der ihm wohl sagen sollte, er stimme ihm zu, zweifle aber daran, daß es geschickt gewesen sei, dies zu äußern. Wie es schien, zeigte Ragan deutliche Ansätze, zu einem klugen Mann zu werden.

Es genügte ihr, wenn sie ihre Bedingungen akzeptierten, ganz gleich, warum. Jetzt war ihr das genug. Später war noch genügend Zeit, sie zurechtzurücken.

»Ich bezweifle nicht, daß auch die anderen zustimmen werden«, sagte Ragan.

»Die anderen?« Sie riß die Augen auf. »Wollt Ihr damit sagen, daß es noch mehr außer Euch beiden gibt? Wie viele?«

»Wir sind jetzt zusammen nur noch fünfzehn. Ich glaube nicht, daß Bartu oder Nengar mitkommen.«

»Kriechen bei dem verfluchten Propheten.« Uno wandte den Kopf und spuckte übertrieben bedeutungsvoll aus. »Nur fünfzehn. Sar ist in den Bergen von dieser verdammten Felswand gestürzt, und Mendao mußte dieses idiotische Duell gleich gegen drei Jäger des Horns eingehen, und... «

Nynaeve hatte alle Mühe, an sich zu halten und nicht mit offenem Mund zu staunen. Fünfzehn! Sie war versucht, im Kopf schnell zusammenzurechnen, was es kosten würde, fünfzehn Männer zu beköstigen. Auch dann, wenn sie nicht besonders hungrig waren, aßen Thom oder Juilin bereits einzeln mehr als Elayne und sie zusammen. Licht!

Andererseits bestand bei fünfzehn schienarischen Begleitsoldaten vielleicht gar keine Notwendigkeit, auf ein Schiff zu warten. Natürlich war es die schnellste Art zu reisen, wenn man ein Flußschiff benützte. Sie erinnerte sich nun daran, was sie über Salidar gehört hatte. Es war eine kleine Stadt am Fluß oder zumindest in dessen Nähe, und man konnte mit einem Schiff direkt hinkommen. Doch eine Eskorte von Schienarern würde ihren Wagen auch absichern — gegen Weißmäntel oder Banditen oder auch Anhänger des Propheten. Allerdings war der Wagen viel langsamer. Und ein einzelner Wagen, der mit einer solchen Eskorte aus Samara abfuhr, würde Aufmerksamkeit erregen. Ein Wegweiser für Moghedien oder die Schwarzen Ajah. Um die sollen sich die Blauen kümmern, und damit Schluß.

»Was ist los?« fragte Ragan und Uno fügte entschuldigend hinzu: »Ich hätte wohl nicht erwähnen dürfen, wie Sakaru gestorben ist.« Sakaru? Das hatte er wohl erzählt, nachdem sie bereits nicht mehr hingehört hatte. »Ich verbringe nicht viel Zeit mit verd..., mit Damen. Ich vergaß, daß Ihr einen schwachen Magen... oh... äh... etwas empfindlich seid.« Wenn er nicht gleich aufhörte, an seiner Augenklappe zu zupfen, würde sie ihm zeigen, wie empfindlich ihr Magen wirklich war.

Die Anzahl änderte im Grunde nichts. Wenn zwei Schienarer als Begleitung gut waren, dann waren fünfzehn ein Geschenk des Lichts. Ihr Privatheer. Keine Sorgen mehr in bezug auf Weißmäntel oder Briganten oder gewaltsame Ausschreitungen und nicht einmal mehr daran, ob sie im Falle Galads vielleicht doch einen Fehler begangen habe. Wie viele Schinken konnten fünfzehn Mann wohl an einem Tag verzehren? Also dann, und mit energischer Stimme: »In Ordnung. Jeden Abend gleich nach Einbruch der Dunkelheit wird einer von Euch — einer, hört Ihr! — hierherkommen und nach Nana fragen. Unter diesem Namen kennen sie mich.« Sie hatte eigentlich keinen Grund, diesen Befehl zu geben, doch sie wollte ihnen angewöhnen, genau das zu tun, was sie sagte. »Elayne heißt hier Morelin, aber Ihr fragt nach Nana. Wenn Ihr Geld braucht, kommt zu mir und nicht zu Masema.« Sie mußte allerdings ein bedauerndes Seufzen unterdrücken, als sie das sagte. Sie hatten im Herd des Wohnwagens immer noch einiges an Gold, aber Luca hatte ja seine versprochenen hundert Goldkronen noch nicht verlangt, und er würde das nicht vergessen. Nun, falls nötig, war da ja noch immer der Schmuck. Sie mußte sichergehen, sie von Masema fernzuhalten. »Abgesehen davon wird sich keiner von Euch mir oder der Truppe nähern.« Sonst würden sie vermutlich eine Wache oder etwas ähnlich Unsinniges aufstellen. »Nicht, bevor nicht ein Flußschiff anlegt. In diesem Fall kommt Ihr aber sofort her. Verstanden?«