Выбрать главу

»Nein«, knurrte Uno. »Warum sollen wir uns verflucht noch mal fernh...?« Sein Kopf zuckte zurück, als ihr mahnender Zeigefinger beinahe seine Nase berührte.

»Erinnert Ihr euch daran, was ich Euch über Eure Ausdrucksweise gesagt habe?« Sie mußte sich zwingen, ihn streng anzuschauen, denn diese böse starrende rote Augenklappe drehte ihr den Magen herum. »Entweder Ihr denkt künftig daran, oder Ihr werdet feststellen, warum sich die Männer von den Zwei Flüssen anständig ausdrücken.«

Sie beobachtete ihn, wie er darüber nachdachte. Er kannte ihre Verbindung zur Weißen Burg nicht, wußte nur, daß da etwas war. Sie konnte durchaus eine Agentin der Burg oder in der Burg ausgebildet sein. Oder sogar eine Aes Sedai, wenn sie auch die Stola bestimmt noch nicht lange trug. Außerdem war die Drohung so vage gehalten, daß er seine schlimmsten Befürchtungen hineininterpretieren konnte. Diese Methode hatte sie schon lange gekannt, bevor Juilin sie einmal Elayne beschrieb.

Als ihr schließlich schien, daß ihre Anweisung hinreichend verstanden worden sei und bevor er Fragen stellen konnte, senkte sie die Hand. »Ihr werdet Euch aus dem gleichen Grund fernhalten wie Galad. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Und außerdem, weil ich es so will. Wenn ich jede meiner Entscheidungen erst mit Euch diskutieren muß, habe ich keine Zeit mehr für etwas anderes. Also macht das Beste daraus.«

Das war ein typischer Kommentar, wie ihn eine Aes Sedai gab. Außerdem hatten sie gar keine andere Wahl, wenn sie ihr helfen wollten, zu Rand zu kommen, und das glaubten sie ja. Also: Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Alles in allem war sie recht zufrieden mit sich, als sie die beiden nach Samara zurückschickte und an der wartenden Menge vorbei unter Lucas Schild hindurchschritt.

Zu ihrer Überraschung hatte ihre Truppe mittlerweile Verstärkung erhalten. Auf einer neuen Plattform unweit des Eingangs stand eine Frau in durchscheinender gelber Hose mit ausgestreckten Armen auf dem Kopf, auf jeder Hand ein Pärchen weißer Tauben. Nein, sie stand gar nicht auf dem Kopf. Die Frau hatte sich eine Art von Holzrahmen zwischen die Zähne geklemmt und balancierte darauf. Während Nynaeve verdattert zusah, senkte diese Akrobatin ihre Handflächen einen Augenblick lang auf die Plattform hinunter, während sie sich zusammenkrümmte, bis es schien, als sitze sie auf ihrem eigenen Kopf. Aber das reichte ihr immer noch nicht. Sie senkte nun die Beine vor sich und hob sie dann wieder empor, allerdings unter ihre Arme, woraufhin sie die Tauben auf ihre Fußsohlen hinübertrippeln ließ. Die waren nunmehr der höchste Punkt dieses verdrehten menschlichen Balles, zu dem sie sich verknotet hatte. Die Zuschauer schnappten nach Luft und applaudierten, doch der Anblick ließ Nynaeve schaudern. Er erinnerte sie zu deutlich daran, was Moghedien mit ihr angestellt hatte.

Aber deshalb will ich doch nicht die ganze Angelegenheit den Blauen übergeben, sagte sie sich im Stillen. Ich will nur nicht wieder eine Katastrophe auslösen. Das stimmte auch, doch sie fürchtete, beim nächsten Mal würde sie nicht so einfach und so leicht davonkommen. Das hätte sie vor niemandem sonst zugegeben. Sie gab es noch nicht einmal vor sich gern zu.

Sie warf noch einen letzten erstaunten Blick auf die Schlangenfrau. Wie diese Frau sich mittlerweile selbst verknotet hatte, würde ihr wohl immer rätselhaft bleiben. Dann wandte sie sich ab. Und erschrak, als Birgitte und Elayne plötzlich aus dem Durcheinander von Menschen an ihrer Seite heraustraten. Elayne hatte ihren Umhang geschlossen und verbarg so keusch den weißen Mantel und die Hose, während Birgitte stolz ihr tief ausgeschnittenes rotes Kleid zur Schau stellte. Sie stand sogar noch höher aufgerichtet da als sonst und hatte den Zopf auf dem Rücken hängen, um ja nichts zu verdecken. Nynaeve tastete nach dem Knoten, der ihren Schal an der Hüfte zusammenhielt und verwünschte den Anblick Birgittes, der sie nur zu sehr daran erinnerte, was sie selbst zeigen würde, machte sie den grauen Wollschal einmal los. Der Köcher hing am Gürtel der anderen, und sie trug den Bogen, den Luca für sie aufgetrieben hatte. Sicher war es doch heute schon viel zu spät, um noch ihre Schießkunststücke vorzuführen!

Ein Blick zum Himmel überzeugte Nynaeve allerdings davon, daß sie keineswegs recht behalten werde. Trotz aller Geschehnisse dieses Tages stand die Sonne immer noch ein gutes Stück über dem Horizont. Die Schatten waren wohl lang, aber nicht lang genug, um Birgitte davon abzuhalten, fürchtete sie.

Sie versuchte ihren Blick hoch zur Sonne zu vertuschen und nickte in Richtung der Frau mit der durchscheinenden Hose, die im Augenblick damit begann, sich zu etwas zu verknoten, das in Nynaeves Augen unmöglich erschien. Und das, obwohl sie immer noch auf dem Holzrahmen zwischen ihren Zähnen balancierte. »Wo kommt die denn her?«

»Luca hat sie angeheuert«, antwortete Birgitte gelassen. »Er hat auch noch ein paar Leoparden gekauft. Sie heißt Muelin.«

Während Birgitte wie das Urbild der beherrschten Kühle wirkte, bebte Elayne beinahe vor Erregung. »Wo sie herkommt?« sprudelte sie heraus. »Sie kam von einer Akrobatentruppe, die beinahe von der wütenden Volksmenge zerrissen worden wäre!«

»Davon habe ich gehört«, sagte Nynaeve, »aber das ist nicht so wichtig. Ich...«

»Nicht wichtig?« Elayne rollte die Augen in Richtung Himmel, als hoffe sie auf eine Erleuchtung. »Hast du auch gehört, warum? Ich weiß nicht, ob es die Weißmäntel waren oder dieser Prophet, aber jemand hat den Mob auf sie gehetzt, weil er glaubte...« Sie sah sich um, ohne innezuhalten, und senkte die Stimme, denn es war wohl niemand stehengeblieben, aber jeder Zuschauer starrte im Vorbeigehen die beiden Frauen an, die offensichtlich zu den Akrobaten der Truppe gehörten. »... daß eine Frau unter diesen Akrobaten möglicherweise eine gestreifte Stola trüge.« Das Wort ›Stola‹ betonte sie besonders. »Es sind Narren, wenn sie glauben, so eine befände sich in einer fahrenden Menagerie, aber gut, du und ich, wir tun das ja auch. Und du rennst einfach fort in die Stadt, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Wir haben alle möglichen Gerüchte gehört: Daß ein Glatzkopf dich über die Schulter geworfen und weggetragen habe, bis hin zu der Version, du hättest einen Schienarer geküßt und seist Arm in Arm mit ihm abgezogen.«

Nynaeve hatte den Mund noch nicht zu, da setzte Birgitte noch eins drauf: »Luca regte sich ganz schön auf, gleich bei welcher Version. Er sagte...« Sie räusperte sich und sprach mit tiefer Stimme: »›Also gefallen ihr harte Männer, ja? Na ja, ich kann auch so hart sein wie ein Maiskolben im Winter !‹ Und ab ging's, zusammen mit zwei Burschen, die Schultern wie die Steinbrecher hatten, um Euch zurückzuholen. Thom Merrilin und Juilin Sandar gingen auch mit, und ihre Laune war bestimmt nicht besser. Das hat wiederum Luca aufgeregt, aber alle waren so verstört ob Eures Verschwindens, daß sie keine Zeit hatten, aufeinander wütend zu werden.«

Einen Augenblick lang schien Nynaeve vollkommen verwirrt. Sie mochte harte Männer? Was meinte er denn damit? Dann verstand sie so langsam und stöhnte laut auf. »Ach, das ist genau das, was ich noch brauchen kann.« Und Thom rannte mit Juilin in Samara herum. Das Licht mochte wissen, was sie dort wieder anstellen würden.