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Die goldhaarige Frau warf ihr einen so scharfen Blick zu, daß sie schon fürchtete, die Schmeichelei übertrieben zu haben. Manche mochten solch offene Schmeicheleien nicht. Doch Morgase lehnte sich lediglich auf ihrem Stuhl zurück und nippte wieder an ihrem Wein. »Erzählt mir von ihm, von dem Mann, der uns angeblich retten und dabei vernichten wird.«

Erfolg. Oder zumindest ein Anfangserfolg. »Er ist — über die Frage der Einen Macht hinaus — ein gefährlicher Mann. Ein Löwe scheint faul und schläfrig, bis er plötzlich angreift. Dann ist er mit einemmal ungeheuer schnell und kraftvoll. Rand al'Thor scheint unschuldig, nicht faul, und naiv, aber nicht schläfrig, doch wenn er angreift... Er hat überhaupt nicht den nötigen Respekt vor Persönlichkeit und Rang. Ich habe nicht übertrieben, als ich sagte, er habe selbst Lords aufhängen lassen. Er ist ein Born der Anarchie. In Tear kann durch seine neuen Gesetze selbst ein Hochlord oder eine Hochlady vor den Magistrat geladen und dort zu Geldstrafen oder noch Schlimmerem verurteilt werden, und das auf die Anklage des gemeinsten Bauern oder Fischers hin. Er...«

Sie hielt sich genau an die Wahrheit, wie sie die Dinge sah. Wenn es nötig war, sagte sie die Wahrheit ebenso unverblümt, wie sie bei Bedarf log. Morgase schlürfte ihren Wein und lauschte. Alteima hätte glauben können, sie säße lediglich unaufmerksam da, aber an ihren Augen konnte sie ablesen, daß die Frau jedes Wort hörte und aufnahm. »Ihr müßt verstehen«, schloß Alteima also, »daß ich damit nur die Oberfläche gestreift habe. Rand al'Thor und was er in Tear getan hat, sind der Stoff für stundenlange Berichte.«

»Die Stunden werdet Ihr haben«, sagte Morgase und Alteima lächelte innerlich. Erfolg. »Ist es wahr«, fuhr die Königin fort, »daß er Aiel mit zum Stein brachte?«

»O ja. Große Wilde, deren Gesichter die Hälfte der Zeit über verschleiert sind, und selbst die Frauen sind allzeit bereit, eher zu töten als zuerst zu fragen. Sie folgten ihm wie Hunde, haben alle terrorisiert und aus dem Stein mitgenommen, was sie wollten.«

»Ich hatte das nur für ein wildes Gerücht gehalten«, überlegte Morgase laut. »Es hat ja letztes Jahr schon Gerüchte darüber gegeben, aber sie sind zwanzig Jahre lang nicht aus ihrer Wüste hervorgekommen, nicht mehr seit dem Aielkrieg. Die Welt kann es nicht gerade gebrauchen, daß dieser Rand al'Thor die Aiel wieder über sie bringt.« Ihr Blick wurde wieder schärfer. »Ihr sagtet ›mitgenommen‹. Sind sie nicht mehr dort?«

Alteima nickte. »Kurz bevor ich Tear verließ. Und er ist mitgegangen.«

»Mitgegangen!« rief Morgase erstaunt. »Ich fürchtete, er sei jetzt in Cairhien...«

»Hast du einen Gast, Morgase? Man hätte es mir sagen sollen, damit ich sie begrüße.«

Ein großer Mann schlenderte in den Raum, hochgewachsen, mit einem goldbestickten roten Seidenmantel angetan, der sich um seine breiten Schultern und den mächtigen Brustkorb spannte. Alteima mußte nicht erst den bewundernden Blick Morgases bemerken, um zu wissen, daß es sich um Lord Gaebril handelte. Die Selbstsicherheit, mit der er die Königin unterbrochen hatte, sprach Bände. Er hob einen Finger, und die Dienerin knickste und ging schnell hinaus. Er bat auch nicht erst um Morgases Erlaubnis, ihre Diener wegzuschicken. Er sah mit seinem dunklen Teint sehr gut aus, unwahrscheinlich gut sogar. Seine Schläfen waren wie weiße Flügel.

Alteima bemühte sich, ein nichtssagendes Gesicht zu machen und ein mehr oder weniger freundliches Lächeln aufzusetzen, wie man einen ältlichen Onkel ohne Macht, Reichtum und Einfluß begrüßte. Er mochte wohl ein prachtvolles Exemplar von Mann sein, aber selbst wenn er nicht zu Morgase gehörte, wäre er doch nicht der Typ, den sie zu manipulieren versuchen würde, es sei denn, es müßte unbedingt sein. Um ihn lag eine Ausstrahlung von Macht, die jene Morgases noch übertraf.

Gaebril blieb neben Morgase stehen und legte seine Hand mit einer vertrauten Geste auf ihre nackte Schulter. Sie hätte wohl beinahe ihre Wange an seinen Handrücken geschmiegt, doch sein Blick ruhte auf Alteima. Sie war daran gewöhnt, von Männern gemustert zu werden, aber dieser Blick machte sie nervös. Er war viel zu durchdringend und sah viel zuviel.

»Ihr kommt aus Tear?« Der Klang seiner tiefen Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken; ihre Haut, ja selbst ihre Knochen, gaben ihr das Gefühl, in eisig kaltes Wasser getaucht zu werden. Doch seltsamerweise verschwand ihre kurz aufgeflammte Furcht augenblicklich wieder.

Es war Morgase, die ihm antwortete. Alteima brachte den Mund nicht auf, während er sie so musterte. »Darf ich dir die Hochlady Alteima vorstellen, Gaebril? Sie hat mir von dem Wiedergeborenen Drachen berichtet. Sie befand sich im Stein von Tear, als er erobert wurde. Gaebril, es waren wirklich Aiel...« Ein Druck seiner Hand ließ sie verstummen. Ärger blitzte in ihren Augen auf, doch verschwand diese Regung blitzartig, und statt dessen strahlte sie ihn von unten her an.

Sein Blick, der immer noch auf Alteima ruhte, ließ sie wieder erschauern, und diesmal schnappte sie hörbar nach Luft. »Soviel zu reden muß dich doch ermüdet haben, Morgase«, sagte er, ohne den Blick von Alteima zu wenden. »Du arbeitest zuviel. Geh in dein Schlafgemach und schlafe ein wenig. Geh nur jetzt gleich. Ich werde dich aufwecken, wenn du genug geruht hast.«

Morgase stand augenblicklich auf, wobei sie ihn weiterhin hingebungsvoll anlächelte. »Ja, ich bin müde. Ich werde mich ein wenig hinlegen und schlafen, Gaebril.«

Sie schlüpfte ohne einen weiteren Blick auf Alteima aus dem Raum, doch deren Aufmerksamkeit galt ohnehin nur Gaebril. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und das Atmen fiel ihr schwer. Er war auf jeden Fall der bestaussehende Mann, den sie je erblickt hatte. Der tollste, stärkste, mächtigste... Superlative überschwemmten ihren Verstand und ertränkten ihn.

Gaebril beachtete Morgases Abgang genausowenig wie sie. Er nahm sich den Stuhl, auf dem die Königin gesessen hatte, und setzte sich bequem darauf zurecht, die Beine ausgestreckt. »Erzählt mir, warum Ihr nach Caemlyn gekommen seid, Alteima.« Wieder durchlief sie ein Beben. »Die absolute Wahrheit, aber macht es kurz. Ihr könnt mir später noch Einzelheiten berichten, wenn ich sie brauchen sollte.«

Sie zögerte nicht. »Ich habe versucht, meinen Mann zu vergiften, und mußte fliehen, bevor Tedosian und diese Schlampe Estanda mich statt dessen umbringen oder noch Schlimmeres mit mir anstellen konnten. Rand al'Thor wollte es ihnen gestatten, um ein Exempel zu statuieren.« Beim Erzählen krümmte sie sich unwillkürlich zusammen. Das aber nicht, weil es ein so wohlbehütetes Geheimnis gewesen war — nein, mehr als alles auf der Welt wollte sie ihm eine Freude machen, und sie fürchtete, er werde sie wegschicken. Doch er wollte die Wahrheit von ihr. »Ich habe Caemlyn zum Ziel genommen, weil ich Illian nicht ertragen kann, und obwohl Andor auch nicht viel besser ist, wurde Cairhien beinahe ganz zerstört. In Caemlyn kann ich einen reichen Mann finden, oder einen, der meinen Beschützer spielen möchte, wenn es notwendig ist, und dann seine Macht benützen, um... «

Er unterbrach sie mit einer Handbewegung und schmunzelte dabei. »Eine hinterhältige kleine Katze, aber hübsch. Vielleicht hübsch genug, um dich zu behalten, wenn ich dir vorher die Zähne und Klauen ziehe.« Plötzlich wurde sein Gesichtsausdruck eindringlicher. »Berichte mir alles, was du weißt, über Rand al'Thor und besonders über seine Freunde, falls er welche hat, seine Begleiter und Verbündete.«