»Ich will endlich wissen, was dir eigentlich im Kopf herumgespukt ist, als du so plötzlich verschwunden bist«, sagte Elayne, »doch hier verschwenden wir im Augenblick unsere Zeit.«
Nynaeve ließ es zu, daß sie mit ihr in der Mitte durch die Menge losmarschierten, aber trotz all dieser Neuigkeiten von Luca und den anderen war sie mit dem zufrieden, was sie an diesem Tag geleistet hatte. »Mit Glück sollten wir in ein oder zwei Tagen hier herauskommen. Wenn Galad kein Schiff für uns auftreibt, dann eben Masema. Wie sich herausstellte, ist er nämlich dieser Prophet. Du erinnerst dich doch noch an Masema, Elayne. Dieser Schienarer mit der ewig sauren Miene, den wir...« Ihr wurde bewußt, daß Elayne stehengeblieben war, und so hielt sie inne, damit die andere wieder aufholen konnte.
»Galad?« sagte die jüngere Frau ungläubig. Sie vergaß ganz, ihren Umhang geschlossen zu halten. »Du hast mit —mit Galad gesprochen? Und mit dem Propheten? Das mußt du haben, denn wie kämen sie sonst darauf, ein Schiff zu suchen? Hast du deinen Tee mit ihnen zusammen getrunken, oder hast du sie bloß einfach in einem Schankraum getroffen? In den dich zweifellos dieser glatzköpfige Mann geschleppt hatte. Vielleicht war auch der König von Ghealdan dabei? Würdest du mich bitte davon überzeugen, daß ich träume, damit ich aufwachen kann?«
»Beherrsch dich bitte«, sagte Nynaeve energisch. »Jetzt regiert hier eine Königin und kein König, und ja, sie war auch da. Und er hatte keinen Glatzkopf, sondern trug eine Skalplocke. Der Schienarer, meine ich. Nicht der Prophet. Der ist so kahl wie ein...« Sie funkelte Birgitte an, bis die mit ihrem Kichern aufhörte. Das Funkeln wurde ein wenig schwächer, als sie sich daran erinnerte, wer diese Frau war und was sie ihr angetan hatte, aber hätte die andere jetzt nicht schnell ihre Züge geglättet, dann hätten sie wohl gesehen, ob sie es wirklich fertigbrachte, Birgitte so lange zu ohrfeigen, bis sie schielte. Sie setzten sich wieder in Bewegung, und sie sagte, so beherrscht, wie es ihr nur möglich war: »Das ist also geschehen: Ich habe Uno getroffen, einen der Schienarer, die auch in Falme dabei waren, als er dich auf dem Seil bewunderte, Elayne. Er hält übrigens auch nicht mehr davon als ich, daß die TochterErbin von Andor ihre Beine so herzeigt. Wie auch immer, Moiraine hat sie von Falme aus hierhergeschickt, aber... «
Sie berichtete schnell alles, während sie sich durch die Menge schoben, und beachtete Elaynes immer erstauntere Ausrufe gar nicht. Alle Fragen beantwortete sie so knapp wie möglich. Trotz ihres schnell erwachenden Interesses an dem ständigen Wechsel auf dem Thron Ghealdans konzentrierte sich Elayne vor allem auf den genauen Wortlaut der Äußerungen Galads und auf die Frage, wieso Nynaeve so verrückt gewesen sei, ausgerechnet den Propheten anzusprechen, wer immer das nun auch sei. Sie benützte das Wort ›verrückt‹ so häufig, daß Nynaeve sehr an sich halten mußte, um nicht die Fassung zu verlieren. Sie zog vielleicht ihre Fähigkeit in Zweifel, Birgitte zu ohrfeigen, aber bei Elayne hätte sie keine Hemmungen, Tochter-Erbin hin oder her. Birgitte dagegen interessierte sich mehr für die Absichten Masemas einerseits und die Schienarer andererseits. Wie es schien, hatte sie bereits in früheren Leben mit den Männern aus den Grenzlanden zu tun gehabt, obgleich ihre Länder damals anders hießen. Sie hielt im großen und ganzen einiges von ihnen. Sie sagte eigentlich wenig, schien aber doch der Idee positiv gegenüberzustehen, an den Schienarern festzuhalten.
Nynaeve erwartete, daß die anderen auf ihre Neuigkeiten Salidar betreffend überrascht oder erregt reagieren würden, aber nichts dergleichen! Birgitte nahm es genauso selbstverständlich auf, als habe sie erzählt, sie würden heute abend mit Thom und Juilin zusammen essen. Offensichtlich hatte sie vor, bei Elayne zu bleiben, wohin auch immer das führen würde, und alles andere spielte kaum eine Rolle. Elayne selbst blickte zweifelnd drein. Zweifelnd!
»Bist du sicher? Du hast dich so angestrengt, um dich daran zu erinnern, und... Na, es scheint ja schon ein seltsamer Zufall zu sein, daß ausgerechnet Galad es dir gegenüber erwähnen sollte.«
Nynaeve kochte. »Natürlich bin ich sicher! Zufälle geschehen nun mal. Das Rad webt, wie das Rad es wünscht. Das hast du vielleicht auch schon einmal gehört. Ich erinnere mich jetzt auch daran, daß er es bereits in Sienda erwähnte, aber ich habe mich dort zu sehr mit dir und deiner Reaktion auf ihn beschäftigt, um...« Sie hörte mit Sprechen auf.
Sie waren auf einem langen, schmalen Streifen nahe der nördlichen Umzäunung angekommen, der mit Seilen abgesperrt war. An einem Ende stand etwas wie ein Teil eines Holzzaunes, zwei Schritt breit und zwei hoch. Die Zuschauer standen vier Reihen tief. Die Kinder kauerten vor ihnen oder klammerten sich an das Bein des Vaters oder den Rockzipfel der Mutter. Die Gespräche wurden lauter, als die Frauen erschienen. Nynaeve wäre auf dem Fleck stehengeblieben, aber Birgitte hatte sie am Arm gepackt, und so blieb ihr nichts übrig, als weiterzugehen.
»Ich dachte, wir gingen zu den Wohnwagen«, sagte sie lahm. Sie hatte vor lauter Reden nicht aufgepaßt, wohin sie gingen.
»Höchstens, wenn du willst, daß ich im Dunklen schieße«, erwiderte Birgitte. Es klang, als sei sie durchaus gewillt, es zu versuchen.
Nynaeve hätte lieber einen schlauen Kommentar abgegeben, aber sie quiekste nur erschrocken auf. Sie sah ausschließlich das Stückchen Zaun vor sich, als sie den langen Grasstreifen entlangschritten, und bemerkte die Zuschauer kaum. Selbst das immer stärker werdende Volksgemurmel klang irgendwie weit entfernt. Es war, als sei der Zaun eine Meile von dem Punkt entfernt, an dem Birgitte stehen sollte.
»Bist du sicher, daß er bei... bei unserer Mutter schwor?« fragte Elayne leicht verstimmt. Selbst auf diese Weise Galad als Bruder anzuerkennen fiel ihr schwer.
»Was? Ja. Das habe ich doch gesagt, oder? Hör zu. Wenn sich Luca in der Stadt befindet, weiß er nicht, was wir unternommen haben, und es könnte zu spät sein, bis er...« Nynaeve war bewußt, daß sie aus lauter Angst sinnlos drauflos redete, aber sie konnte nichts dagegen tun. Ihr war bisher noch nie bewußt gewesen, wie weit hundert Schritt tatsächlich waren. An den Zwei Flüssen schossen die erwachsenen Männer immer auf doppelt so weit entfernte Ziele. Aber da war sie keines dieser Ziele gewesen! »Ich denke, es ist wirklich schon sehr spät. Die Schatten... Das grelle Licht... Wir sollten das am Morgen tun. Wenn das Licht bes... «
»Wenn er bei ihr schwor«, unterbrach Elayne sie, als habe sie gar nicht hingehört, »dann hält er sich auch unter allen Umständen daran. Er würde eher einen Eid auf seine Errettung und Wiedergeburt brechen als den. Ich glaube... nein, ich weiß, daß wir ihm in diesem Fall vertrauen können.« Es klang aber nicht danach, als gefalle ihr das sonderlich.
»Das Licht ist gerade richtig«, sagte Birgitte, und in ihrer ruhigen Stimme schwang ein Hauch von Heiterkeit mit. »Vielleicht versuche ich es mit verbundenen Augen. Diese Zuschauermenge wünscht bestimmt, daß es möglichst schwierig aussieht, glaube ich jedenfalls.«
Nynaeve öffnete den Mund, aber nichts kam heraus. Diesmal hätte ihr schon ein Krächzen genügt. Birgitte leistete sich natürlich nur einen schlechten Scherz. Es konnte nicht anders sein.
Sie stellten sie mit dem Rücken an den groben Holzzaun, und Elayne begann, an dem Knoten in ihrem Schal zu ziehen, während Birgitte den Weg zurückging, den sie gekommen waren, und dabei einen Pfeil aus dem Köcher zog. »Diesmal hast du wirklich etwas Verrücktes angestellt«, knurrte Elayne. »Ich bin wohl sicher, daß wir auf Galads Eid vertrauen können, aber du konntest schließlich nicht wissen, was er zuvor alles anstellen würde. Und dann auch noch den Propheten anzusprechen!« Sie riß Nynaeve grob den Schal von den Schultern. »Du hattest schließlich nicht die geringste Ahnung, was er unternehmen würde. Du hast jedem Sorgen bereitet und alles riskiert!«