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»Ich weiß«, brachte Nynaeve gerade noch heraus. Die Sonne schien ihr ins Gesicht, und sie konnte Birgitte so gut wie nicht mehr erkennen. Doch Birgitte konnte sie sehen. Das war das Wichtigste.

Elayne blickte sie mißtrauisch an. »Das war dir klar?«

»Ich weiß, daß ich alles riskiert habe. Ich hätte mit dir sprechen und dich fragen sollen. Ich weiß, daß ich mich töricht verhalten habe. Man sollte mich ohne Aufpasserin überhaupt nicht hinauslassen.« Alles brach atemlos aus ihr heraus. Birgitte mußte sie doch gut erkennen können!

Aus Mißtrauen wurde Sorge. »Geht es dir gut? Wenn du das hier wirklich nicht tun willst... «

Dieses Weib glaubte doch glatt, sie habe Angst! Das konnte und wollte Nynaeve nicht auf sich sitzen lassen. Sie zwang sich zu einem Lächeln und hoffte, sie habe die Augen dabei nicht zu weit aufgerissen. Ihre Gesichtshaut war angespannt. »Natürlich will ich. Ich freue mich sogar darauf.«

Elayne zog zweifelnd die Augenbrauen hoch, nickte aber schließlich. »Und du bist ganz sicher, was Salidar betrifft?«

Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern setzte sich schnell zur Seite ab, wobei sie den Schal zusammenfaltete. Aus irgendeinem Grund konnte sich Nynaeve dieser Frage wegen nicht gebührend aufregen, genausowenig wie Elayne in der Lage gewesen war, ab zuwarten. Sie atmete so schnell, daß ihr die bange Befürchtung kam, ihr Busen könne oben aus dem tiefen Ausschnitt herausrutschen, doch selbst das konnte sie nicht aus ihrer Lähmung reißen. Der Sonnenschein blendete sie. Hätte sie geblinzelt, hätte sie vielleicht Birgitte gerade noch sehen können, aber ihre Augen entwickelten ein Eigenleben und wurden immer größer. Jetzt konnte sie ohnehin nichts mehr tun. Es war ihre Strafe dafür, unnötige Risiken einzugehen. Sie konnte nicht einmal Ärger darüber verspüren, daß sie bestraft wurde, nachdem alles so gut gelaufen war. Und Elayne glaubte ihr das mit Salidar nicht! Sie mußte alles mit stoischer Ruhe nehmen. Sie würde...

Anscheinend aus dem Nichts heraus krachte ein Pfeil in die Holzfläche und vibrierte direkt an ihrem rechten Handgelenk. Mit einem leisen klagenden Laut zerbrach der Anflug stoischer Ruhe. Sie hatte größte Mühe, ihre Knie durchzudrücken, damit sie nicht nachgaben. Der Luftzug von einem zweiten Pfeil streifte ihr anderes Handgelenk und brachte ein etwas höheres Quieken hervor. Sie hätte Birgittes Pfeile sowenig aufhalten können wie diese Angstlaute. Pfeil um Pfeil steigerte sich die Tonhöhe, und ihr schien es sogar, die Menge bejuble ihre Schreie. Je lauter sie schrie, desto lauter wurde gejubelt und applaudiert. Als die Pfeile schließlich den Umriß ihres Körpers vom Kopf bis zu den Knien auf die Holzfläche zeichneten, konnte man den Applaus nur noch als donnernd bezeichnen. Tatsächlich hinterließ dieser Abschluß sie leicht gereizt, denn die Menge strömte herein und drängte sich um Birgitte, während sie allein dastand und die Pfeilschäfte neben ihrem Körper betrachtete. Einige bebten immer noch. Sie zitterte ebenfalls.

Sie gab sich selbst einen Stoß und eilte zu den Wohnwagen, so schnell sie konnte, damit niemand bemerkte, wie weich ihre Knie wirklich waren. Nicht, daß irgend jemand überhaupt auf sie achtete. Alles, was sie vollbracht hatte, war, dazustehen und zu hoffen, daß Birgitte nicht niesen mußte oder plötzlich einen Juckreiz verspürte. Und morgen mußte sie das Ganze wieder durchmachen. Entweder das, oder sie mußte Elayne und, was noch schlimmer war, Birgitte, wissen lassen, daß sie sich zu sehr fürchtete.

Als Uno an diesem Abend kam und nach Nana fragte, sagte sie ihm überdeutlich, er solle gefälligst Masema auf die Füße steigen, soweit er das wage, und auch Galad suchen und ihm sagen, er müsse ganz schnell ein Schiff finden, was immer dazu nötig sei. Dann ging sie ohne Abendessen ins Bett und versuchte, sich selbst glauben zu machen, sie könne morgen Elayne und Birgitte davon überzeugen, daß sie zu krank sei, um sich vor die Wand zu stellen. Nur war sie eben sicher, daß die anderen sofort wüßten, was ihre Krankheit zu bedeuten habe. Daß sogar Birgitte vermutlich viel Mitgefühl zeigen würde, machte alles nur noch schlimmer. Einer dieser verfluchten Männer mußte einfach ein Schiff auftreiben!

41

Kin Toveres Handwerk

Rand hatte die eine Hand am Heft seines Schwerts, und die andere hielt den Seanchan-Speer mit den grünen und weißen Troddeln. Im Augenblick ignorierte er die anderen, die bei ihm unter den spärlichen Bäumen auf dem Hügel standen, und musterte konzentriert die drei Lager, die sich im Schein der Vormittagssonne unter ihm ausbreiteten. Drei klar getrennte Lager, und das war auch der Haken an der Sache. Dort lagerten alle Soldaten aus Cairhien und Tear, die er zur Verfügung hatte. Jeder weitere Mann, der ein Schwert oder einen Speer benutzen konnte, war in der Stadt eingepfercht oder befand sich das Licht allein mochte wissen wo.

Die Aiel hatten zwischen dem Jangai-Paß und hier ganze Horden von Flüchtlingen zusammengetrieben, und einige waren sogar aus eigenem Antrieb zu ihm gekommen, weil sie von Gerüchten angelockt wurden, diese Aiel töteten wenigstens nicht gleich jeden, der ihnen unter die Augen kam; oder aber sie waren zu niedergeschlagen und ihnen war alles egal, solange sie nur eine Mahlzeit bekamen, bevor sie starben. Zu viele von ihnen glaubten, sowieso sterben zu müssen — durch die Aiel oder den Wiedergeborenen Drachen oder in der Letzten Schlacht, die ihrer Meinung nach nun wohl jeden Tag kommen konnte. Es war durchaus eine größere Anzahl, allerdings meistens Bauern, Handwerker und Ladenbesitzer. Einige davon konnten einen Bogen oder eine Steinschleuder benutzen, um ein Kaninchen zu erlegen, aber es war kein einziger Soldat unter ihnen, und es fehlte auch an der Zeit, ihnen die Grundzüge beizubringen. Die Stadt Cairhien selbst lag wenig mehr als fünf Meilen entfernt im Westen, so daß sogar einige der berühmten ›unvollendeten Türme von Cairhien‹ über den Baumwipfeln zu sehen waren. Die Stadt zog sich über mehrere Hügel am Ufer des Alguenya hinweg und war vom Heer der Shaido Couladins und anderer, die sich ihm angeschlossen hatten, restlos umzingelt.

In einer planlosen Ansammlung von Zelten und Lagerfeuern in dem langgestreckten, aber nicht sehr tiefen Tal unterhalb von Rand lagerten etwa achthundert Tairener, voll gerüstete Männer. Beinahe die Hälfte von ihnen gehörte zu den Verteidigern des Steins. Sie trugen ihre glänzend polierten Brustharnische und geränderten Helme, und die Puffärmel an jedem Wams wiesen schwarze und goldene Streifen auf. Die anderen waren von etwa zehn Lords abgestellt worden, deren Flaggen und Wimpel im Mittelpunkt des Lagers einen Kreis um die Fahne des Hochlords Weiramon mit ihren silbernen Halbmonden und Sternen bildeten. An den Pfostenreihen zum Anpflocken der Pferde standen so viele Wachtposten, als erwarteten sie jederzeit einen Überfall.

Dreihundert Schritt entfernt davon wurden im zweiten Lager die Pferde genauso streng bewacht. Die Tiere waren von ganz unterschiedlicher Zucht. Nur wenige kamen den edlen Zuchtpferden aus Tear nahe, und wenn Rand sich nicht irrte, waren dort auch eine Reihe ehemaliger Ackergäule und Zugpferde angebunden. Es waren vielleicht hundert Mann mehr, die aus Cairhien kamen, als das Lager der Tairener umfaßte, doch hatten sie weniger Zelte, und die waren meist noch geflickt. Ihren Flaggen und Cons nach waren hier etwas mehr als siebzig Lords vertreten. Nur wenige Adlige Cairhiens besaßen noch Dienstmannen, und ihr Heer war bereits zu Beginn des Bürgerkriegs auseinandergelaufen.

Die letzte Ansammlung lag weitere fünfhundert Schritt entfernt im Tal, zumeist von Männern aus Cairhien besetzt, aber durch mehr als nur den Abstand von den anderen getrennt. Wohl war dieses Lager größer als die anderen beiden zusammen, aber man sah nur wenige Zelte oder Pferde. Keine Flaggen flatterten in diesem Lager, und nur die Offiziere trugen Cons, die kleinen Wimpel auf dem Rücken, die sie mit ihren bunten Farben für ihre Männer gut sichtbar machten. Sie hatten nichts mit irgendwelchen Adelshäusern zu tun. Die Infanterie mochte ja durchaus notwendig sein, aber nur sehr wenige Lords aus Tear oder Cairhien würden das jemals zugeben. Und ganz bestimmt wäre keiner damit einverstanden gewesen, ausgerechnet eine Infanterietruppe zu befehligen. Trotzdem war dieses Lager das am besten organisierte. Die Lagerfeuer waren in sauberen Reihen angeordnet, die langen Piken waren aufrecht in den Boden gesteckt worden, damit man sie sofort herausziehen konnte, und Gruppen von Bogen- oder Armbrustschützen waren die Reihen entlang verteilt. Lans Meinung nach hielt die Disziplin die Männer im Kampf am Leben, doch die Infanteriesoldaten waren eher bereit, daran zu glauben und danach zu handeln, als die Kavalleristen.