Angeblich arbeiteten die drei Gruppen zusammen und standen unter dem gleichen Befehl. Hochlord Weiramon hatte sie noch spät am Vortag aus dem Süden herangeführt. Aber die beiden Kavallerielager beobachteten sich gegenseitig mindestens genauso mißtrauisch wie die Aiel auf den Hügeln der Umgebung. Die Tairener zeigten dabei eine gewisse Verachtung, die von den Männern aus Cairhien damit beantwortet wurde, daß sie wiederum die dritte Gruppe ignorierten, die ihrerseits die beiden anderen mürrisch beobachtete. Rands Anhänger, seine Verbündeten und sie waren nur zu bereit, sich gegenseitig anzufeinden und nicht nur ihre gemeinsamen Feinde.
Rand tat weiterhin so, als inspiziere er die Lager, musterte aber statt dessen Weiramon, der ohne Helm und so kerzengerade aufgerichtet, als habe er einen Eisenstab im Rücken, in seiner Nähe stand. Zwei jüngere Männer, irgendwelche unbedeutenden Lords aus Tear, klebten ihm an den Fersen. Sie hatten sich die Barte schneiden und ölen lassen und ahmten so Weiramon nach, nur daß dessen Bart graue Strähnen aufwies. Selbst ihre Brustharnische, die sie über Wämser mit grellbunten Streifen geschnallt hatten, waren beinahe so kunstvoll wie seiner mit Gold verziert. Distanziert und abseits von allen anderen auf der Hügelspitze, dennoch aber nahe bei Rand, hätten sie auch auf irgendein martialisches Zeremoniell an einem Königshof warten können. Allerdings rann ihnen der Schweiß über die Gesichter. Aber das beachteten sie ebenfalls nicht.
Auf dem Siegel des Hochlords fehlten nur wenige Sterne, um demjenigen Lanfears gleichzukommen, aber der Bursche mit der langen Nase war nicht etwa Lanfear in neuer Verkleidung. Das vorwiegend graue Haar hatte er wie seinen Bart geölt und gekämmt, wohl in dem vergeblichen Versuch, zu verbergen, wie dünn es bereits war. Er war mit Verstärkungen aus Tear nach Norden gezogen, als er hörte, daß Aiel die Stadt Cairhien selbst angriffen. Statt umzukehren oder auf der Stelle zu lagern und abzuwarten, zog er weiter nordwärts, so schnell die Pferde nur konnten, und auf dem Weg sammelte er noch alles an zusätzlichen Kräften, was er auflesen konnte.
Das war das Gute an Weiramon. Das Schlechte war, daß er tatsächlich geglaubt hatte, den Ring der Shaido um Cairhien mit den Männern sprengen zu können, die er mitgebracht hatte. Er glaubte es noch immer. Und er war alles andere als glücklich darüber, daß Rand ihn nicht drauflosschlagen lassen wollte und daß er auch noch von Aiel umgeben war. Für Weiramon war ein Aiel so gut wie der andere. Das galt übrigens auch für die anderen. Einer der jungen Lords hielt sich jedesmal betont ein parfümiertes Taschentuch an die Nase, wenn er einen Aiel anblickte. Rand fragte sich, wie lange der Bursche überleben werde. Und was er dann unternehmen mußte, wenn der Kerl tot war.
Weiramon bemerkte, daß Rand ihn ansah, und räusperte sich. »Mein Lord Drache«, begann er, und es klang, als belle er heiser, »ein guter Angriff wird sie wie die Wachteln aufscheuchen.« Er klatschte sich mit den Handschuhen auf die Handfläche. »Infanterie wird niemals einem richtigen Kavallerieangriff widerstehen. Ich werde die Männer aus Cairhien hineinschicken, um sie aufzuscheuchen, und dann folge ich mit meinen...«
Rand unterbrach ihn. Konnte der Mann überhaupt nicht zählen? Sagte ihm die Anzahl der von hier aus sichtbaren Aiel nichts darüber, wie viele sich in der Umgebung der Stadt befanden? Es spielte keine Rolle. Rand hatte schon mehr gehört als ihm lieb war. »Ihr seid sicher in bezug auf die Nachrichten, die Ihr aus Tear gebracht habt?«
Weiramon blinzelte. »Nachrichten, mein Lord Drache? Was...? Ach das! Seng meine Seele, da ist doch nichts dran. Piraten aus Illian versuchen ziemlich oft, die Küstenstädte zu überfallen.« Sie ›versuchten‹ es keineswegs nur, wenn man dem trauen konnte, was der Mann bei seiner Ankunft berichtet hatte.
»Und die Angriffe auf der Ebene von Maredo? Machen sie das auch oft?«
»Ach, seng meine Seele, das sind doch nur Briganten.« Es klang eher wie eine Tatsachenfeststellung und nicht wie ein Protest. »Vielleicht sind nicht alle Illianer, aber Soldaten sind sie sicher nicht. Bei dem völligen Durcheinander, das die Illianer ständig anrichten, weiß man nie, wer an welchem Tag gerade die Oberhand hat, ob König oder Versammlung oder der Rat der Neun, aber wenn sie sich entschließen, in den Krieg zu ziehen, dann marschieren ihre Heere unter dem Zeichen der Goldenen Bienen gegen Tear. Dann schicken sie keine Banditen, die die Wagen der Kaufleute anzünden und Bauernhöfe an der Grenze überfallen. Darauf könnt Ihr euch verlassen!«
»Wenn Ihr meint«, erwiderte Rand so höflich, wie es ihm möglich war. Welche Macht die Versammlung oder der Rat der Neun oder Mattin Stepaneos den Baigar auch besitzen mochten, es war jedenfalls gerade soviel, wie Sammael ihnen überließ. Doch nur relativ wenige Menschen wußten überhaupt, daß sich die Verlorenen wieder in Freiheit befanden. Einige, die es wissen sollten, weigerten sich, daran zu glauben, oder ignorierten es einfach — als verschwänden die Verlorenen, wenn man bloß die Augen schloß — oder sie zogen es vor, zu glauben, wenn das geschehe, dann in einer vagen und möglichst fernen Zukunft. Es hatte gar keinen Zweck, Weiramon überzeugen zu wollen, gleich, welcher Gruppe er angehörte. Was der Mann glaubte oder nicht glaubte, änderte absolut nichts.
Der Hochlord blickte finster in das Tal zwischen den Hügeln hinab. Genauer gesagt, auf die beiden Lager der Männer aus Cairhien. »Niemand, der hier anständig regiert! Wie kann man da wissen, welches Pack sich so weit nach Süden verirrt hat?« Er verzog das Gesicht und klatschte noch lauter mit den Handschuhen auf seine Handfläche, bevor er sich umdrehte und wiederum Rand direkt ansprach: »Also, wir werden alle schnell genug zur Ordnung rufen, und das alles für Euch, mein Lord Drache. Wenn Ihr nur den Befehl erteilt, kann ich...«
Rand schob sich an ihm vorbei und hörte nicht mehr hin. Weiramon folgte ihm trotzdem und verlangte nach wie vor einen Angriffsbefehl. Die beiden anderen liefen ihm wie Hündchen hinterher. Der Mann war doch ein blinder Narr.
Sie waren natürlich nicht allein. Die Hügelspitze war sogar recht belebt. Zum einen hatte Sulin sie mit hundert Far Dareis Mai umstellt, und auch die letzte von ihnen wirkte noch sprungbereiter als die Aiel normalerweise. Sie konnten jeden Moment die Schleier anlegen. Und es war nicht allein die Nähe der Shaido, die Sulin so nervös machte. Obwohl Rand das Mißtrauen der Männer unten in den Lagern nicht zur Kenntnis nahm, befanden sich Enaila und zwei weitere Töchter immer in der Nähe Weiramons und der beiden jungen Lords, und je weiter sie sich Rand näherten, desto kampfbereiter wirkten die Töchter.
Nicht weit entfernt stand Aviendha mit einem Dutzend oder mehr Weisen Frauen, die Schals um die Ellbogen gewickelt und alle außer ihr mit Armreifen und Halsketten geschmückt Überraschenderweise war es eine knochige, weißhaarige Frau, noch älter sogar als Bair, die die Führung übernommen zu haben schien. Rand hätte eher Amys oder Bair erwartet, doch selbst diese beiden schwiegen, wenn Sorilea sprach. Melaine stand bei Bael, so in der Mitte zwischen den anderen Weisen Frauen und den übrigen Clanhäuptlingen. Sie zupfte immer wieder am Wams von Baels Cadin'sor herum, als könne er sich nicht selbst anziehen, und er wirkte wie ein geduldiger Mann, der sich eben immer wieder selbst an all die Gründe erinnerte, aus denen er geheiratet hatte. Es mochte eine persönliche Angelegenheit sein, aber Rand glaubte eher, daß die Weisen Frauen wieder einmal versuchten, die Clanhäuptlinge massiv zu beeinflussen. War dies der Fall, dann würde er die Einzelheiten bald genug zu hören bekommen.