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»Vorsichtig. Vorsichtig habe ich gesagt! Wenn ihr mutterlosen Wiesel auch nur eine Linse aus der Fassung stoßt, werde ich euch die hirnlosen Köpfe einschlagen! Mach es richtig fest, Jol. Fester! Wenn es runterfällt, während der Lord Drache hindurchblickt, springt ihr beiden am besten gleich hinterher. Nicht nur seinetwegen. Wenn ihr mein Werk kaputt macht, werdet ihr euch anschließend wünschen, ihr hättet euch gleich damit die eigenen dummen Schädel eingeschlagen.«

Jol und der andere Bursche, Cail, setzten ihre Arbeit nicht sonderlich beeindruckt fort. Sie waren seit Jahren an Kin Toveres Benehmen gewöhnt. Rand war auf die Idee zu diesem ganz besonderen Turm gekommen, als er unter den Flüchtlingen einen Handwerker und seine beiden Lehrlinge angetroffen hatte, die Linsen und Brillen herstellten.

Zuerst bemerkte keiner der drei, daß sie nicht mehr allein waren. Die Clanhäuptlinge klommen auf leisen Sohlen nach oben, und Toveres Schimpfkanonade übertönte die Tritte von Rands Stiefeln. Rand selbst war überrascht, als hinter Bael Lans Kopf in der offenen Falltür auftauchte; Stiefel oder nicht, jedenfalls bewegte sich der Behüter genauso leise wie die Aiel. Und selbst Han überragte die Männer aus Cairhien noch um einen Kopf.

Schließlich bemerkten sie die Neuankömmlinge, und daraufhin fuhren die Lehrlinge mit weit aufgerissenen Augen zusammen, als hätten sie noch niemals Aiel erblickt. Dann verbeugten sie sich ungeschickt vor Rand und blieben mit krummem Buckel stehen. Der Linsenmacher war beim Anblick der Aiel ebenfalls zusammengezuckt, fing sich aber schnell wieder, verbeugte sich knapp und wischte sich dabei wieder über die Glatze.

»Sagte Euch ja, ich würde das zweite heute fertigstellen, mein Lord Drache.« Tovere brachte es fertig, gleichzeitig respektvoll und doch genauso knurrig wie vorher zu klingen. »Eine wunderbare Idee, dieser Turm. Ich wäre nie darauf gekommen, aber sobald Ihr mich fragtet, wie weit Ihr mit einer Brille sehen könntet... Gebt mit Zeit, und ich baue Euch eins, mit dem Ihr von hier aus Caemlyn sehen könnt. Wenn der Turm hoch genug ist«, fügte er noch kritisch hinzu. »Es gibt Grenzen.«

»Was Ihr bis jetzt vollbracht habt, ist mehr als genug, Meister Tovere.« Jedenfalls mehr, als Rand erwartet hatte. Er harte bereits einen Blick durch das erste Fernrohr geworfen.

Jol und Cail standen immer noch gebückt da und hatten die Köpfe gesenkt. »Am besten bringt Ihr jetzt Eure Lehrlinge hinunter«, sagte Rand, »damit es hier nicht ganz so eng wird.«

Es war Platz für mindestens viermal so viele, doch Tovere stupste Cail augenblicklich mit einem dicken Zeigefinger an die Schulter. »Kommt mit, ihr nichtsnutzigen Stallburschen. Wir stehen dem Lord Drachen im Weg.«

Die Lehrlinge richteten sich kaum merklich auf, folgten ihm aber mit staunenden Seitenblicken auf Rand, der sie noch mehr zu beeindrucken schien als die Aiel, und verschwanden schließlich in der Luke. Cail war ein Jahr älter als Rand und Jol zwei. Beide waren in größeren Städten geboren worden, als er sie sich je hatte vorstellen können, ehe er die Zwei Flüsse verließ, Cairhien besuchte und den König wie auch die Amyrlin sah, wenn auch nur aus der Entfernung. Zur Zeit ihrer Geburt hatte er noch Schafe gehütet. Höchstwahrscheinlich wußten sie in mancher Hinsicht auch heute noch mehr von der Welt als er. Er schüttelte den Kopf und bückte sich, um durch das neue Fernrohr blicken zu können.

Cairhien sprang förmlich in sein Blickfeld. Der Wald, der jemandem von den Zwei Flüssen sowieso nicht besonders dicht vorkam, endete natürlich ein ganzes Stück vor der Stadt. Die Stadtmauer war hoch, grau, und bildete ein perfektes Quadrat am Flußufer, ein auffälliger Gegensatz zu den fließenden Wellen der Hügel. Innerhalb der Stadt erhoben sich weitere Türme nach einem präzise ausgerichteten Muster genau an den Schnittpunkten eines Gitters. Manche waren zwanzigmal so hoch wie die Mauer oder noch höher, doch alle waren von Gerüsten umgeben. Man baute immer noch an den legendären ›unvollendeten‹ Türmen, nachdem sie im Aielkrieg ausgebrannt waren.

Als er die Stadt das letzte Mal gesehen hatte, war sie von einer zweiten Stadt umgeben gewesen, dem Vortor, einem verwirrenden Fuchsbau aus Holzhäusern, so farbig und lärmend, wie Cairhien selbst nüchtern wirkte. Nun sah man davon nur noch verbrannte Erde, Asche und verkohlte Balken und dahinter die Stadtmauer. Ihm war nicht klar, wie man verhindert hatte, daß das Feuer auf die Stadt Cairhien selbst übergriff.

Fahnen flatterten an jedem Turm der Stadt, zu fern, um sie klar ausmachen zu können, doch Kundschafter hatten sie ihm beschrieben. Zur Hälfte trugen sie die Halbmonde Tears, zur anderen Hälfte, was nicht überraschte, kopierten sie das Drachenbanner, das er über dem Stein von Tear zurückgelassen hatte. Keine einzige zeigte die Aufgehende Sonne Cairhiens.

Er verschob das Fernrohr nur ein klein wenig, doch die Stadt verschwand aus seinem Blickfeld. Auf dem entgegengesetzten Flußufer standen immer noch die rußgeschwärzten Ruinen der Kornhäuser. Einige der Flüchtlinge, mit denen sich Rand unterhalten hatte, behaupteten, gerade die Brandstiftung an den Kornhäusern habe zu Ausschreitungen und anschließend zum Tod König Galldrians geführt und damit letztendlich zum Bürgerkrieg. Andere meinten, die Ermordung Galldrians habe die Straßenkämpfe und das Brandschatzen hervorgerufen. Rand bezweifelte, daß er jemals die Wahrheit darüber erfahren würde, was nun eigentlich am Bürgerkrieg schuld gewesen war.

Eine Anzahl ausgebrannter Schiffsrümpfe lag an beiden Ufern des breiten Flusses, aber keiner davon nahe der Stadt. Die Aiel fühlten sich nicht wohl —Furcht konnte man es wohl nicht nennen —, wenn sie sich in der Nähe einer Wasserfläche befanden, die sie nicht durchwaten oder mit einem Schritt überqueren konnten. Doch Couladin hatte es fertiggebracht, sowohl oberhalb wie auch unterhalb von Cairhien Sperren aus schwimmenden, zusammengebundenen Baumstämmen über den Alguenya zu legen, und er hatte genügend Männer als Wachen abgestellt, damit niemand sie beseitigte. Den Rest hatten Brandpfeile erledigt. Nichts außer Ratten und Vögeln konnte nun ohne Couladins Genehmigung Cairhien betreten oder verlassen.

Auf den Hügeln in der Umgebung der Stadt waren wenige Anzeichen eines belagernden Heeres zu entdecken. Hier und da erhoben sich Geier schwerfällig in die Luft. Zweifellos genossen sie ein Festmahl aus den Überresten des einen oder anderen vergeblichen Ausbruchsversuchs, aber Shaido waren nicht in Sicht. Aiel ließen sich eben selten blicken, es sei denn, sie legten Wert darauf, gesehen zu werden.

Halt. Rand bewegte das Fernrohr ein wenig zurück, um einen baumlosen Hügel vielleicht eine Meile vor der Stadtmauer genauer zu betrachten. Eine größere Gruppe von Männern. Die Gesichter konnte er nicht erkennen und auch sonst nicht viel außer der Tatsache, daß sie alle den Cadin'sor trugen. Noch etwas. Einer dieser Männer hatte seine Arme nicht bedeckt. Couladin. Rand war sicher, sich das nur einzubilden, aber wenn Couladin sich bewegte, glaubte er das Glitzern metallischer Schuppen zu sehen, die die Unterarme des Mannes umspannten und so seine eigenen imitierten. Das war Asmodeans Werk, und es war lediglich ein Versuch gewesen, Rands Aufmerksamkeit abzulenken, während Asmodean an der Durchführung seiner eigenen Pläne gearbeitet hatte, doch wie wäre wohl alles verlaufen, hätte der Verlorene nicht zu dieser Maßnahme gegriffen? Ganz bestimmt stünde er dann jetzt nicht auf diesem Turm, beobachtete eine belagerte Stadt und wartete auf eine Schlacht.

Plötzlich schoß auf jenem fernen Hügel etwas kaum Wahrnehmbares durch die Luft, und zwei der Männer stürzten um sich schlagend zu Boden. Couladin und die anderen starrten genauso betäubt wie Rand auf die gefallenen Männer, die beide offensichtlich vom gleichen Speer durchbohrt worden waren. Rand drehte das Fernrohr ein wenig und suchte den Mann, der mit solcher Gewalt geworfen hatte. Er mußte wohl entweder sehr tapfer oder sehr töricht sein, daß er sich ihnen so weit genähert hatte. Rand mußte bald seinen Suchbereich erweitern, bis er schließlich jenseits jeder möglichen Reichweite eines menschlichen Arms suchte. Ihm kam der Gedanke, es könne sich um einen Ogier handeln, wenn das auch nicht sehr wahrscheinlich war, denn es brauchte schon einiges, um einen Ogier zur Gewaltanwendung zu verführen, aber dann erblickte er einen weiteren undeutlich aufblitzenden — Speer?