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Der springende Punkt in diesem Augenblick war, daß er über eine Abreise hatte nachdenken können, ohne Gewissensbisse zu empfinden. Es war noch nicht lange her, daß er unfähig gewesen war, auch nur davon zu sprechen. Wenn er sich zu weit von Rand entfernte, fühlte er sich zu ihm zurückgezogen wie ein Fisch an einer unsichtbaren Angel. Dann wurde es ihm möglich, es wenigstens auszusprechen, doch die kleinste Kleinigkeit brachte ihn wieder davon ab und ließ ihn alle Pläne, sich heimlich davonzustehlen, verschieben. Sogar in Rhuidean, als er Rand erklärt hatte, er werde gehen, war er sicher gewesen, daß noch etwas dazwischenkommen würde. Das war auch auf gewisse Weise so gekommen; Mat war wohl aus der Wüste herausgelangt, aber nicht weiter von Rand entfernt als zuvor. Diesmal aber, so glaubte er, würde ihn nichts mehr davon abbringen.

»Es ist doch nicht so, daß ich ihn im Stich ließe«, knurrte er. »Wenn er verdammt noch mal jetzt noch nicht auf sich selbst aufpassen kann, dann wird er es nie lernen. Ich bin doch nicht sein verfluchtes Kindermädchen.«

Er leerte den Pokal, zwängte sich in seinen grünen Mantel, steckte seine Messer in die verborgenen Scheiden, legte sich einen dunkelgelben Seidenschal so um den Hals, daß die Narbe, wo man ihn aufgehängt hatte, verdeckt war, schnappte sich seinen Hut und ging gebückt aus dem niedrigen Zelt.

Die Hitze erschlug ihn fast nach der relativen Kühle im schattigen Zelt. Er war nicht sicher, wie sich die Jahreszeiten hier entwickelten, doch der Sommer zog sich für seinen Geschmack schon zu lange hin. Etwas, auf das er sich in der Wüste gefreut hatte, war der Einbruch des Herbstes in den Ländern jenseits der Drachenmauer. Ein wenig Kühle. Kein Glück gehabt.

Wenigstens hielt die breite Hutkrempe die schlimmste Sonnenglut von seinen Augen ab. Diese hügeligen Wälder in Cairhien waren bedauernswert: mehr Lichtungen als Bäume, und die Hälfte färbte sich bei dieser Trockenheit bereits braun. Zu Hause im Westwald würde sich noch kein brauner Fleck zeigen. Überall standen die niedrigen Aielzelte, doch auf eine gewisse Entfernung wirkten sie wie ein Haufen abgestorbener Blätter oder eine kahle Bodenerhebung, und selbst da, wo man die Seitenwände hochgezogen hatte, waren sie nur schwer zu erkennen. Die Aiel, die geschäftig umherliefen, beachteten ihn nicht weiter.

Von einer hochgelegenen Stelle auf seinem Weg durch das Lager aus erhaschte er einen Blick auf Kaderes Wagen, die im Kreis aufgestellt worden waren. Die Fahrer lagen im Schatten unter ihren Gefährten, und der Händler war nirgends zu sehen. Kadere blieb immer häufiger in seinem Wohnwagen und steckte kaum noch die Nase heraus, außer wenn Moiraine kam, um die Ladung zu inspizieren. Die Aiel, die seine Wagen in kleinen Gruppen mit Speer und Schild, Bogen und Köcher bewehrt umstanden, bemühten sich gar nicht, etwas anderes als Wachtposten darstellen zu wollen. Moiraine schien zu glauben, Kadere oder einige seiner Männer würden versuchen, sich mit den aus Rhuidean stammenden Gegenständen heimlich davonzumachen. Mat fragte sich, ob Rand überhaupt bewußt sei, daß er ihr alles gab, was sie von ihm wollte. Eine Zeitlang hatte Mat geglaubt, Rand habe endlich die Oberhand gewonnen, aber da war er sich nun nicht mehr sicher, selbst als Moiraine beinahe noch vor Rand geknickst und ihm die Pfeife herbeigetragen hätte.

Rands Zelt stand natürlich allein für sich auf einer Hügelkuppe, und diese rote Flagge hing an ihrem Mast davor. Sie flatterte in der leichten Brise, und dabei breitete sie sich manchmal so weit aus, daß man die schwarzweiße Scheibe erkennen konnte. Das Ding jagte Mat genauso eine Gänsehaut ein wie vorher das Drachenbanner. Wenn ein Mann es vermeiden wollte, in Angelegenheiten der Aes Sedai verwickelt zu werden, so wie jeder Mann, der nicht gerade ein Idiot war, war es eigentlich das Allerletzte, ausgerechnet mit diesem Sinnbild herumzuwedeln.

Die Abhänge dieses Hügels waren leer, doch um seinen Fuß zog sich ein Ring von Zelten der Töchter des Speers. Weitere standen zwischen den Bäumen an den Hängen der unmittelbaren Umgebung. Auch das war ganz normal, genau wie das Lager der Weisen Frauen innerhalb jenes der Far Dareis Mai: Dutzende niedriger Zelte in Rufweite von Rands Hügel, zwischen denen weißgekleidete Gai'schain geschäftig umhereilten.

Nur wenige der Weisen Frauen waren gerade zu sehen, doch das machten sie durch die kritischen Blicke wett, die sie ihm zuwarfen. Er hatte keine Ahnung, wie viele aus dieser Gruppe die Macht benützen konnten, aber wenn es um abwägende und abschätzende Blicke ging, standen sie den Aes Sedai in nichts nach. Er schritt schneller voran und bemühte sich, die Schultern nicht einzuziehen, obwohl er sich nicht gerade wohl fühlte. Er spürte ihre Blicke, als bohre sich ein Stock in seinen Rücken. Und auf dem Rückweg würde sich das ganze Spießrutenlaufen wiederholen. Nun, ein paar Worte mit Rand, und dann mußte er sich das zum letztenmal gefallen lassen.

Als er den Hut abnahm, sich duckte und in Rands Zelt trat, befand sich niemand darin außer Natael, der auf den Kissen saß, die vergoldete, drachenbeschnitzte Harfe ans Knie gelehnt hatte und einen goldenen Kelch in der Hand hielt.

Mat schnitt eine Grimasse und fluchte leise. Das hätte er eigentlich wissen müssen. Falls Rand anwesend wäre, hätte er einen Kreis von Töchtern rund um das Zelt passieren müssen. Höchstwahrscheinlich befand er sich oben auf dem neuerbauten Turm. Das war eine gute Idee gewesen. So konnte man das Terrain besser kennenlernen. Das war so etwas wie die zweite Grundregel, die gleich nach der ersten kam: ›Lerne Deinen Feind kennen. ‹ Die beiden Regeln nahmen sich nicht viel.

Der Gedanke stieß ihm schon wieder säuerlich auf. Diese Regeln stammten aus den Erinnerungen anderer Männer. Die einzigen Regeln, an die er sich erinnern wollte, waren: ›Küsse nie ein Mädchen, dessen Brüder Narben von Messerschnitten aufweisen‹, und: ›Fange nie ein Würfelspiel an, ohne vorher den Hinterausgang erkundet zu haben‹. Es wäre ihm lieber gewesen, diese fremden Erinnerungen hingen noch immer wie Klumpen in seinem Gedächtnis, anstatt sich in seine Gedanken einzuschleichen, wenn er es am wenigsten erwartete.

»Schwierigkeiten mit einem sauren Magen?« fragte Natael träge. »Vielleicht hat eine der Weisen Frauen eine Wurzel, die das heilt. Oder Ihr könntet Moiraine fragen.«

Mat konnte den Mann nicht leiden; er schien immer einen Scherz auf Kosten anderer auf den Lippen zu haben. Und er sah stets aus, als kümmerten sich mindestens drei Diener um seine Kleidung. Ständig diese schneeweißen Spitzen an Kragen und Manschetten, und immer schien alles gerade frisch gewaschen und gebügelt worden zu sein. Der Kerl schien auch niemals zu schwitzen. Warum Rand ihn ständig um sich hatte, war ihm ein Rätsel. Er spielte auch kaum jemals eine fröhliche Melodie auf seiner Harfe. »Wird er bald zurück sein?«

Natael zuckte die Achseln. »Wann er sich eben dazu entschließt. Vielleicht bald, vielleicht auch später. Kein Mann schreibt dem Lord Drachen die Zeit vor. Und nur wenige Frauen.« Da war es wieder, dieses geheimnisvolle Lächeln. Diesmal etwas düster gefärbt.

»Ich werde warten.« Diesmal wollte er das tatsächlich. Er hatte sich schon zu oft dabei ertappt wie er auf diese Weise seine Abreise ein weiteres Mal hinausschob.

Natael nippte an seinem Wein und musterte ihn über den Rand des Kelches hinweg.

Es war schon schlimm genug, wenn ihn Moiraine und die Weisen Frauen auf diese schweigende, forschende Art anblickten — manchmal machte es Egwene genauso; sie hatte sich sehr geändert, zur Hälfte Weise Frau und zur Hälfte Aes Sedai —, aber bei Rands Gaukler ließ ihn dieser Blick mit den Zähnen knirschen. Das Beste an einem Abschied wäre sicher, daß niemand ihn mehr ansehen würde, als könne er oder sie innerhalb einer Minute ablesen, was er dachte, oder als wisse derjenige bereits im ersten Moment, ob seine Unterwäsche sauber sei.