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Zwei Landkarten lagen ausgebreitet in der Nähe der Feuergrube. Die eine, in allen Einzelheiten von einer zerfledderten Karte abgezeichnet, die sie in einer halb niedergebrannten Ortschaft gefunden hatten, zeigte das nördliche Cairhien von westlich des Alguenya bis halbwegs zum Rückgrat der Welt, während die andere — frisch gezeichnet und recht skizzenhaft — die Umgebung der Stadt darstellte. Auf beiden lagen eine Reihe von Pergamentfetzen, die durch kleine Steinchen festgehalten wurden. Wenn er hierbleiben und gleichzeitig Nataels forschenden Blicken entgehen wollte, mußte er sich wohl oder übel mit diesen Landkarten beschäftigen.

Mit der Spitze eines Stiefels verschob er ein paar Steinchen auf der Karte der Stadt und ihrer Umgebung, damit er lesen konnte, was auf den Pergamentfetzen geschrieben stand. Unwillkürlich fuhr er zusammen. Falls die Aiel-Kundschafter recht hatten, verfügte Couladin über beinahe einhundertundsechzigtausend Speere, Shaido und diejenigen, die sich wohl ihren Kriegergemeinschaften unter den Shaido angeschlossen hatten. Das war eine harte Nuß, die sie zu knacken hatten, und schwierig war die Lage außerdem. Auf dieser Seite des Rückgrats der Welt hatte es seit der Zeit Artur Falkenflügels kein so großes Heer mehr gegeben.

Die zweite Karte zeigte die anderen Clans, die die Drachenmauer überquert hatten. Alle befanden sich mittlerweile hier in Positionen, die damit zu tun hatten, wann sie den Jangai verlassen hatten und ausgeschwärmt waren, doch alle unangenehm nahe ihrer eigenen Stellung. Die Shiande, die Codarra, die Daryne und die Miagoma. Zusammengenommen verfügten sie über etwa genauso viele Speere wie Couladin. Wie es aussah, hatten sie nicht viele Clanmitglieder zurückgelassen. Die sieben Clans unter Rands Führung hatten bestimmt doppelt so viele Mitglieder und konnten sich problemlos mit Couladin oder den vier Clans messen. Entweder, oder. Aber nicht mit beiden gleichzeitig. Und doch konnte es geschehen, daß Rand gleichzeitig mit beiden Seiten zu tun bekam.

Was die Aiel als die ›Trostlosigkeit‹ bezeichneten, mußte wohl auch diese Clans betroffen haben. Noch immer warfen jeden Tag einige Männer ihre Waffen hin und verschwanden. Doch nur ein Narr hätte darauf gezählt, daß dies deren Anzahl stärker beeinträchtigte als die der Anhänger Rands. Und es bestand ja durchaus die Möglichkeit, daß einige von ihnen zu Couladin überliefen. Die Aiel sprachen nicht oft und nicht freimütig genug darüber und verbargen den Gedanken an diese unangenehme Möglichkeit hinter Gesprächen über die Kriegergemeinschaften, doch nach wie vor kamen manche Männer und Töchter zu dem Schluß, daß sie weder Rands Führung noch das, was er ihnen über ihre eigene Geschichte erzählt hatte, zu akzeptieren vermochten. Jeden Morgen fehlten wieder einige, und nicht alle ließen die Speere zurück.

»Eine nette Situation, nicht wahr?«

Mats Kopf fuhr hoch, als Lans Stimme erklang, aber der Behüter war allein in das Zelt eingetreten. »Nur etwas, um mir die Wartezeit zu vertreiben. Kommt Rand zurück?«

»Er wird bald bei uns sein.« Lan hatte die Daumen in seinen Schwertgürtel eingehakt, stand neben Mat und blickte auf die Karte hinab. Sein Gesichtsausdruck verriet genausoviel wie der einer Statue. »Der morgige Tag sollte die größte Schlacht seit der Zeit Artur Falkenflügels bringen.«

»Glaubt Ihr wirklich?« Wo war Rand? Womöglich immer noch auf diesem Turm. Vielleicht sollte er hingehen. Nein, das könnte damit enden, daß er ihm durch das ganze Lager hinterherrannte, immer einen Schritt zu spät. Irgendwann würde Rand schon zurückkehren. Er wollte mit ihm noch über etwas anderes als über Couladin sprechen. Ich habe nichts mit diesem Kampf zu tun. Ich renne nicht vor etwas davon, was mich nicht im geringsten betrifft. »Wie steht es mit denen?« Er deutete auf vier Fetzen, die die Miagoma und die anderen darstellen sollten. »Irgendeine Nachricht, ob sie vorhaben, sich Rand anzuschließen, oder wollen sie nur da hocken und zuschauen?«

»Wer weiß das schon? Rhuarc scheint genausowenig Ahnung davon zu haben wie ich, und falls die Weisen Frauen etwas wissen, sagen sie es nicht. Das einzige, was wir sicher wissen, ist die Tatsache, daß Couladin nirgendwohin weiterzieht.«

Wieder Couladin. Mat trat nervös von einem Fuß auf den anderen und machte dann einen halben Schritt auf den Ausgang zu. Nein, er würde warten. So richtete er den Blick fest auf die Landkarten und tat so, als studiere er sie wieder genau. Vielleicht würde ihn Lan in Ruhe lassen. Er wollte doch nur Rand sagen, was er auf dem Herzen hatte, und dann gehen. Der Behüter schien sich aber unterhalten zu wollen. »Was denkt Ihr, Meister Gaukler? Sollen wir morgen Couladin mit allen Kräften angreifen, die wir zu Verfügung haben, und ihn so vernichten?«

»Das klingt in meinen Ohren genauso gut wie jeder andere Plan«, erwiderte Natael mürrisch. Er kippte den Inhalt des Kelchs auf einmal herunter, ließ ihn auf den Teppich fallen, nahm seine Harfe auf und begann, eine düstere Melodie zu zupfen, die auch auf eine Beerdigung gepaßt hätte. »Ich führe keine Heere, Behüter. Ich beherrsche niemanden außer mir selbst, und sogar das nicht immer.«

Mat knurrte, und Lan blickte ihn an, bevor er sich wieder dem Studium der Karte zuwandte. »Ihr haltet es nicht für einen guten Plan? Warum nicht?«

Er sagte das so nebensächlich, daß Mat antwortete, ohne weiter nachzudenken: »Zwei Gründe. Wenn Ihr Couladin umstellt und ihn zwischen Euch und der Stadt einschließt, könntet Ihr ihn vielleicht gegen die Stadtmauer drängen und vernichten.« Wie lange brauchte Rand denn noch? »Aber Ihr drängt ihn möglicherweise auch über die Stadtmauer ins Innere. Demzufolge, was ich gehört habe, wäre er schon zweimal beinahe durchgebrochen, und das ohne Tunnelbauer oder Belagerungsmaschinen, und die Stadt hält sich nur noch mit äußerster Mühe.« Einfach seinen Spruch aufsagen und gehen: das war das Richtige. »Wenn Ihr ihn mit aller Macht gegen die Stadt treibt, werdet Ihr euch plötzlich dabei ertappen, daß Ihr mitten in Cairhien kämpft. Das ist eine ziemlich tückische Angelegenheit, Straßenkämpfe in einer Stadt. Und außerdem wollt Ihr ja die Stadt retten und sie nicht vielmehr endgültig in Schutt und Asche legen.« Das ging alles so klar und deutlich aus den Pergamentfetzen auf der Karte und aus der Karte selbst hervor.

Er hockte sich, die Ellbogen auf die Knie gestützt, stirnrunzelnd nieder. Lan hockte sich neben ihn, aber er bemerkte es kaum. Ein verwürfeltes Problem. Und faszinierend dazu. »Am besten versucht Ihr, ihn wegzutreiben. Vor allem müßt Ihr von Süden aus zuschlagen.« Er deutete auf den Gaelin, der ein paar Meilen nördlich der Stadt in den Alguenya mündete. »Hier oben gibt es Brücken. Gebt den Shaido den Weg dorthin frei. Laßt ihnen immer einen Fluchtweg offen, es sei denn, Ihr wollt wirklich herausfinden, wie hart ein Mann kämpfen kann, wenn er keinen Ausweg mehr sieht und nichts mehr zu verlieren hat.« Sein Finger bewegte sich nach Osten zu. Zumeist fand man dort bewaldete Hügel, wie es schien. Wahrscheinlich nicht viel anders als hier, wo sie lagerten. »Wenn Ihr ihnen mit einer Abfangtruppe genau hier auf dieser Seite des Flusses den Weg blockiert, geht Ihr sicher, daß sie sich den Brücken zuwenden. Die Truppe muß nur stark genug sein und an der richtigen Stelle warten. Sobald sie einmal in Bewegung sind, hat Couladin kein großes Interesse daran, auch noch gegen jemanden von vorn zu kämpfen, während Ihr von hinten her angreift.« Ja. Beinahe die gleiche Lage wie bei Jenje. »Jedenfalls, wenn er nicht gerade ein kompletter Idiot ist. Sie schaffen vielleicht einen geordneten Rückzug bis zum Fluß, doch diese Brücken werden zu einem Engpaß. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ausgerechnet Aiel hinüberschwimmen oder im Fluß nach Übergängen suchen werden. Drängt weiter mit aller Macht nach und treibt sie hinüber. Mit Glück könnt Ihr sie dann endgültig in die Flucht schlagen und zurück in die Berge treiben.« Das war auch ähnlich wie bei den Cuaindaigh-Furten, in der letzten Phase der Trolloc-Kriege, und es spielte sich sogar ungefähr im gleichen Maßstab ab. Und es war auch kein großer Unterschied zu den Tora Shan. Oder dem Sulmein-Paß, bevor Falkenflügel nicht mehr zu bremsen war. Die Namen zuckten ihm durch den Kopf und die Bilder blutiger Schlachtfelder, die mittlerweile selbst bei den Historikern in Vergessenheit geraten waren. Da er so vollständig in den Anblick der Karten versunken war, kamen ihm diese Erinnerungen wie die eigenen vor. »Zu schade, daß Ihr nicht mehr Kavallerie habt. Leichte Kavallerie ist am besten, wenn man einen Gegner vertreiben will. Beißt an den Flanken zu, haltet sie immer in Bewegung und laßt sie niemals stillstehen, um sich zum Kampf zu stellen. Na ja, Aiel sollten das fast genausogut können.«