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So berichtete sie, sprach, bis ihr die Kehle austrocknete und ihre Stimme rauh und erschöpft klang. Sie hob ihren Becher solange nicht, bis er ihr sagte, sie solle trinken. Dann kippte sie den Wein herunter und sprach weiter. Sie würde es ihm ganz bestimmt recht machen. Sie würde ihm mehr Befriedigung verschaffen, als es Morgase im Traum einfiel.

Die Zofen, die Morgases Bettgemach herrichteten, knicksten hastig und überrascht, sie mitten am Vormittag hier anzutreffen. Sie winkte sie aus dem Raum und legte sich voll angezogen auf ihr Bett. Eine Weile lag sie nur da und betrachtete die vergoldeten Schnitzereien an den Bettpfosten. Hier waren nicht die Löwen von Andor zu sehen, sondern Rosen. Sie standen für die Rosenkrone von Andor, und überhaupt hatte sie mehr für Rosen übrig als für Löwen.

Sei nicht so stur, befahl sie sich selbst, und dann fragte sie sich, warum. Sie hatte Gaebril gesagt, sie sei müde, und... Oder hatte er das zu ihr gesagt? Unmöglich. Sie war die Königin von Andor, und kein Mann befahl ihr etwas. Gareth. Warum mußte sie ausgerechnet jetzt an Gareth Bryne denken? Er hatte ihr bestimmt nie etwas befohlen; der Generalhauptmann der Königlichen Garde gehorchte der Königin und nicht umgekehrt. Aber stur war er schon gewesen, hatte sich manchmal gegen ihre Entscheidungen gestemmt, bis sie schließlich ihre Meinung geändert hatte. Warum muß ich an ihn denken? Ich wünschte, er sei hier. Das war doch lächerlich. Sie hatte ihn fortgeschickt, weil er ihren Befehlen zuwiderhandelte. Sie wußte nicht mehr genau, worum es gegangen war, aber das war nicht so wichtig. Er hatte sich gegen sie gestellt. Sie konnte sich nur vage an ihre Gefühle ihm gegenüber erinnern, als sei er schon jahrelang weg. So lange konnte es doch noch nicht her sein? Sei nicht so stur! Ihre Augen schlossen sich, und sie schlief augenblicklich ein. Ihr Schlaf wurde durch rastlose Träume gestört, in denen sie vor etwas davonlief, was sie nicht sehen konnte.

2

Rhuidean

Hoch droben in der Stadt Rhuidean blickte Rand al'Thor aus einer der großen Fensteröffnungen. Das Glas, oder was auch immer einst in das Fenster eingesetzt gewesen war, war schon lange nicht mehr da. Die Schatten tief unter ihm zeigten nach Osten. Im Zimmer hinter ihm klimperte leise die Harfe eines Barden. Der Schweiß an seiner Stirn verdunstete beinahe so schnell, wie er auf seine Haut trat. Sein rotseidener Mantel — zwischen den Schulterblättern feucht vom Schweiß — stand offen wie eine vergebliche Einladung für jeden Luftzug, und das Hemd hatte er bis weit auf die Brust hinunter aufgebunden. Die Nacht in der Aiel-Wüste würde beißend kalt werden, doch während des Tages brachte nicht einmal eine leichte Brise die geringste Kühlung.

Er hatte die Hände gehoben und hielt sich damit an dem glatten, steinernen Fensterrahmen fest. Die Ärmel seines Mantels waren heruntergerutscht und entblößten so die Vorderteile der Figuren, die sich um seine Unterarme zogen: goldmähnige, schlangenartige Geschöpfe mit Augen wie die Sonne, mit roten und goldenen Schuppen und fünf goldenen Klauen an jedem Fuß. Das waren keine Tätowierungen, sondern sie waren Teil seiner Haut, glitzerten metallisch wie wertvollste Edelsteine und schienen im Schein der Spätnachmittagssonne wie zum Leben erwacht.

Sie zeichneten ihn. Für das Volk auf dieser Seite der Bergkette, die man sowohl als Drachenmauer wie als das Rückgrat der Welt bezeichnete, bedeuteten sie, daß er derjenige war, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt. Und zusammen mit den in seine Handflächen eingebrannten Reihern machten sie ihn für jene, die jenseits der Drachenmauer lebten, zum Wiedergeborenen Drachen, wie es geweissagt worden war. Und für sie alle gleichermaßen war prophezeit worden, er werde sie einen, retten — und vernichten.

Auf diese Namen hätte er nur zu gern verzichtet, aber dazu war es viel zu spät, wenn es überhaupt je eine Chance dafür gegeben hatte, und so dachte er gar nicht mehr daran. Oder wenn doch, was selten genug der Fall war, dann tat er es mit dem vagen Bedauern eines Mannes, der sich an einen törichten Kindertraum erinnert. Als sei er seiner Kindheit nicht noch immer nahe genug, um eigentlich jeden Moment daran zu denken. Statt dessen bemühte er sich, nur an die vor ihm liegenden Aufgaben zu denken. Schicksal und Pflicht hielten ihn wie straffe Zügel auf dem Weg, und doch hatte man ihn oft als stur und halsstarrig bezeichnet. Er mußte das Ende der Straße erreichen, aber wenn er das auf einem anderen, eigenen Weg schaffen konnte, war es vielleicht gar nicht das Ende. Eine kleine Hoffnung nur. Er hatte mit Sicherheit kaum eine Chance. Die Prophezeiungen verlangten nach seinem Blut.

Rhuidean erstreckte sich unter ihm, von einer gnadenlosen Sonne versengt, die langsam zu den zerklüfteten Gipfeln heruntersank, den kahlen Bergen, auf denen kaum ein Anzeichen einer Vegetation zu sehen war. Dieses rauhe, zerklüftete Land, in dem sich Menschen gegenseitig getötet hatten, nur wegen eines Wasserlochs, das sie mit einem Schritt überqueren konnten, war der letzte Ort auf der Welt, an dem man eine große Stadt erwartete. Ihre Erbauer hatten ihre vor langer, langer Zeit begonnene Arbeit niemals beendet. Überall standen unmöglich hohe Gebäude, abgestufte oder aus mächtigen Platten erbaute Paläste, die manchmal nach acht oder sogar zehn Stockwerken abrupt ohne Dach endeten, gewöhnlich mit dem Rohbau eines weiteren halbfertigen Stockwerks. Die Türme ragten noch höher auf, endeten aber meist genauso abrupt und unregelmäßig. Ein gutes Viertel der großen Gebäude mit ihren massiven Säulen und enormen Fenstern aus buntem Glas lagen zu Schutthaufen zerfallen auf den breiten Straßen, die in der Mitte jeweils einen Streifen bloßen Erdbodens aufwiesen, auf dem aber niemals die Bäume gepflanzt worden waren, die dorthin gehörten. Die prächtigen Brunnen standen verstaubt und trocken da, wie seit Jahrhunderten und Aberjahrhunderten. All diese Arbeit war umsonst gewesen. Die Erbauer waren gestorben, ohne sie vollenden zu können. Doch manchmal glaubte Rand, der Bau der Stadt sei nur deshalb begonnen worden, damit er sie eines Tages finden konnte.

Zu stolz, dachte er. Ein Mann muß schon wenigstens halb übergeschnappt sein, um solchen Stolz zu entwickeln. Er konnte nicht anders, als leise in sich hineinzulachen. Es waren auch Aes Sedai bei den Männern und Frauen gewesen, die vor so langer Zeit hierhergekommen waren, und sie hatten den Karaethon-Zyklus sehr wohl gekannt, die ›Prophezeiungen des Drachen‹. Oder vielleicht hatten sie diese auch selbst geschrieben? Um das Zehnfache zu stolz.

Gleich unter ihm lag ein riesiger Platz, der bereits zur Hälfte von den langgezogenen Schatten verdunkelt wurde. Er war übersät mit den Trümmerstücken von Statuen und kristallenen Stühlen, eigenartigen Gegenständen und verdrehten Formen aus Metall oder Glas oder Stein, Dinge, für die er keine Bezeichnungen fand und die in unregelmäßigen Schutthaufen dort lagen, als habe ein Sturm sie angeweht.

Auch im Schatten war es nur kühl, wenn man es mit dem Sonnenschein verglich. Männer in grober Kleidung — keine Aiel — luden schwitzend Dinge auf Wagen, die eine kleine, schlanke Frau in reinster blauer Seide ausgewählt hatte. Hoch aufgerichtet glitt sie von einem Punkt zum nächsten, als mache ihr die Hitze keineswegs soviel aus wie all den anderen. Trotzdem, selbst sie trug ein feuchtes, weißes Tuch um die Schläfen und beherrschte sich lediglich, um die Auswirkungen der Hitze nicht so deutlich zu zeigen. Rand hätte von hier oben aus wetten können, daß sie nicht einmal schwitze.

Der Vorarbeiter war ein dunkler, massiger Mann namens Hadnan Kadere, angeblich ein fahrender Händler, der ganz in beige Seide gekleidet war. Heute allerdings war seine Kleidung schweißdurchnäßt. Er wischte sich ständig mit einem großen Taschentuch übers Gesicht und schrie den Männern — seinen Wagenfahrern und Leibwächtern —Flüche zu, doch er sprang genauso schnell und packte mit zu wie die anderen, wenn die schlanke Frau auf etwas deutete, ob groß oder klein. Aes Sedai mußten nicht groß sein, um anderen ihren Willen aufzuzwingen, aber Rand glaubte, Moiraine würde das auch fertigbringen, wenn sie niemals in der Weißen Burg gewesen wäre.