»Spielt den Todesmarsch«, befahl er mit härterer Stimme als beabsichtigt, und Natael blickte ihn einen Augenblick lang verständnislos an. Der Mann hatte alles mit angehört. Er hatte bestimmt Fragen, doch er würde keine Antworten erhalten. Wenn Rand Mats Geheimnisse schon Lan nicht enthüllen konnte, würde er sie erst recht nicht vor einem der Verlorenen ausbreiten, wie zahm dieser jetzt auch wirken mochte. Diesmal also sprach er absichtlich mit harter Stimme und deutete mit der Speerspitze auf den Mann: »Spielt das, es sei denn, Ihr kennt noch etwas Traurigeres. Spielt etwas, das Eure Seele zum Weinen bringt. Falls Ihr noch eine habt«
Natael lächelte ihn gewinnend an und verbeugte sich im Sitzen, doch er wurde bleich um die Augen. Er begann dann auch tatsächlich mit dem Todesmarsch, doch er klang auf seiner Harfe einschneidender denn je, ein klagendes Heulen, das sicherlich jede Seele zum Weinen bringen konnte. Er starrte Rand unverwandt an, als hoffe er auf irgendeine Reaktion.
Rand wandte sich ab und streckte sich auf den Teppichen aus. Unter den Ellbogen hatte er sich ein rotgoldenes Kissen gelegt und er blickte auf die Landkarten herunter. »Lan, würdet Ihr die anderen jetzt hereinbitten?«
Der Behüter machte eine steife Verbeugung und schritt nach draußen. Er hatte das zum allererstenmal gemacht, doch Rand nahm es nur geistesabwesend wahr.
Die Schlacht würde morgen beginnen. Nur aus Höflichkeit taten Rhuarc und die anderen so, als helfe er ihnen beim Planen. Er war klug genug, sich darüber im klaren zu sein, was er alles nicht wußte, und trotz der vielen Gespräche mit Lan und Rhuarc war er noch nicht soweit. Ich habe hundert Schlachten von diesem Ausmaß oder auch größere strategisch geplant und Befehle erteilt, die noch zehnmal mehr auslösten. Das war nicht sein eigener Gedanke gewesen. Lews Therin kannte den Krieg — hatte den Krieg gekannt —, nicht aber Rand al'Thor, und der war er immer noch. Er hörte zu, stellte Fragen und nickte, als verstünde er, warum eine bestimmte Sache auf diese ganz bestimmte Art und Weise gemacht werden müsse. Manchmal verstand er es tatsächlich und wünschte sich, er verstünde nichts, weil er wußte, woher dieses Verstehen gekommen war. Sein einziger eigener Beitrag zur Planung war gewesen, daß er ihnen sagte, Couladin müsse besiegt werden, ohne die Stadt zu zerstören. Auf jeden Fall würde dieses neue Treffen lediglich dem sowieso schon Entschiedenen ein paar Einzelheiten hinzufügen. Mats Anwesenheit wäre nützlich gewesen bei all seinem neuen Wissen.
Nein. Er wollte nicht an seine Freunde denken und daran, was er ihnen antun würde, bevor alles vorüber war. Selbst wenn er die Schlacht einmal beiseite ließ, gab es noch genug, womit er sich beschäftigen mußte, Probleme, bei denen er etwas ausrichten konnte. Die Abwesenheit der Flagge Cairhiens über der Stadt Cairhien deutete auf ein wesentliches Problem hin, und die ständigen Scharmützel mit Andoranern auf ein anderes. Dann mußte er überlegen, was Sammael wohl vorhabe, und...
Die Häuptlinge schoben sich ohne bestimmte Reihenfolge herein. Diesmal kam Dhearic zuerst und Rhuarc mit Erim und Lan zusammen am Schluß. Bruan und Jheran setzten sich neben Rand. Sie waren überhaupt nicht an einer Rangordnung untereinander interessiert, und Aan'allein betrachteten sie beinahe als einen der ihren.
Weiramon trat als letzter ein, die kleinen Lords auf den Fersen und mit finsterer Miene und verkniffenem Mund. Für ihn spielte eine feste Rangordnung offensichtlich sehr wohl eine Rolle. Er knurrte etwas in seinen eingeölten Bart hinein, stolzierte um die Feuergrube herum und nahm einen Platz hinter Rand ein. Zumindest solange, bis die empörten Blicke der Häuptlinge in sein Bewußtsein drangen. Unter den Aiel durfte sich vielleicht ein naher Verwandter oder ein Mitglied der gleichen Kriegergemeinschaft auf den Platz hinter einem Mann setzen, damit keine Gefahr bestand, daß er ein Messer in den Rücken bekam. Trotzdem sah er Jheran und Dhearic zornig an, als erwarte er, daß einer von ihnen für ihn Platz mache.
Schließlich deutete Bael auf den Platz neben ihm, Rand und den Landkarten gegenüber, und nach kurzem Zögern begab sich Weiramon dorthin und setzte sich steif aufgerichtet mit übergeschlagenen Beinen. Er wirkte wie ein Mann, der eine unreife Pflaume geschluckt hat. Die jüngeren Tairener standen genauso steif hinter ihm, nur hatte der eine wenigstens den Anstand, verlegen dreinzublicken.
Rand nahm wohl Notiz von ihm, sagte aber kein Wort. Er stopfte dafür gelassen seine Pfeife und benützte ganz kurz Saidin, um sie anzuzünden. Er mußte etwas in bezug auf Weiramon unternehmen; der Mann verschärfte alte Probleme und schuf daneben auch noch neue. Rhuarc verzog keine Miene, doch die Gesichtsausdrücke der anderen Häuptlinge reichten von Hans angewiderter Grimasse bis zu Erims eindeutig kaltem Blick, in dem die Aufforderung lag, auf der Stelle mit ihm den Tanz der Speere zu tanzen. Vielleicht gab es eine Möglichkeit für Rand, Weiramon loszuwerden und gleichzeitig damit zu beginnen, an der Beseitigung einer seiner anderen Sorgen zu arbeiten.
Lan und die Häuptlinge folgten Rands Beispiel und fingen an, ihre Pfeifen zu stopfen.
»Ich sehe lediglich die Notwendigkeit für ein paar kleine Änderungen«, sagte Bael und paffte, um seinen Tabak richtig durchzuglühen. Wie gewöhnlich rief er damit einen finsteren Blick Hans hervor.
»Haben diese kleinen Änderungen mit den Goshien zu tun oder vielleicht mit einem anderen Clan?«
Rand verdrängte Weiramon aus seinem Verstand und beugte sich vor, um besser zu hören, was sie gemeinsam ausarbeiteten und was sich — hervorgerufen durch den Anblick des Geländes von oben her —ändern mußte. Von Zeit zu Zeit sah einer der Aiel zu Natael hinüber und zeigte durch seinen Blick oder ein kurzes Zusammenziehen von Augen oder Mund, daß ihm die traurige Musik des Gauklers auf die Nerven ging. Sogar die Tairener machten allmählich Trauermienen. Über Rand schwappten die Klänge jedoch hinweg, ohne ihn zu berühren. Tränen waren ein Luxus, den er sich nicht mehr leisten konnte, noch nicht einmal tief im Innern.
43
An diesem Ort und diesem Tag
Am nächsten Morgen war Rand bereits lange vor Anbruch der Dämmerung auf den Beinen und angezogen. Tatsächlich hatte er überhaupt nicht schlafen können, und diesmal hatte es nicht an Aviendha gelegen, obwohl sie begonnen hatte, sich auszukleiden, bevor er die Lampen löschen konnte. Sie hatte darauf sofort mit Hilfe der Macht wieder eine entzündet und ihn gescholten, er könne vielleicht im Dunklen sehen, sie aber nicht. Er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, hatte ihr gar nicht erst geantwortet und auch kaum bemerkt, als sie sich um einiges später gut eine Stunde vor ihm erhob, anzog und hinausging. Er hatte sich noch nicht einmal gefragt, wohin sie gehe, und das wollte etwas heißen.
Die Gedankengänge, die ihn die Nacht über schlaflos in die Dunkelheit starren ließen, beschäftigten ihn auch jetzt noch. Heute würden Menschen sterben. Sehr viele Menschen, selbst dann, wenn alles nach Plan ablief. Nichts konnte daran noch etwas ändern, was immer er auch tat. Der Tag würde verlaufen, wie es das Muster vorschrieb. Und doch grübelte er immer wieder über all jene Entscheidungen nach, die er getroffen hatte, seit sie die Wüste erreichten. Hätte er etwas anders machen und diesen heutigen Tag, seine Ereignisse, diesen Ort hier meiden können? Vielleicht beim nächstenmal. Der mit Troddeln verzierte, abgeschnittene Speer lag auf seinem Schwertgürtel und der in der Scheide steckenden Klinge neben seinem Deckenlager. Es würde ein nächstes Mal geben und danach wieder eins und immer wieder.
Es war noch dunkel, als die Häuptlinge auf ein paar letzte Worte kamen. Sie berichteten, daß sich ihre Männer in der vereinbarten Stellung befänden und zum Kampf bereit seien. Nicht, daß er etwas anderes erwartet hätte. Trotz ihrer üblichen steinernen Mienen brach ein wenig Gefühl durch. Es war eine eigenartige Mischung von Erregung, Überschwang und banger Nüchternheit.