Und nicht nur Töchter. Zwei Frauen in der vordersten Reihe trugen bauschige Röcke und helle Blusen. Um das Haar hatten sie zusammengefaltete Schals gebunden. Es war noch zu dunkel, um die Gesichter mit Sicherheit zu identifizieren, aber es war etwas an diesen beiden Gestalten — wie sie mit gefalteten Armen trotzig dastanden —, das ihn sicher sein ließ, es handle sich um Egwene und Aviendha.
Sulin trat vor, bevor er noch den Mund öffnen und fragen konnte, was das zu bedeuten habe. »Wir sind gekommen, um gemeinsam mit Egwene Sedai und Aviendha den Car'a'carn zum Turm zu geleiten.«
»Wer hat Euch das eingeredet?« wollte Rand wissen. Ein Blick auf Lan zeigte ihm, daß er es nicht gewesen war. Sogar im Dunkeln wirkte der Behüter überrascht. Nur einen kurzen Augenblick zuckte sein Kopf empor; länger hielt Überraschung bei Lan niemals an. »Egwene sollte sich bereits auf dem Weg zum Turm befinden, und die Töchter sollten sie dort beschützen. Was sie heute vollbringen soll, ist äußerst wichtig. Sie muß dabei geschützt werden.«
»Wir werden sie schützen.« Sulins Stimme klang vollkommen ausdruckslos. »Und den Car'a'carn, der seine Ehre den Far Dareis Mai anvertraute.« Ein zustimmendes Murmeln durchlief die Reihen der Töchter.
»Das ergibt doch wirklich einen Sinn, Rand«, sagte Egwene aus dem Dunklen. »Wenn eine die Macht benützt und damit die Schlacht verkürzt, dann werden drei noch mehr ausrichten und sie weiter verkürzen. Und du bist stärker als Aviendha und ich zusammen.«
Es klang nicht so, als passe ihr das Gesagte sonderlich. Aviendha schwieg, doch ihre Haltung drückte Zustimmung aus.
»Das ist lächerlich«, grollte Rand. »Laßt mich durch und geht an Euren zugeteilten Platz.«
Sulin wich nicht. »Far Dareis Mai tragen die Ehre des Car'a'carn«, sagte sie ruhig und fest, und die anderen nahmen das Gesagte auf. Nicht lauter, aber so viele Frauenstimmen ergaben eine mächtige Woge: »Far Dareis Mai tragen die Ehre des Car'a'carn. Far Dareis Mai tragen die Ehre des Car'a'carn.«
»Ich sagte, laßt mich durch«, verlangte er im selben Augenblick, als der Frauenchor verstummte. Als sei es eine Aufforderung gewesen, erneut zu beginnen, fingen sie wieder an: »Far Dareis Mai tragen die Ehre des Car'a'carn. Far Dareis Mai tragen die Ehre des Car'a'carn.« Sulin stand nur da und blickte ihn an.
Nach einem Moment beugte sich Lan herüber und murmelte trocken: »Eine Frau ist immer noch eine Frau, auch wenn sie einen Speer trägt. Habt Ihr jemals eine getroffen, die sich davon abbringen ließ, wenn sie etwas wirklich wollte? Gebt nach, oder wir werden den ganzen Tag hier stehen, während Ihr zankt und sie Euch im Chor belagern.« Der Behüter zögerte und fügte dann hinzu: »Außerdem haben sie schon recht.«
Egwene öffnete den Mund, als die Litanei wieder abebbte, doch Aviendha legte ihr eine Hand auf den Arm und flüsterte ihr ein paar Worte zu, und Egwene sagte nichts. Doch er wußte genau, was sie hatte sagen wollen. Sie hatte ihm sagen wollen, er sei ein törichter und sturer Wollkopf oder etwas Ähnliches.
Das Dumme war: er fühlte sich mittlerweile selbst wie ein solcher. Es war wirklich sinnvoll, wenn er sich persönlich zum Turm begab. Er hatte anderswo nichts verloren, denn die Führung der Schlacht lag nun in den Händen der Häuptlinge und des Schicksals, und er konnte ihnen mehr nutzen, wenn er die Macht lenkte, anstatt herumzureiten und zu hoffen, daß er Couladin begegnete. Wenn die Eigenschaften eines Ta'veren Couladin zu ihm führen konnten, dann würden sie ihn genauso zum Turm wie anderswohin locken. Nicht, daß er große Aussichten hätte, den Mann überhaupt zu sehen, nachdem er sämtlichen Töchtern befohlen hatte, den Turm zu bewachen.
Aber wie konnte er einen Rückzieher machen und trotzdem seine Würde bewahren, nachdem er in sämtliche Fettnäpfchen getreten war? »Ich habe beschlossen, daß ich vom Turm aus das meiste ausrichten kann«, sagte er und spürte, wie seine Wangen heiß brannten.
»Wie der Car'a'carn befiehlt«, antwortete Sulin ohne eine Andeutung von Spott gerade so, als sei das von Anfang an seine Absicht gewesen. Lan nickte und schlüpfte davon. Die Töchter öffneten ihm eine schmale Gasse.
Die Lücke schloß sich jedoch gleich wieder hinter Lan, und als sich die Töchter rührten, hatte Rand keine Wahl, als in die gleiche Richtung zu gehen. Er hätte es nicht vermeiden können, und wäre sein Entschluß auch anders ausgefallen. Natürlich hätte er die Macht anwenden, mit Feuer um sich werfen oder sie durch Luft beiseite schleudern können, doch das wäre wirklich keine Art gewesen, mit Menschen umzugehen, die auf seiner Seite standen, ganz abgesehen davon, daß sie Frauen waren. Außerdem war er sich nicht sicher, ob er sie so zum Gehen hätte zwingen können. Wahrscheinlich hätte er sie zuerst umbringen müssen, und ob sie dann gewichen wären? Nun, außerdem war er eben zu der Erkenntnis gekommen, daß er ihnen allen auf dem Turm am meisten nützen konnte.
Egwene und Aviendha waren genauso still wie Sulin, als sie in Richtung Turm schritten, und dafür war er dankbar. Natürlich war zumindest ein Teil ihres Schweigens darauf zurückzuführen, daß sie sich im Dunkeln äußerst vorsichtig den Weg hügelauf und hügelab suchen mußten, um sich nicht das Genick zu brechen. Aviendha knurrte von Zeit zu Zeit leise etwas, das er kaum verstand. Sie regte sich wohl über ihren Rock auf, der sie beim Gehen auf diesem Gelände hinderte. Doch keine machte sich über seinen offensichtlichen Rückzieher lustig. Das konnte allerdings durchaus noch später kommen. Frauen schienen es zu genießen, mit der spitzen Nadel zuzustechen, wenn man die Gefahr längst für abgeklungen hielt. Der Himmel wandelte sich zu einem düsteren Grau, und als der roh gezimmerte Turm über den Bäumen in Sicht kam, brach er schließlich von selbst das Schweigen. »Ich hätte nicht erwartet, Dich auch hier einsetzen zu können, Aviendha. Ich erinnere mich daran, daß du sagtest, die Weisen Frauen nähmen nicht an Kämpfen teil.« Er erinnerte sich ganz deutlich. Eine Weise Frau konnte sich leisten, ungerührt mitten durch eine tobende Schlacht zu schreiten oder in eine Festung oder einen Außenposten eines Clans zu gehen, mit dem ihr eigener eine Blutfehde austrug. Sie nahm auf keinen Fall am Kampf teil und schon gar nicht mit Hilfe der Macht, falls sie die benützen konnte. Bis er die Wüste erreichte, hatten die wenigsten Aiel gewußt, daß einige der Weisen Frauen die Macht zu lenken imstande waren, obwohl es Gerüchte über seltsame Fähigkeiten gegeben hatte, die manchmal dem nahe kamen, was sich die Aiel unter der Anwendung der Macht vorstellten.
»Ich bin noch keine Weise Frau«, erwiderte sie freundlich und rückte ihren Schal zurecht. »Wenn eine Aes Sedai wie Egwene helfen kann, dann kann ich das auch. Ich habe das erst heute morgen abgesprochen, während du noch schliefst, aber daran gedacht habe ich schon, seit du Egwene darum batest.«
Es war nun hell genug, um zu erkennen, wie Egwene errötete. Als sie bemerkte, daß er sie ansah, stolperte sie ohne sichtbaren Grund, und er mußte sie am Arm packen, damit sie nicht stürzte. Sie mied den Blick in seine Augen und riß sich los. Vielleicht würde er sich doch keine Gedanken über mögliche Sticheleien von ihrer Seite her machen müssen. Sie begannen, den spärlich bewaldeten Hang in Richtung des Turms zu erklimmen.
»Sie haben doch nicht etwa versucht, dich davon abzuhalten? Amys meine ich, oder Bair oder Melaine?« Ihm war klar: sie hatten das bestimmt nicht getan. Hätten sie es versucht, dann wäre sie jetzt nicht hier.
Aviendha schüttelte den Kopf und runzelte dann nachdenklich die Stirn. »Sie haben ziemlich lange mit Sorilea gesprochen und mir dann gesagt, ich solle tun, was ich glaubte, tun zu müssen. Für gewöhnlich befehlen sie mir, zu tun, was sie für richtig halten.« Sie blickte ihn von der Seite her an und fügte hinzu: »Ich hörte Melaine sagen, daß du in allem Veränderungen mit dir bringst.«