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»Das stimmt«, sagte er und stellte seinen Fuß auf die unterste Sprosse der ersten Leiter. »Licht, hilf mir, aber es stimmt.«

Der Ausblick von der Plattform aus war selbst ohne die Hilfe eines Fernrohrs atemberaubend. Das Land breitete sich unter ihnen in unzähligen bewaldeten Hügeln aus. Die Bäume standen dicht genug, um die Aiel zu verbergen, die sich auf Cairhien zu in Bewegung gesetzt hatten. Die meisten befanden sich sowieso schon in ihren Ausgangspositionen. Die aufgehende Sonne tauchte die Stadt in einen goldenen Lichtschimmer. Ein kurzer Rundblick durch eines der Fernrohre zeigte ihm, daß die kahlen Hügel am Flußufer ruhig und anscheinend unbesetzt waren. Das würde sich schon bald ändern. Die Shaido befanden sich in der Nähe, wenn auch im Moment noch verborgen. Sie würden aber nicht verborgen bleiben, sobald er... Was würde er eigentlich einsetzen? Kein Baalsfeuer jedenfalls. Was er auch tat, mußte die Shaido kräftig aufscheuchen, bevor seine Aiel zum Angriff übergingen.

Egwene und Aviendha hatten sich am anderen Fernrohr abgelöst und sprachen dazwischen leise miteinander, doch nun ließen sie das Fernrohr unbeachtet und unterhielten sich nur noch. Schließlich nickten sie einander zu, gingen vor zum Geländer und standen da, die Hände auf dem rauhen Holz, wobei sie nach Cairhien hinübersahen. Eine Gänsehaut überlief ihn. Eine von ihnen benützte die Macht; vielleicht auch beide.

Es war der Wind, den er zuerst bemerkte. Er hatte sich auf die Stadt zu gedreht. Es war keine leichte Brise, sondern ein kräftiger Wind, wie er ihn in diesem Land zum erstenmal erlebte. Und über Cairhien begannen sich Wolken zusammenzubrauen; die schwärzesten im Süden. Während er zusah, türmten sie sich immer höher und schwärzer. Nur dort über Cairhien und den Shaido. Überall sonst innerhalb seines Gesichtsfeldes war der Himmel klar und blau, und nur wenige weiße, hohe Wolkenfetzen zeigten sich. Und doch grollte nun der Donner lang und mächtig. Plötzlich zuckte ein Blitz nach unten, eine gezackte, silberne Furche, die in einen Hügel unterhalb der Stadt fetzte. Bevor noch das Krachen des ersten Blitzschlags den Turm erreichte, flammten zwei weitere auf. Wilde, grelle Leuchtspuren tanzten über den Himmel, und diese blendenden Lichtlanzen schlugen regelmäßig wie ein Herzschlag unten ein. Mit einemmal bäumte sich der Boden selbst dort auf, wo keine Blitze eingeschlagen waren. Der Erdboden schoß wie eine Fontäne fünfzig Fuß hoch, gleich darauf an einer anderen Stelle und immer wieder und wieder.

Rand hatte keine Ahnung, welche der Frauen gerade etwas verursachte, aber sie schienen in der Tat gewillt, die Shaido allein zu vertreiben. Entweder tat er jetzt selbst etwas, oder er stand nur da und glotzte. So griff er hinaus nach Saidin. Eisiges Feuer überzog die Außenhaut des Nichts, das alles umgab, was Rand al'Thor war. Ungerührt ignorierte er den öligen Schmutz der Verderbnis, der in ihn einsickerte, und jonglierte mit wild tobenden Machtströmen, die drohten, ihn zu verschlingen.

Auf diese Entfernung waren seinen Fähigkeiten allerdings Grenzen gesetzt. Genauer gesagt, es war in etwa die Grenze dessen, was er ohne Hilfe eines Angreal oder Ter'Angreal noch unternehmen konnte. Höchstwahrscheinlich lenkten die Frauen aus dem gleichen Grund immer nur einen Blitz oder eine Explosion zur selben Zeit. Wenn er schon an seine Grenzen stieß, dann hatten sie die ihren bereits überschritten.

Eine Erinnerung glitt über die Leere. Nicht die seine; sie kam von Lews Therin. Ausnahmsweise war ihm das gleich. Einen Augenblick später lenkte er die Macht und ein Feuerball hüllte eine Hügelspitze ein, die beinahe fünf Meilen entfernt war, eine sich aufbäumende, gleißend gelbe Flammenkugel. Als sie verblaßte, konnte er auch ohne Fernrohr erkennen, daß der Hügel nun niedriger war und obenauf schwarz, anscheinend geschmolzen. Wenn sie alle drei im Einsatz waren, könnte vielleicht eine Schlacht der Clans gegen Couladin überflüssig werden.

Ilyena, meine Liebste, vergib mir!

Das Nichts bebte, und einen Moment lang taumelte Rand am Abgrund der Vernichtung. Wogen der Einen Macht schlugen mit der Gischt der Furcht über ihm zusammen. Die Verderbnis schien sich um sein Herz zusammenzuziehen und zu verfestigen wie eine stinkende Mauer.

Er packte das Geländer, bis seine Knöchel schmerzten, und zwang sich wieder zur Ruhe, zwang die Leere, zu widerstehen. Danach weigerte er sich, der Stimme in seinem Kopf zu lauschen. Statt dessen konzentrierte er sich ganz auf das Lenken der Macht und versengte methodisch einen Hügel nach dem anderen.

Mat stand zwischen den Bäumen auf dem Kamm des Hügels verborgen und hielt Pips' Nase unter seinem Arm fest, damit der Wallach nicht wiehern konnte, während er tausend oder mehr Aiel beobachtete, wie sie über die Hügel von Süden her auf ihn zu marschierten. Die Sonne blinzelte gerade über den Horizont, so daß die dahinziehende Menschenmasse lange, wabernde Schatten warf. Die Wärme der Nacht wich bereits der Hitze des nahenden Tages. Sobald die Sonne ein Stück hoch stand, würde die Luft wieder vor Hitze flimmern. Er begann schon jetzt zu schwitzen.

Die Aiel hatten ihn noch nicht bemerkt, aber er hegte keinen Zweifel, daß sie ihn bemerken würden, sollte er weiter hier warten. Es spielte kaum eine Rolle, daß es sich wahrscheinlich um Rands Männer handelte. Falls Couladin hier im Süden ebenfalls Truppen stationiert hatte, wartete eine Überraschung auf diejenigen, die dumm genug waren, sich mitten im Kampfgebiet aufzuhalten. Es war gleich, denn er hatte nicht vor, das Risiko einzugehen, sich von ihnen sehen zu lassen. Er war diesen Morgen schon einem Pfeil durchs Herz zu nahe gekommen, um noch einmal so unvorsichtig zu handeln. Geistesabwesend fühlte er nach dem sauberen Schnitt an der Schulter seiner Jacke. Ein guter Schütze, wenn er ein bewegliches Ziel traf, das er zwischen den Bäumen kaum richtig erkennen konnte. Er hätte ihn ja bewundert, wäre er nicht selbst das Ziel gewesen.

Er wandte den Blick nicht von den sich nähernden Aiel, während er sich vorsichtig mit Pips tiefer in das spärliche Dickicht zurückzog. Falls sie ihn entdeckten und ihren Schritt beschleunigten, wollte er das wissen. Die Leute behaupteten, Aiel könnten einen Berittenen in Grund und Boden rennen, und falls sie das versuchten, wollte er einen ordentlichen Vorsprung haben.

Er beschleunigte seinen Schritt erst dann, als die Bäume ihn vor ihren Blicken verbargen, und führte Pips auf den rückwärtigen Abhang, bevor er sich in den Sattel schwang und sich nach Westen wandte. Ein Mann konnte nicht vorsichtig genug sein, wenn er an diesem Tag und in diesem Gebiet am Leben bleiben wollte. Im Reiten knurrte er einiges in sich hinein. Die Hutkrempe hatte er weit heruntergezogen, um seinem Gesicht Schatten zu spenden, und den Speer mit dem schwarzen Schaft hatte er quer über den Sattelkopf gelegt. Nach Westen. Schon wieder.

Der Tag hatte so gut begonnen, ungefähr zwei Stunden vor dem ersten Tageslicht, als Melindhra weggegangen war, um sich mit den anderen Töchtern zu treffen. Sie hatte geglaubt, er schlafe noch, und ihm keinen Blick zugeworfen. Sie war hinausstolziert und hatte halblaut vor sich hin gesprochen, etwas von ›Rand al'Thor‹ und ›Ehre‹ und ›vor allem Far Dareis Mai‹. Es klang, als sei sie mit sich selbst uneins, aber offen gesagt war es ihm gleich, ob sie Rand nun räuchern oder ihn lieber im Eintopf mitkochen wollte. Sie war noch keine Minute aus dem Zelt, da packte er bereits seine Satteltaschen. Niemand hatte ihn weiter beachtet, als er Pips sattelte und heimlich wie ein Geist nach Süden davonritt. Ein guter Beginn. Nur hatte er nicht mit ganzen Kolonnen von Taardad und Tommanelle und jedem anderen verdammten Clan gerechnet, die in breiter Front nach Süden marschierten. Es tröstete ihn nicht, daß er Lan vorgequatscht hatte, sie genau dies tun zu lassen. Er wollte nach Süden, und diese Aiel hatten ihn gezwungen, in Richtung des Alguenya zu reiten. Dorthin, wo die Kämpfe stattfinden würden.