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Eine Meile oder zwei weiter lenkte er Pips vorsichtig einen Hang empor und blieb tief zwischen den verstreuten Bäumen auf dem Kamm verborgen stehen. Dieser Hügel war höher als die meisten anderen, und er hatte von hier aus eine gute Aussicht. Diesmal waren keine Aiel zu sehen, aber die Kolonne, die sich auf der Sohle des gewundenen Tals zwischen den Hügeln dahinschlängelte, war beinahe genauso schlimm. Berittene Tairener führten sie hinter einer Gruppe bunter Flaggen verschiedener Lords an. Ein Stück dahinter folgte eine dicke, stachelbewehrte Schlange von Pikeuren in der Staubspur der Tairener, und wieder ein Stück danach kam die Kavallerie von Cairhien mit ihrem bunten Durcheinander von Flaggen und Wimpeln und Cons. Bei diesen Soldaten aus Cairhien herrschte überhaupt keine Ordnung. Alles ritt durcheinander, die Lords begaben sich mal nach vorn und dann wieder nach hinten, um sich zu unterhalten, aber wenigstens hatten sie nach beiden Seiten zu die Flanken gedeckt. Jedenfalls brauchte er sie nur vorbeizulassen, um dann freien Weg nach Süden zu haben. Und ich werde nicht anhalten, bis ich die Hälfte des Wegs zum verdammten Erinin geschafft habe!

Eine kaum wahrnehmbare Bewegung ein Stück vor der Kolonne unten fiel ihm ins Auge. Er hatte sie nur entdecken können, weil er sich so hoch oben befand. Sie war sicherlich keinem der Reiter drunten aufgefallen. Er kramte sein kleines Fernrohr aus der Satteltasche —Kin Tovere würfelte gern — und spähte in die Richtung, in der er die Bewegung gesehen hatte. Dann pfiff er leise durch die Zähne. Aiel, bestimmt genauso viele wie die Männer im Tal, und falls sie nicht zu Couladin gehörten, wollten sie vermutlich jemandem eine Überraschungsparty zum Namenstag geben, denn sie hatten sich auf den abgestorbenen Blättern unter den kahlen Büschen auf die Lauer gelegt.

Einen Augenblick lang trommelte er nervös mit den Fingern auf seine Hüfte. In kurzer Zeit würde es hier unten eine Menge Leichen geben. Und nicht viele davon wären Aiel. Geht mich nichts an. Ich bin aus allem draußen und ziehe weg von hier nach Süden. Er würde ein wenig warten und dann losreiten, wenn alle anderen zu beschäftigt waren, um ihn zu bemerken.

Dieser Bursche Weiramon — er hatte den Namen des Graubarts gestern erfahren — war ein verbohrter Narr. Keine Vorhut draußen, keine Kundschafter, sonst wüßte er, was sich verdammt noch mal vor ihm zusammenbraut. Was das betraf, konnten auch die Aiel bei diesem gewundenen Weg durch das Tal mit seinen vielen Biegungen die Kolonne nicht sehen: höchstens die dünne Staubspur, die sich hoch in die Luft erhob. Sie hatten auf jeden Fall Kundschafter gehabt, die ihnen die richtige Abfangstellung verrieten, denn bestimmt warteten sie dort nicht auf einen bloßen Zufall hin.

Gedankenverloren pfiff er ›Tanz mit dem Schwarzen Mann‹ vor sich hin, hob dann das Fernrohr wieder an ein Auge und musterte die Hügelkuppen. Ja. Der Befehlshaber der Aiel hatte ein paar Mann dort hinterlassen, wo sie ihre Leute warnen konnten, bevor die Kolonne das Terrain betrat, auf dem sie sterben sollte. Aber im Augenblick war es auch ihnen völlig unmöglich, schon etwas davon zu sehen. In ein paar Minuten würden die ersten Tairener in Sicht kommen, doch bis dahin...

Er erschrak selbst, als er sich dabei ertappte, wie er Pips zum Galopp den Hang hinunter antrieb. Was beim Licht mache ich da? Nun, er konnte nicht einfach so dastehen und sie alle in den Tod marschieren lassen wie die Gänse zur Schlachtbank. Er würde sie warnen. Das war alles. Ihnen sagen, was auf sie wartete, und dann wieder davonreiten.

Die Flankendeckung der Männer aus Cairhien sah ihn natürlich kommen, bevor er die Talsohle erreicht hatte. Sie hörten ja auch das Trommeln von Pips' Hufen. Zwei oder drei senkten die Lanzen.

Mat genoß es nicht gerade, wenn eineinhalb Fuß Stahl auf ihn zeigten, und gleich dreimal dasselbe gefiel ihm noch weniger; aber offensichtlich stellte ein einzelner Mann für sie keine Bedrohung dar, selbst wenn er wie ein Verrückter ritt. Sie ließen ihn passieren, und er zügelte Pips gerade so lange in der Nähe der Führungsgruppe mit ihren Lords, um ihnen zuzurufen: »Haltet hier! Jetzt! Befehl des Lord Drachen! Sonst wird er Euch den Kopf in den Bauch zaubern und Euch die eigenen Füße zum Frühstück vorsetzen!«

Seine Fersen gruben sich in Pips' Flanken und der Wallach galoppierte weiter. Er blickte nur kurz zurück, um zu sehen, ob sie seinem Befehl nachkamen. Und sie taten es, wenn auch unter einiger Verwirrung. Die Hügel deckten sie immer noch gegen die Sicht der Aiel. Sobald sich die Staubwolke gelegt hatte, würden die Aiel nicht mehr wissen, wo sie sich befanden. So beugte er sich tief über den Hals des Wallachs, klatschte seinen Hut auf Pips' Flanke und galoppierte an der Infanterie entlang.

Wenn ich darauf warte, daß Weiramon die Befehle weitergibt, ist es zu spät. Das ist alles. Er würde sie einfach warnen und weiterreiten.

Die Infanterie marschierte in Kolonnen zu je etwa zweihundert Pikeuren mit einem berittenen Offizier an der Spitze und vielleicht jeweils fünfzig Bogen- oder Armbrustschützen hintenan. Die meisten blickten ihm neugierig nach, als er vorbeijagte. Pips' Hufe schleuderten Staub und Erdbrocken hoch, doch keiner von ihnen kam aus dem Schritt. Die Reittiere einiger Offiziere tänzelten nervös, als spürten sie, daß ihre Reiter sich ihm nähern und herausfinden wollten, was ihn zu solcher Eile antrieb, doch auch von ihnen verließ keiner seinen Platz. Gute Disziplin. Sie würden das auch brauchen.

Verteidiger des Steins bildeten den Abschluß der tairenischen Truppen, wie immer mit Brustharnisch und schwarzgolden gestreiften Puffärmeln, und mit Federn in verschiedenen Farben auf den geränderten Helmen, an denen man die Offiziere und Unteroffiziere erkannte. Die anderen waren ebenso gerüstet, trugen aber an den Ärmeln sichtbar die Farben verschiedener Lords. Die Lords selbst ritten mit seidenen Kurzmänteln, kunstvollen Harnischen und langen weißen Federn geschmückt an der Spitze. Hinter ihnen flatterten ihre Flaggen im auffrischenden Wind in Richtung der Stadt.

Mat riß Pips so schnell vor ihnen herum, daß der Wallach sich aufbäumte, und schrie; »Halt, im Namen des Lord Drachen!«

Das schien der schnellste Weg, sie zum Anhalten zu bringen, doch einen Augenblick lang glaubte er, sie würden ihn glatt überreiten. Beinahe im letzten Moment hob ein junger Lord, den er vor Rands Zelt bereits einmal gesehen hatte, die Hand, und dann hielten sie alle in einem Durcheinander geschriener Befehle an, die nach hinten weitergegeben wurden. Weiramon war nicht zugegen. Keiner der Lords war mehr als zehn Jahre älter als Mat.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte der Bursche, der die anderen zum Anhalten gebracht hatte. Dunkle Augen blickten arrogant über einen schmalen Nasenrücken; das Kinn hielt er so hoch, daß sein Spitzbart wie ein Dolch stoßbereit wirkte. Der Eindruck wurde nur ein wenig durch den Schweiß gestört, der ihm über das Gesicht rann. »Der Lord Drache selbst hat mir dieses Kommando übergeben. Wer seid Ihr, daß Ihr...?«

Er brach ab, als ihn ein anderer, den Mat kannte, am Ärmel zupfte und ihm eindringlich etwas zuflüsterte. Esteans Kartoffelgesicht wirkte unter seinem Helm hager und erhitzt zugleich. Mat hatte gehört, daß ihn die Aiel in bezug auf Informationen über die Stadt ziemlich in die Mangel genommen hatten. Aber in Tear hatte er immerhin mit Mat Karten gespielt. Er wußte jedenfalls genau, wer Mat war. Nur Esteans Brustharnisch wies Scharten in dem kunstvollen Goldzierrat auf. Keiner der anderen hatte mehr getan, als herumzureiten und hübsch auszusehen. Bisher.

Spitznases Kinn senkte sich beim Zuhören, und als Estean fertig war, sprach er in gemäßigtem Ton: »Nichts für ungut ... äh ... Lord Mat. Ich bin Melanril aus dem Hause Asegora. Wie kann ich dem Lord Drachen dienen?« Bei den letzten Worten wurde aus der Mäßigung ein regelrechtes unsicheres Zögern, und Estean unterbrach ihn dann auch noch ängstlich: »Warum sollten wir anhalten? Ich weiß, daß uns der Lord Drache Zurückhaltung auferlegte, Mat, aber seng meine Seele, es liegt keine Ehre darin, dazuhocken und lediglich den Aiel das Kämpfen zu überlassen. Warum sollen wir aufsatteln, um sie dann doch nur zu hetzen, wenn sie bereits geschlagen sind? Außerdem befindet sich mein Vater in der Stadt, und...« Unter Mats Blick erstarben seine Worte.