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Die Shaido waren sicher gewesen, alle Feuchtländer eingeschlossen zu haben, und so sahen sie die anderen überhaupt nicht kommen, bis sie von beiden Seiten her über sie hereinbrachen. Dann zuckten die ersten Blitze vom Himmel. Und danach ging es erst richtig zur Sache.

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Der geringere Kummer

Rands Hemd klebte an seinem Oberkörper, so schwitzte er vor Anstrengung, aber er behielt die Jacke an, um sich gegen den Wind zu schützen, der in heftigen Böen gegen Cairhien blies. Die Sonne würde mindestens noch eine Stunde brauchen, um den mittäglichen Zenit zu erreichen, doch er fühlte sich bereits jetzt, als sei er den ganzen Morgen über gerannt und zum Schluß mit einem Knüppel geprügelt worden. Ins Nichts gehüllt, war er sich seiner Erschöpfung nur ganz entfernt bewußt. Er nahm verschwommen den Muskelkater in Armen, Schultern und Rücken und das Pochen unter der noch immer nicht ganz verheilten Wunde an seiner Seite wahr. Daß er die Schmerzen überhaupt spürte, zeigte, wie stark sie wirklich waren. Von der Macht erfüllt konnte er auf dreihundert Schritt Entfernung an einem Baum noch jedes einzelne Blatt erkennen, doch alles, was ihn physisch beeinflußte, sollte eigentlich so sein, als geschehe es jemand anderem.

Er war schon lange dazu übergegangen, Saidin durch den Angreal in seiner Tasche aufzunehmen —die kleine Steinskulptur des fetten Mannes. Doch selbst damit begann ihm die Arbeit mit der Macht Mühe zu bereiten, da er über viele Meilen hinweg weben mußte. Nur die widerwärtigen Strähnen der Verderbnis, die alles durchsetzten, hielten ihn davon ab, mehr Macht an sich zu ziehen, zu versuchen, alles an Energie auf einmal in sich aufzunehmen. So süß war die Macht, Verderbnis hin oder her. Und so müde war er nach Stunden der pausenlosen Arbeit. Gleichzeitig mußte er notgedrungen immer stärker gegen Saidin ankämpfen, mußte immer mehr Kraft gebrauchen, um nicht auf der Stelle zu einem Aschehaufen verbrannt zu werden, um nicht sein Gehirn ausbrennen zu lassen. Es wurde immer schwieriger, der Vernichtung durch Saidin zu entgehen, der Verlockung zu widerstehen, zu viel Energie in sich aufzunehmen, das zu beherrschen, was er tatsächlich aufnahm. Es ging stetig abwärts mit ihm, und es würde noch Stunden dauern, bevor die Schlacht entschieden war.

Er wischte sich den Schweiß aus den Augen und packte das grobe Geländer der Plattform etwas fester. Wenn er schon dem Aufgeben nahe war, wie ging es dann Egwene und Aviendha, die beide nicht so stark waren wie er? Die Aielfrau stand da, spähte nach Cairhien und zu den Sturmwolken hinüber und bückte sich gelegentlich, um durch das lange Fernrohr zu blicken. Egwene saß im Schneidersitz an eine senkrechte Strebe gelehnt, an der man nicht einmal die graue Rinde abgeschält hatte, und hatte die Augen geschlossen. Sie sahen beide genauso abgearbeitet aus, wie er sich selbst fühlte.

Bevor er irgend etwas für sie tun konnte — er hätte auch nicht gewußt, was, denn er verstand nichts vom Heilen —, öffnete Egwene jedoch die Augen und stand auf. Sie wechselte ein paar Worte mit Aviendha, die aber bei diesem Sturmgetöse sogar seinen von Saidin geschärften Sinnen entgingen. Dann setzte sich Aviendha an Egwenes Platz und ließ ihren Kopf zurück an die Strebe sinken. Aus den schwarzen Wolken über dem gesamten Umkreis der Stadt zuckten nach wie vor Blitze herab, aber jetzt waren es viel häufiger nur wild gezackte Lichtstreifen anstatt der zielgerichteten grellen Lanzen.

Also wechselten sie sich ab, damit sich jede dazwischen ausruhen konnte. Es wäre schön gewesen, jemanden zu haben, mit dem auch er sich hätte abwechseln können, aber er bereute es andererseits nicht, Asmodean befohlen zu haben, im Zelt zu bleiben. Er hätte ihm nicht genug vertraut, um ihn mit der Macht arbeiten zu lassen. Besonders jetzt nicht. Wer wußte schon, was er anstellte, sähe er Rand nun in so geschwächtem Zustand?

Rand taumelte ein wenig. Dann zog er das Fernrohr herum, um die Hügel außerhalb der Stadt zu beobachten. Dort war jetzt wieder Leben sichtbar geworden. Und Tod. Wohin er auch blickte, überall wurde gekämpft, Aiel gegen Aiel, tausend hier, fünftausend dort, so überrannten sie die baumlosen Hügel, viel zu eng ineinander verkeilt, als daß er hätte eingreifen können. Die Kolonne der Reiter und Pikeure konnte er nirgends entdecken.

Dreimal hatte er sie kurz erblickt, und einmal hatten sie gegen die etwa doppelte Anzahl von Aiel gekämpft. Er war sicher, daß sie sich noch immer dort draußen befanden. Er hatte kaum Hoffnung, daß Melanril sich entschieden hätte, zu diesem späten Zeitpunkt doch noch seine Befehle zu befolgen. Den Mann zum Befehlshaber auszuwählen, nur weil er den Anstand besessen hatte, sich ob Weiramons Benehmen verlegen zu zeigen, war ein Fehler gewesen, aber er hatte zu wenig Zeit zum Überlegen gehabt und mußte Weiramon unbedingt loswerden. Jetzt konnte er nichts mehr daran ändern. Vielleicht könnte man einem der Männer aus Cairhien den Befehl übergeben. Falls die Tairener auf seinen direkten Befehl hin ausnahmsweise einmal jemandem aus Cairhien gehorchten.

Eine wogende Menschenmenge direkt vor der hohen, grauen Stadtmauer fiel ihm auf. Die großen, eisenbeschlagenen Torflügel standen offen. Aiel kämpften davor gegen Reiter und Lanzenträger, während andere Leute sich bemühten, das Tor wieder zu schließen. Sie strengten sich mächtig an, doch der Druck der vielen Körper ließ sie scheitern. Reiterlose Pferde und unbewegliche, gerüstete Gestalten auf dem Boden eine halbe Meile vom Tor entfernt zeigten, wo der Ausfall abgefangen worden war. Es regnete Pfeile von der Mauer und dazu kopfgroße Trümmerstücke. Gelegentlich schoß sogar der eine oder andere Speer herunter, und zwar mit solcher Wucht, daß er zwei oder drei Mann auf einmal aufspießen konnte, aber noch immer war er nicht in der Lage, zu erkennen, woher diese Speere kamen. Doch die Aiel stiegen über ihre Gefallenen hinweg und kamen dem Tor immer näher. Sie würden sich bestimmt bald den Weg hinein erkämpfen. Ein schneller Rundblick zeigte ihm zwei weitere Kolonnen von Aiel, die sich in Richtung des Tores bewegten, alles in allem vielleicht dreitausend Mann. Er zweifelte nicht daran, daß es sich um weitere Verstärkungen Couladins handelte.

Ihm wurde bewußt, daß er mit den Zähnen knirschte. Falls die Shaido nach Cairhien hinein durchbrachen, würde er sie niemals nach Norden vertreiben können. Er müßte sie dann in mühsamen, einzelnen Straßenkämpfen ausheben, und das würde noch viel mehr Leben kosten als bisher schon. Die Stadt selbst würde hinterher wie Eianrod in Schutt und Asche liegen, vielleicht sogar wie Taien. Die Soldaten aus Cairhien und die Aiel hatten sich vermischt wie die Ameisen in einer Schüssel Honig, doch er mußte etwas unternehmen.

Er holte tief Luft und verwob Stränge der Macht. Die beiden Frauen hatten die äußeren Bedingungen hergestellt, indem sie die Sturmwolken heraufbeschworen hatten, und er mußte ihr Gewebe gar nicht sehen, um es jetzt selbst benützen zu können. Hart umrissene, silberblaue Blitze zuckten herab in die Aieltruppen hinein, einmal, zweimal, so schnell ein Mann nur in die Hände klatschen konnte.

Rand riß den Kopf hoch und versuchte, die brennenden Linien, die immer noch in seiner Sicht tanzten, unter Tränen wegzuzwinkern. Als er wieder durch das lange Rohr blickte, lagen die Shaido wie abgemähte Getreidehalme auf der Fläche, die von seinen Blitzen getroffen worden war. Näher am Tor lagen auch andere Männer und Pferde in ihren letzten Zuckungen am Boden, und manche rührten sich schon nicht mehr, doch die Unverletzten schleppten die Verwundeten hinein, und das Tor begann sich gerade hinter den letzten von ihnen zu schließen.

Wie viele von ihnen werden nie mehr zurückkommen? Wie viele meiner eigenen Leute habe ich da getötet? Die kalte Logik sagte ihm, daß es gar keine Rolle spiele. Es hatte sein müssen und es war erledigt.

Und das war auch gut so. Entfernt nahm er war, wie seine Knie zitterten. Er würde Ruheperioden einlegen müssen, wenn er das den ganzen Tag über durchhalten wollte. Er konnte nicht mehr nach allen Richtungen gleichzeitig zuschlagen, sondern mußte sich auf bestimmte Ziele konzentrieren, wo seine Hilfe benötigt wurde, wo er am meisten ausr... Die Sturmwolken türmten sich nur über der Stadt und den Hügeln im Süden, und dennoch zuckte urplötzlich aus dem klaren, blauen Himmel über dem Turm ein Blitz hernieder, mitten zwischen die unten versammelten Töchter des Speers, wo er mit einem ohrenbetäubenden Knall einschlug.