Rand starrte betäubt hinunter, und das Haar stand ihm knisternd zu Berge. Er hatte diesen Blitz auch noch auf andere Weise wahrgenommen, hatte das Gewebe aus der Energie Saidins gefühlt, das ihn erzeugt hatte. Also war die Versuchung für Asmodean selbst dort hinten im Zelt zu groß, um ihr zu widerstehen.
Es blieb jedoch keine Zeit zum Überlegen. Wie schnelle, rhythmische Schläge auf eine riesenhafte Trommel folgte nun Blitz auf Blitz. Sie krachten in einer Reihe zwischen den Töchtern in den Boden, bis der letzte schließlich das Fundament des Turms traf und eine Explosion Splitter von der Größe von Armen und Beinen emporschleuderte.
Als sich der Turm langsam zur Seite neigte, warf sich Rand Egwene und Aviendha entgegen. Irgendwie brachte er es fertig, beide mit einem Arm zu umfassen und sich mit dem anderen an eine senkrechte Strebe zu klammern, die sich nun schräg über ihnen an der Seite der Plattform befand. Sie starrten ihn mit weit aufgerissenen Augen an, öffneten die Münder, aber es war genausowenig Zeit, etwas zu sagen, wie überhaupt nachzudenken. Das angeschlagene Balkengerüst des Turms kippte und krachte durch die Zweige der darunterstehenden Bäume. Einen Moment lang hoffte er, die Bäume würden den Sturz abfangen.
Mit einem berstenden Geräusch brach die Strebe, an die er sich geklammert hatte. Der Boden kippte ihm entgegen und schlug ihm wie ein Hammer gegen die Brust; raubte ihm den Atem. Einen Herzschlag später schlugen die beiden Frauen auf seinem Körper auf. Dunkelheit umfing ihn.
Er kam nur ganz langsam wieder zu sich. Zuerst konnte er hören.
»...haben uns wie ein Felsblock unter sich begraben und uns in der Dunkelheit den Hang abwärts gerollt.« Das war Aviendhas Stimme, leise, als spreche sie nur zu sich selbst. Auf seinem Gesicht bewegte sich irgend etwas. »Du hast uns alles genommen, was wir sind, was wir waren. Du mußt uns dafür etwas geben, was wir sein können. Wir brauchen dich.« Was sich da oben bewegte, wurde langsamer und berührte sein Gesicht noch sanfter. »Ich brauche dich. Nicht für mich selbst, das mußt du verstehen. Für Elayne. Was nun zwischen ihr und mir steht, geht nur sie und mich an, aber ich werde dich ihr übergeben. Ganz bestimmt. Wenn du stirbst, trage ich deinen Leichnam zu ihr. Wenn du stirbst...!«
Er schlug die Augen auf, und einen Augenblick lang sahen sie sich direkt in die Augen, beinahe Nase an Nase. Ihr Haar war wirr, der Schal fehlte, und ihre Wange wurde von einer rötlichen Schwellung entstellt. Sie richtete sich ruckartig auf, faltete ein feuchtes, blutgetränktes Tuch neu zusammen und begann, seine Stirn, nun um einiges energischer als zuvor abzutupfen.
»Ich habe nicht die Absicht, zu sterben«, sagte er zu ihr, obwohl er sich dessen in Wirklichkeit keineswegs so sicher war. Das Nichts und Saidin waren natürlich verschwunden. Schon der Gedanke daran, sie auf diese plötzliche Art entrissen zu bekommen, ließ ihn schaudern. Es war reines Glück gewesen, daß ihn Saidin in jenem letzten Moment nicht völlig ausgebrannt und mit leerem Verstand zurückgelassen hatte. Der bloße Gedanke daran, wieder nach der Quelle zu greifen, ließ ihn ächzen. Ohne das Nichts als Puffer spürte er jeden Schmerz, jede Schramme und Abschürfung in ihrem ganzen Ausmaß. Er war so müde, daß er augenblicklich eingeschlafen wäre, hätte ihm nicht alles so weh getan.
Und das war ja wohl auch gut so, denn er durfte jetzt nicht schlafen. Noch lange Zeit nicht.
Er steckte eine Hand unter seine Jacke und fühlte nach seiner Seite, worauf er sich vorsichtshalber erst das Blut am Hemd abwischte, bevor er die Hand wieder herauszog. Kein Wunder, daß ein Sturz wie dieser die halbverheilte, niemals heilende Wunde wieder hatte aufbrechen lassen. Er schien aber nicht zu schlimm zu bluten, doch falls die Töchter das bemerkten, oder Egwene oder auch Aviendha, mußte er sich wahrscheinlich erst mit ihnen herumstreiten, damit sie ihn nicht zu Moiraine schleppten, um von ihr geheilt zu werden. Dazu hatte er jedoch viel zu viel zu tun. Die Heilung mit Hilfe der Macht würde sich bei ihm auswirken wie ein Knüppel auf den Kopf. Außerdem hatte sie sicher viel schlimmere Verwundungen zu heilen.
Er schnitt eine Grimasse, unterdrückte ein weiteres Ächzen und erhob sich ohne allzuviel Hilfe von Aviendha. Und prompt vergaß er seine Verletzungen.
Sulin saß in der Nähe auf dem Boden, während Egwene eine blutende Schnittwunde auf ihrer Kopfhaut verband und dabei vor sich hinfluchte, weil sie nicht mit Hilfe der Macht heilen konnte. Doch die weißhaarige Tochter des Speers war keineswegs das einzige Opfer und bei weitem nicht das am schlimmsten betroffene. Überall waren in den Cadin'sor gekleidete Frauen dabei, ihre Toten mit Decken zu verhüllen und sich um diejenigen zu kümmern, die lediglich Brandwunden davongetragen hatten, falls man mit ›lediglich‹ die Verbrennungen durch einen einschlagenden Blitz bezeichnen konnte. Von Egwenes Fluchen abgesehen, lag Stille über dem Hügel. Sogar die verwundeten Frauen waren bis auf ihr heiseres Atmen still.
Der roh zusammengezimmerte Turm, jetzt nur noch ein nicht mehr erkennbarer Trümmerhaufen, hatte beim Umstürzen die Töchter nicht verschont, hatte Arme und Beine gebrochen und lange Rißwunden verursacht. Er beobachtete, wie man eine Decke über das Gesicht einer Tochter mit rotgoldenem Haar von beinahe dem gleichen Farbton wie dem Elaynes breitete. Ihr Kopf lag unnatürlich abgewinkelt, und die Augen starrten glasig nach oben. Jolien. Eine jener, die zuerst auf der Suche nach Ihm, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt, die Drachenmauer überquert hatten. Sie war in seinem Dienst mit zum Stein von Tear gekommen. Und nun war sie tot. Für ihn gestorben. Oh, wie gut hast du es fertiggebracht, die Töchter des Speers vor allem Unbill zu bewahren, dachte er bitter. Sehr gut hast du das gemacht.
Er spürte die Blitze immer noch, oder besser gesagt, die Nachwehen ihres Gewebes. Beinahe wie das Flimmern vor seinen Augen vorher konnte er das in der Intensität nachlassende Gewebe noch wahrnehmen. Zu seiner Überraschung kam es aus dem Westen und nicht von den Zelten. Also nicht Asmodean.
»Sammael.« Nun war er sicher. Sammael hatte diesen Angriff im Jangai vorgeschickt, Sammael steckte hinter den Piraten und den Überfällen in Tear, und Sammael hatte dies hier zu verantworten. Er bleckte seine Zähne, als wolle er knurren, und seine Stimme klang wie ein heiseres Flüstern: »Sammael!« Ihm war nicht bewußt, daß er einen Schritt vorgetreten war, bis ihn Aviendha am Arm packte.
Einen Moment später hielt Egwene den anderen fest, und die beiden hängte sich an ihn, als wollten sie, daß er auf dieser Stelle Wurzeln schlüge. »Sei kein vollständiger Wollkopf«, sagte Egwene. Auf seinen bösen Blick hin fuhr sie dann doch zusammen, ließ aber nicht los. Sie hatte sich den braunen Schal wieder um den Kopf gebunden, doch ihr Haar war noch immer wirr. Mit den Fingern hatte sie es nicht richtig durchkämmen können. Auch waren Bluse und Rock mit Staub bedeckt. »Wer das auch angerichtet hat, hat doch mit Absicht so lange gewartet, bis du müde sein mußtest! Denn wenn er seinen Zweck verfehlt hat, dich zu töten, und du verfolgst ihn, hat er trotzdem leichtes Spiel mit dir. Du kannst dich ja kaum auf den Beinen halten!«
Aviendha war genausowenig bereit loszulassen und erwiderte seinen wütenden Blick mit einem ebensolchen. »Du wirst hier gebraucht, Rand al'Thor. Hier, Car'a'carn. Liegt mehr Ehre für dich darin, diesen Mann zu töten, oder den Menschen hier zu helfen, die du in dieses Land gebracht hast?«