Ein junger Aielmann rannte durch die Kette der Töchter herauf, die Schufa um die Schultern gehängt, Speer und Schild entspannt schwingend. Falls er es eigenartig fand, daß Rand von zwei Frauen festgehalten wurde, zeigte er es nicht. Er musterte die zerschmetterten Reste des Turms und die Toten und Verwundeten mit leichter Neugier, als frage er sich, wie das passiert sei und wo wohl die toten Gegner liegen mochten. Er steckte seine Speerspitzen vor Rand in den Boden und sagte: »Ich bin Seirin, aus der Schorara-Septime der Tomanelle.«
»Ich sehe Euch, Seirin«, erwiderte Rand genauso formell. Nicht ganz einfach, wenn einen zwei Frauen festhalten, als wolle man davonlaufen.
»Han von den Tomanelle schickt diese Botschaft an den Car'a'carn: Die Clans im Osten bewegen sich aufeinander zu. Alle vier. Han hat vor, sich mit Dhearic zusammenzuschließen, und er hat einen Boten zu Erim geschickt mit der Bitte, sich ihnen ebenfalls anzuschließen.«
Rand atmete bewußt gleichmäßig ein und hoffte, die Frauen würden glauben, er verziehe das Gesicht wegen dieser Neuigkeit. Doch seine Seite brannte, und er spürte, wie das Blut langsam sein Hemd durchnäßte. Also hatte er keine Truppen zur Verfügung, um Couladin nach Norden zu zwingen, wenn die Shaido flohen. Falls sie flohen, denn bisher hatte er kein Anzeichen dafür entdecken können. Warum schlossen sich die Miagoma und die anderen zusammen? Falls sie vorhatten, sich gegen ihn zu stellen, hätten sie ihn doch damit lediglich vorgewarnt. Doch falls sie sich wirklich gegen ihn stellten, waren sie Han und Dhearic und Erim gegenüber in der Überzahl, und falls die Shaido lange genug standhielten und die vier Clans den Durchbruch erzwangen... Über die bewaldeten Hügel hinweg konnte er erkennen, daß es über der Stadt zu regnen begonnen hatte, nun, da Egwene und Aviendha die Wolken nicht mehr mit ihrem Gewebe festhielten. Das würde beide Seiten behindern. Sollten die Frauen nicht doch in einem besseren Zustand sein, als sie den Anschein erweckten, waren sie vielleicht bei dieser Entfernung nicht mehr in der Lage, die Kontrolle über das Wetter zurückzugewinnen.
»Sagt Han, er solle tun, was er muß, um sie uns aus denn Rücken zu halten.«
So jung er auch war — und wenn er ihn genauer betrachtete, war er ungefähr im gleichen Alter wie er selbst —, zog Seirin nun doch überrascht eine Augenbraue hoch. Natürlich. Han würde sowieso nichts anderes tun, und Seirin war das auch klar. Er wartete nur lange genug, um sicher zu sein, daß Rand dem nichts hinzufügen wolle, und dann eilte er genauso schnell hügelab, wie er gekommen war. Zweifellos wollte er schnell genug zurückkehren, damit er nicht mehr vorn Kampf versäumte als unbedingt notwendig. Was das betraf, mochte es durchaus dort draußen im Osten bereits begonnen haben.
»Ich brauche jemanden, der Jeade'en holt«, sagte Rand, sobald Seirin davongeeilt war. Sollte er versuchen, so weit zu laufen, würde er wirklich die Frauen benötigen, damit sie ihn auf den Beinen hielten. Die beiden sahen sich gar nicht ähnlich, aber sie schafften es, einen nahezu identischen Ausdruck von Mißtrauen zu zeigen. Diese Mienen mußten wohl zu den Dingen gehören, die einem Mädchen in frühester Jugend von der Mutter beigebracht wurden. »Ich will keineswegs Sammaels Spur folgen.« Noch nicht. »Ich muß jedoch näher an die Stadt herankommen.« Er nickte in Richtung des umgestürzten Turmes. Das war die einzige Geste, die er mit den beiden im Schlepptau noch vollbringen konnte. Meister Tovere war vielleicht in der Lage, die Linsen der Fernrohre zu bergen, aber es waren kaum drei Balken des Turms noch ganz. Er konnte also heute mit Sicherheit nichts mehr von dieser Position aus beobachten.
Egwene war offensichtlich unsicher, aber Aviendha zögerte kaum einen Moment lang, und dann befahl sie auch schon einer jungen Tochter des Speers, zu den Gai'schain zu gehen. Auch Egwenes eigene Stute sollte gebracht werden, womit er nicht gerechnet hatte.
Egwene begann, sich den Schmutz von der Kleidung zu klopfen und fluchte dabei leise, während Aviendha irgendwo einen Elfenbeinkamm und einen neuen Schal auftrieb. Trotz des Sturzes wirkten die beiden bereits viel ordentlicher und frischer als er. Natürlich stand auf ihren Gesichtern die Erschöpfung geschrieben, aber solange sie wenigstens die Macht in geringem Maße lenken konnten, waren sie nützlich.
Das ließ ihn stutzen. Dachte er jetzt schon bei jedem anderen nur noch daran, wie nützlich er oder sie sei? Er sollte dafür sorgen, daß sie sich in Sicherheit befanden, so wie oben auf dem Turm. Nicht, daß der Turm allzu sicher gewesen war, wie sich ja herausgestellt hatte, aber diesmal würde er seine Sache besser machen.
Sulin stand auf, als er sich näherte. Eine beige Bandage aus Algode bedeckte ihren Haarschopf. Nur ein weißer Pony schaute darunter hervor.
»Ich begebe mich näher zur Stadt hin«, sagte er zu ihr, »wo ich beobachten kann, was geschieht und vielleicht auch etwas dagegen unternehmen. Alle Verwundeten sollen hierbleiben und dazu genügend andere, um sie im Notfall zu beschützen. Stellt eine starke Wache her, Sulin; ich brauche lediglich eine Handvoll. Würden die Verwundeten auch noch dahingeschlachtet, wäre das eine schlechte Belohnung für die Ehre, die mir die Töchter erwiesen haben.« Das sollte den größeren Teil von ihnen aus dem Kampf heraushalten. Er selbst würde sich auch heraushalten müssen, um nicht noch mehr in die Kämpfe zu verwickeln, aber so wie er sich fühlte, hatte er damit keine Probleme. »Ich will, daß Ihr hier bleibt, und...«
»Ich gehöre nicht zu den Verwundeten«, sagte sie gekränkt, und er zögerte und nickte bedächtig.
»Also gut.« Er bezweifelte keineswegs, daß ihre Wunde schwerwiegend sei, doch genauso wenig Zweifel hegte er an ihrer Zähigkeit. Und falls sie blieb, konnte es sein, daß er jemanden wie Enaila als Befehlshaberin seiner Wache auf dem Hals hatte. Wie ein Bruder behandelt zu werden, ging ihm keinesfalls so auf die Nerven wie Enailas Art, in ihm so etwas wie einen Sohn zu sehen. Er hatte nicht die geringste Lust, sich das gefallen zu lassen. »Aber ich verlasse mich auf Euch. Ihr werdet dafür sorgen, daß wirklich keine Verwundeten mitkommen, Sulin. Ich muß immer in Bewegung sein. Ich kann mir keine Leute leisten, die mich aufhalten oder dann doch zurückgelassen werden müssen.«
Sie nickte so geschwind, daß er überzeugt war, sie werde jede Tochter zurücklassen, die auch nur einen Kratzer aufwies. Nur sie selbst würde natürlich mitkommen. Diesmal hatte er keinerlei Gewissensbisse, weil er jemanden benutzte. Die Töchter trugen ja den Speer freiwillig, aber sie hatten sich auch freiwillig entschlossen, ihm zu folgen. Vielleicht war ›folgen‹ nicht ganz der richtige Ausdruck, wenn er bedachte, wie sie ihn in mancher Hinsicht bevormundeten, aber für ihn änderte das nichts. Er würde und konnte keine Frau in den Tod schicken. Ende der Diskussion. Eigentlich hatte er erwartet, daß Sulin protestierte. Nun war er dankbar, daß ihm das erspart geblieben war. Ich bin wohl doch etwas raffinierter, als ich selbst glaubte.
Zwei weißgekleidete Gai'schain erschienen, die Jeade'en und Egwenes Pferd herbeiführten, und hinter ihnen folgten eine ganze Menge weiterer, die Arme voll von Binden und Tiegeln mit Tinkturen und über den Schultern ganze Schichten von Wasserschläuchen. Sie wurden von Sorilea und einem Dutzend der Weisen Frauen umhergescheucht, die er bereits kennengelernt hatte. Allerdings hatte er sich höchstens bei der Hälfte die Namen merken können.
Sorilea war eindeutig diejenige, die den Oberbefehl hatte, und sie dirigierte schnell die Gai'schain und die anderen Weisen Frauen, so daß sie zwischen den Töchtern umhergingen und die Wunden versorgten. Sie beäugte Rand, Egwene und Aviendha, runzelte nachdenklich die Stirn und spitzte die dünnen Lippen. Offensichtlich war sie der Meinung, alle drei wirkten so zerschlagen, daß man ihre Wunden besser auch versorgen sollte. Dieser Blick reichte, und Egwene kletterte sofort lächelnd in den Sattel der grauen Stute. Von oben herab nickte sie der Weisen Frau zu. Wären die Aiel mit dem Reiten vertraut gewesen, hätte Sorilea allerdings bemerkt, daß Egwenes ungeschickte Steifheit keineswegs gewöhnlich war. Und wie angeschlagen auch Aviendha war, merkte er daran, daß sie sich ohne den geringsten Widerspruch hinter Egwene auf das Pferd ziehen ließ. Auch sie lächelte Sorilea an.