Dann wäre er genau wieder an dem Punkt, von dem er aufgebrochen war. Auch wenn es nicht der Sog des Ta'veren war, der ihn dorthin zurückbrachte, wäre es doch sehr schwer für ihn, noch einmal wegzukommen, wenn Moiraine davon erfuhr. Und mit Melindhra hätte er dann auch zu tun bekommen. Er hatte noch nie von einer Frau gehört, die es nicht übelnahm, wenn ein Mann versuchte, ihr davonzulaufen, ohne es sie wissen zu lassen.
Während er das Fernrohr langsam weiterschwenkte und den Turm suchte, ging mit einemmal ein spärlich mit Lederblattbäumen und Birken bestandener Abhang in Flammen auf. Im Nu verwandelte sich jeder einzelne Baum in eine Fackel.
Langsam senkte er das messingbeschlagene Rohr. Es war kaum notwendig, das Feuer zu beobachten, und der dichte graue Qualm erhob sich bereits wie eine dicke Säule zum Himmel. Er brauchte keine besonderen Anzeichen, um zu erkennen, daß die Macht benützt worden war, nicht, wenn es sowieso deutlich war wie hier. War Rand schließlich doch über die Grenze zum Wahnsinn gekippt? Oder hatte Aviendha endlich die Nase voll gehabt daß man sie zwang, in seiner Nähe zu bleiben? Man sollte niemals eine Frau erzürnen, die mit der Macht umgehen konnte. Mat brachte es wohl nur selten fertig, dieser Regel Folge zu leisten, aber er bemühte sich.
Heb dir dein großes Mundwerk für jemand anderes auf als dich selber, dachte er sauer. Er versuchte nur, sich gedanklich um die dritte Möglichkeit herumzudrücken. Falls Rand schließlich doch nicht übergeschnappt war und auch weder Aviendha noch Egwene, noch eine der Weisen Frauen beschlossen hatte, ihn loszuwerden, dann hatte sich heute jemand anders in ihre Geschäfte eingemischt. Er konnte zwei und zwei zusammenzählen, ohne fünf herauszubekommen. Sammael. Nun, das war's ja wohl. Der Ausweg war keiner gewesen. Blut und Asche! Was ist denn mit meinem...?
Hinter ihm knackte ein am Boden liegender Ast unter einem Fuß, und er reagierte, ohne nachzudenken.
Durch Schenkeldruck riß er Pips auf der Hinterhand herum, während die Schwertklinge des Speers vom Sattelkopf herumfuhr.
Estean ließ beinahe seinen Helm fallen. Er riß die Augen auf, als die kurze Klinge um Haaresbreite vor seinem Kopf innehielt. Der Regen ließ sein nasses Haar an der Stirn kleben. Nalesean, der auch zu Fuß gekommen war, grinste halb überrascht, halb amüsiert, weil der junge Tairener so erschrocken war. Stämmig und mit einem kantigen Gesicht, war Nalesean der zweite nach Melanril, der die Kavallerie der Tairener anführte.
Auch Talmanes und Daerid waren dabei, wie gewöhnlich einen Schritt dahinter, und ebenfalls wie gewöhnlich blickten sie ausdruckslos unter ihren glockenförmigen Helmen hervor. Die vier hatten ihre Pferde weiter hinten zwischen den Bäumen zurückgelassen.
»Aiel kommen geradewegs auf uns zu, Mat«, sagte Nalesean, als Mat den mit einem Raben gekennzeichneten Speer hochnahm. »Das Licht soll meine Seele versengen, wenn da auch nur einer weniger als fünftausend kommt.« Er grinste über die eigenen Worte. »Ich glaube, die ahnen nicht, daß wir hier auf sie warten.«
Estean nickte einmal. »Sie halten sich an die Täler und Senken. Versteckt vor...« Er blickte zu den Wolken empor und schauderte. Er war nicht der einzige, dem nicht wohl war bei dem Gedanken daran, was aus dem Himmel kommen mochte. Auch die drei anderen blickten nach oben. »Auf jeden Fall ist klar, daß sie dort durchkommen werden, wo sich Daerids Männer befinden.«
Es lag tatsächlich eine Andeutung von Respekt in seinem Tonfall, als er die Pikeure erwähnte. Zähneknirschend, klar, und nicht sehr ausgeprägt, aber es war nicht leicht, noch auf jemanden herabzusehen, der einem mehrmals den Hals gerettet hatte. »Sie werden auf uns treffen, bevor sie unser gewahr werden.«
»Wunderbar«, hauchte Mat. »Das ist einfach verdammt wunderbar.«
Er meinte das natürlich sarkastisch, doch Nalesean und Estean merkten nichts davon. Sie wirkten begierig. Nur Daerids vernarbtes Gesicht zeigte ebensoviel Ausdruck wie ein Stein. Talmanes zog eine Augenbraue ein klein wenig in Mats Richtung hoch und schüttelte kaum merklich den Kopf. Diese beiden verstanden etwas vom Kämpfen.
Das erste Zusammentreffen mit den Shaido hatte beide im besten Fall gleich stark erlebt, und Mat wäre dieses Risiko nicht eingegangen, wäre er nicht dazu gezwungen gewesen. Daß all diese Blitze dann die Aiel erschreckt hatten und sie in wilder Flucht davonstürzten, hatte daran nichts geändert. Noch zweimal waren sie heute in Kämpfe verwickelt worden. Beide Male hatte Mat vor der Wahl gestanden, entweder zuerst loszuschlagen oder selbst angegriffen zu werden, und der Ausgang war beide Male nicht so positiv gewesen, wie die Tairener glaubten. Beim erstenmal war es unentschieden ausgegangen, aber nur, weil er es fertiggebracht hatte, sich von den Shaido zu lösen, als sie sich zurückgezogen hatten, um sich neu zu formieren. Wenigstens waren sie nicht wiedergekommen, während er die Seinen durch die engen Talwindungen führte. Er vermutete, sie seien anderweitig gebunden worden, oder vielleicht waren weitere Blitze oder Feuerkugeln oder das Licht wußte, was sonst, gekommen. Er wußte nur zu gut, was ihnen beim letztenmal gestattet hatte, mit einigermaßen heiler Haut zu entkommen. Eine weitere Aieltruppe war von hinten her in diejenige hineingelaufen, mit der sie gerade kämpften, genau im rechten Moment, damit die Pikeure nicht überrannt wurden. Die Shaido hatte sich zum Rückzug in Richtung Norden entschlossen, und die anderen, von denen er immer noch nicht wußte, wer sie waren, hatten einen Schwenk nach Westen vollführt, so daß er als einziger auf dem Feld verblieben war. Nalesean und Estean hatten es als klaren Sieg gewertet. Daerid und Talmanes hatten es besser gewußt.
»Wie lange noch?« fragte Mat.
Es war Talmanes, der ihm die Antwort gab: »Eine halbe Stunde. Vielleicht ein wenig länger, falls wir Glück haben.« Die Tairener blickten zweifelnd drein; ihnen schien immer noch nicht klar zu sein, wie schnell die Aiel vorwärtskamen.
Mat machte sich da keine Illusionen. Er hatte das Terrain in ihrer Umgebung bereits sorgfältig beobachtet, doch nun sah er sich noch einmal um und seufzte.
Von diesem Hügel aus hatte er einen sehr guten Überblick, und die einzige Baumgruppe innerhalb einer halben Meile im Umkreis, die diese Bezeichnung verdiente, war genau die, inmitten welcher er nun im Sattel saß. Ansonsten war nur Gestrüpp zu sehen, kaum mehr als hüfthoch, und dazwischen vereinzelte Lederblattbäume, Birken und gelegentlich sogar eine Eiche. Diese Aiel würden auf jeden Fall Kundschafter hier heraufschicken, um sich umzusehen, und es gab nicht die geringste Möglichkeit, wenigstens die Reiter ihrer Truppe außer Sicht zu bringen, bevor das geschah. Die Pikeure standen völlig ungedeckt da. Er wußte, was zu tun war — wieder einmal zuerst zuschlagen, bevor es der Gegner konnte —, aber gefallen mußte es ihm ja deshalb keineswegs.
Es reichte nur zu einem Rundblick, und bevor er anschließend den Mund aufbekam, sagte Daerid: »Meine Kundschafter haben berichtet, daß sich Couladin selbst bei dieser Truppe befindet Zumindest hat ihr Anführer die Arme entblößt, und sie weisen Male auf, die denen gleichen, die der Lord Drache angeblich trägt.«
Mat knurrte. Couladin, und auf dem Weg nach Osten. Falls es keine Möglichkeit gab, ihm aus dem Weg zu gehen, würde der Kerl geradewegs über Rand stolpern. Vielleicht wollte er das auch. Mat wurde bewußt, daß er vor Wut kochte, und das hatte nichts damit zu tun, daß Couladin Rand töten wollte. Der Häuptling der Shaido, oder was der Mann auch sein mochte, erinnerte sich möglicherweise vage an Mat als jemanden, der aus Rands Umgebung kam, aber Couladin war der Grund dafür, daß er hier draußen mitten in einer Schlacht festsaß, sich bemühen mußte, zu überleben, und sich ständig fragte, wann das Ganze zu einer persönlichen Auseinandersetzung zwischen Rand und Sammael ausarten werde — die Art vom Zweikampf, bei dem jeder im Umkreis von zwei oder drei Meilen sterben mußte. Falls ich vorher nicht schon einen Speer durch die Brust abbekomme. Und er hatte nicht mehr Auswahlmöglichkeiten als eine Gans, die man mit dem Kopf nach unten neben der Tür aufhängt. Nichts davon wäre so gekommen, wenn Couladin nicht wäre.