Wie schade, daß niemand den Mann schon vor Jahren getötet hatte. Er lieferte einem doch wirklich genügend Gründe. Die Aiel zeigten nur selten offene Wutausbrüche, und wenn, dann eher kalt und eben doch beherrscht. Couladin andererseits explodierte förmlich zwei- oder dreimal am Tag vor Wut und verlor innerhalb eines Augenblicks vollkommen die Beherrschung. Ein Wunder, daß er noch am Leben war. Er hatte wohl das Glück des Dunklen Königs gepachtet.
»Nalesean«, sagte Mat zornig, »umgeht mit Euren Tairenern diese Burschen in weitem Bogen nördlich und greift sie dann von hinten an. Wir werden ihre ganze Aufmerksamkeit auf uns lenken, also reitet schnell und brecht über sie herein wie eine zusammenstürzende Scheune.« Er hat also das Glück des Dunklen Königs, ja? Blut und Asche, ich hoffe, mein Glück wird auch wieder halten. »Talmanes, Ihr macht dasselbe von Süden her. Bewegt Euch, Ihr beiden! Wir haben wenig Zeit, und die dürfen wir nicht verschwenden!«
Die beiden Tairener verbeugten sich hastig und eilten zu ihren Pferden, wobei sie die Helme schnell überstülpten. Talmanes Verbeugung entsprach eher den Höflichkeitsregeln. »Das Licht sei Eurem Schwert gnädig, Mat. Oder besser gesagt, Eurem Speer.« Dann war auch er weg.
Daerid blickte zu Mat auf, als die drei hügelabwärts verschwanden, und er wischte sich mit einem Finger das Regenwasser von den Augenbrauen. »Also bleibt Ihr diesmal bei den Pikeuren. Ihr dürft Euch aber nicht von Eurem Zorn auf Couladin übermannen lassen. Eine Schlacht ist nicht der richtige Ort, um ein Duell auszufechten.«
Mat hielt sich mit Mühe davon ab, Augen und Mund aufzureißen. Ein Duell? Er? Mit Couladin? Glaubte Daerid, deshalb wolle er bei der Infanterie bleiben? Er hatte das doch nur beschlossen, weil er hinter ihren Piken sicherer war. Das war der wahre Grund. Der ganze Grund. »Macht Euch keine Sorgen. Ich kann mich beherrschen.« Und er hatte Daerid für den vernünftigsten in diesem ganzen Haufen gehalten!
Der Mann aus Cairhien nickte bloß. »Das dachte ich mir. Ihr habt auch früher schon gesehen, wie man mit den Piken kämpft, und bestimmt auch ein paar Angriffe miterlebt. Talmanes wird wohl erst dann ein Lob aussprechen, wenn zwei Monde am Himmel stehen, aber ich habe gehört, wie er sagte, er werde Euch folgen, wo immer Ihr ihn auch hinführt. Eines Tages würde ich schon gern einmal Eure Lebensgeschichte hören, Andoraner. Aber Ihr seid jung — das soll nicht respektlos sein, aber es stimmt eben —, und junge Männer haben ein hitziges Temperament.«
»Dieser Regen wird es abkühlen, wenn sonst nichts helfen sollte.« Blut und Asche! Waren sie denn alle übergeschnappt? Talmanes sollte ihn gepriesen haben? Er fragte sich, was sie wohl sagen würden, fänden sie heraus, daß er lediglich ein Spieler war, der Bruchstücken von Erinnerungen Folge leistete, die von Männern stammten, die schon tausend oder mehr Jahre tot waren. Dann würden sie wahrscheinlich Lose ziehen, wer als erster die Chance haben sollte, ihn wie ein Schwein auf den Spieß zu stecken. Besonders die Lords; keiner mochte es, zum Narren gehalten zu werden, aber die Adligen noch weniger als alle anderen, vielleicht, weil sie das selbst so oft fertigbrachten. Wie auch immer, er wollte jedenfalls meilenweit entfernt sein, wenn sie diese Entdeckung machten. Verdammter Couladin! Ich würde ihm zu gern mit diesem Speer das Maul stopfen! Er gab Pips die Fersen zu spüren und ritt zum gegenüberliegenden Hang hinüber, unter dem die Infanterie wartete.
Auch Daerid kletterte in den Sattel und hielt sich neben ihm. Er nickte, als Mat ihm seinen Schlachtplan erklärte. Die Bogenschützen an die Abhänge, wo sie die Flanken decken konnten. Aber sie sollten sich hinlegen und bis zur letzten Minute im Gestrüpp verbergen. Ein Mann oben auf dem Hügel, um den anderen das Signal zu geben, sobald die Aiel in Sicht kamen, und dann sollten die Pikeure sofort losmarschieren, und zwar geradewegs auf den sich nähernden Feind zu. »In dem Moment, da wir die Shaido sehen können, ziehen wir uns so schnell wie möglich zurück, beinahe bis zu dem Einschnitt zwischen diesen beiden Hügeln, und dann drehen wir um und stellen uns ihnen.«
»Sie werden glauben, wir wollten erst fliehen, hätten dann begriffen, daß es nicht mehr geht, und würden uns nun wie ein Bär gegen die Meute wenden. Sie sehen, daß wir weniger als die Hälfte so stark sind wie sie und nur gezwungenermaßen kämpfen, also werden sie glauben, sie könnten uns einfach überrennen. Wenn wir sie nur so lange beschäftigen können, bis die Kavallerie von hinten über sie hereinbricht...« Der Mann aus Cairhien grinste tatsächlich einmal. »Das heißt, die Taktik der Aiel gegen sie selbst wenden.«
»Es wird verdammt notwendig sein, sie so lange zu beschäftigen.« Mats Tonfall war genauso trocken wie er selbst durchnäßt »Um sicherzugehen, daß wir lange genug widerstehen, und um sicherzugehen, daß sie uns nicht umgehen und von den Flanken her angreifen, will ich, daß Eure Soldaten etwas schreien, sobald wir aufhören, uns zurückzuziehen; ›Schützt den Lord Drachen!‹« Diesmal lachte Daerid schallend los.
Das sollte die Shaido nun wirklich zum ungehemmten Angriff verfuhren, besonders, wenn Couladin selbst sie führte. Falls Couladin sie anführte, falls Couladin glaubte, Rand befinde sich wirklich bei den Pikeuren, falls die Truppe aushielt, bis die Kavallerie angriff... Ziemlich viele Unsicherheitsfaktoren. Mat hörte, wie in seinem Kopf die Würfel rollten. Das war der höchste Einsatz, den er bisher in seinem Leben gewagt hatte. Er fragte sich, wie lange es noch bis zum Anbruch der Nacht sei. Im Schutz der Dunkelheit könnte ein Mann einfach davonreiten und entkommen. Er verwünschte diese Würfel, die er nicht aus dem Kopf bekam und die einfach nicht fallen wollten, damit er wenigstens sähe, was sie zeigten. So schnitt er dem Regen eine finstere Grimasse und lenkte Pips den Hügel hinab.
Jeade'en blieb auf einer Anhöhe stehen, wo ein Dutzend Bäume wie ein aufgesetzter, spärlicher Schöpf wirkten, und Rand krümmte sich ein wenig zusammen, weil er solche Schmerzen in der Seite hatte. Der Halbmond stand hoch am Himmel und warf einen bleichen Lichtschein über die Landschaft, doch selbst bei seiner durch Saidin verbesserten Sicht war alles, was weiter als hundert Schritt entfernt lag, nur formloser Schatten. Die Nacht verschluckte die umliegenden Hügel vollständig, und sogar Sulin, die sich in seiner Nähe aufhielt, und die übrigen Töchter um ihn herum waren nur schemenhaft wahrzunehmen. Andererseits schien er die Augen überhaupt nicht mehr richtig aufzubekommen. Er schien Sand darin zu haben und glaubte, daß ihn im Grunde nur der nagende Schmerz an der Seite überhaupt wachhielt. Er dachte nicht zu oft daran. Jeder Gedanke lag nun nicht mehr nur in weiter Ferne, er war auch unendlich langsam.
Hatte Sammael heute zweimal versucht, ihm den Lebensfaden abzuschneiden, oder gar dreimal? Oder noch öfter? Eigentlich sollte man sich doch daran erinnern, wie oft jemand versucht hatte, einen umzubringen. Nein, vielleicht nicht umzubringen. Zu ködern. Bist du denn immer noch so eifersüchtig auf mich, Tel Janin? Wann hätte ich dich jemals erniedrigt oder dir nur einen Fingerbreit weniger gereicht, als dir zustand? Schaudernd fuhr sich Rand mit den Fingern durchs Haar. Es war etwas Eigenartiges an diesem Gedankengang gewesen, doch er konnte nicht sagen, was. Sammael... Nein. Er würde mit ihm fertig werden, sobald ... falls... Unwichtig. Später. Heute bedeutete Sammael nur eine Ablenkung von dem, was wirklich wichtig war. Vielleicht war er mittlerweile auch weg.