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Ganz vage schien es ihm, es sei kein neuer Angriff erfolgt seit... Seit wann? Er erinnerte sich daran, Sammaels letzten Schachzug mit etwas besonders Gemeinem beantwortet zu haben, konnte sich aber keine Einzelheiten mehr ins Bewußtsein rufen. Jedenfalls kein Baalsfeuer. Darf ich nicht benützen. Bedroht das Gewebe des Musters. Nicht einmal für Ilyena? Ich würde die Welt versengen und meine Seele als Feuerholz verwenden, wenn ich sie noch einmal lachen hörte.

Zerstreut. Seine Gedanken schweiften wieder von allem Wichtigen ab.

Vor wie langer Zeit die Sonne auch gesunken sein mochte, so hatte sie doch noch immer auf eine Schlacht herabgesehen. Die letzten rotgoldenen Strahlen hatten ihr Licht auf mordende und sterbende Menschen geworfen, bevor sie den immer länger werdenden Schatten wichen. Selbst jetzt trieben mit gelegentlichen Windstößen ferne Rufe und Schreie zu ihm herüber. Alles Couladins wegen, das war schon richtig, aber im tiefsten Grunde war er natürlich selbst schuld.

Einen Augenblick lang konnte er sich nicht einmal mehr an seinen eigenen Namen erinnern.

»Rand al'Thor«, sprach er laut vor sich hin und schauderte, obwohl sein Mantel schweißnaß war. Einen Moment lang war ihm dieser Name fremd vorgekommen. »Ich bin Rand al'Thor, und ich muß ... ich muß sehen.«

Er hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen, aber die Verderbnis Saidins unterdrückte jedes Hungergefühl. Das Nichts bebte unaufhörlich, und er hing nur noch mit Zähnen und Klauen an der Wahren Quelle. Es war, als reite er auf einem verrückt gewordenen Stier, oder als schwimme er nackt in einem Strom aus Feuer, der über Stromschnellen toste, deren Klippen aus Eis bestanden. Und doch: Wenn er nicht gerade fast verschlungen oder hin- und hergerissen oder ertränkt wurde, schien es ihm, als läge in Saidin die einzige Kraftreserve, die ihm noch verblieben war. Saidin war immer noch da, feilte an seinen Kanten, versuchte, seinen Verstand auszuradieren oder zu zersetzen, und dennoch ließ es sich aber jederzeit benützen.

Nach einem ruckartigen Nicken lenkte er einen Strom der Macht, und etwas brannte hoch droben am Himmel. Irgend etwas. Eine Kugel aus waberndem blauen Feuer, die mit ihrem grellen Lichtschein die Schatten vertrieb.

Überall um ihn herum sprangen Hügel in seinen Blick. Die Bäume ragten in dieser harten Beleuchtung fast schwarz auf. Nichts rührte sich. Ein Windstoß fegte ein schwaches Geräusch mit zu ihm herüber. Vielleicht Jubel oder Gesang. Oder aber er bildete sich das nur ein, denn es war wirklich so schwach und erstarb mit dem Wind.

Plötzlich wurde er sich der Töchter des Speers bewußt, die ihn umstanden. Hunderte. Einige, so wie Sulin, blickten ihn an, aber viele hatten die Augen zugekniffen. Er brauchte einen Moment, um sich darüber klarzuwerden, daß sie sich die Nachtsicht nicht durch das grelle Licht verderben lassen wollten. Er runzelte die Stirn und suchte. Egwene und Aviendha befanden sich nicht mehr hier. Ein weiterer langer Augenblick verging, bis er daran dachte, das Gewebe aufzulösen und die Nacht wieder allein herrschen zu lassen. Seinen Augen erschien die Schwärze nun unglaublich tief.

»Wo sind sie?« Er ärgerte sich ein wenig darüber, wenn er aussprechen mußte, wen er meinte, doch genauso vage war er sich bewußt, daß es gar keinen Grund dafür gab.

»Sie begaben sich bei Einbruch der Dämmerung zu Moiraine Sedai und den Weisen Frauen, Car'a'carn«, erwiderte Sulin und trat näher an Jeade'en heran. Ihr kurzgeschnittenes weißes Haar schimmerte im Mondschein. Nein, mußte er sein Urteil revidieren, sie trug eine Bandage um den Kopf. Wie konnte er das nur vergessen? »Vor gut zwei Stunden also. Sie wissen, daß Fleisch eben doch kein Stein ist. Selbst die stärksten Beine müssen einmal ruhen.«

Rand runzelte die Stirn. Beine? Sie waren doch auf Egwenes Stute geritten. Die Frau redete Unsinn. »Ich muß sie finden.«

»Sie befinden sich bei Moiraine und den Weisen Frauen, Car'a'carn«, sagte sie betont langsam. Er glaubte zu sehen, daß sie mißbilligend dreinblicke, aber im Dunkel der Nacht war er nicht sicher.

»Nicht sie«, murmelte er. »Muß mein Volk finden. Sie sind immer noch dort draußen, Sulin.« Warum rührte sich der Hengst überhaupt nicht? »Könnt Ihr sie hören? Draußen in der Nacht. Sie kämpfen noch immer. Ich muß ihnen helfen.« Ach, natürlich, er mußte dem Apfelschimmel die Fersen in die Rippen drücken. Doch als er das tat, bewegte sich Jeade'en nur ein wenig zur Seite, und Sulin hielt seinen Zügel. Er erinnerte sich gar nicht daran, daß sie den Zügel gehalten hatte.

»Die Weisen Frauen müssen jetzt mit Euch sprechen, Rand al'Thor.« Ihr Tonfall hatte sich verändert, aber er war zu erschöpft, um feststellen zu können, in welcher Weise.

»Kann das nicht warten?« Er mußte den Läufer mit dieser Nachricht verpaßt haben. »Ich muß sie finden, Sulin.«

Enaila tauchte ganz plötzlich auf der anderen Seite des Pferdekopfes aus der Dunkelheit auf. »Ihr habt Euer Volk gefunden, Rand al'Thor.«

»Die Weisen Frauen warten auf Euch«, fügte Sulin hinzu. Sie und Enaila zogen Jeade'en herum, ohne seine Zustimmung abzuwarten. Aus irgendeinem Grund drängten sich die Töchter um ihn herum, als sie den langen, gewundenen Pfad den Abhang hinunter schritten. Der Mondschein beleuchtete ihre Gesichter, wenn sie zu ihm aufblickten. Sie waren so nahe, daß ihre Schultern manchmal die Flanken des Pferdes streiften.

»Was sie auch von mir wollen«, brummelte er, »sie sollten sich jedenfalls beeilen.« Es war überflüssig, daß sie den Apfelschimmel führten, aber es wäre zu anstrengend, jetzt darum viel Aufhebens zu machen. Er drehte sich um, wollte einen Blick zurückwerfen, doch dabei mußte er vor Schmerz ächzen, und der Gipfel des Hügels war bereits von der Nacht verschluckt worden. »Ich muß noch eine Menge tun. Ich muß ... suchen ... nach...« Couladin. Sammael. Die Männer, die für ihn kämpften und starben. »Muß sie finden.« Er war so müde, aber schlafen durfte er noch nicht.

Laternen, die von Stangen baumelten, beleuchteten das Lager der Weisen Frauen. In ihren Schein mischte sich das Flackern kleiner Feuer, über denen Wasserkessel hingen, die von weißgekleideten Männern und Frauen weggeholt und durch neue ersetzt wurden, sobald das Wasser zu kochen begann. Überall eilten Gai'schain umher, und auch Weise Frauen, um die Verletzungen der vielen Verwundeten zu versorgen, die das Lager überfüllten. Moiraine bewegte sich langsam von einem zum anderen in der langen Reihe jener, die nicht stehen konnten, doch sie hielt nur selten inne, um ihre Hände an die Wangen eines Aiel zu legen, der anschließend wild zuckte, als der Heilprozeß mit Hilfe der Macht zu wirken begann. Jedesmal, wenn sie sich aufrichtete, schwankte sie. Lan stand dicht hinter ihr, als wolle er sie aufrecht halten, oder als erwarte er jeden Moment, sie auffangen zu müssen. Sulin wechselte ein paar Worte mit Adelin und Enaila — zu leise, als daß Rand sie verstehen konnte —, und die jüngeren Frauen rannten los und sprachen mit der Aes Sedai.

Trotz der großen Anzahl der Verwundeten kümmerten sich nicht alle Weisen Frauen um sie. In einer Hütte an der einen Seite des Lagers saßen vielleicht zwanzig von ihnen im Kreis und lauschten einer, die im Mittelpunkt stand. Als sie sich hinsetzte, nahm eine andere ihren Platz ein. Gai'schain knieten außen um die Hütte herum auf dem Boden, doch keine der Weisen Frauen schien sich jetzt für den Wein oder irgend etwas anderes zu interessieren, so gespannt lauschten sie. Rand glaubte, in der augenblicklichen Sprecherin Amys zu erkennen.

Zu seiner Überraschung half auch Asmodean bei der Versorgung der Verwundeten. Der Wasserschlauch, den er sich über jede Schulter gehängt hatte, paßte allerdings gar nicht zu seiner dunklen Samtjacke mit Spitzenbesätzen. Als er sich von einem Mann aufrichtete, dessen nackter Oberkörper stark bandagiert war, entdeckte er Rand und zögerte. Einen Augenblick später reichte er die Wasserschläuche einem Gai'schain und wand sich zwischen den Töchtern hindurch zu Rand. Die Töchter ignorierten Asmodean, denn sie schienen entweder Adelin und Enaila zu beobachten, wie sie mit Moiraine sprachen, oder Rand anzustarren, und so machte er eine beleidigte Miene, als er vor dem letzten Ring der Far Dareis Mai um Jeade'en angelangt war. Sie traten nur sehr zögernd beiseite, und die Lücke zwischen ihnen ließ ihn schließlich nur bis an Rands Steigbügel heran.