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»Ich war sicher, daß Ihr unversehrt wärt. Ganz sicher.«

Seinem Tonfall nach log er. Als Rand nicht antwortete, zuckte Asmodean nervös die Achseln. »Moiraine bestand darauf, daß ich Wasser schleppe. Eine Frau mit einem zwingenden Wesen, die nicht einmal dem Barden des Lord Drachen gestattet...« Er ließ die Worte verklingen und leckte sich hastig die Lippen. »Was ist geschehen?«

»Sammael«, sagte Rand, aber es war nicht als Antwort gedacht. Er sprach einfach die Gedanken aus, die gerade durch das Nichts in ihm trieben. »Ich erinnere mich daran, als man ihn zum erstenmal als den Zerstörer aller Hoffnung bezeichnete. Als er die Tore von Hevan verräterisch geöffnet hatte und den Schatten hinunter ins Rorn M'doi und ins Herz von Satelle trug. An diesem Tag schien wirklich alle Hoffnung zu sterben. Culan Cuhan weinte. Was ist los?« Asmodeans Gesicht hatte sich so weiß wie Sulins Haar verfärbt, doch er schüttelte nur stumm den Kopf. Rand spähte zu der Hütte hinüber. Er kannte diejenige nicht, die nun das Wort ergriffen hatte. »Warten sie dort auf mich? Dann sollte ich hinübergehen.«

»Sie werden Euch jetzt noch nicht willkommen heißen«, sagte Lan. Er war so plötzlich neben Asmodean erschienen, daß der zusammenfuhr. »So wenig wie jeden anderen Mann.« Auch Rand hatte den Behüter weder gehört noch herankommen sehen, doch er wandte ihm lediglich das Gesicht zu. Selbst das kostete ihn Anstrengung. Der Kopf schien jemand anderem zu gehören. »Sie verhandeln mit den Weisen Frauen der Miagoma, der Codarra, der Schiande und der Daryne.«

»Die Clans schließen sich mir an«, sagte Rand mit tonloser Stimme. Aber ihr Warten hatte dazu geführt, daß an diesem Tag allzu viel Blut geflossen war. In den Legenden geschah so etwas niemals.

»Wie es scheint. Doch die vier Häuptlinge werden sich nicht mit Euch treffen, bevor nicht die Weisen Frauen ihre Abmachungen getroffen haben«, fügte Lan trocken hinzu. »Kommt. Moiraine kann Euch mehr darüber sagen als ich.«

Rand schüttelte den Kopf. »Was geschehen ist, ist geschehen. Ich kann mir die Einzelheiten später anhören. Wenn Han sie uns nun nicht mehr aus dem Rücken halten muß, brauche ich ihn. Sulin, schickt einen Läufer. Han...«

»Das ist schon geschehen, Rand«, sagte der Behüter eindringlich. »Alles ist beendet. Südlich der Stadt sind nur noch wenige Shaido übrig. Tausende wurden gefangengenommen, und die meisten anderen sind dabei, den Gaelin zu überqueren. Man hätte Euch davon schon vor einer Stunde berichtet, nur wußte niemand, wo Ihr euch aufhieltet. Ihr seid ständig in Bewegung gewesen. Kommt und laßt euch von Moiraine alles berichten.«

»Alles beendet? Wir haben gewonnen?«

»Ihr habt gewonnen. Vollständig.«

Rand spähte zu den Männern hinüber, die verbunden wurden, zu den geduldig wartenden Schlangen, die erst verbunden werden mußten, und zu denen, die frisch versorgt wieder gingen. Und zu den Reihen von Männern, die dort lagen und sich kaum rührten. Moiraine schritt noch immer diese Reihen ab und blieb hier und da erschöpft stehen, um jemandem Heilung zu bringen. Natürlich befanden sich nur wenige der Verwundeten überhaupt hier. Sie waren bestimmt den ganzen Tag über gekommen, wenn sie eine Gelegenheit dazu fanden, und waren wieder gegangen, sofern sie konnten. Falls sie überhaupt konnten. Keiner der Gefallenen würde hier liegen. Nur eine verlorene Schlacht ist noch trauriger als eine gewonnene. Er schien sich schwach daran zu erinnern, diese Worte schon einmal gesagt zu haben, vor langer, langer Zeit. Vielleicht hatte er es auch nur gelesen.

Nein. Es lebten viel zu viele, für die er verantwortlich war, um sich jetzt der Toten wegen Gedanken zu machen. Aber wie viele Gesichter werde ich erkennen, so wie das Joliens? Ich werde Ilyena niemals vergessen, und wenn die ganze Welt brennt!

Er runzelte die Stirn und griff mit einer Hand nach seinem Kopf. Diese Gedanken waren aus verschiedenen Quellen unabhängig voneinander gekommen. Er war so müde, daß er kaum noch denken konnte. Doch er mußte. Er brauchte Gedanken, die nicht fast außerhalb seiner Reichweite an ihm vorbeiglitten. Er ließ die Quelle und das Nichts los und verkrampfte sich, als Saidin ihn beinahe in diesem Augenblick des Rückzugs überwältigte. Er hatte kaum Zeit, seinen Fehler zu begreifen. Ohne die Hilfe der Macht brachen Erschöpfung und Schmerz gnadenlos über ihn herein.

Er nahm wahr, wie sich die Gesichter ihm zuwandten, als er aus dem Sattel fiel, wie sich die Münder bewegten, wie ihn Hände ergriffen und seinen Fall aufhielten.

»Moiraine!« schrie Lan. Seine Stimme klang ganz hohl in Rands Ohren. »Er blutet stark!«

Sulin hielt seinen Kopf in ihren Armen. »Haltet durch, Rand al'Thor«, sagte sie eindringlich. »Haltet durch!«

Asmodean sagte nichts, doch seine Miene war düster, und Rand spürte, wie von dem Mann her ein dünnes Rinnsal von Saidin durch seinen Körper strömte. Dann kam die Dunkelheit über ihn.

45

Nach dem Sturm

Mat saß auf einem kleinen Felsvorsprung am Fuße des Abhangs und verzog das Gesicht vor Schmerzen, als er die breite Krempe seines Huts herunterzog, teils der strahlenden Vormittagssonne wegen, und teils, weil er etwas Bestimmtes nicht sehen wollte. Doch die Schnitte und Schrammen und besonders die Pfeilwunde an seiner Schläfe, auf die der Hut drückte, erinnerten ihn an die Wirklichkeit. Eine Tinktur aus Daerids Satteltasche hatte die Blutungen gestillt, an dieser und anderen Stellen, doch alles tat natürlich noch weh und brannte höllisch. Und das würde aber noch schlimmer werden. Die Hitze des Tages begann sich gerade erst durchzusetzen, doch bereits jetzt perlte der Schweiß auf seiner Stirn, und Unterwäsche und Hemd wiesen feuchte Flecken auf. Ganz nebenher fragte er sich, ob in Cairhien jemals noch der Herbst anbräche. Wenigstens aber lenkte ihn der Schmerz von seiner Erschöpfung ab. Selbst nach einer schlaflosen Nacht hätte er hellwach in einem weichen Federbett gelegen. Ein paar Decken auf dem Boden hätten in diesem Fall wohl auch nichts gebracht. Nun, er legte sowieso keinen Wert darauf, jetzt in seinem Zelt zu liegen.

Eine prima Klemme, in der ich da stecke. Beinahe umgebracht, schwitze wie ein Schwein, kann keinen bequemen Fleck finden, um mich auszustrecken, und ich wage nicht, mich zu betrinken. Blut und blutige Asche! Er hörte auf, an einem Schnitt am Brustteil seines Mantels herumzunesteln. Zwei Fingerbreit daneben, und der Speer hätte sein Herz durchbohrt. Licht, der Mann war wirklich gut gewesen! Dann verdrängte er diese Erinnerungen. Nicht, daß ihm dies leicht gefallen wäre bei all den Dingen, die um ihn herum vorgingen.

Ausnahmsweise schienen die Tairener und die Männer aus Cairhien nichts dagegen zu haben, daß Aielzelte wie ein Wald auf allen Seiten standen. Sogar in ihrem Lager fanden sich einige Aiel, und, o Wunder, die Tairener hatten sich an den qualmenden Feuerstellen unter die Leute aus Cairhien gemischt! Allerdings aß niemand. Man hatte nicht einmal die Kessel über die Feuer gehängt. Trotzdem konnte er irgendwo verbranntes Fleisch riechen. Nein, die meisten hatten sich betrunken, so gut sie vermochten, mit Wein, Schnaps oder dem Oosquai der Aiel. Sie lachten und feierten. Unweit von seinem Sitzplatz tanzten ein Dutzend Verteidiger des Steins verschwitzt in Hemdsärmeln zum rhythmischen Klatschen von zehnmal so vielen Zuschauern. In einer Reihe, die Arme um die Schultern der Nebenmänner gelegt, vollführten sie so schnelle Tanzschritte, daß es ein Wunder schien, daß keiner von ihnen seinen Nebenmann trat oder zu Fall brachte. In der Nähe einer zehn Fuß hohen Stange, die man in den Boden gesteckt hatte und die Mats Blick krampfhaft mied, tanzten in einem weiteren Zuschauerkreis einige Aiel. Jedenfalls nahm Mat an, es handle sich um einen Tanz. Ein weiterer Aiel spielte für sie auf dem Dudelsack auf. Sie sprangen, so hoch sie konnten, schwangen dabei einen Fuß noch höher hinauf, landeten wieder auf genau diesem Fuß und sprangen sofort wieder hoch, schneller und schneller. Manchmal drehten sie sich im Sprung auch noch um die eigene Körperachse, oder sie vollführten Überschläge vorwärts oder rückwärts. Sieben oder acht Tairener und Männer aus Cairhien saßen daneben und rieben sich die schmerzenden Knochen, nachdem sie bei ähnlichen Versuchen gestürzt waren. Trotzdem lachten und jubelten sie wie die Verrückten und ließen einen Steinkrug mit irgendeinem Getränk herumgehen. An anderen Orten sangen und tanzten weitere Männer. Man konnte bei dem allgemeinen Lärm allerdings den Gesang kaum hören, falls er diese Bezeichnung überhaupt verdiente. Ohne sich zu rühren, konnte er zehn Flöten unterscheiden, ganz zu schweigen von mindestens doppelt so vielen Blechpfeifen. Ein magerer Bursche aus Cairhien in einer zerfledderten Jacke blies etwas, das wie eine Kreuzung von einer Flöte mit einem Horn aussah, mit ein paar noch eigenartigeren Zusatzteilen. Und dann gab es unzählige Trommeln — die meisten allerdings waren Töpfe, die mit Kochlöffeln geschlagen wurden.