Das brachte Aviendha zum Lachen. Sie war draußen gestanden, als Sorilea und Bair Egwene praktisch aus dem Zelt geschleift hatten. Sie bemühte sich noch, in ihre Kleider zu schlüpfen, während die beiden sie weiterbugsierten. »Ich rief ihr noch zu, diesmal müsse sie mit den Zähnen Löcher in den Boden graben, weil man sie bei einer neuen Missetat erwischt habe, und sie war so müde, daß sie mir glatt geglaubt hat. Sie fing an zu protestieren, sie werde das nicht machen, und zwar so vehement, daß Sorilea sie fragte, was sie denn angestellt habe, daß sie sich so verteidigen müsse. Du hättest Egwenes Miene sehen sollen!« Sie lachte so schallend, daß sie beinahe vornüber gefallen wäre.
Asmodean blickte sie mißtrauisch an, was nun Rand wieder nicht verstand, wenn er bedachte, was und wer Asmodean schließlich war. Rand wartete aber nur geduldig ab, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Was den Humor der Aiel betraf, war das noch ziemlich schwach gewesen. Mehr die Art von Streich, wie er ihn von Mat erwartete und nicht von einer Frau, aber auch so recht zahm.
Als sie sich aufrichtete und die Tränen aus den Augen wischte, sagte er: »Was ist nun mit den Shaido? Oder befinden sich deren Weise Frauen auch auf dieser Versammlung?«
Immer noch in ihren Wein hineinkichernd, antwortete sie ihm, daß sie die Shaido-Gefahr als beendet ansah und kaum noch wert, beachtet zu werden. Man hatte Tausende gefangengenommen und brachte jetzt immer noch kleine Gruppen neuer Gefangener herein. Die Kämpfe waren bis auf ein paar kleine Scharmützel hier und da alle beendet. Aber je mehr er aus ihr herausbekam, desto weniger Gründe sah er, sie als endgültig besiegt zu betrachten. Da Han mit den vier Clans beschäftigt gewesen war, hatte der größere Teil von Couladins Soldaten ganz geordnet den Gaelin überschreiten können und dabei sogar noch die meisten Gefangenen mitgeschleppt, die sie vor Cairhien gemacht hatten. Und noch schlimmer: sie hatten die Steinbrücken hinter sich zerstört.
Das machte ihr nichts aus, wohl aber ihm. Zehntausende von Shaido nördlich des Flusses, und keine Möglichkeit, sie anzugreifen, bevor die Brücken nicht ersetzt waren, und sogar für einfache Holzbrücken würde man eine Weile brauchen. Das war Zeit, die er nicht hatte.
Ganz am Ende, als es schien, nun gäbe es bestimmt nichts mehr über die Shaido zu berichten, sagte sie ihm dann etwas, das ihn die Shaido und die möglichen Schwierigkeiten vergessen ließ, die sie ihm bereiten könnten. Sie warf die Information so ein, als habe sie das schon beinahe vergessen gehabt.
»Mat hat Couladin getötet?« fragte er ungläubig, als sie fertig war. »Mat?«
»Habe ich dir das nicht gesagt?« Die Worte klangen scharf, aber auch nicht zu arg. Wie sie ihn so über den Rand ihres Weinbechers hinweg anblickte, war sie wohl eher gespannt auf die Wirkung ihrer Worte, und es war ihr nicht so wichtig, ob er sie anzweifelte.
Asmodean zupfte ein paar martialisch klingende Akkorde. Die Harfe schien Trommeln und Trompeten imitieren zu wollen. »Auf gewisse Weise bietet dieser junge Mann genauso viele Überraschungen wie Ihr. Ich freue mich wirklich darauf, eines Tages auch den dritten von Euch, diesen Perrin, kennenzulernen.«
Rand schüttelte den Kopf. Also war Mat der Anziehungskraft von Ta'veren zu Ta'veren doch nicht entkommen. Oder aber das Muster hatte ihn gefangen und die Tatsache, daß er ja selbst ein Ta'veren war. Wie auch immer, er vermutete jedenfalls, daß Mat sich im Augenblick bestimmt nicht wohl in seiner Haut fühle. Mat hatte noch nicht alles das gelernt, was er hatte lernen müssen. Versuche davonzulaufen, und das Muster reißt dich zurück, oftmals sogar ziemlich grob. Renne dagegen in die Richtung, in die dich das Rad verweben will, dann kannst du manchmal ein ganz klein wenig Kontrolle über das eigene Leben erlangen. Manchmal. Mit Glück vielleicht sogar in stärkerem Maße, als man erwartete; auf lange Sicht jedenfalls. Aber noch gab es für ihn Dringlicheres als Mat oder die Shaido.
Ein Blick zum Eingang zeigte ihm, daß die Sonne bereits am Himmel stand. Ansonsten konnte er aber lediglich zwei Töchter des Speers sehen, die davorhockten, die Speere über die Knie gelegt. Eine Nacht und ein Teil des Vormittags der Bewußtlosigkeit und des Schlafs, und Sammael hatte entweder nicht weiter nach ihm gesucht oder die Suche zunächst aufgegeben.
Er hütete sich, diesen Namen zu verwenden, nicht einmal in Gedanken, doch ein anderer kam ihm nun wieder in den Sinn: Tel Janin Aellinsar. Keine Chronik erwähnte diesen Namen, nicht einmal ein Fragment in der Bibliothek von Tar Valon. Moiraine hatte ihm alles berichtet, was die Aes Sedai von den Verlorenen wußten, und das war nur wenig mehr, als man sich in den Dörfern abends erzählte, um den Kindern Angst zu machen. Selbst Asmodean hatte ihn immer nur Sammael genannt, vielleicht aus einem anderen Grund. Lange vor dem Ende des Schattenkriegs noch hatten die Verlorenen jene Namen angenommen, die ihnen von den Menschen verliehen worden waren, vielleicht als Sinnbilder ihrer Wiedergeburt im Schatten. Asmodeans eigener echter Name — Joar Addam Nessosin — ließ den Mann zusammenzucken, und er behauptete, im Laufe der drei Jahrtausende die Namen der anderen vergessen zu haben.
Vielleicht gab es gar keinen stichhaltigen Grund, zu verschweigen, was ihm durch den Kopf ging. Möglicherweise war das nur ein Versuch seines Verstands, die Realität abzuleugnen. Aber der Mann Sammael war nun einmal vorhanden. Und als Sammael würde er in vollem Maße für jede getötete Tochter des Speers bezahlen müssen. Die Töchter, die Rand nicht hatte beschützen können.
Als er diesen Entschluß faßte, verzog er das Gesicht. Er hatte einen Anfang gemacht, indem er Weiramon zurück nach Tear sandte. So das Licht es wollte, jedenfalls, und nur er und Weiramon wußten darüber Bescheid. Aber er konnte nicht einfach lospreschen, um Sammael zu jagen, so sehr er das auch wünschte und sich selbst geschworen hatte. Noch nicht. Zuerst mußte er sich um einige Dinge hier in Cairhien kümmern.
Aviendha glaubte vielleicht, er verstünde Ji'e'toh immer noch nicht, und von ihrem Standpunkt aus mochte das sogar stimmen, aber er sah seine Pflichten, und in Cairhien hatte er eine zu erfüllen. Außerdem hatte er so die Möglichkeit, das Ganze auf Weiramon und dessen Aufgaben abzustimmen.
Er setzte sich auf, bemühte sich, nicht zu zeigen, welche Anstrengung ihn das kostete, bedeckte sich so gut wie möglich mit der Decke und fragte sich, wo seine Kleider steckten. Er konnte lediglich seine Stiefel entdecken, die drüben hinter Aviendha standen. Sie wußte es wahrscheinlich. Möglich, daß ihn Gai'schain entkleidet hatten, es konnte aber genauso auch sie gewesen sein. »Ich muß in die Stadt reiten. Natael, laßt bitte Jeade'en satteln und herbringen.«
»Vielleicht morgen«, sagte Aviendha mit fester Stimme und packte Asmodean am Ärmel, als der sich erheben wollte. »Moiraine Sedai sagte, du benötigst jetzt Ruhe, bis...«
»Heute noch, Aviendha. Jetzt. Ich weiß nicht, warum Meilan nicht anwesend ist, falls er noch lebt, aber ich werde es herausfinden. Natael, mein Pferd bitte!«
Sie machte eine sture Miene, doch Asmodean löste seinen Arm aus ihrem Griff, strich den verknitterten Samt glatt und sagte: »Meilan und andere waren bereits hier.«
»Er sollte das nicht erfahren...«, fing Aviendha zornig an, verzog aber dann nur den Mund und endete mit: »Er muß sich ausruhen.«
Also glaubten die Weisen Frauen, sie könnten ihm Informationen vorenthalten. Nicht mit ihm; er war nicht so schwach, wie sie glaubten. Er versuchte aufzustehen, wobei er die Decke vor seine Blöße hielt, und als seine Beine den Dienst versagten, kaschierte er es einfach damit, daß er die Stellung wechselte. Vielleicht war er doch so schwach, wie sie annahmen. Doch er hatte nicht vor, sich davon zurückhalten zu lassen.