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Rand mißachtete den Stuhl und setzte sich mit übergeschlagenen Beinen den Aiel gegenüber hin. Außerhalb Rhuideans waren die einzigen Stühle in der ganzen Wüste die der Clanhäuptlinge, die nur von ihnen und nur aus drei Gründen benützt wurden: um zum Clanhäuptling ausgerufen zu werden, um die ehrenvolle Unterwerfung eines Gegners entgegenzunehmen oder um Gericht zu halten. Wenn er vor diesen Männern jetzt den Stuhl benützte, würde das heißen, einer dieser drei Gründe träfe zu. Sie trugen alle den Cadin'sor, Wams und Hose in verschiedenen Grau- und Braunschattierungen, deren Farbe dem Boden in der Wüste angepaßt war, und weiche, bis zum Knie geschnürte Stiefel. Selbst hier und bei einem Treffen mit dem Mann, den sie selbst zum Car'a'carn, zum Häuptling aller Häuptlinge, ausgerufen hatten, hatte jeder ein Messer mit breiter, schwerer Klinge am Gürtel und die graubraune Schufa wie ein Halstuch umgehängt. Falls ein Mann sein Gesicht mit dem schwarzen Schleier verhüllte, der ein Teil der Schufa war, hieß das, er sei zum Töten bereit. Und das war keineswegs ausgeschlossen. Diese Männer hatten in einem nie endenden Zyklus von Überfällen und Schlachten und Fehden gegeneinander gekämpft. Sie beobachteten ihn, warteten auf ihn, aber die Wartehaltung eines Aiel sprach immer von Kampfbereitschaft, von schnellem und tödlichem Zuschlagen.

Bael, der größte Mann, den Rand je gesehen hatte, und Jheran, schlank wie eine Klinge und schnell wie eine Natter, lagen so weit wie überhaupt auf dem Teppich möglich voneinander entfernt. Zwischen Baels Goshien und Jherans Shaarad herrschte Blutfehde. Sie war wohl durch die Anwesenheit des Car'a'carn ausgesetzt, aber keineswegs vergessen. Und vielleicht hielt auch noch der Friede von Rhuidean, trotz allem, was geschehen war. Dennoch bildeten die lieblichen Klänge der Harfe einen harten Kontrast zu der Weigerung Baels und Jherans, einander auch nur anzublicken. Sechs Augenpaare, blau oder grün oder grau, in sonnenverbrannten Gesichtern; neben den Aiel wirkte selbst ein Habicht noch zahm.

»Was muß ich tun, um Reyn für mich zu gewinnen?« fragte er. »Ihr wart doch sicher, daß er kommen werde, Rhuarc.«

Der Häuptling der Taardad blickte ihn gelassen an. Sein Gesicht war so ausdruckslos, daß es hätte aus Stein gemeißelt sein können. »Wartet. Einfach nur warten. Dhearic wird sie herbringen. Nach einer Weile.«

Der weißhaarige Han, der neben Rhuarc saß, verzog den Mund, als wolle er ausspucken. Sein wettergegerbtes Gesicht zeigte wie immer einen säuerlichen Ausdruck. »Dhearic hat schon bei zu vielen Männern und Töchtern des Speers zusehen müssen, wie sie tagelang dasaßen und in die Luft starrten und dann ihre Speere wegwarfen. Weggeworfen haben sie sie!«

»Und dann sind sie weggelaufen«, fügte Bael leise hinzu. »Ich habe selbst welche gesehen unter den Goshien, sogar aus meiner eigenen Septime, die wegliefen. Genau wie du, Han, unter den Tomanelle. Wir alle haben zuschauen müssen, wie das geschah. Ich glaube nicht, daß ihnen klar ist, wohin sie rennen oder wovor sie weglaufen.«

»Feige Schlangen«, fauchte Jheran. Sein hellbraunes Haar war bereits mit Grau durchsetzt. Es gab keine jungen Männer unter den Clanhäuptlingen der Aiel. »Stinkottern, die sich vor den eigenen Schatten davonwinden.« Ein Seitenblick zum gegenüberliegenden Ende des Teppichs machte klar, daß er damit die Goshien meinte und nicht nur diejenigen, die ihre Speere weggeworfen hatten. Bael machte Anstalten, sich zu erheben, wobei sich sein Gesicht womöglich noch mehr verhärtete, aber sein Nebenmann legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm. Bruan von den Nakai war groß und stark genug für zwei Grobschmiede, doch er hatte eine ruhige und friedliche Natur, die gar nicht zu den Aiel zu passen schien. »Wir alle haben Töchter und Männer weglaufen sehen.« Wie er es sagte, klang es beinahe schläfrig, genau wie seine grauen Augen dreinblickten, doch Rand wußte es besser. Selbst Rhuarc betrachtete Bruan als einen tödlichen Gegner und einen gewiegten Taktiker. Glücklicherweise war er neben Rhuarc Rands wichtigste Stütze. Oder besser: er folgte Ihm, Der Mit Der Morgendämmerung Kommt, während er Rand al'Thor kaum kannte. »Genau wie du, Jheran. Du weißt, wie schwer es war, dem ins Gesicht zu sehen, was sie in Konflikte brachte. Wenn du diejenigen nicht als Feiglinge bezeichnest, die starben, weil sie sich diesem Wissen nicht stellen wollten, dann kannst du doch wohl diejenigen nicht Feiglinge nennen, die aus dem gleichen Grund weglaufen, oder?«

»Sie hätten es nie erfahren sollen«, knurrte Han und grub die Hände in sein blaues Fransenkissen, als sei es die Kehle eines Feindes. »Das war nur für die bestimmt, die Rhuidean betreten und überleben konnten.«

Er sprach zu niemandem bestimmten, aber natürlich waren die Worte für Rands Ohren gedacht. Es war Rand gewesen, der allen enthüllt hatte, was ein Mann erfuhr, wenn er den Wald der Glassäulen auf dem großen Platz betrat, der genug enthüllt hatte, daß die Häuptlinge und die Weisen Frauen sich schließlich nicht weigern konnten, auch den Rest zu erzählen. Falls es jetzt noch in der Wüste einen Aiel gab, der die Wahrheit nicht wußte, dann mußte er bereits einen Monat lang mit keiner Menschenseele mehr gesprochen haben.

Die Aiel trugen keineswegs, wie die meisten geglaubt hatten, das Erbe ruhmreicher Schlachten in sich, sondern sie hatten ihre Geschichte als hilflose Flüchtlinge nach der Zerstörung der Welt begonnen. Natürlich war damals jeder Überlebende zum Flüchtling geworden, aber die Aiel hatten sich nie als hilflos angesehen. Noch schlimmer: Sie waren Anhänger des ›Wegs des Blattes‹ gewesen und hatten sich somit geweigert, Gewalt anzuwenden, sogar zur Verteidigung des eigenen Lebens. Aiel hieß in der Alten Sprache ›hingegeben‹, und sie hatten sich dem Frieden hingegeben. Diejenigen, die sich heute Aiel nannten, waren die Nachkommen solcher, die den Schwur unzähliger Generationen gebrochen hatten. Von der alten Lehre war nur noch ein kleiner Rest geblieben: Ein Aiel würde lieber sterben, als ein Schwert in die Hand nehmen. Das hatten sie immer als Teil ihres Stolzes angesehen, etwas, das sie von den anderen unterschied, die außerhalb der Wüste lebten.

Er hatte Aiel sagen hören, daß sie eine Sünde begangen haben mußten, für die sie in die unwegsame Wüste verbannt worden waren. Jetzt wußten sie, was der Grund gewesen war. Die Männer und Frauen, die Rhuidean erbaut hatten und hier gestorben waren, die man die Jenn Aiel genannt hatte oder den ›Clan, den es nicht gab‹, wenn man überhaupt von ihnen sprach, waren diejenigen gewesen, die den Aes Sedai aus der Zeit vor der Zerstörung die Treue gehalten hatten. Es war schwer, mit dem konfrontiert zu werden, was man immer für eine Lüge gehalten hatte.

»Es mußte gesagt werden«, sagte Rand. Sie hatten ein Recht darauf, es zu erfahren. Ein Mensch sollte nicht eine Lüge leben müssen. Ihre eigene Weissagung behauptete, ich würde sie zerstören. Und ich hätte sowieso nicht anders handeln können. Die Vergangenheit war vergangen und vorbei; jetzt mußte er sich über die Zukunft Gedanken machen. Einigen dieser Männer bin ich unsympathisch, andere hassen mich, weil ich nicht als einer von ihnen geboren wurde, aber sie folgen mir. Ich brauche sie alle. »Wie steht es mit den Miagoma?«

Erim, der zwischen Rhuarc und Han lag, schüttelte den Kopf. Sein einstmals leuchtend rotes Haar war zur Hälfte weiß, aber seine grünen Augen blickten genauso lebhaft drein wie die eines jungen Mannes. Seine großen Hände, breit, lang und hart, zeigten, daß auch seine Arme noch stark sein mußten. »Timolan läßt seine Füße nicht wissen, wohin er springen wird, bis er bereits gesprungen ist.«