Eine schöne Lage. Die Hochlords von Tear kamen ins Schwitzen, wenn Rand al'Thor sie anblickte, und die Adligen Cairhiens boten ihm vielleicht sogar ihren Thron an. Das größte Aiel-Heer, das die Welt jemals erblickt hatte, hatte auf Befehl des Car'a'carn, des Häuptlings aller Häuptlinge, die Drachenmauer überschritten. Nationen bebten bei der Erwähnung des Wiedergeborenen Drachen. Nationen! Und falls er seine Kleider nicht fand, würde er hier sitzen müssen und auf die Erlaubnis warten, hinausgehen zu dürfen, und das von einem Haufen Frauen, die glaubten, alles besser zu wissen als er selbst!
Er entdeckte sie schließlich, als er bemerkte, daß die goldbestickte Manschette eines roten Ärmels unter Aviendhas Körper hervorlugte. Sie hatte die ganze Zeit über auf seinen Kleidern gesessen! Nun knurrte sie mit säuerlich verzogenem Gesicht, als er sie aufforderte, beiseite zu rutschen, aber sie kam seinem Wunsch nach. Endlich.
Wie gewöhnlich sah sie zu, wie er sich rasierte und anzog, wobei sie sein Wasser kommentarlos und ungebeten mit Hilfe der Macht erhitzte, nachdem er sich zum drittenmal geschnitten und über das kalte Wasser geflucht hatte. Um bei der Wahrheit zu bleiben, machte ihn das diesmal vor allem deshalb so nervös, weil er fürchtete, sie könne bemerken, wie unsicher er noch auf den Beinen war. Man kann sich ansonsten an alles gewöhnen, wenn es lange genug andauert, dachte er trocken.
Sie mißverstand sein Kopfschütteln. »Elayne hat bestimmt nichts dagegen, wenn ich zusehe, Rand al'Thor.«
Er war gerade beim Zubinden seines Hemds, unterbrach die Bewegung und blickte sie an. »Glaubst du das wirklich?«
»Sicher. Du gehörst wohl ihr, aber deinen Anblick kann sie nicht für sich allein beanspruchen.«
Er lachte stumm und wandte sich wieder den Schnüren zu. Es tat gut, daran erinnert zu werden, daß hinter ihrem neuerdings so geheimnisvollen Getue Unwissen steckte, abgesehen von einigem anderen. Er konnte ein befriedigtes Grinsen nicht unterdrücken, als er sich fertig ankleidete, das Schwert gürtete und den abgeschnittenen Seanchanspeer mit den Troddeln in die Hand nahm. Dabei färbte sich das Lächeln allerdings etwas grimmig. Er hatte das Ding zur Erinnerung daran mitführen wollen, daß es die Seanchan immer noch auf dieser Welt gebe, doch nun diente es dazu, ihn grundsätzlich an alles zu erinnern, womit er gleichzeitig jonglieren mußte. Cairhien und die Tairener, Sammael und die anderen Verlorenen, die Shaido und ganze Länder, die noch gar nichts von ihm wußten, die er aber für sich gewinnen mußte, bevor Tarmon Gai'don begann. Mit Aviendha klarzukommen war dagegen noch das reine Honigschlecken.
Die Töchter sprangen auf, als er geduckt aus dem Zelt trat und zwar so schnell, daß man die Unsicherheit seiner Beine möglichst nicht bemerkte. Er war sich allerdings nicht sicher, mit welchem Erfolg. Aviendha hielt sich an seiner Seite, als sei sie nicht nur bereit, ihn aufzufangen, sollte er straucheln, sondern als erwarte sie dies ganz eindeutig. Seine Laune wurde auch nicht besser, als Sulin, die noch immer ihren Kopfverband trug, Aviendha fragend anblickte — nicht ihn; sie! — und auf ihr Nicken wartete, bis sie den Töchtern befahl, sich zum Abmarsch fertigzumachen.
Asmodean kam auf seinem Maulesel den Hang heraufgeritten, wobei er Jeade'en am Zügel hinter sich herführte. Irgendwie hatte er noch Zeit gefunden, sich frisch anzukleiden — ganz in dunkelgrüner Seide. Natürlich mit weißem Spitzenkragen und Spitzenmanschetten. Die vergoldete Harfe hing auf seinem Rücken, aber er hatte es wohl aufgegeben, den Gauklerumhang anzulegen, und außerdem schleppte er auch das rote Banner mit dem uralten Symbol der Aes Sedai nicht mehr mit sich herum. Dieses Amt hatte er an einen Flüchtling aus Cairhien namens Pevin abgetreten, einen verschlossenen Kerl in einem geflickten Bauernrock aus dunkelgrauer Wolle, der auf einem braunen Muli saß. Das Tier wirkte so alt, daß es eigentlich schon vor Jahren vom Karren weg auf die Weide hätte geschickt werden sollen. Eine lange, immer noch gerötete Narbe zog sich vom Unterkiefer bis zu seinem dünnen Haar über eine Wange entlang.
Pevin hatte durch die Hungersnot Frau und Schwester verloren, und durch den Bürgerkrieg seinen Bruder und einen Sohn. Er hatte keine Ahnung, aus welchem Adelshaus die Soldaten stammten, die sie getötet hatten, oder wen sie im Streit um den Sonnenthron unterstützten. Die Flucht in Richtung Andor hatte ihn das Leben eines zweiten Sohns gekostet, der andoranischen Soldaten zum Opfer gefallen war, und das eines zweiten Bruders, den Banditen umgebracht hatten. Die Rückkehr schließlich hatte das Leben des letzten Sohnes gekostet, der von einem Shaido-Speer durchbohrt worden war, während seine Tochter von den Shaido verschleppt wurde, als man ihn selbst für tot hielt und liegenließ. Der Mann sprach nur selten, doch soweit Rand feststellen konnte, war sein ganzer Glaube zerstört worden bis auf drei Leitsätze: Der Drache war wiedergeboren worden. Die Letzte Schlacht nahte. Und wenn er sich nahe bei Rand al'Thor aufhielt, würde er erleben, wie seine Familie gerächt wurde, bevor die Welt der Zerstörung anheim fiel. Die Welt würde bestimmt untergehen, aber das spielte keine Rolle. Nichts spielte eine Rolle, bis eben auf diese Rache. Er verbeugte sich schweigend vor Rand im Sattel, als die Stute die Anhöhe erreicht hatte. Seine Miene sagte nicht das Geringste aus, aber er hielt die Flagge gerade und fest in der Hand.
Rand stieg auf Jeade'en und zog Aviendha hinter sich hoch, ohne sie den Steigbügel benützen zu lassen, nur um ihr zu beweisen, daß er dazu in der Lage sei. Dann trat er dem Apfelschimmel in die Flanken, bevor sie noch richtig saß. Sie schlang beide Arme um seine Taille und grollte noch nicht einmal sehr laut oder lange vor sich hin. Er schnappte lediglich ein paar Kleinigkeiten auf, was sie im Augenblick von Rand al'Thor hielt und auch vom Car'a'carn. Sie ließ aber keineswegs los, wofür er dankbar war. Es war nicht nur angenehm, ihren Körper zu spüren, der sich an seinen Rücken preßte, sondern auch als Stütze war sie ihm willkommen. Als sie erst halb oben gewesen war, war er einen Moment lang keineswegs sicher gewesen, ob sie oben oder er unten landen würde. Er hoffte, daß sie es nicht bemerkt hatte. Er hoffte, daß sie ihn nicht nur deshalb jetzt so fest in den Armen hielt.
Das rote Banner mit der großen schwarzweißen Scheibe flatterte hinter Pevin, als sie im Zickzack den Hügel hinab und durch die Täler mit ihren niedrigen Abhängen ritten. Wie gewöhnlich schenkten die Aiel ihrer Gruppe nur wenig Beachtung, obwohl ja das Banner deutlich seine Anwesenheit anzeigte, genau wie die sie umgebende Eskorte von mehreren hundert Far Dareis Mai, die zu Fuß leicht mit Jeade'en und den Maultieren schritthielten. Sie gingen zwischen den Zelten, die die Abhänge bedeckten, ihren Aufgaben nach und blickten höchstens einmal des Hufgeklappers wegen auf.
Es hatte ihn überrascht, von fast zwanzigtausend gefangenen Anhängern Couladins zu erfahren. Bevor er die Zwei Flüsse verließ, hatte er überhaupt nicht glauben können, daß sich je so viele Menschen am gleichen Ort aufhielten. Doch diese Gefangenen zu sehen hatte ihn viel stärker erschüttert. In Gruppen von vierzig oder fünfzig waren sie wie die Kohlköpfe auf dem Acker auf den Abhängen plaziert worden. Männer wie Frauen saßen nackt in der Sonne. Jede Gruppe wurde von einem Gai'schain bewacht, wenn überhaupt. Ansonsten kümmerte sich kaum jemand um sie. Höchstens, daß von Zeit zu Zeit eine in den Cadin'sor gekleidete Gestalt zu einer dieser Gruppen ging und einen Mann oder eine Frau mit einem Auftrag wegschickte. Wer da auch aufgerufen wurde, rannte los, und Rand beobachtete mehrere, die zurückkehrten und sich wieder an ihren Platz setzten. Die übrige Zeit saßen sie ruhig, fast gelangweilt da, als hätten sie nur keinen Grund, sich woanders zu befinden, und als wollten sie das auch gar nicht.
Vielleicht würden sie sich genauso gelassen weiße Gewänder überziehen. Und doch mußte er sich daran erinnern, wie die gleichen Leute schon einmal ihre eigenen Sitten und Gesetze übertreten hatten. Couladin hatte wohl mit diesen Verstößen begonnen oder sie befohlen, aber sie waren seiner Führung gefolgt und hatten ihm gehorcht.