Er blickte finster zu den Gefangenen hinüber —zwanzigtausend, und weitere würden dazukommen. Er würde sie ganz gewiß keinem Gai'schain anvertrauen. So brauchte er eine Weile, bis ihm etwas Eigenartiges an den anderen Aiel auffiel. Töchter des Speers und Aielmänner, die den Speer trugen, hatten nie eine Kopfbedeckung außer natürlich der Schufa und benützten auch niemals eine andere Farbe als solche, die in der Wüstenlandschaft zur Tarnung dienen konnten, doch nun sah er Männer mit einem schmalen roten Stirnband. Vielleicht jeder vierte oder fünfte hatte sich ein rotes Tuch um die Stirn gewickelt, auf das eine Scheibe gestickt war, die beiden zusammengesetzten Tränen, eine schwarz und eine weiß. Andere hatten sie sich auf die Stirn gemalt. Und was vielleicht das Eigenartigste war: auch Gai'schain trugen dieses neue Zeichen. Die meisten hatten wohl die Kapuzen übergezogen, aber jeder mit unbedecktem Kopf zeigte das gleiche Mal. Und die Algai'd'siswai im Cadin'sor sahen zu und unternahmen nichts. Den Gai'schain war unter keinen Umständen erlaubt, Gleiches zu tragen, wie diejenigen, denen es gestattet war, Waffen zu führen. Niemals.
»Ich habe keine Ahnung«, sagte Aviendha kurz angebunden zu seinem Rücken, als er sie fragte, was das zu bedeuten habe. Er bemühte sich, etwas gerader aufgerichtet im Sattel zu sitzen. Sie schien ihn tatsächlich etwas fester als notwendig gepackt zu haben. Einen Augenblick später fuhr sie fort, allerdings so leise, daß er genau aufpassen mußte, um alles zu verstehen. »Bair drohte mir Prügel an, wenn ich es noch einmal erwähnte, und Sorilea verpaßte mir eins mit dem Stock, aber ich glaube, das sind die, die behaupten, wir seien Siswai'aman.«
Rand öffnete den Mund, um nach der Bedeutung dieser Bezeichnung zu fragen, denn er kannte nur wenige Worte der Alten Sprache, doch da kam ihm wirklich eine stichhaltige Übersetzung in den Sinn. Siswai'aman. Wörtlich konnte das bedeuten: der Speer des Drachens.
»Manchmal«, schmunzelte Asmodean von unten herauf, »ist es schwer, den Unterschied zwischen Euch selbst und Euren Feinden zu erkennen. Sie wollen die Welt besitzen, aber wie es scheint, besitzt Ihr bereits ein Volk.«
Rand wandte ihm das Gesicht zu und starrte ihn solange an, bis seine Heiterkeit verflog und er sich mit einem verlegenen Achselzucken zu Pevin und dem Banner zurückfallen ließ. Das Dumme war tatsächlich, daß die Bezeichnung ein Besitzverhältnis einschloß; mehr als nur einschloß. Auch diese Erkenntnis stammte aus den Erinnerungen Lews Therins. Es schien nicht möglich, ein Volk zu besitzen, aber falls doch, wollte er das nicht. Alles, was ich will, ist lediglich, sie zu benützen, dachte er sarkastisch.
»Wie ich sehe, glaubst du das nicht«, sagte er über seine Schulter nach hinten. Keine der Töchter hatte ein solches Abzeichen angelegt.
Aviendha zögerte, bevor sie antwortete: »Ich weiß nicht, was ich glauben soll.« Sie sprach genauso leise wie vorher, und doch klang es nun irgendwie zornig und unsicher zugleich. »Es gibt vieles, woran man glauben kann, und die Weisen Frauen schweigen sich oft aus, als wüßten sie die Wahrheit selber nicht. Einige behaupten, wenn wir dir folgen, tun wir Buße für die Sünde unserer Vorfahren, die den ... den Aes Sedai gegenüber versagten.«
Das Stocken ihrer Stimme überraschte ihn. Er hatte überhaupt nicht daran gedacht, daß sie genauso besorgt wie die anderen Aiel über die Dinge aus ihrer Vergangenheit nachgrübelte, die er ihnen enthüllt hatte. Beschämt war vielleicht eine bessere Bezeichnung als besorgt. Scham war ein wichtiger Teil von Ji'e'toh. Sie schämten sich dessen, was sie gewesen waren: Anhänger des Wegs des Blattes. Und zur gleichen Zeit schämten sie sich, daß sie ihren Eid, diesem Weg zu folgen, gebrochen hatten.
»Zu viele haben mittlerweile irgendeine Fassung eines Teils der Prophezeiungen des Drachen gehört«, fuhr sie etwas beherrschter fort. Er fand es ein wenig überheblich — als habe sie auch nur ein Wort dieser Prophezeiungen gekannt, bevor sie ihre Ausbildung zur Weisen Frau begann. »Aber alles wurde verdreht. Sie wissen, daß du uns vernichten wirst...« einen tiefen Atemzug lang versagte ihre Selbstbeherrschung —, »aber viele glauben, du würdest uns in endlosen Tänzen des Speers langsam aufreiben und töten; ein Opfer, um die Sünde zu sühnen. Andere glauben, die Trostlosigkeit an sich sei eine Prüfung, damit vor der Letzten Schlacht alle Untauglichen aussortiert würden und nur der harte Kern übrigbliebe. Ich habe sogar von einigen gehört, die behaupten, die Aiel seien jetzt nur noch dein Traum, und wenn du von diesem Leben erwachst, sind wir nicht mehr.«
Das waren vielleicht grimmige Glaubensbekenntnisse! Schlimm genug, daß er ihnen eine Vergangenheit enthüllt hatte, die sie als beschämend betrachteten. Es war ein Wunder, daß ihn nicht alle im Stich gelassen hatten. Oder wahnsinnig geworden waren. »Was glauben die Weisen Frauen?« fragte er genauso leise wie sie.
»Daß alles, was kommen muß, auch kommen wird. Wir werden retten, was zu retten ist, Rand al'Thor. Auf mehr hoffen wir gar nicht.«
Wir. Sie betrachtete sich bereits als eine der Weisen Frauen, genau wie Egwene und Elayne sich unter die Aes Sedai einreihten. »Na ja«, sagte er mit gekünstelter Heiterkeit, »ich denke, zumindest Sorilea glaubt, man müsse mir alles um die Ohren schlagen. Wahrscheinlich ist Bair der gleichen Meinung. Und ganz bestimmt Melaine.«
»Unter anderem«, murmelte sie. Zu seiner Enttäuschung schob sie sich nach hinten, weg von ihm, wenn sie auch noch seinen Rock gepackt hielt. »Sie glauben viele Dinge, bei denen ich mir wünschte, sie glaubten sie nicht.«
Unwillkürlich mußte er grinsen. Also glaubte sie nicht, man müsse ihm eins auf die Ohren geben. Das war doch eine angenehme Abwechslung; die erste, seit er erwacht war.
Hadnan Kaderes Wagen standen etwa eine Meile von seinem Zelt entfernt. Sie waren im Kreis in einer breiten Senke zwischen zwei Hügeln aufgestellt worden und wurden von Steinhunden bewacht. Der Schattenfreund mit der enormen Hakennase hatte sich in einen beigen Rock gezwängt. Er blickte auf, als Rand mit seinem Banner und der dahineilenden Eskorte an ihm vorbeizog, wobei er sich mit dem üblichen großen Taschenruch den Schweiß vom Gesicht wischte. Auch Moiraine befand sich dort und inspizierte gerade den Wagen, auf dem der türähnliche Ter'Angreal unter einer Segeltuchplane hinter dem Kutschbock festgemacht war. Sie sah sich noch nicht einmal um, bis Kadere sie ansprach. Seinen Gesten nach schlug er ihr offensichtlich vor, Rand zu begleiten. Er schien sogar begierig darauf zu sein, daß sie sich trollte. Kein Wunder. Er konnte sich durchaus dazu gratulieren, daß er als Schattenfreund so lange unerkannt geblieben war, doch in Gesellschaft einer Aes Sedai lief er auf die Dauer eben doch Gefahr, entdeckt zu werden.
Es war nun wirklich eine Überraschung für Rand, den Mann immer noch hier vorzufinden. Mindestens die Hälfte der Kutscher, die mit ihm in die Wüste gekommen waren, hatten sich seit der Überquerung der Drachenmauer heimlich abgesetzt und waren durch Flüchtlinge aus Cairhien ersetzt worden, die Rand persönlich ausgewählt hatte, um sicherzugehen, daß es sich nicht wieder um die gleiche Sorte wie Kadere handelte. Er erwartete eigentlich jeden Morgen, zu erfahren, daß der Kerl sich ebenfalls abgesetzt habe, besonders seit dem Zeitpunkt, da Isendre geflohen war. Die Töchter hatten beinahe die gesamten Wagen auseinandergenommen, als sie nach der Frau suchten, während Kadere gleich drei Taschentücher durchschwitzte.
Er würde es nicht bedauern, wenn Kadere es fertigbrachte, sich eines Nachts fortzustehlen. Die Aielwachen hatten den Auftrag, ihn durchzulassen, solange er nicht versuchte, Moiraines kostbare Fracht mitzunehmen. Es wurde jeden Tag deutlicher, daß diese Ladungen für sie einen Schatz darstellten, und Rand würde nicht zusehen, wie sie ihn verlor.