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Er blickte sich nach hinten um, doch Asmodean sah stur geradeaus und ignorierte die Wagen vollständig. Er behauptete, keinen Kontakt mehr mit Kadere gehabt zu haben, seit Rand ihn gefangengenommen hatte, und Rand hielt es für recht wahrscheinlich. Ganz bestimmt hatte der Händler nie seine Wagen verlassen und sich auch nie außer Sicht der Aielwachen begeben, außer, wenn er sich in seinem eigenen Wohnwagen befand.

Den Wagen gegenüber ließ Rand, ohne weiter nachzudenken, Jeade'en anhalten. Sicher würde Moiraine ihn doch nach Cairhien begleiten wollen. Wohl hatte sie ihm den Kopf mit Wissen vollgestopft, aber es schien immer noch eine Einzelheit zu geben, die sie hinzufügen wollte, und diesmal konnte er in ganz besonderem Maße ihre Gegenwart und ihren Rat gebrauchen. Aber sie blickte ihn lediglich eine Weile nachdenklich an und wandte sich dann wieder den Wagen zu.

Mit gerunzelter Stirn trieb er den Apfelschimmel weiter. Er würde sich daran erinnern müssen, daß sie noch andere Schafe zu scheren hatte, von denen er nichts wußte. Er war zu vertrauensselig geworden.

Am besten sollte er ihr gegenüber genauso mißtrauisch sein wie bei Asmodean.

Traue niemandem, dachte er düster. Einen Moment lang wußte er nicht, ob das sein Gedanke gewesen war oder der Lews Therins, doch dann entschied er, daß es keine Rolle spiele. Jeder hatte eigene Ziele und Wünsche. Am besten vertraute er niemandem vollständig außer sich selbst. Und doch fragte er sich, wenn schon ein anderer Mann immer wieder in seinen Verstand hineinredete, wie weit er sich dann selbst trauen konnte?

Geier verdunkelten den Himmel in der Umgebung Cairhiens. Eine Schicht schwarzer Federn über der anderen kreiste dort. Auf dem Boden hüpften sie zwischen ganzen Schwärmen summender Fliegen herum und krächzten heiser die schimmernden Raben an, die versuchten, ihnen die Rechte an den Leichen streitig zu machen. Wo Aiel über die baumlosen Hügel wanderten und die Leichen ihrer Gefallenen suchten, flogen sie schwerfällig auf und kreischten empört, und sobald die lebenden Menschen ein paar Schritte weitergegangen waren, landeten sie wieder auf ihrer reich gedeckten Tafel. Geier und Raben und Fliegen konnten doch nicht wirklich die Sonne trüber scheinen lassen, aber Rand kam es so vor.

Rand verdrehte es den Magen. Er bemühte sich, nicht hinzuschauen, und trieb Jeade'en zu einer schnelleren Gangart an, bis Aviendha sich wieder eng an ihn klammerte und die Töchter laufen mußten. Niemand protestierte, und er glaubte nicht, daß das nur daran liege, daß Aiel stundenlang so schnell laufen konnten. Sogar Asmodean wirkte blaß um die Augen. Pevins Gesichtsausdruck änderte sich nicht, obwohl das fröhlich über ihm flatternde Banner an diesem Ort wie blanker Hohn wirkte.

Was vor ihm lag, war auch nicht viel besser. Rand hatte das Vortor als eine Art lärmenden Bienenstock in Erinnerung, ein Durcheinander von lärm- und lebenerfüllten bunten Straßen und Gassen. Jetzt lag alles still da, und nur ein breiter Streifen Asche umgab die kantige graue Stadtmauer Cairhiens auf drei Seiten. Verkohlte Balken lagen ineinander verkeilt auf Steinfundamenten, und hier und da stand immer noch ein rußiger Schornstein, allerdings oft gefährlich zur Seite geneigt. Er sah einmal einen Stuhl, der fast unversehrt auf der Lehmstraße lag, dann wieder ein wohl hastig zusammengerafftes Bündel, das jemand auf der Flucht schließlich doch hatte fallen lassen, oder eine Stoffpuppe. Alles das betonte nur den Eindruck von Verwüstung.

Ein leichter Wind bewegte einige der Flaggen an den Türmen der Stadt und auf der Mauer. An einem Mast entdeckte er einen rotgoldenen Drachen auf weißem Grund, und an einem anderen wiederum sah er die weißen Halbmonde Tears auf rotem und goldenem Grund. Der Mittelteil des Jangai-Tores stand offen, drei hohe, rechteckige Öffnungen im grauen Stein, die von tairenischen Soldaten mit breitrandigen Helmen bewacht wurden. Einige waren beritten, doch die meisten zu Fuß. Die verschiedenfarbigen Streifen an ihren weiten Ärmeln zeigten, daß es sich um Gefolgsleute mehrerer Lords handeln mußte.

Was man auch in der Stadt über den Sieg in der Schlacht wissen mochte und darüber, daß verbündete Aiel sie gerettet hatten, so erregte die Ankunft eines halben Tausends Far Dareis Mai doch einiges Aufsehen. Hände griffen unsicher nach den Heften der Schwerter oder nach Speeren und langen Schilden, oder nach Lanzen. Einige Soldaten machten Anstalten, die Tore zu schließen, während sie noch ihren Offizier fragend anblickten. Der Mann mit seinen drei weißen Federn am Helm zögerte, stellte sich in den Steigbügeln auf und hob die Hand über seine Augen, um das rote Banner gegen die Sonne besser sehen zu können. Und natürlich vor allem Rand.

Mit einemmal setzte sich der Offizier ruckartig in den Sattel und rief etwas, das zwei der berittenen Tairener dazu veranlaßte, durch das Tor in die Stadt zu galoppieren. Gleich darauf winkte er die anderen Männer beiseite und schrie: »Macht Platz für den Lord Drachen Rand al'Thor! Das Licht erleuchte den Lord Drachen! Ruhm und Ehre dem Wiedergeborenen Drachen!«

Die Soldaten waren der Töchter des Speers wegen immer noch nervös, aber sie stellten sich doch schnell in zwei Reihen neben den Torflügeln auf und verbeugten sich tief, als Rand hindurchritt. Aviendha schnaubte vernehmlich an seinem Rücken und dann noch einmal, als er lachte. Sie verstand das nicht, und er hatte nicht die Absicht, sie aufzuklären. Was ihn so amüsierte, war die Tatsache, daß die Tairener und die Soldaten aus Cairhien wohl versuchten, ihn so hochnäsig und eingebildet wie nur möglich werden zu lassen, doch er konnte sich darauf verlassen, daß sie und die Töchter dafür sorgen würden, ihm diese Überheblichkeit ganz schnell wieder auszutreiben. Und Egwene. Und Moiraine. Und was das betraf, zeigten auch Elayne und Nynaeve die gleichen Fähigkeiten, falls er sie jemals wiedersah. Wenn er es recht bedachte, dann machten sich das recht viele von ihnen zur Lebensaufgabe. Die Stadt jenseits des Tores ließ sein Lachen verstummen.

Hier waren die Straßen gepflastert, einige breit genug, um ein Dutzend Wagen nebeneinander hindurchzulassen, und alle schnurgerade. Sie kreuzten sich stets im rechten Winkel. Die Hügel, die sich von außerhalb der Mauer hereinzogen, waren hier zu Terrassen gestaltet und von Mauern eingefaßt. Sie wirkten genauso künstlich und von Menschenhand erbaut wie die Steingebäude mit ihrer strengen Linienführung und den harten Kanten oder die großen Türme mit den unvollendeten Spitzen, die von Baugerüsten umgeben waren. Menschen drängten sich auf Straßen und Gassen, hohlwangig und mit glanzlosen Augen. Sie duckten sich unter provisorische Schutzdächer oder unter zerfledderte Decken, die man zu Zelten aufgespannt hatte. Oder sie drängten sich einfach auf den offenen Flächen zusammen. Sie trugen die dunkle Kleidung, wie sie von den Stadtbewohnern Cairhiens bevorzugt wurde, und die bunten Kleider der Leute aus dem Vortor und die grobgewebte Bekleidung der Bauern und Dorfbewohner. Sogar die Baugerüste waren besetzt, auf jeder Ebene bis hinauf zur obersten Plattform, wo die Leute der Höhe wegen ganz winzig aussahen. Nur die Straßenmitte hinter Rand und den Töchtern blieb gerade eben so lange menschenleer, wie die Leute brauchten, um die dichte Menge wieder zu schließen.

Es waren die Menschen, die seine Heiterkeit abrupt beendeten. So ausgelaugt und zerlumpt sie auch waren und zusammengedrängt wie die Schafe in einem viel zu kleinen Pferch, sie jubelten dennoch. Er hatte keine Ahnung, woher sie wußten, wer er sei. Höchstens, falls die Schreie des Offiziers vor dem Tor drinnen gehört worden waren... Doch wo immer die Töchter ihnen den Weg durch die Menge bahnten, brauste vor ihnen tosender Jubel auf. Der Donnerhall übertönte jedes einzelne Wort, und nur gelegentlich verstand er ein ›Lord Drache‹, wenn genügend Leute es im Chor riefen, aber die Bedeutung war klar. Männer und Frauen hielten ihre Kinder hoch, damit sie ihn vorbeireiten sehen konnten, Schals und Tücher wurden aus allen Fenstern geschwenkt, und viele Menschen versuchten, sich mit vorgestreckten Händen an den Töchtern vorbei an ihn heranzudrängen.