Sie schienen alle Furcht vor den Aiel zu vergessen, wenn sie die Möglichkeit sahen, wenigstens mit einem Finger Rands Stiefel zu berühren, und sie waren so zahlreich, und Hunderte drängten von hinten nach, daß einige sich tatsächlich durchwinden konnten.
Eine ganze Menge berührte auch statt dessen Asmodean, der sicherlich wie ein Lord wirkte mit all den hervorquellenden Spitzen, und möglicherweise glaubten auch einige, der Lord Drache müsse ein älterer Mann sein als jener Jüngling im roten Rock, doch das machte nichts aus. Wer es auch immer fertigbrachte, eine Hand an irgend jemandes Stiefel oder Steigbügel zu legen, und sei es Pevins, dessen Miene zeigte pure Freude, und an den Mündern konnte man in all diesem Lärm ablesen, daß sie begeistert ›Lord Drache‹ riefen, obwohl die Töchter sie mit Hilfe ihrer Schilde zurückdrängten.
Bei all dem Lärm und Jubel, und da der Offizier am Tor ja auch Reiter vorangeschickt hatte, war es kein Wunder, daß bald Meilan selbst erschien, ein Dutzend niederer Lords aus Tear im Schlepptau und fünfzig Verteidiger des Steins vorweg, um ihm den Weg zu bahnen. Sie stießen die Leute grob mit den Enden ihrer Lanzen aus dem Weg. Grauhaarig, hart und hager, in einem feinen Seidenrock mit grünen Satinstreifen und Aufschlägen an den Ärmeln, so saß der Hochlord mit geradem Rücken und doch entspannt im Sattel, wie einer, den man auf ein Pferd gesetzt und reiten gelehrt hatte, kaum daß er laufen konnte. Er ignorierte den Schweiß auf seiner Stirn so gewiß wie die Möglichkeit, daß seine Eskorte jemanden niedertrampeln könnte. Beides waren nebensächliche Dinge, und der Schweiß war wahrscheinlich das größere Problem in seiner Sichtweise.
Edorion, der kleine Lord mit den roten Wangen, der in Eianrod gewesen war, befand sich in seiner Begleitung, doch war er nicht mehr so mollig wie zuvor, so daß sein Rock zu weit geworden war. Der einzige, den Rand noch erkannte, war ein breitschultriger Bursche in verschiedenen Grüntönen; wie er sich erinnerte, hatte Reimon damals im Stein von Tear gern mit Mat Karten gespielt. Die übrigen waren zumeist ältere Männer. Keiner legte mehr Rücksicht auf die Menge an den Tag als Meilan, als sie sich buchstäblich hindurchpflügten. In der ganzen Gruppe befand sich kein einziger aus Cairhien.
Die Töchter ließen auf Rands Nicken hin Meilan durch, schlossen ihre Reihen aber sofort wieder hinter ihm, um die anderen fernzuhalten. Der Hochlord bemerkte das zuerst überhaupt nicht. Als es ihm bewußt wurde, funkelten seine dunklen Augen zornig. Er war ziemlich oft zornig, dieser Meilan, seit Rand den Stein von Tear betreten hatte.
Der Lärm wurde mit der Ankunft der Tairener schwächer und legte sich schließlich bis auf ein dumpfes Gemurmel, als Meilan sich im Sattel steif vor Rand verbeugte. Sein Blick huschte kurz zu Aviendha hin, aber dann entschied er sich wohl, sie ebenfalls — genau wie die Töchter des Speers — zu ignorieren. ›Das Licht erleuchte Euch, mein Lord Drache. Seid mir willkommen in Cairhien. Ich bitte um Verzeihung für das Benehmen der Bauern, aber ich hatte nicht gewußt, daß Ihr bereits jetzt die Stadt besuchen wolltet. Wäre ich informiert gewesen, hätte ich die Straßen räumen lassen. Ich wollte Euch einen großen Auftritt arrangieren, so, wie er dem Wiedergeborenen Drachen gebührt.«
»Den hatte ich doch gerade«, sagte Rand, und der andere Mann riß die Augen auf.
»Wie Ihr meint, mein Lord Drache.« Er fuhr einen Augenblick später fort mit seiner Begrüßung, und aus seinem Tonfall wurde deutlich, daß er Rand überhaupt nicht verstanden hatte: »Wenn Ihr mich zum Königspalast begleiten würdet? Ich habe dort eine kleine Begrüßung vorbereitet. Klein, fürchte ich, weil ich keine Vorwarnung gehabt habe, doch selbst damit möchte ich Euch zeigen, daß... «
»Was Ihr vorbereitet habt, wird genügen«, unterbrach ihn Rand und erhielt dafür eine weitere Verbeugung und ein dünnes, unterwürfiges Lächeln zur Antwort. Der Kerl war die Unterwürfigkeit in Person, und in einer weiteren Stunde würde er reden wie jemand, dessen Verstand nicht ausreicht, um die Tatsachen vor seiner Nase zu begreifen, doch unter all dem lagen eine Verachtung und ein Haß, von denen er glaubte, Rand könne sie nicht erkennen, obwohl sie ihm aus dem Augen leuchteten. Verachtung, weil Rand kein Lord war, jedenfalls keiner von adliger Herkunft, wie Meilan sie anerkannte, und Haß, weil Meilan vor Rands Kommen die Macht über Leben und Tod in Tear innegehabt hatte und nur wenige als gleichgestellt und niemanden über sich hatte anerkennen müssen. Zu glauben, daß eines Tages die Prophezeiungen des Drachen erfüllt würden, war ja schön und gut, aber sie selbst erfüllt zu sehen und dabei in der eigenen Macht eingeschränkt zu werden war schwer zu ertragen.
Es gab eine kurze Verwirrung, bevor Rand Sulin dazu brachte, den anderen tairenischen Lords zu gestatten, sich mit ihren Pferden hinter Asmodean und Pevins Banner anzuschließen. Meilan wollte den Weg wieder durch die Verteidiger des Steins räumen lassen, doch Rand befahl kurz angebunden, daß sie hinter den Töchter zu folgen hätten. Die Soldaten gehorchten. Ihre Gesichter unter den breiten Helmrändern verzogen sich nicht, nur der Offizier mit den weißen Federn schüttelte den Kopf, worauf der Hochlord ihm ein beruhigendes Lächeln zuwarf. Das Lächeln verflog, als klar wurde, daß sich die Menge freundlich vor den Töchtern des Speers Öffnete, um alle durchzulassen. Daß sie sich nicht mit Knüppeln den Weg durch die Menge erkämpfen mußten, schrieb Meilan dem Ruf der Aiel zu, gewalttätige Wilde zu sein, und als Rand auf seine Bemerkung hin nicht antwortete, runzelte er die Stirn. Eines bemerkte Rand sehr wohclass="underline" Nun, da die Tairener bei ihm waren, blieb der Jubel aus.
Der Königliche Palast von Cairhien nahm den höchsten Hügel der Stadt ein, genau im Mittelpunkt, eckig, düster und massiv. Bei all den verschiedenen Ebenen und Stockwerken des Palasts und den mit Stein eingefaßten Terrassen war es schwer, festzustellen, daß es hier überhaupt einen Hügel gab. Hohe Säulengänge und schmale, hohe Fenster, hoch über dem Boden, konnten die Strenge nicht mildern, genau wie die grauen Stufentürme, die ganz präzise in den Ecken konzentrischer Quadrate standen und nach innen zu immer höher wurden. Die Straße mündete in eine lange, breite Rampe, die hinaufführte zu mächtigen bronzenen Torflügeln. Dahinter befand sich ein riesiger, quadratischer Innenhof, der jetzt von tairenischen Soldaten umrahmt war, die mit schräg aufgestützten Speeren wie Statuen dastanden. Weitere standen auf den Steinbalkonen über dem Hof.
Unruhe machte sich beim Anblick der Töchter in den Reihen der Soldaten breit, aber sie flaute schnell ab, als Sprechchöre zu rufen begannen: »Ruhm und Ehre dem Wiedergeborenen Drachen! Ruhm und Ehre dem Lord Drachen und Tear! Ruhm und Ehre dem Lord Drachen und Hochlord Meilan!« Meilans Gesichtsausdruck nach hätte man glauben können, es sei alles ganz spontan geschehen.
Dunkel uniformierte Diener, die ersten Einwohner Cairhiens, die Rand im Palast entdecken konnte, eilten mit Schüsseln aus gehämmertem Gold und weißen Leinentüchern herbei, als er ein Bein über den hohen Sattelkopf schwang und vom Pferd glitt. Weitere kamen, um die Zügel zu übernehmen. Er wusch sich schnell Gesicht und Hände mit kühlem Wasser, damit Aviendha allein herunterklettern mußte. Hätte er versucht, ihr herunterzuhelfen, hätten sie anschließend möglicherweise beide auf den Pflastersteinen gelegen, so schwach fühlte er sich.
Unaufgefordert wählte Sulin zwanzig Töchter aus, die neben ihr selbst Rand hineinbegleiten sollten. Einerseits war er ganz froh, daß sie nicht jeden einzelnen Speer in seiner Nähe behalten wollte. Andererseits war er alles andere als glücklich darüber, daß ausgerechnet Enaila, Lamelle und Somara unter den zwanzig waren. Die besorgten Blicke, die sie ihm zuwarfen —besonders Lamelle, eine hagere Frau mit kräftigem Kinn und dunkelrotem Haar, fast zwanzig Jahre alter als er —, ließen ihn mit den Zähnen knirschen, während er sich bemühte, beruhigend zurückzulächeln. Irgendwie mußte Aviendha es fertiggebracht haben, hinter seinem Rücken mit Sulin und ihnen zu sprechen. Ich kann mich vielleicht der Töchter nicht erwehren, dachte er grimmig, als er einem der Diener ein Leinenhandtuch zurückgab, aber seng mich, wenn eine ganz bestimmte Aielfrau nicht feststellen wird, daß ich der Car'a'carn bin!