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Die anderen Hochlords begrüßten ihn am Fuß der breiten, grauen Treppe, die vom Hof hochführte. Alle waren in bunte Seidenröcke gekleidet, zumeist mit Satinstreifen und silberbeschlagenen Stiefeln. Es war eindeutig, daß niemand von ihnen vorher von Meilans Ausritt zu seiner Begrüßung erfahren hatte. Torean mit dem Kartoffelgesicht, seltsam träge für einen solch kräftigen Mann, schnüffelte ängstlich an einem parfümierten Taschentuch. Gueyam, dessen eingeölter Bart seinen Glatzkopf noch kahler erscheinen ließ, ballte Fäuste vom Umfang kleiner Speckseiten und funkelte Meilan zornig an, während er sich bereits vor Rand verbeugte. Simaans spitze Nase schien vor Empörung zu beben; Maraconn, dessen blaue Augen in Tear eine Rarität waren, preßte seine sowieso schon dünnen Lippen aufeinander, bis sie fast nicht mehr zu sehen waren, und obwohl Hearnes schmales Gesicht zu einem Lächeln verzogen war, zupfte er sich unbewußt an einem Ohrläppchen, was er immer tat, wenn er wütend war. Nur der überschlanke Aracome zeigte äußerlich keinerlei Gefühlsregung, aber er beherrschte seinen Zorn fast immer solange, bis es Zeit war, ihn nach außen hin explodieren zu lassen.

Die Gelegenheit war zu gut, um sie auszulassen. Er dankte Moiraine innerlich für ihren Unterricht. Sie sagte immer, es sei leichter, einem Narren ein Bein zu stellen, als ihn zu Boden zu schlagen. So schüttelte Rand Toreans fette Hand ganz herzlich und klopfte Gueyam auf eine kräftige Schulter, erwiderte Hearns Lächeln mit einem, das so warm war, als gelte es einem guten Freund, und nickte Aracome schweigend, aber mit einem bedeutungsvollen Blick zu. Dafür ignorierte er Simaan und Maraconn nahezu vollständig, nachdem er ihnen jeweils einen Blick, so kalt und tief wie ein See im Winter, zugeworfen hatte.

Das war alles, was im Augenblick getan werden mußte. Natürlich beobachtete er ihre Mienen, wie sie Blicke wechselten und nachdenklich dreinblickten. Sie hatten das ganze Leben lang Daes Dae'mar, das Spiel der Häuser, gespielt, und sich in Cairhien aufzuhalten, wo jeder Adlige ganze Bände in eine hochgezogene Augenbraue oder ein Husten hineinlesen konnte, hatte ihre Empfindlichkeit nur gesteigert. Jeder einzelne wußte, daß Rand keinen Grund zu besonderer Freundlichkeit ihm gegenüber hatte, aber jeder mußte sich Gedanken darüber machen, ob die Begrüßung ihm gegenüber lediglich eine echte Verbindung zu einem der anderen vertuschen solle. Simaan und Maraconn schienen am meisten besorgt zu sein, und doch wurden sie von den anderen ganz besonders mißtrauisch beobachtet. Vielleicht war sein kühles Benehmen auch nur ein Täuschungsmanöver gewesen? Oder er wollte genau das alle glauben machen.

Was ihn betraf, so glaubte Rand, Moiraine und Thom Merrilin wären sicherlich stolz auf ihn. Auch wenn keiner dieser sieben im Augenblick aktiv gegen ihn intrigierte, obwohl darauf noch nicht einmal Mat wetten würde, konnten Männer in ihren Positionen viel tun, um seine Pläne zu stören, ohne selbst in Erscheinung zu treten, und das würden sie aus bloßer Gewohnheit tun, wenn sie sonst keinen Grund hatten. Oder besser, sie hätten es getan. Jetzt hatte er sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Wenn er diesen Zustand erhalten konnte, wären sie zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig zu belauern, und zu besorgt darüber, selbst belauert zu werden, um ihm Schwierigkeiten zu bereiten. Vielleicht gehorchten sie sogar ausnahmsweise einmal, ohne tausend Gründe zu suchen, warum man das ganz anders anpacken müsse, als er wollte. Nun, möglicherweise war das zuviel verlangt.

Seine Selbstzufriedenheit verging ihm, als er Asmodean anzüglich grinsen sah. Und Aviendhas fragender Blick war noch schlimmer. Sie war im Stein von Tear gewesen, wußte, wer diese Männer waren und warum er sie hierhergeschickt hatte. Ich tue, was ich muß, dachte er angewidert, und dabei wünschte er sich, es hätte nicht wie eine Entschuldigung ihm selbst gegenüber geklungen.

»Hinein!« befahl er etwas schärfer als beabsichtigt, und die sieben Hochlords gehorchten, als erinnerten sie sich mit einemmal daran, wer und was er war.

Sie wollten sich um ihn drängen, als er die Treppe hinaufstieg, doch bis auf Meilan, der den Weg wies, ließen die Töchter einfach niemanden an ihn heran, und so mußten sich die Hochlords mit Asmodean und dem niederen Adel hinten anschließen. Aviendha hielt sich natürlich neben ihm, Sulin ging an seiner anderen Seite, Somara und Lamelle und Enaila gleich hinter ihm. Sie hätten die Hand ausstrecken und seinen Rücken berühren können, so nahe waren sie. Er warf Aviendha einen anklagenden Blick zu, worauf sie die Augenbrauen so unschuldig hochzog, daß er beinahe glaubte, sie habe doch nichts damit zu tun gehabt. Beinahe jedenfalls.

Die Gänge im Palast waren bis auf die dunkellivrierten Diener menschenleer. Sie verbeugten sich so tief, daß die Brust fast die Knie berührte, oder knicksten ebenfalls tief, wenn sie vorbeigingen, doch als er den Großen Sonnensaal betrat, merkte er, daß der Adel Cairhiens doch nicht ganz vom eigenen Palast ausgesperrt worden war.

»Der Wiedergeborene Drache«, verkündete ein weißhaariger Mann, der gerade innerhalb des mächtigen, vergoldeten Tors mit der Aufgehenden Sonne stand. Sein roter Rock war mit sechszackigen blauen Sternen bestickt. Nach diesem Aufenthalt in Cairhien war ihm der Rock ein wenig zu weit. Doch er war ganz eindeutig als ein höhergestellter Diener aus dem Hause Meilans zu erkennen. »Heil dem Lord Drachen Rand al'Thor! Ruhm und Ehre dem Lord Drachen!«

Ein Aufschrei füllte den Saal bis zur hohen, gewölbten Decke, fünfzig Schritt über ihm: »Heil dem Lord Drachen Rand al'Thor! Ruhm und Ehre dem Lord Drachen! Das Licht erleuchte den Lord Drachen!« Das darauffolgende Schweigen schien ihm im Vergleich doppelt so still.

Zwischen den mächtigen Vierecksäulen aus dunkel-, ja beinahe schwarzblau gestreiftem Marmor standen mehr Tairener, als Rand erwartet hatte. Ganze Reihen von Lords und Ladies dieses Landes warteten mit ihren besten Kleidern angetan auf ihn. Spitze Samthüte waren da zu sehen, Kurzmäntel mit gestreiften Puffärmeln, bunte Abendgewänder und Spitzenkrausen und kleine Kappen, die kunstvoll bestickt oder über und über mit Perlen oder kleinen Gemmen besetzt waren.

Hinter ihnen standen die Adligen aus Cairhien, dunkel gekleidet, abgesehen von bunten Streifen auf dem Brustteil der Abendkleider oder der knielangen Mäntel. Je mehr Streifen von der Farbe des Hauses, desto höher der Rang des Trägers, doch Männer und Frauen, die vom Hals bis zur Taille oder noch tiefer mit solchen Streifen geschmückt waren, standen hinter Tairenern, die eindeutig kleineren Häusern angehörten und lediglich gelbe Stickereien trugen anstatt Goldfäden und Wolle statt Seide. Nicht wenige der Adligen Cairhiens hatten sich die Haare über der Stirn rasiert und den Kopf gepudert. Alle jüngeren Männer hatten das getan.

Die Tairener schienen erwartungsvoll, wenn auch nervös, während die Gesichter der Männer und Frauen aus Cairhien wie aus Eis gemeißelt schienen. Man konnte nicht feststellen, wer gejubelt hatte und wer nicht, aber Rand vermutete, die meisten Rufe seien aus den vorderen Reihen erklungen. »Eine große Anzahl hier wünschte, Euch zu dienen«, murmelte Meilan vertraulich, als sie über den blaugekachelten Fußboden mit dem großen goldenen Mosaik der Aufgehenden Sonne schritten. Eine Welle lautloser Knickse und Verbeugungen folgte ihnen.