Als sich der Jubel endlich legte, begannen sie, ihm einer nach dem anderen Gefolgschaftstreue zu schwören. Meilan war der erste, der niederkniete und mit angespannter Miene beim Licht und bei seiner Hoffnung auf Erlösung und Wiedergeburt schwor, treu zu dienen und zu gehorchen. Das war eine alte Eidesformel, und Rand hoffte, sie möge einige dazu bringen, sich tatsächlich an den Eid zu halten. Sobald Meilan die Spitze des abgeschnittenen Seanchan-Speers geküßt hatte und sich bemühte, seine saure Miene zu verbergen, indem er sich den Bart strich, wurde er von Lady Colavaere abgelöst. Sie war eine mehr als nur gut aussehende Frau von mittleren Jahren, deren waagrechte Farbstreifen sich vom Spitzenkragen bis zu den Knien fortsetzten, und dunkle Elfenbeinspitzen fielen von den Ärmeln über ihre Hände, die sie Rand entgegenstreckte. Sie sprach die Eidesformel mit klarer, fester Stimme und in diesem musikalischen Tonfall, den er von Moiraine so gut kannte. Auch der Blick aus ihren dunklen Augen hatte etwas ähnlich Abwägendes wie der Moiraines, besonders, als sie Aviendha musterte, während sie knicksend an ihren Platz vor den Stufen zurückschritt. Torean war der nächste. Er schwitzte beim Schwur. Lord Dobraine folgte auf Torean, und seine tiefliegenden Augen blickten Rand forschend an. Er war einer der wenigen älteren Männer, der die Vorderseite seines langen, größtenteils grauen Haarschopfes abrasiert hatte. Auf ihn folgte Aracome und...
Rand wurde ungeduldig, als die Prozession immer weiter ging und einer nach dem anderen zu ihm heraufkam und niederkniete, einer aus Cairhien, einer aus Tear, einer aus Cairhien und immer so weiter, wie er es befohlen hatte. Das sei aber alles notwendig, hatte Moiraine gesagt, und eine Stimme in seinem Kopf, die er als die Lews Therins erkannte, stimmte ihr zu, doch für ihn war es Teil einer lästigen Verzögerung. Er mußte unbedingt ihre Loyalität besitzen, und wenn auch nur an der Oberfläche, um damit beginnen zu können, Cairhien für ihn abzusichern, und zumindest dieser Anfang mußte gemacht werden, bevor er gegen Sammael vorgehen konnte. Und das wird ganz bestimmt geschehen! Ich habe einfach noch viel zu viel zu tun, um zuzulassen, daß er aus den Büschen heraus ständig auf meine Beine einsticht! Er wird feststellen, was es heißt, den Drachen zu wecken!
Er verstand nicht wieso diese Menschen, die da vor ihn traten, zu schwitzen begannen und sich nervös die Lippen leckten, als sie niederknieten und ihren Treueeid stammelten. Aber er konnte eben auch nicht sehen, welch kaltes Licht aus seinen eigenen Augen leuchtete.
47
Um den Preis eines Schiffes
Nynaeve war mit Waschen fertig und trocknete sich ab. Sie legte großen Wert darauf, sich jeden Morgen gründlich zu waschen. Zögernd zog sie sich dann ein frisches seidenes Unterhemd über, Seide war nicht so kühl wie Leinen, und obwohl die Sonne gerade erst über den Horizont gestiegen war, ließ die Hitze im Wohnwagen auf einen weiteren glühendheißen Tag schließen. Außerdem war das Ding so tief ausgeschnitten, daß sie fürchtete, es werde beim ersten falschen Atemzug hinabrutschen und ihr an den Beinen hängen. Aber es war wenigstens nicht feucht vom Schweiß der Nacht wie das andere, das sie gerade in den Wäschekorb gelegt hatte.
Ihr Schlaf war ständig durch Angstträume gestört worden, Träume von Moghedien, die sie hellwach hochschrecken ließen, die aber immer noch nicht so schlimm waren wie einige, von denen sie nicht erwachte, Träume von Birgitte, die ihre Pfeile auf sie abschoß und sie diesmal nicht verfehlte, Träume, in denen die Anhänger des Propheten die Menagerie plünderten und zerstörten, andere, in denen sie für immer in Samara festsaß, weil niemals mehr ein Schiff anlegen würde, und schließlich solche, in dem sie wohl Salidar erreichten, aber dort Elaida als Herrscherin vorfanden. Oder auch wieder Moghedien. Aus dem letzteren war sie weinend aufgewacht.
All das bereitete ihr natürlich Sorge, und das war ja nur zu verständlich. Drei Nächte lang lagerten sie nun schon hier, und kein einziges Schiff war aufgetaucht. Drei hitzeerfüllte Tage, an denen sie mit verbundenen Augen vor diesem verfluchten Stück Holzwand als Zielscheibe gedient hatte. Das reichte wohl, um jeden verrückt zu machen, ganz zu schweigen von ihrer Angst, daß Moghedien ihnen in der Zwischenzeit immer näher kommen könnte. Andererseits mußte diese Frau, nur weil sie wußte, daß sie sich bei einer Menagerie aufhielten, sie ja nicht gleich in Samara suchen. Es gab noch genügend andere Wanderschausteller auf der Welt als die hier versammelten. Darüber nachzudenken, warum sie sich keine Sorgen machen müsse, fiel ihr eben leichter, als sich einfach keine zu machen.
Aber warum mache ich mir solche Sorgen um Egwene? Sie stippte ein aufgeschnittenes Ästchen in einen kleinen Tiegel mit Salz und Soda auf dem Waschtisch und begann, sich mit energischen Bewegungen die Zähne zu schrubben. Egwene war in nahezu jedem Traum aufgetaucht und jammerte ihr etwas vor, doch ihr war einfach nicht klar, wie sie da hineinpaßte.
In Wahrheit waren Angst und Schlafmangel nur ein Teil der Gründe, warum sie heute morgen so schlechter Laune war. Die anderen waren wohl Kleinigkeiten, trotzdem aber sehr real. Ein Steinchen im Schuh war wirklich eine Kleinigkeit, wenn man es damit verglich, daß man seinen Kopf verlieren sollte, aber das Steinchen war nun einmal vorhanden, während man den Henker vielleicht niemals zu sehen bekam...
Es war unmöglich, ihr eigenes Spiegelbild zu meiden, und so sah sie zwangsläufig wieder ihr Haar, das lose die Schultern umspielte, anstatt wie bei einer anständigen Frau zu einem Zopf geflochten zu sein. Und so oft sie es auch ausbürstete — dieses glänzende, auffällige Rot blieb trotzdem genauso abscheulich. Und sie wußte nur zu gut, daß hinter ihr auf dem Bett ein blaues Kleid ausgelegt war. So blau, daß selbst eine Kesselflickerfrau die Augen aufgerissen hatte, und. genauso tief ausgeschnitten wie das rote Kleid, das sie ursprünglich getragen hatte und das jetzt am Haken hing. Deshalb hatte sie auch dieses eng anliegende, gewagte Seidenhemd an. Ein solches Kleid reichte nicht, jedenfalls nicht nach Valan Lucas Ansicht. Clarine war dabei, ein weiteres in einem giftigen Gelbton zu nähen, und die beiden hatten bereits über ein gestreiftes gesprochen. Nynaeve wollte von Streifen überhaupt nichts wissen.
Der Mann könnte mich wenigstens die Farben auswählen lassen, dachte sie und fuhr sich heftig mit dem gespaltenen Ästchen über die Zähne. Oder Clarine. Aber nein, er hatte seine eigenen Vorstellungen, und er fragte niemals nach denen anderer. Nicht Valan Luca. Seine farbliche Auswahl ließ sie manchmal sogar den tiefen Ausschnitt vergessen. Ich sollte es ihm an den Kopf werfen! Und doch wußte sie, sie würde das nicht tun. Birgitte stellte sich in diesen Kleidern zur Schau, ohne auch nur im geringsten zu erröten. Die Frau glich wirklich in nichts den Legenden, die man sich über sie erzählte. Nicht, daß sie dieses blödsinnige Kleid widerspruchslos tragen würde, nur weil Birgitte das tat. Sie wollte der Frau doch keine Konkurrenz machen! Es war eben nur, daß... »Wenn du etwas machen mußt«, grollte sie um das Ästchen in ihrem Mund herum, »dann gewöhnst du dich am besten gleich daran.«
»Was hast du gesagt?« fragte Elayne. »Wenn du etwas sagen willst, dann nimm doch bitte dieses Ding aus deinem Mund. Die Geräusche sind wirklich ekelhaft.«
Nynaeve wischte sich das Kinn ab und warf einen wütenden Blick nach hinten. Elayne saß mit hochgezogenen Beinen auf ihrem eigenen schmalen Bett und flocht sich einen Zopf aus ihrem schwarzgefärbten Haar. Sie hatte bereits diese weiße Hose an, ganz mit Pailletten bestickt, und eine schneeweiße Seidenbluse mit Rüschen am Hals, die viel zu durchsichtig war. Ihre mit Münzen bestickte weiße Jacke lag neben ihr. Weiß. Auch sie hatte zwei Garnituren Kleidung für ihre Auftritte, und eine dritte wurde gerade angefertigt — alle in Weiß, wenn auch nicht gerade schlicht zu nennen. »Wenn du dich schon so anziehst Elayne, dann setz dich wenigstens nicht so hin. Es ist unanständig.«