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Die andere blickte mürrisch vor sich hin, doch sie stellte die Füße in den weichen Pantoffeln wunschgemäß auf den Boden. Und sie hob das Kinn auf ihre typische, hochnäsige Art. »Ich glaube, ich werde heute morgen einen Spaziergang in die Stadt machen«, sagte sie kühl, wobei sie immer noch an ihrem Zopf flocht. »In diesem Wagen bekomme ich Platzangst.«

Nynaeve spülte sich den Mund aus und spuckte in die Waschschüssel. Laut. Der Wohnwagen kam ihr wirklich jeden Tag enger vor. Vielleicht mußten sie sich wirklich soweit wie möglich vor anderen verbergen, doch das wurde langsam lächerlich. Sicher — es war ihre Idee gewesen, aber die hatte sie längst bereut. Drei Tage mit Elayne hier eingesperrt, außer bei den Vorführungen! Es kam ihr vor wie drei Wochen. Oder drei Monate. Ihr war zuvor noch nie aufgefallen, welch beißende Bemerkungen Elayne immer auf Lager hatte. Jetzt mußte einfach ein Schiff ankommen. Gleich, welche Art von Schiff. Sie würde auch die letzte sorgfältig im Ofen versteckte Münze oder das letzte Schmuckstück dafür hergeben, wenn heute noch ein Schiff anlegte, um sie mitzunehmen. »Na ja, das würde auch überhaupt keine Aufmerksamkeit erregen, oder? Vielleicht würde dir die Bewegung gut tun. Oder liegt es an diesen engen Hosen, daß sie sich so über deinen Hüften spannen?«

Blaue Augen blitzten zornig, doch Elaynes Kinn blieb oben und ihr Tonfall kalt: »Ich habe letzte Nacht von Egwene geträumt, und mitten in ihrem Bericht über Rand und Cairhien — denn ich mache mir Sorgen über diese Geschehnisse, auch wenn du das nicht nötig hast —, also mittendrin hat sie gesagt, daß du dich allmählich benimmst wie ein kreischendes altes Weib. Nicht daß ich mich dieser Meinung anschlösse. Ich würde sagen: wie eine Fischhändlerin.«

»Jetzt hör mir mal zu, du übelgelaunte kleine Schlampe! Wenn du jetzt nicht...« Mit immer noch bitterbösem Blick klappte Nynaeve den Mund zu und atmete dann langsam durch. Mit Mühe zwang sie sich, ruhig zu sprechen: »Du hast von Egwene geträumt?« Elayne nickte knapp. »Und sie erzählte von Rand und Cairhien?« Die Jüngere rollte betont frustriert mit den Augen und fuhr fort, an ihrem Zopf zu flechten. Nynaeve zwang erst einmal ihre Hand, das Büschel glänzend roter Haare loszulassen und bemühte sich, an etwas anderes zu denken, als dieser Tochter-Erbin des verdammten Andor ein wenig Höflichkeit einzubleuen. Wenn sie nicht bald ein Schiff fanden... »Falls du noch über irgend etwas anderes nachdenken kannst, außer, wie du deine Beine noch besser zur Schau stellst als sowieso schon, dann wird es dich vielleicht interessieren, daß sie auch in meinen Träumen war. Sie sagte, Rand habe gestern bei Cairhien einen großen Sieg errungen.«

»Ich entblöße vielleicht meine Beine«, fauchte Elayne, und auf ihren Wangen erblühten große, rote Flecke, »aber wenigstens lasse ich meine... Du hast auch von ihr geträumt?«

Sie brauchten nicht lange, um zu vergleichen, was sie gesehen hatten. Allerdings machte Elayne weiter mit ihren spitzen Bemerkungen. Nynaeve mochte wohl einen Grund gehabt haben, über Egwene herzuziehen, während Elayne ja vielleicht davon geträumt hatte, in ihrem paillettenbestickten Kostüm vor Rand zu paradieren, oder vielleicht mit noch weniger am Leib. Das war nichts als die Wahrheit. Nun, trotzdem wurde wenigstens eines schnell klar, daß nämlich Egwene ihnen beiden im Traum dasselbe gesagt hatte, und das ließ wenig Raum für Irrtümer.

»Sie sagte immer wieder, sie sei wirklich da«, murmelte Nynaeve, »aber ich glaubte, das sei nur ein Teil des Traums.« Egwene hatte ihnen oft genug gesagt, es sei möglich, im Traum wirklich mit jemandem zu sprechen, aber sie hatte nie eingestanden, daß sie dazu fähig sei. »Wieso hätte ich das glauben sollen? Ich meine, weil sie behauptete, sie hätte endlich begriffen, woher irgendein Speer stammt, den er neuerdings immer mit sich herumträgt. Es sei ein Seanchan-Speer. Das ist doch lächerlich!«

»Sicher.« Elayne zog eine Augenbraue hoch, was Nynaeve ziemlich irritierte. »Genauso lächerlich, wie Cerandin und ihre S'redit hier vorzufinden. Es muß doch noch weitere Seanchan-Flüchtlinge geben, Nynaeve, und Speere wie jener sind wohl noch das Geringste unter den Dingen, die sie zurückgelassen haben.«

Warum konnte diese Frau eigentlich nichts sagen, ohne an ihr und ihrer Meinung herumzumäkeln? »Na, ich habe wohl bemerkt, wie sehr du das glaubtest.«

Elayne warf den fertiggeflochtenen Zopf nach hinten über die Schulter, und dann gleich noch einmal schwungvoll und überheblich, um noch eins draufzusetzen. »Ich hoffe sehr, daß es Rand gut geht.« Nynaeve schnaubte. Egwene hatte gemeint, er würde mehrere Tage Ruhe benötigen, bis er wieder auf den Beinen sei, aber immerhin war er mit Hilfe der Macht geheilt worden. Die andere Frau fuhr fort: »Niemand hat ihm je beibringen können, daß er sich nicht überanstrengen darf. Weiß er denn nicht, daß ihn die Macht töten kann, wenn er zuviel davon an sich zieht oder webt, wenn er übermüdet ist? Das ist bei ihm genau das gleiche wie bei uns.«

Also wollte sie schnell das Thema wechseln, ja? »Vielleicht weiß er es nicht«, sagte Nynaeve in süßlichem Tonfall, »weil es keine Weiße Burg für Männer gibt?« Das brachte sie auf einen anderen Gedanken. »Glaubst du, daß es wirklich Sammael war?«

Elayne hatte gerade eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, funkelte sie deshalb von der Seite her an und seufzte anschließend gereizt: »Das spielt für uns doch wohl kaum eine Rolle, oder? Wir sollten uns statt dessen überlegen, ob und wann wir den Ring wieder benützen. Um mehr zu tun, als lediglich Egwene dort zu treffen. Es gibt so viel, was wir noch in Erfahrung bringen müssen. Je mehr ich lerne, desto klarer wird mir, was ich alles noch nicht weiß.«

»Nein.« Nynaeve erwartete nicht wirklich, daß die andere Frau auf der Stelle den ringförmigen Ter'Angreal herausnehmen werde, aber sie trat unbewußt einen Schritt näher an den kleinen Backsteinofen. »Keine weiteren Ausflüge nach Tel'aran'rhiod für uns beide, außer, um sie dort zu treffen.«

Elayne fuhr einfach fort, scheinbar ohne ihren Einspruch zu bemerken. Nynaeve hätte genausogut ein Selbstgespräch führen können. »Es ist ja nicht so, daß wir unbedingt die Macht benützen müßten. Und wenn nicht, verraten wir uns auch nicht.« Sie sah Nynaeve nicht an, aber in ihrer Stimme lag etwas Beißendes. Sie bestand immer darauf, daß sie durchaus die Macht benützen durften, wenn sie nur vorsichtig wären. Und Nynaeve vermutete, daß sie es hinter ihrem Rücken sowieso tat. »Ich wette, wenn eine von uns heute nacht das Herz des Steins beträte, würde sie Egwene vorfinden. Stell dir mal vor, wenn wir in ihren Träumen mit ihr sprechen könnten, brauchten wir uns keine Sorgen mehr machen, daß wir in Tel'aran'rhiod auf Moghedien stoßen.«

»Glaubst du etwa, das sei leicht zu erlernen?« fragte Nynaeve trocken. »Wenn das stimmt, warum hat sie es uns dann nicht schon lange beigebracht? Warum hat sie es selbst zuvor noch nie getan?« Und doch war ihr Herz nicht dabei. Sie war diejenige, die sich immer Moghediens wegen sorgte. Elayne wußte wohl, daß die Frau gefährlich war, aber es war genauso, wie zu wissen, daß eine Giftschlange gefährlich ist. Elayne wußte es, doch Nynaeve war bereits gebissen worden. Und die Fähigkeit, sich ohne den Umweg über die Welt der Träume zu verständigen, wäre äußerst wertvoll, ganz abgesehen davon, daß sie auf diese Weise Moghedien mieden.

Auf jeden Fall schenkte Elayne ihr immer noch keinerlei Aufmerksamkeit. »Ich frage mich, wieso sie unbedingt darauf bestand, daß wir es niemandem sagen. Das ergibt doch keinen Sinn.« Einen Moment lang nagte sie mit den Zähnen an ihrer Unterlippe.